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Stadt oder Land: das Umfeld bestimmt das Ausbaukonzept Glasfaserausbau wirtschaftlich realistisch bewerten

Ein Gastbeitrag von Helmut Kohl 6 min Lesedauer

Entgegen zahlreichen Unkenrufen steckt der deutsche Glasfasermarkt nicht in der Krise. Er steht lediglich vor der Bereinigung wirtschaftlich nicht tragfähiger Ausbaukonzepte. Ob ein Projekt trägt, entscheiden drei Kriterien: der Blick auf aktivierte, statt nur verfügbare Anschlüsse, die Gebäudeperspektive und eine differenzierte Bewertung von Stadt und Land.

Helmut Kohl ist Inhaber und Geschäftsführer der Beratungs-Agentur Helmut Kohl Management GmbH, die sich auf Investitionen in IT, IT-Sicherheit, Datenschutz und digitale Infrastruktur konzentriert, und erläutert in seinem Beitrag, wie und wann sich Investitionen in den Glasfaserausbau lohnen.(Bild:  Helmut Kohl Management GmbH)
Helmut Kohl ist Inhaber und Geschäftsführer der Beratungs-Agentur Helmut Kohl Management GmbH, die sich auf Investitionen in IT, IT-Sicherheit, Datenschutz und digitale Infrastruktur konzentriert, und erläutert in seinem Beitrag, wie und wann sich Investitionen in den Glasfaserausbau lohnen.
(Bild: Helmut Kohl Management GmbH)

Ende April einigte sich die Deutsche Glasfaser mit ihren Gesellschaftern EQT und OMERS sowie rund 50 kreditgebenden Banken auf frisches Kapital von mehr als 1,2 Milliarden Euro und ordnete zugleich ihre Verschuldung von rund sieben Milliarden Euro langfristig neu. Branchenschätzungen zufolge bewegen sich in Deutschland derzeit 15 bis 20 Milliarden Euro Eigenkapital und rund 27 Milliarden Euro Fremdkapital im Risiko. Solche Restrukturierungen zeigen: Die Zeit schematischer Businesspläne ohne Unterscheidung zwischen verfügbar und aktiviert und ohne Blick auf die Region ist vorbei. Denn über Wirtschaftlichkeit entscheidet nicht die gebaute Reichweite, sondern das eingesetzte Kapital je dauerhaft zahlendem Anschluss.

Glas, Kupfer und Koax im Vergleich

Das heutige Nutzungsverhalten legt hohes Interesse an Glasfaser nahe. Soziale Medien, Cloud-Backups und Videokonferenzen katapultieren den privaten Uploadbedarf nach oben; im Geschäftskundensegment steigt er durch Business-Clouds und professionelle KI-Anwendungen explosionsartig an. Glasfaser trägt als universelle Infrastruktur den Massenmarkt ebenso wie kritische Spezialanwendungen. Die Kupfer-Doppelader des Telefonnetzes und das Koaxialkabel der TV-Kabelnetze halten im Downstream zwar respektabel Stand; bei Latenz, Skalierbarkeit, Symmetrie, Energieeffizienz und langfristiger Modernisierungsfähigkeit spielt Glasfaser jedoch ihre strukturelle Überlegenheit voll aus. Infrastrukturen, die höhere Bandbreiten nur mit überproportional höherem Energieverbrauch erzeugen, verlieren mittelfristig ökonomisch und regulatorisch an Anziehungskraft.

Wechselwille

Aktuell hinkt der Wechsel zu Glasfaser dem Ausbautempo hinterher. So veröffentlichte Verivox am 4. August eine Auswertung, laut der im Juli 59 Prozent der über das Portal abgeschlossenen Verträge auf DSL entfielen. Die Kupfer-Doppelader des Telefonnetzes bleibt dort die dominante Technik bei Neuverträgen. Laut VATM nutzen sie gut 22 Millionen Haushalte weiterhin. Ein fehlendes Wechselinteresse lässt sich daraus jedoch nicht ableiten: Im Glasfaser-Monitor 2026 desselben Portals erklärt fast jeder zweite DSL- und Kabelkunde, gern auf Glasfaser wechseln zu wollen, und der Anteil derjenigen, die einen bereits im Haus liegenden Anschluss ungenutzt lassen, sank binnen zwei Jahren von 32 auf 22 Prozent. Der Engpass sitzt seltener beim Kunden als im Angebot – bei der Verfügbarkeit bis in die Wohnung, bei Einstiegstarifen und im Vertrieb. Betreiber rechneten die gebaute Reichweite viele Jahre voreilig als Cashflow und missachteten die Lücken zwischen Homes Passed, Homes Connected und Homes Activated. Das führt heute zu Schieflagen und Insolvenzen auf Anbieterseite.

Drei Ausbaustufen zur Projektbewertung

Für eine valide Projektbewertung unterscheiden Verantwortliche drei Ausbaustufen. Homes Passed bezeichnet die gebaute Reichweite, Homes Connected den fertiggestellten Hausanschluss, Homes Activated den aktivierten und zahlenden Anschluss. Nur aktivierte Objekte generieren Umsatz. Die Take-up-Rate setzt Homes Activated ins Verhältnis zu Homes Passed. Achtung vor unbedachtem Schönrechnen: Wer die Take-up-Rate auf Homes Connected bezieht, erhält einen freundlichen, für die Kapitalrechnung aber irreführenden Wert. Entscheidend ist, gebaute Adressen in zahlende Kunden zu wandeln und das Kapital über den Cashflow zurückzuverdienen. Drei Zahlen verraten, ob ein Businessplan finanzierbar ist: die angegebenen Kosten je Homes Connected inklusive Inhouse, das genannte Take-up 24 Monate nach gebietsbezogener Aktivierung und die veranschlagte Zeit von der Vorvermarktung bis zum ersten zahlenden Kunden.

Passed, Connected, Activated: aktuelle Marktzahlen

Konkret illustrieren die Zahlen der 27. TK-Marktanalyse von VATM und Dialog Consult die Kluft: Ende 2026 läuft voraussichtlich an 32 Millionen Haushalten und kleinen bis mittleren Unternehmen eine Glasfaserleitung entlang (Homes Passed). Fertiggestellt sind davon 12,5 Millionen Hausanschlüsse (Homes Connected). Aktiv genutzt werden 7,8 Millionen (Homes Activated). Rund 4,7 Millionen fertiggestellte Anschlüsse erbringen damit keine Endkundenerlöse – und hinter knapp 20 Millionen weiteren Adressen liegt bereits Tiefbau, aber noch kein Hausanschluss.

Das Gebäude als strategischer Kern

Finanzierungen aus der Niedrigzinsphase stoßen an ihre Grenzen, seit höhere Zinsen, frühere Tilgung und niedrigere Exit-Multiples dünne Anfangscashflows nicht mehr tragen. Hinzu kommt der unterschätzte „letzte Meter": Hausanschluss, Gebäudeeinführung, Inhouse-Verkabelung und Aktivierung, dazu Nachverdichtung und Mängelbeseitigung verteuern den Weg vom Straßenbau zum Kunden erheblich. Kernelement ist die Inhouse-Verkabelung, die so genannte Netzebene 4: Ohne sie bleibt ein erheblicher Teil der gebauten Infrastruktur ökonomisch ungenutzt – dort entscheidet nicht Technik, sondern die Zustimmung von Eigentümern und Wohnungswirtschaft. Die Gebäudeperspektive sollte damit ins Zentrum jeder seriösen Glasfaserstrategie rücken.

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All in – kapitalintensiv

Der All-in-CAPEX spiegelt die Kapitalintensität des konkreten Ausbauclusters je Anschluss wider. Er umfasst Netz- und Ausbaukosten sowie alle Ausgaben bis zum zahlenden Kunden: Planung, Genehmigung und Tiefbau, Trasse, Technik und Technikstandort. Weiterhin schlagen Kosten für Hausanschluss und Gebäudeeinführung, Netzebene 4, ONT und Installation, Aktivierung, Dokumentation, Abnahme und Mängelbeseitigung sowie für Vertrieb und Zinsen in der Bau- und Hochlaufphase zu Buche.

Lage, Lage, Lage

Der Ausbau in Deutschland ist heterogen und zersplittert in viele regionale Teilmärkte mit unterschiedlichen Kosten- und Nachfragestrukturen. Neben Regionen mit bereits hoher Glasfaserpenetration, oft getrieben von regionalen Betreibern, Stadtwerken oder gezielten Clusterausbauten, stehen städtische Gebiete mit parallellaufenden Projekten mehrerer Anbieter sowie ländliche Räume. In besonders abgelegenen Regionen erreichen Betreiber nur mit Förderung eine flächendeckende Versorgung.

Urbane Strukturen

Im urbanen Raum ist der Tiefbau je Meter teuer, verteilt sich aber auf viele Wohneinheiten: Je Anschluss fällt die Erschließung deshalb häufig günstiger aus. Bis zur Grundstücksgrenze erweist sich der Ausbau als attraktiv. Im Haus angelangt, hemmen langwierige Abstimmungsprozesse mit Eigentümergemeinschaften und Wohnungsunternehmen das Fortkommen. Intensiver Wettbewerb mit funktionierenden VDSL- und Koax-Netzen sowie unsichere Penetrationsraten lähmen die Refinanzierung; Betreiber müssen anfangs niedrige Take-up-Raten in Kauf nehmen. Doch langer Atem zahlt sich aus. Höherer Strom- und CO2-Bedarf der alten Konkurrenztechnologien, das absehbare Ende der Kupfer-Doppelader und ein Mangel an Fachkräften, die die alten Techniken noch beherrschen, spielen der Glasfaser in die Hände. Salopp gesagt: Die mit DSL vertrauten Boomer gehen in Rente, und die junge Generation kann diese Technik nicht mehr warten.

Bedingungen auf dem Land

Ländliche Gebiete erfahren seit Mitte der 2010er-Jahre eine staatliche Förderung, da dort die Kupfernetze zu jener Zeit nur geringe Bandbreiten hergaben. Hier liegen die Ausbaukosten höher, doch verbessert der geringere Wettbewerbsdruck die wirtschaftliche Ausgangslage. Zudem verlaufen Umsetzungen in Ein- und Zweifamilienhäusern reibungsloser als in großen städtischen Wohnungsbeständen, da weniger Beteiligte mitsprechen. Auch die Bodenbeschaffenheit wirkt sich auf die Rentabilität aus. So lädt das ländliche Schleswig-Holstein aufgrund des weichen, sandigen Bodens zum Ausbau geradezu ein. Im Süden verteuert felsiger Untergrund die Arbeit: Sprengen kostet mehr als Wühlen. Insgesamt haben Schleswig-Holstein, das nördliche Niedersachsen sowie die Stadtstaaten Bremen und Hamburg die Nase vorn.

Lohnt sich eine Kooperation?

Open Access, also die entgeltliche Mitnutzung der Glasfaserleitungen durch andere Anbieter, schafft Wert – vorausgesetzt, Ankerkunden, Mindestmengen sowie belastbare Schnittstellen und Betriebsprozesse sind vorhanden. Für solche Wholesale-only-Projekte gilt ein All-in-CAPEX unter 2.000 Euro als grundsolide, bis 2.700 Euro als tragfähig, bis 3.500 Euro als anspruchsvoll und oberhalb dieser Grenze ohne gesicherte Auslastung als problematisch.

Hochlauf als Finanzierungsstandard

Liquiditätsengpässe vor dem Erreichen stabiler Anschlusszahlen treffen auch technisch ausgereifte Netze. Die Schuldendienstdeckungsquote (DSCR) setzt den operativen Cashflow ins Verhältnis zu Zins und Tilgung und zeigt, ob ein Projekt seine Finanzierung aus eigener Kraft trägt. Bei Werten oberhalb von 1,3 lehnen sich Gesellschafter entspannt zurück, unter 1,0 müssen sie nachschießen. Der Covenant-Puffer beziffert den Abstand zu vertraglich festgelegten Kennzahlen; unter zehn Prozent bleibt kein Spielraum für Planabweichungen. Die Kapitalrücklaufzeit setzt den All-in-CAPEX je Anschluss ins Verhältnis zum jährlichen operativen Cashflow: Unter zehn Jahren gilt als sehr guter Wert, zehn bis 13 Jahre als gut, 13 bis 16 Jahre als anspruchsvoll und mehr als 16 Jahre als kritisch.

Auftragsrisiken aktiv steuern

Um Risiken zu begrenzen, prüfen mittelständische Bau-, Montage- und Serviceunternehmen die Bonität ihrer Auftraggeber. Denn sobald ein Betreiber eine Pause einlegt, drohen Stillstandkosten, nicht abgenommene Leistungen und offene Forderungen. Neben der Finanzierungslage unterziehen sie die Ausschreibungsunterlagen einem sorgfältigen Check, takten die Abschlagszahlungen eng, dokumentieren Abnahmen und limitieren die Abhängigkeit von einzelnen Großkunden.

Fazit

Glasfaser fungiert in Deutschland als strategisch überlegene Grundinfrastruktur, deren Wert durch Rechenzentren und KI strukturell steigt. Als effektivster Hebel avanciert das Gebäude: Eine sauber gelöste Netzebene 4 wandelt technische Abdeckung auf schnellstem Weg in reale Nutzung, Kundenzufriedenheit und Umsatz.

Über den Autor

Helmut Kohl ist Inhaber und Geschäftsführer der Helmut Kohl Management GmbH. Die auf digitale Infrastruktur spezialisierte M&A-Boutique-Beratung begleitet mittelständische Firmen beim Unternehmensverkauf und unterstützt bei der Genehmigungsplanung komplexer Sonderquerungen für Glasfaser- sowie Nieder- und Mittelspannungsnetze. Der Diplom-Ingenieur blickt auf rund 40 Jahre Branchenerfahrung zurück und ordnet als Herausgeber des täglichen Branchenbriefings „FREQUENZ“ Entwicklungen rund um internationale IT, Telekommunikation, KI und M&A ein.

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