Nokia sucht 5G-Killeranwendung und baut Netz auf dem Mond

Zwischen Revolution und Regulierung

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Am 14. und 15. November präsentierte Nokia sich als Anbieter, der komplette Netze Ende zu Ende ausstatten kann.
Am 14. und 15. November präsentierte Nokia sich als Anbieter, der komplette Netze Ende zu Ende ausstatten kann. (Bild: Srocke)

Weit mehr als einen Blick ins Nähkästchen lieferte Nokia auf den Innovation Days Mitte November in Stuttgart. Während der Hersteller fertige Produkte und vielversprechende Forschungen für alle Netzbereiche präsentierte, liebäugelten die Anbieter von Glasfaseranschlüssen mit dem Betrieb eigener 5G-Netze.

Wer kennt eine Killeranwendung für 5G? Das wollte Wolfgang Hackenberg am 14. November von den Besuchern der Nokia Innovation Days in Stuttgart wissen. Eine definitive Antwort blieb der Verantwortliche für das Geschäft von Nokia mit der Deutschen Telekom schuldig, betonte jedoch: Neben der Technik komme es auch auf Markt und Business Cases an. Inspirationen für alle drei Aspekte lieferten der Anbieter und seine Partner auf seinem Stuttgarter Gelände zur Genüge.

Private Layer für Mobilfunk auf dem Campus

In ihrem Vortrag skizzierte etwa Stefanie Kuhlmann – bei der Telekom im Mobilfunkvertrieb für Corporate Customers tätig – wie Unternehmen auf ihrem eigenen Betriebsgelände für eine zuverlässige und leistungsfähige Mobilfunkversorgung sorgen. Als Ausgangspunkt diene dabei ein öffentliches Netz. Das könne auf dem Campus zunächst mit einem Basis-Layer ergänzt werden, der die lokale Versorgung verbessere. Ein darauf aufgesetzter Private Layer könne schließlich kritische Anwendungen bedienen – hierfür müssten Kunden übrigens nicht auf ein vollständig implementiertes Network Slicing von 5G warten; bereits mit LTE ließen sich „Dual Slices“ realisieren die ähnliches leisten wie der kommende Mobilfunkstandard. Als Referenzkunden nannte Kuhlmann dabei Osram und prognostizierte, dass LTE Advanced Pro, Narrowband IoT/LTE Cat M sowie LTE Advanced auch in über zehn Jahren noch Bestand neben 5G New Radio haben werden.

Rein technologisch betrachtet sei ein LTE mit 5G-ähnlichen Features zwar ein eher evolutionärer Schritt, mit den passenden Anwendungen für mehr Dynamik und Automatisierung ließen sich aber revolutionäre Ergebnisse erreichen. In ihrem Redebeitrag verwies Kuhlmann dabei auf die Themenfelder um vernetzte Produktion, smarte (Intra-)Logistik sowie Monitoring aus der Ferne. Konkretere Szenarien präsentierte Nokia derweil auf der Ausstellungsfläche.

5G-Demos für Breitband...

Dort konnten die etwa 260 registrierten Besucher zwar auch live bestaunen, in welch hoher Qualität eine Nokia AirScale Basisstation Videos über Millimeterwellen zu einem mit Qualcomm-Technik bestückten Endgerät schickt. Neben derlei extremen Bandbreiten soll 5G aber eben auch massive Maschinenkommunikation und anwendungskritische Aufgaben erfüllen.

...und industrielles Umfeld

Dem entsprechend präsentierte Nokia das mit der Telekom betriebene 5G-Testfeld im Hamburger Hafen. Zu sehen war ebenso der gemeinsam von Bosch und Nokia Bell Labs entwickelter „5G ultra-reliable Industrial Wireless Demonstrator“ – zu dem ein drahtloser Notausschalter gehörte. Moderne Produktionsumfelder erforderten genau solche Systeme, versicherten die Entwickler, und verwiesen auf per Funk gesteuerte Trägersysteme in der Automobilindustrie. Die vorgeführte Lösung unterstütze solche Szenarien mit Latenzen unter einer Millisekunde, Verfügbarkeiten von 99,999 Prozent sowie einer möglichen Anbindung an Industrieprotokolle, wie PROFINET.

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An einem weiteren Stand durften sich Teilnehmer der Innovation Days selbst eine VR-Brille aufsetzen und am eigenen Leibe erfahren, wie sich Verzögerungen im Produktionsumfeld auswirken. Die Aufgabe der „5G Avatar Demo“ lautete: In der virtuellen Welt einen Motor in eine Autokarosserie einzusetzen. Nach einem nahezu verzögerungsfreien Durchgang wurde die Latenz auf 100 Millisekunden hochgeschraubt.

BUGLAS schielt auf regionale Mobilfunkfrequenzen

Solch industrielle Anwendungsfelder dürften einem auch in den Sinn kommen, wenn man sich die Überlegungen der Bundesnetzagentur anschaut. Denen zufolge werden wohl nicht alle 5G-Frequenzen auf nationaler Ebene versteigert. Zusätzlich sind regionale und lokale Zuteilungen im Gespräch.

BUGLAS-Geschäftsführer Wolfgang Heer spann diesen Gedanken allerdings noch deutlich weiter. So sei es für einige der im Verband organisierten Anbieter von Glasfaseranschlüssen durchaus denkbar, ins Mobilfunkgeschäft einzusteigen. Dieses Ansinnen beschränke sich dabei nicht nur auf Stadtwerke, die eigene „Smart City“-Anwendungen realisieren oder Verwaltungsvorgänge drahtlos abwickeln wollen. Vielmehr beschrieb Heer regionale Mobilfunknetze, die ähnliche Leistungen wie Vodafone, Telefónica oder Telekom erbringen. Dabei zeigte sich der BUGLAS-Vertreter einem „Open Access“ gegenüber aufgeschlossen, sprich: Auch klassische Provider könnten diese regionalen Netze mitnutzen, um ihre Abdeckung zu verbessern. Derlei Gedankenspiele sind freilich noch vorbehaltlich einer finalen Regulierungsentscheidung zu betrachten.

Antennen-Arrays für Drohnen, LTE-Netz für den Mond

Einstweilen verließ Nokia bei den Innovation Days gleich mehrfach den Boden bundesdeutscher Regulierung. So zum Beispiel mit der geplanten Sunfleet Airborne Radio Network Infra-Structure (SARIS), bei dem der Anbieter Sunlight Photonics Mobilfunknetze per Drohne aufpannen will. Die zunächst für den US-Markt gedachten, solarbetriebenen Flugzeuge sollen bis zu einem Jahr in der Luft bleiben und abgelegene Regionen mit einem Netzwerkzugang versorgen. Als Fronthaul soll dabei die Verbindung zu einem Antennenarray am Boden dienen. Genau an so einem Future Cell TDD arbeiten die Nokia Bell Labs. In Stuttgart zu sehen war ein Modell mit 64 einzelnen Antennen; deren Signale können die Forscher überlagern und damit Endgeräte gezielt ansteuern.

Noch weiter hinaus will Nokia als Vodafones Technologiepartner im Rahmen einer privaten Mondexpedition. Die von der Berliner Firma PTScientists geplante „Mission to the Moon“ soll zwei Rover auf den Erdtrabanten befördern, die dort lokal mit dem „ALINA lander“ kommunizieren werden. Dabei werden Kontroll- und Videodaten über ein LTE-Netz mit 1.800 MHz übertragen und dann per X-band von der Basis zur Erde geschickt.

Von 50Gbit-PON bis zum Meshrouter

Damit nicht genug, zeigte Nokia auf den 31 Ständen vor Ort so ziemlich jede Facette seines umfassenden Netzportfolios. Das Angebote reichte dabei von Forschungen für künftige TDM-PON-Generationen, die Daten zu vertretbaren Kosten mit bis zu 50 Gbit/s über SD-WAN-Lösungen der Tochter Nuage übertragen bis hin zu einer in Kürze erhältlichen und besonders pflegeleichten Wi-Fi-Mesh-Lösung für Endanwender. Letztere richtet sich dabei auch an Provider, die ihre Kunden aus der Ferne bei Einrichtung und möglichen Problemen unterstützen wollen.

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