Netzwerk & Infrastruktur Die Vernetzung der Welt

Autor / Redakteur: Sylvia Lösel / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

28 Milliarden vernetzte Geräte sind es 2021 wohl weltweit. Alleine diese Zahl verdeutlicht, welche Rolle Netzwerke als das Rückgrat der Digitalisierung einnehmen. Doch wie macht man ein Netzwerk stabil, sicher und zukunftsfähig?

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Immer mehr Abzweigungen, Ausfahrten und Ebenen kommen zum Netzwerk hinzu, getrieben von technologischen Entwicklungen.
Immer mehr Abzweigungen, Ausfahrten und Ebenen kommen zum Netzwerk hinzu, getrieben von technologischen Entwicklungen.
(Bild: sveta – stock.adobe.com)

Ein Gewirr aus Straßen, Abzweigungen und Sackgassen. Menschen, die Straßen queren, ohne nach links oder rechts zu blicken. Ein Motorradfahrer, der sich gekonnt durch die stehenden Autos schlängelt. Netzwerke ähneln der Entwicklung, die Städte genommen haben. Von einer überschaubaren Ansammlung Häuser entlang einer Straße bis hin zum wabernden Moloch, in dem es immer schwieriger wird, den Überblick zu bewahren, die Regeln zu kennen und sicher ans Ziel zu kommen.

Komplexität nimmt zu

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen es nur galt, Desktop-PCs mit einem Server zu vernetzen und vielleicht noch einen Drucker in das Gebilde einzubinden. Heute müssen verteilte Standorte miteinander vernetzt, Cloud-Umgebungen eingebunden, Daten- und Verbindungssicherheit gewährleistet sowie kabelgebundene und drahtlose Netze integriert werden. Künftig spielen vernetzte Industrie-Umgebungen, Edge Computing, 5G sowie Wi-Fi 6 eine größer werdende Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass Netzwerk-Verantwortliche mit Legacy-Systemen konfrontiert sind, die in die neuen Welten überführt werden müssen. 54 Prozent der Netzwerke hierzulande sind gewachsene Landschaften, die nur nach dem Best-Effort-Prinzip funktionsfähig gehalten werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine IDC-Studie zur Netzwerk-Transformation in Deutschland (siehe Kasten). Eine weitere Erkenntnis: Big Data, Hybrid- & Multicloud, IoT und Edge Computing stehen zwar bei vielen Unternehmen auf der Agenda, doch vielen ist nicht bewusst, welch tragende Rolle programmierbare, automatisierbare und performante Netzwerke dabei spielen.

Security-Bewusstsein ist gestiegen

Dennoch hat sich viel getan im vergangenen Jahr, gerade hinsichtlich des Bewusstseins für Security-Aspekte im Netzwerk. Denn die Netzwerksicherheit ist, so IDC, bei 31 Prozent der Befragten der größte Treiber für Modernisierungsanstrengungen. Aber auch das Netzwerkmanagement und dessen Automatisierung (24 %) bringen Dynamik ins Spiel.

Bei Security ist das Schlagwort, das durch die Branche geistert, das „Secure Access Service Edge“ (SASE). Dabei ist es gar nichts so sehr neu, sondern bezeichnet vielmehr einen Zusammenschluss vieler bestehender Tools (siehe Grafik Seite 36). SD-WAN- und VPN-Technologien werden dabei mit Cloud-nativen Sicherheitsfunktionen wie beispielsweise Zero Trust, CASB und Firewalls kombiniert. Dies soll einerseits die Komplexität reduzieren und andererseits die Sicherheit erhöhen.

„Während SASE wahrscheinlich die Zukunft der Netzwerkverfügbarkeit, -optimierung und Cybersicherheit darstellt, hat unsere Umfrage gezeigt, dass die Wahrnehmung einer beschleunigten Akzeptanz viel größer ist als die aktuelle Realität. Die große Mehrheit der Unternehmen ist noch nicht annähernd in der Lage, dieses Framework vollständig zu übernehmen“, erklärt Christopher Kenessey, CEO und President von NetMotion.

Ist SASE nur ein Schlagwort?

Schlagwort hin oder her, Security und Netzwerk als eine Einheit zu sehen und auch so zu behandeln, wird die Zukunft sein. Eine Management-Konsole, die Probleme erkennt, analysiert und dann auch gleich eine Lösung vorschlägt und umsetzt, erleichtert das Leben der Verantwortlichen. KI und Automatisierung sind in Zeiten vielfältiger Bedrohungen, massiver Anforderungen und volatiler Anbindungen unverzichtbare Elemente. Hersteller haben dies schon früh erkannt. Juniper hat beispielsweise 2019 die MIST-Plattform aus genau diesem Grund gekauft und erweitert diese sukzessive. Erst vor Kurzem beim EX-Switch um WAN-Assurance und den virtuellen Marvel-Netzwerkassistenten, der durch die Übernahme von 128 Technologies eingebunden werden konnte. KI-gesteuerte Automatisierung, Einblicke und Handlungsmöglichkeiten vom Client bis zur Cloud sowie Vereinfachung und Optimierung sind die Zielgedanken hierbei. HPE Aruba entwickelt ebenfalls die Edge Services Platform in diese Richtung. „Künftig wird es darauf ankommen, konventionelle Rechenzentren und MPLS-zentrierte und VPN-basierte Netzwerke in eine Cloud-native SASE-Architektur umzuwandeln, die eine dynamischere Bereitstellung von sicheren Netzwerkservices bietet und gleichzeitig eine End-to-End-Absicherung der Daten garantiert“, heißt es aus dem Unternehmen.

Agilität: Fluch oder Segen?

Vor Herausforderungen sehen sich auch Hersteller bei der Geschwindigkeit der Entwicklungen gestellt und müssen sich dem Wandel ebenfalls schnell unterziehen. Dabei sind die Herangehensweisen durchaus unterschiedlich. Ein Weg, den Startups, aber auch dedizierte Einheiten größerer Unternehmen in Bezug auf Network Security einschlagen, ist der über Cloud-native Entwicklungen, bei denen Agilität quasi bereits in der DNA verankert ist. Ein anderer Weg führt über Zukäufe, wie ihn beispielsweise Juniper oder Palo Alto gehen. Letztere, traditionell im Firewall-Business unterwegs, haben sich so einem fundamentalen Wandel unterzogen und die Themen Netzwerk und Security sukzessive vereint.

Security ist sowohl technologisch als auch von der Marktgröße ein enorm breites Feld geworden.

Jens Pälmer, Director Channel Central Europe, Palo Alto

„Unsere Kunden verlangen nach Spezialisierung. Security ist sowohl technologisch als auch von der Marktgröße ein enorm breites Feld geworden. Und es ist ein großer Unterschied, ob man einen Partner für Netzwerke und Firewalls sucht, oder einen für Container, Kubernetes und Cloud Security“, beschreibt der Director Channel Central Europe von Palo Alto, Jens Pälmer, die Situation. Einerseits bedient man damit die Anforderungen der Kunden, doch es gibt noch einen anderen Effekt: „Durch unsere Zukäufe sind wir für neue Partner interessant geworden. Die Akquise von Demisto etwa hat uns einen Riesensog aus deren Partneruniversum gebracht. Und viele Integratoren, die im klassischen Firewall-Geschäft mit anderen Herstellern arbeiten, werden ebenfalls auf uns aufmerksam, weil wir neue Themen besetzen, die auch für deren Kunden immer wichtiger werden“, erläutert Pälmer.

Was sind die Herausforderungen für Partner?

Während Hersteller also massiv an ihrer technologischen Entwicklung und der Anpassung der Partnerprogramme arbeiten, sehen die Partner selbst sich im Moment zum Beispiel folgenden Herausforderungen gegenüber, wie unsere Leserumfrage zeigt:

  • Sicherheit und Homeoffice-Anbindung,
  • Koordinierung verschiedener WLAN-Netze und
  • Verbindung von Cloud, IoT und Unternehmensnetzwerken

Andreas Hahner, COO von 3KV, ist sich in diesem Kontext sicher: „Cloud-Management wird Treiber des Geschäfts.“ Dass all diese Themen auch schon im Markt angekommen sind, bestätigt Alexander Ernst, Director Network & Communication bei Cancom: „Automatisierung und die Einheitlichkeit zwischen LAN, WLAN, WAN, DC/ Cloud/ IaaS beschäftigen uns aktuell, wenn es um Netzwerke geht.“ Für David Balzer, Senior Manager UCC & Infrastruktur bei Ingram Micro, geht es auch darum, die „Inkompatibilität zwischen Lösungen verschiedener Anbieter und Revisionen“ in den Griff zu bekommen. Er geht von einer Stärkung der Cloud Managed Solutions aus. „Services hierzu werden mittlerweile von allen Marktteilnehmern angeboten.“

Rolf Bachmann, Head of Network Solutions, Business Development, Controlware
Rolf Bachmann, Head of Network Solutions, Business Development, Controlware
(Bild: Controlware)

Rolf Bachmann, Head of Network Solutions, Business Development bei Controlware, wagt einen Blick in die Zukunft: „Software-defined wird sich als De-facto-Standard etablieren und in Unternehmen aller Größen relevant werden. Als Begleiterscheinung der Digitalisierung werden Programmierung, Automatisierung und Infrastructure as Code die Berufsbilder im Netzwerkbereich prägen. WiFi und 5G (private Netze) werden konvergieren. Der Trend zu Cloud-basiertem Netzwerkmanagement und zu Recurring Services wird in den nächsten Jahren anhalten. Und last but not least wird uns das Thema IT-Security mit allen Facetten weiter in Atem halten.“ Und Reiner Schirra, Technischer Leiter beim Systemhaus Agasysteme, ergänzt: „Der Netzwerkmarkt wird sich wohl immer mehr in die Cloud verschieben.“

Regionale Ausprägungen werden wichtiger

„Leider stellt sich dann die Frage, welchen Anbieter ich nutzen kann, wenn auch die DSGVO eingehalten werden muss.“ Die Schlussfolgerung darauf liegt für Devid Maros, Partner Account Manager bei Lancom, auf der Hand: „Deutsche und europäische Hersteller rücken noch weiter in den Vordergrund.“ Lancom positioniert sich als Anbieter, der seine Management Cloud in Deutschland entwickelt und hostet. Erst vor kurzem hat das Aachener Unternehmen ein Cloud-Update zur Verfügung gestellt, mit dem die Verwaltung mehrerer WAN-Verbindungen an einzelnen Standorten möglich ist, inklusive automatischem Load Balancing und Routing mit dynamischer Pfadwahl, um die verfügbare Bandbreite an einzelnen Standorten zu erhöhen. Ohnehin ist nicht nur seit Ausbruch der Coronakrise, sondern bereits seit dem Kippen des Privacy Shield und seit der Gaia-X-Initiative ein Trend hin zu regionalen IT-Anbietern zu verzeichnen, der wahrscheinlich anhalten dürfte. In diesem Zuge haben auch Initiativen wie Security made in EU des Teletrust-Verbands einen Nährboden. Hier geht es darum, so Sprecher Thorsten Urbanski, Transparenz für Kunden zu schaffen.

Deutsche und europäische Hersteller rücken noch weiter in den Vordergrund.

Devid Maros, Partner Account Manager bei Lancom

Abgesehen vom technologischen Galopp bietet der Netzwerk-Markt zudem eine enorme Vielfalt an Bereitstellungsmodellen. Die Bandbreite reicht vom selbst betriebenen kleinen Unternehmensnetzwerk über die Inanspruchnahme von Cloud-Diensten und einzelnen Managed Services bis hin zu Network-as-a-Service-Diensten (NaaS). Der Markt für NaaS soll bis 2023 auf 21,7 Milliarden US-Dollar anwachsen, so ein Report von Markets and Markets. Durch die Abgabe der Verwaltungsaufgaben für das Netzwerk erhoffen sich IT-Entscheider mehr Business-Agilität, erhöhte Sicherheit und Kosteneffizienz, so Axians. Der Systemintegrator und MSP bietet deshalb NaaS als Pay-per-X-Modell für den Netzwerkbetrieb an. Jacques Diaz, CEO von Axians Deutschland: „Wir planen, implementieren und betreiben für Kunden LAN-, WLAN- und WAN-Infrastrukturen – mit Laufzeit-basierten Kosten statt fixen Einmalinvestitionen und Cloud-Optionen statt einer Skalierung über Hardware-Updates.“

Fazit

Die Wege aus dem Dschungel der wild wuchernden Netzwerk-Welt sind vielfältig. Das müssen sie auch sein. Denn jeder Kunde hat eigene Legacy-Systeme, Anforderungen und Zukunftspläne. Die Aufgabe wird sein, individuelle Netzwerk-Landkarten zu erstellen, diese mit Verkehrsregeln anzureichern, um so für die autonome Netzwerkzukunft gerüstet zu sein.

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Über den Autor

 Sylvia Lösel

Sylvia Lösel

Chefredakteurin