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Von festen Regeln zu autonomen Entscheidungen KI verändert die Netze

Quelle: Nokia 5 min Lesedauer

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Jahrzehntelang hat Automatisierung geholfen, manuelle Arbeit in Telekommunikationsnetzen zu reduzieren. Doch mit dem aktuellen KI-Boom verändert sich der Datenverkehr und klassische Automatisierung stößt zunehmend an Grenzen.

Nicht mehr Bandbreite entscheidet über die Qualität eines Netzes, sondern die Qualität seiner Entscheidungen.(Bild:  KI-generiert)
Nicht mehr Bandbreite entscheidet über die Qualität eines Netzes, sondern die Qualität seiner Entscheidungen.
(Bild: KI-generiert)

KI-Anwendungen erzeugen zunehmend interaktiven und schwankenden Datenverkehr. Gleichzeitig wächst der sogenannte Uplink, also der Datenstrom vom Nutzer oder Endgerät ins Netz. Hinzu kommt die Echtzeit-Inferenz am Netzrand. Das heißt: KI-Modelle verarbeiten Daten möglichst nah am Ort ihrer Entstehung, statt sie in ein weit entferntes Rechenzentrum zu schicken. Auch KI-Agenten, die eigenständig Aufgaben bearbeiten und miteinander kommunizieren, erzeugen neue Anforderungen. Rechenleistung muss deshalb jederzeit flexibel dorthin verlagert werden, wo sie gerade benötigt wird.

Das Netz wird auf diese Weise vom Datenüberträger zu einer Infrastruktur, die KI-Prozesse aktiv unterstützt und verteilt. Die Leistungsfähigkeit von KI-Anwendungen hängt immer stärker davon ab, was das Netz selbst leisten kann.

Automatisierung reicht nicht mehr aus

Durch diese Entwicklung gerät das bisherige Modell für den Netzbetrieb an seine Grenzen:

  • Höheres Tempo: Netzbedingungen können sich schneller verändern, als Menschen darauf reagieren können. Klassische Automatisierung führt zwar vorab definierte Reaktionen zuverlässig aus. Für neue Situationen reicht das jedoch nicht aus.
  • Größere Komplexität: Moderne Netze bestehen aus immer mehr Komponenten, Diensten und Abhängigkeiten. Ihre Überwachung und Steuerung (manuell oder durch einfache Automatismen) wird zunehmend schwierig.
  • Stärkere Verflechtung (Kopplung): Eingriffe in einem Teil des Netzes können Folgen an ganz anderer Stelle haben. Eine lokale Optimierung kann deshalb ein unmittelbares Problem lösen und zugleich neue Instabilität erzeugen.

Das Betriebssystem für KI-native Netze

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Netze autonomer werden, sondern wie diese Autonomie aussehen soll: Welche Entscheidungen darf ein Netz selbst treffen, und wann muss ein Mensch eingreifen? Hier liegt der Unterschied zwischen Automatisierung und Autonomie: Automatisierte Netze führen bekannte Aufgaben nach festgelegten Regeln aus. Autonomie beginnt dort, wo ein System wie ein Netz neue Bedingungen beurteilen, Handlungsoptionen abwägen und innerhalb klar definierter Grenzen selbst entscheiden kann. Dazu muss das Netz die zugrunde liegende Absicht, den sogenannten Intent, verstehen. Ein Intent beschreibt das gewünschte Ergebnis, etwa eine bestimmte Verfügbarkeit oder Servicequalität. Das Netz leitet daraus die notwendigen Schritte ab.

Für Netzausrüster und Netzbetreiber entsteht damit eine neue architektonische Aufgabe. Benötigt wird ein Betriebssystem für autonome Netze. Gemeint ist damit nicht das Betriebssystem eines einzelnen Computers oder Servers, sondern eine übergreifende Ebene, die Menschen, KI-Agenten, Modelle, Netzdaten und Regeln miteinander verbindet. Netzbetreiber würden dann nicht mehr jede technische Komponente einzeln über unterschiedliche Oberflächen steuern. Sie definieren dafür die Ziele, Prioritäten und Leitplanken für das Gesamtsystem von Netzen. Die darunterliegenden Systeme setzen diese Vorgaben möglichst eigenständig um.

Der eigentliche Wert liegt im Entscheiden

Der Nutzen eines autonomen Netzes entsteht nicht allein durch mehr Daten, bessere KI-Modelle oder zusätzliche automatisierte Abläufe. Das Wesentliche ist, ob daraus gute und kontrollierbare Entscheidungen entstehen. Ein KI-Assistent, der lediglich auf bestehenden Dashboards aufgesetzt wird und Empfehlungen formuliert, macht ein Netz noch nicht autonom. Dafür braucht es eine Architektur, die Entscheidungen nachvollziehbar vorbereitet, ausführt und überwacht. Damit verändern sich auch die Maßstäbe, nach denen der Netzbetrieb bewertet wird, zum Beispiel:

  • Entscheidungsrate: Wie viele Entscheidungen kann das Netz in einer bestimmten Zeit verarbeiten?
  • Entscheidungsqualität: Wie trifft das Netz die richtigen Entscheidungen?
  • Wirkungsradius: Wie weit reichen die Folgen einer Fehlentscheidung, und lässt sich ein möglicher Schaden begrenzen?
  • Umkehrbarkeit: Kann eine Entscheidung auch rückgängig gemacht werden?
  • Systemübergreifende Logik: Passen Entscheidungen verschiedener Netzbereiche zusammen?
  • Entscheidungssicherheit: Handelt das System innerhalb seiner Befugnisse?

Die Reife eines Netzes bemisst sich damit künftig weniger daran, wie viele Abläufe automatisiert sind, sondern daran, wie zuverlässig und kontrolliert es Entscheidungen treffen kann.

Warum Telekommunikationsnetze besonders anspruchsvoll sind

Telekommunikationsnetze gehören zu den schwierigsten Umgebungen für autonome Systeme. Der Grund ist ihre enorme technische und organisatorische Komplexität. Ein typisches Szenario: Im Mobilfunknetz entsteht ein Kapazitätsproblem. Für den Kunden äußert es sich zunächst in Latenz, also einer Verzögerung bei der Datenübertragung. Gleichzeitig läuft eine Verbindung im Transportnetz, das Daten zwischen Netzbereichen und Rechenzentren transportiert, bereits nahe an ihrer Belastungsgrenze.

Funknetz, Transportnetz und die Systeme, über die der eigentliche Dienst bereitgestellt wird, müssen gemeinsam betrachtet werden. Hinzu kommt, dass diese Bereiche häufig mit Technik verschiedener Hersteller arbeiten und unterschiedlichen Regeln unterliegen. Ein geschlossener Regelkreis, also ein System, das einen Zustand selbst misst, bewertet und anschließend automatisch korrigiert, kann deshalb lokal durchaus richtig handeln und trotzdem das Gesamtergebnis verschlechtern.

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Die Herausforderung besteht darin, Entscheidungen über solche eng verbundenen Systeme hinweg zu koordinieren. Denn Autonomie auf Carrier-Niveau, also auf dem Qualitäts- und Sicherheitsniveau großer Telekommunikationsnetze, bedeutet mehr als technische Funktionsfähigkeit. Verfügbarkeit, Ausfallsicherheit, vorhersehbares Verhalten und regulatorische Nachvollziehbarkeit sind keine verhandelbaren Zusatzoptionen.

Vom Netzbetrieb zum Entscheidungsbetrieb

Technisch braucht ein solches System mehrere Bausteine. Grundlage ist ein herstellerübergreifendes Fundament, damit Komponenten unterschiedlicher Anbieter zusammenarbeiten können. Eine sogenannte Ontologie bildet das Netz, seine Komponenten und deren Beziehungen in einer für Maschinen verständlichen Struktur ab, vereinfacht ausgedrückt eine gemeinsame Landkarte des Netzes.

Darauf arbeiten spezialisierte KI-Agenten, die Informationen bewerten, Maßnahmen vorschlagen oder ausführen und mögliche Folgen abschätzen. Über allem stehen die Intents, also Absichten, sowie klare Regeln dafür, welche Entscheidungen ein System treffen darf. Eine transparente „Glass Box“-Governance soll dabei offenlegen, warum eine Entscheidung getroffen wurde und auf welchen Daten und Regeln sie beruht. Damit verändert sich auch die Rolle der Menschen im Netzbetrieb. In autonomen Netzen definieren sie zunehmend, welche Art von Entscheidung ein System selbst treffen darf.

Je nach Risiko kann eine Entscheidung vollständig beim Menschen bleiben, vom System vorbereitet und freigegeben oder unter definierten Bedingungen autonom ausgeführt werden. Der Mensch verschwindet damit nicht aus dem Netzbetrieb. Seine Rolle verändert sich: vom Ausführenden einzelner technischer Aufgaben zum Architekten und Aufseher eines Entscheidungssystems.

Entscheidungsqualität wird zum Wettbewerbsfaktor

KI-native Telekommunikationsnetze könnten zu einem wichtigen Testfeld für andere KI-native Infrastrukturen werden. Denn wer autonome Entscheidungen in einer Infrastruktur beherrscht, die hochkomplex ist, rund um die Uhr funktionieren muss und strengen Sicherheitsanforderungen unterliegt, löst damit große Herausforderungen.

Für Netzbetreiber verändert sich damit auch der Wettbewerb: Geschwindigkeit, Abdeckung und Kosten bleiben wichtig. Hinzu kommt jedoch die Fähigkeit des Netzes, gute Entscheidungen zu treffen: Erkennt es Probleme frühzeitig? Kann es Zusammenhänge verstehen? Begrenzt es die Folgen einer Fehlentscheidung? Kann es erklären, warum es gehandelt hat, und eine Maßnahme bei Bedarf zurücknehmen? Die Qualität solcher Entscheidungen dürfte zu einem zentralen Merkmal künftiger Netzinfrastrukturen werden.

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