Beschluss der Bundesnetzagentur zur „letzten Meile“

Telekom darf Glasfaser-Konkurrenten ausbremsen

| Autor / Redakteur: Lisa Jasmin Nieberle / Andreas Donner

Der aktuelle Beschluss der Bundesnetzagentur verärgert Verbände wie Breko oder Buglas. Die Telekom erhalte so ein „Quasi-Monopol“. Die Telekom selbst sieht sich oder ihre Technologie in keinerlei Hinsicht bevorzugt.
Der aktuelle Beschluss der Bundesnetzagentur verärgert Verbände wie Breko oder Buglas. Die Telekom erhalte so ein „Quasi-Monopol“. Die Telekom selbst sieht sich oder ihre Technologie in keinerlei Hinsicht bevorzugt. (Bild: Foto-Ruhrgebiet - stock.adobe.com)

Die Deutsche Telekom darf Glasfaser-Anschlüsse der Konkurrenz drosseln oder komplett abschalten. Das geht aus einem aktuellen Beschluss der Bundesnetzagentur hervor. Das Problem liegt in der „letzten Meile“, wo sich bei gemeinsamer Nutzung des Kupferleitungsnetzes die Super-Vectoring-Frequenzen der Telekom und die der Glasfaseranbieter stören.

Man kann es nicht schön reden. Was den Glasfaserausbau betrifft, nimmt Deutschland den Rang eines Entwicklungslandes ein. 2017 waren nur 2,3 Prozent aller stationären Breitbandanschlüsse in Deutschland mit einem Glasfaserkabel verbunden, erklärt die OECD. In kaum einem anderen Industrieland ist der Anteil derartig niedrig, weltweit nimmt Deutschland den fünftletzten Platz ein.

Doch statt den Netzinfrastrukturwechsel aktiv zu fördern, wie es auch auf der Agenda der Bundesregierung steht, stößt eine aktuelle pikante Entscheidung der Bundesnetzagentur (BNetzA), bei der es um Neuerungen im „Standardvertrag über den Zugang zur Teilnehmeranschlussleitung“ geht, die Glasfaseranbieter vor den Kopf.

Der Streit um die „letzte Meile“

Das Verlegen von Glasfaserleitungen bis in Wohnungen ist kostspielig und aufwendig. Bei Neubauten kommt es zwar durchaus vor, dass Glasfaserleitungen bis in die Wohnung reichen. Bei Bestandsgebäuden aber reicht die Glasfaser-Ausstattung meist nur bis zum Straßenverteiler oder zum Hausanschluss beziehungsweise bis zum Keller. Dieser Netzabschnitt nennt sich FTTB (Fibre to the building). Bei dieser Technik wird Glasfaser bis zu einem Übergabepunkt verlegt, meist in den Keller des Gebäudes. Von dort aus werden Daten über bereits vorhandene Kupferkabel in die Wohnungen übertragen.

Der Streitpunkt ist also die Gebäudeverkabelung, über die Endkunden versorgt werden. Auf diesem letzten Stück, der sogenannten „letzten Meile“, nutzen VDSL-Anschlüsse der Telekom und auf Kupfer umgesetzte Glasfaseranschlüsse anderer Anbieter dieselben Kupferkabel – und stören sich unter Umständen gegenseitig, da sich die Frequenzen überschneiden.

Genau genommen geht es um das sogenannte Super-Vectoring der Telekom. Mit dieser Technologie lässt sich die Datengeschwindigkeit in vorhandenen Kupferleitungen auf bis zu 250 Megabit pro Sekunde erhöhen. Solche Geschwindigkeiten waren zuvor Glasfaseranschlüssen und TV-Kabel-Anbietern vorbehalten. Aber: Die Super-Vectoring-Technik verträgt sich nicht mit anderen Signalen und so kann parallel beispielsweise kein G.fast, ein von Glasfaseranbietern entwickeltes Übertragungsverfahren mit Datenraten von bis zu einem Gigabit pro Sekunde, für die letzte Meile vom Multi Service Access Node (MSAN) bis zur Teilnehmeranschlussdose eingesetzt werden. Eine Technologie muss also Vorrang bekommen – und laut der aktuellen Entscheidung der BNetzA ist das die der Deutschen Telekom.

Als die Anschlussgeschwindigkeiten von VDSL noch unter 100 MBit pro Sekunden lagen, kamen sich Glasfaser und DSL noch nicht in die Quere. Erst seit der gleichzeitigen Verwendung von G.fast und DSL Super-Vectoring kollidieren beide Systeme, wenn beide parallel in einem einzigen Kabelstrang zum Einsatz kommen. Bei G.fast geht das mit einem Verlust von Datenraten einher, bei VDSL kann es sogar zu einem Ausfall des Anschlusses kommen.

Wem gehören die Leitungen?

Uneinigkeit besteht außerdem darüber, wem die Leitungen in den älteren Häusern gehören. Die Telekom beharrt darauf, dass sich diese in ihrem Eigentum befinden. Denn die Endleitungen und Sprechapparate waren bis Ende 1987 Bestandteil des öffentlichen Fernsprechnetzes der Deutschen Bundespost, die Rechtsvorgängerin der Telekom ist. Konkurrenten hingegen argumentieren, dass die Endleitungen als Bestandteil des Grundstücks Eigentum der Hauseigentümer sind.

Laut BNetzA-Beschluss ist es egal, in wessen Eigentum sich die Leitungen befinden. Es komme nicht darauf an, „ob die Betroffene Eigentümerin der Endleitung ist. Zum Zugang verpflichtet ist nach § 21 TKG nicht der Eigentümer, sondern der (marktmächtige) Betreiber des Telekommunikationsnetzes, also derjenige, der die Funktionsherrschaft über das Netz besitzt. Dies ist im Falle von Endleitungen als Teil der Teilnehmeranschlussleitung die Betroffene.“ Und als Betroffene fungiert in diesem Fall die Deutsche Telekom.

„Vergangenheit Vorfahrt gegenüber der Zukunft“

Dieser Beschluss hat weitreichende Konsequenzen. Die Telekom bekommt so die „Funktionsherrschaft“ zugeschrieben. Sie „darf damit höherwertige Glasfaseranschlüsse, die ihr Vectoring-Signal stören, notfalls abschalten“, erklären Breko-Geschäftsführer Dr. Stephan Albers und Buglas-Geschäftsführer Wolfgang Heer in einer gemeinsamen Pressemitteilung. „Anstatt zukunftssicherer Glasfaser bis in die Gebäude einen klaren Vorrang einzuräumen, wird vielmehr der Telekom ein ‚Bestands- und Vertrauensschutz‘ auf ihre längst abgeschriebene Kupfer-Infrastruktur gewährt.“

Der Glasfaserausbau in Deutschland, der ohnehin schon schleppend läuft, werde damit zusätzlich behindert. Es werde eine weitere Chance vertan, einen schnellen Glasfaserausbau auch in Bestandsgebäuden zu ermöglichen und die Deutsche Telekom unmissverständlich zu einem zukunftsgerichteten Glasfaserausbau zu motivieren, mahnen die Verbände.

„Der Regulierer räumt mit seiner Entscheidung der Vergangenheit Vorfahrt gegenüber der Zukunft ein“, kritisieren Albers und Heer.

Telekom: Keine Bevorzugung, sondern ein Kompromiss

In einem Blogbeitrag der Deutschen Telekom ist zu lesen, dass die Bundesnetzagentur durch ihre Entscheidung weder die Telekom gegenüber anderen Anbietern noch die Super-Vectoring-Technik gegenüber Glasfaser bevorzugt. Vielmehr sei der Beschluss als Kompromiss „im Sinne der Kunden und im Rahmen technischer Notwendigkeiten“ zu verstehen. Dieser besage, dass verschiedene Breitbandtechnologien nebeneinander und im selben Gebäude funktionieren müssen. Das sei nur sinnvoll, denn „es kann nicht sein, dass einzelne Kunden auf einmal kein Internet mehr haben, nur weil der Nachbar ein FTTB-Produkt hat.“ Laut Telekom ist es überraschend, dass ausgerechnet der Breko-Verband, „der sonst das hohe Lied der Glasfaser singt, nun offenbar ein Kupfermonopol innerhalb von Gebäuden anstrebt, Wettbewerber qua Regulierung verdrängen möchte und gleichzeitig Glasfaserinvestitionen bis in die Wohnungen scheut.“

Einschränkungen müssen sich auf ein Mindestmaß beschränken

Auf Anfrage von IT-BUSINESS erklärt ein Sprecher der Bundesnetzagentur, die Teilentscheidung enthalte „Vorgaben, angemessene Regelungen vorzusehen, um (technisch unstreitige) gegenseitige Beeinflussung bei der parallelen Einspeisung von VDSL- und glasfaserbasierten Signalen auf der Endleitung zu verhindern beziehungsweise die dazu notwendigen von der Telekom vorgeschlagenen Einschränkungen auf das unabdingbare Mindestmaß zu beschränken. In diesem Zusammenhang wird auch ein Bestandsschutz für bereits bestehende Einspeisungen anerkannt. Nach Untersuchungen der Beschlusskammer ist der Bandbreitenvorteil für Glasfaserrealisierungen auch nach den zur Störungsvermeidung unabdingbar notwendigen Einschränkungen immer noch ganz erheblich gegenüber einem Einsatz von VDSL.“ Die Beschlusskammer habe außerdem darauf hingewiesen, dass Regelungen künftig anzupassen wären, wenn die Bandbreitennachfrage steigt.

Was bleibt den Glasfaseranbietern?

Laut Telekom steht es jedem Anbieter frei, die Glasfaser durchgängig bis in die Wohnung des Endkunden zu legen, womit das Ausgangsproblem gelöst wäre. So ist es auch im Beschluss der BNetzA zu lesen: „Den Wettbewerbern bleibt es etwa unbenommen, nach entsprechender Übereinkunft mit dem Gebäudeeigentümer eigene Endleitungen im Gebäude zu verlegen und zu nutzen oder beispielsweise eine gemeinsame Nutzung der Verkabelung in Gebäuden im Rahmen von §77k nachzufragen.“ Für den Breko-Verband stellt der aufgezeigte Weg keine realistische Lösung des Problems dar: „Die Bundesnetzagentur weiß sehr genau, dass im Falle bestehender Wohngebäude ein Glasfaserausbau bis in jede einzelne Wohnung nicht zeitnah realisierbar ist und es in nahezu keinem Fall bereits entsprechende Glasfaserleitungen gibt, die mitbenutzt werden können.“ Damit stelle man die Wettbewerber der Telekom ins Abseits.

Alternativ zu eigenen Endleitungen, so die Telekom, könnte man das Frequenzspektrum aufteilen, dann sei auch ein Parallelbetrieb möglich. Wie auch die BNetzA anmerkt, erhielte G.fast dabei mehr Frequenzspektrum und könne somit größere Bandbreiten ermöglichen.

Andere Provider werden ihre Technik in Zukunft also so einstellen müssen, dass der DSL-Frequenzbereich der Telekom ausgespart bleibt. Das hat zur Folge, dass Glasfaseranbieter statt einem Gigabit pro Sekunde im schlimmsten Fall nur noch 400 bis 600 Megabit pro Sekunden anbieten können. Das konterkariere den Glasfaserausbau, mahnen die Verbände.

Die Entscheidung soll noch bis April überprüft werden. Die Behörde gibt an, dass die von der Telekom bis Ende April vorzulegenden Regelungen abzuwarten sind, die dann noch einmal in einem Regulierungsverfahren für alle Marktbeteiligten zur Diskussion gestellt werden. Ob sich Kunden dann über „echte“ Alternativen freuen dürfen, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt nur zu hoffen.

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