Die Welt nach ISDN

So gelingt die Umstellung auf All-IP

| Autor / Redakteur: Doris Piepenbrink / Andreas Donner

Der Umstig auf VoIP steht für viele ISDN-Nutzer unmittelbar bevor.
Der Umstig auf VoIP steht für viele ISDN-Nutzer unmittelbar bevor. (Bild: vector_master - Fotolia.com)

Spätestens 2022 wird es kein ISDN mehr geben! Dann bietet auch Vodafone kein ISDN mehr an; die Deutsche Telekom (DTAG) will ihr Netz sogar schon bis 2018 komplett auf Ethernet-IP umgestellt haben. Privathaushalte, Freiberufler und kleine Gewerbetreibende mit einem S0-Anschluss müssen vielerorts bereits jetzt auf VDSL bzw. All-IP umsteigen.

In 53 Großstädten, darunter Hamburg, München und Berlin stellt die DTAG bis Mitte 2018 großflächig auf IP-Telefonie um. Zum Jahreswechsel sind nach Auskunft von Pressesprecher Georg von Wagner bei der DTAG 800.000 Geschäftskunden zu IP migriert, bis 2018 sollen es 3,9 Millionen werden. Im ersten Schritt adressiert der Netzbetreiber Kunden mit kombinierten Telefonie- und Internet-Verträgen oder mit einem ISDN-Anschluss über die S0-Schnittstelle. Diese Teilnehmer werden entweder über günstigere Konditionen zu einem DSL-Vertrag gelockt oder erhalten eine Kündigung und können dann zu einem anderen Anbieter wechseln.

Weiter mit ISDN bis 2022

Wer weiterhin bei ISDN bleiben möchte, kann es bei Vodafone versuchen. Dieser Anbieter verkündete im August letzten Jahres, dass er ISDN bis 2022 weiter betreiben wird. Manche regionale Netzanbieter wie die Vereinigten Stadtwerke nordöstlich von Hamburg bieten ISDN zum Beispiel als Option an. Geschäftskunden mit eigenem LAN können sich auch an Dienstleister wie QSC wenden.

Die Zukunft spricht Voice over IP

Die meisten Breitband-Netzanbieter arbeiten jedoch bereits vollständig IP-basiert und bieten nur günstigere Preise als die DTAG und/oder eine bessere Quality of Service. Denn sie konnten bereits jahrelang Erfahrung mit Voice over IP (VoIP) sammeln und mussten Sprache mit einer Qualität übertragen, die mit der Sprachqualität im analogen Festnetz vergleichbar ist.

Arbeitsweise SIP

Eine vergleichbare Sprachqualität wie im analogen Festnetz zu erreichen ist mit VoIP nicht einfach. IP-Pakete werden nicht unbedingt der Reihe nach und auch nicht alle über den gleichen Weg durchs Internet übertragen. Deshalb laufen kontinuierliche Datenströme wie Telefonie oder Videos über Sessions. Das Netzprotokoll Session Initiation Protocol (SIP) baut dabei die Kommunikationssitzung zwischen zwei und mehr Teilnehmern auf, steuert sie und baut sie wieder ab und regelt dabei die Kommunikationsmodalitäten.

Über das eingebettete Session Description Protocol (SDP) wird ausgehandelt, über welche Sprachkodierung (Codec), mit welchem Protokoll und an welche Netzadressen die Audiodaten ausgetauscht werden sollen. Bei IP-Telefonie überträgt das Realtime Transport Protcol (RTP) die Datenströme. Das funktioniert gut, solange die Bandbreite für die Übertragung ausreicht und zum Beispiel Maßnahmen zur Echokompensierung ergriffen wurden.

Sprachqualität bei VoIP

Die Sprachqualität einer VoP-Übertragung lässt sich über den MOS-Wert (MOS: Mean Opinion Score) ermitteln. Mit ihm kann die Qualität unterschiedlicher Sprachkodierungen (Codecs), Sprachverbindungen und Echokompensatoren miteinander verglichen werden. Die Skala reicht von 1 (mangelhaft) bis 5 (ausgezeichnet). Wie stark sich der Wert auf die Sprachqualität auswirkt, zeigt die Tabelle in der Bildergalerie.

Bei der Umstellung der DTAG auf DSL in München Anfang 2015 beispielsweise lag der MOS-LQ/CQS, also der MOS-Wert für die subjektive Hör- und Konversations-Qualität bei 2 (mäßig), weil sehr häufig und jeweils über das gesamte Gespräch hinweg Echos und Hall auftraten. Zudem brachen die Gespräche oft nach einigen Minuten ab. Die störenden Sound-Effekte lagen übrigens nicht am Telefon oder Router, denn sie reduzierten sich ohne weiteres Zutun kontinuierlich auf praktisch null. Auch zu Verbindungsabbrüchen kommt es aktuell nur noch selten. Die DTAG optimiert demnach ihr Netz für VoIP. Dabei sind Handwerker und Freiberufler unfreiwillige Beta-Tester.

Mit eigenem Router

Egal, in welchem Netz VoIP eingesetzt wird: Am wenigsten Schwierigkeiten gibt es bei der konkreten Umstellung, genauer bei der Konfiguration, wenn der Anwender einen Router des Netzanbieters nutzt. Dieser ist in der Regel vorkonfiguriert und arbeitet praktisch Plug&Play. Wer seinen eigenen Router weiterverwenden möchte, sollte auf der Webseite des Herstellers recherchieren, ob das Gerät den DSL-Standard Annex J unterstützt. Das sind zum Beispiel mehrere AVM-Fritzbox-, Lancom- und Zyxel-Router – und nicht nur die neuesten Modelle.

Bei der Umstellung eines Telekom-Anschlusses kann das Anschlusskabel fehlen, um den Router nun ohne Splitter direkt mit dem Teilnehmeranschluss zu verbinden. Das Kabel gibt es kostenlos im Telekom Shop als „DSL-Kabel für IP-basierten Anschluss“ (siehe Abbildung 3).

Die nächste Hürde sind die Anmeldedaten wie zum Beispiel die VoIP-Kennung: Diese Daten werden oft nicht automatisch mitgeliefert, sondern müssen beim Support nachgefragt werden. Die weitere Konfiguration des Routers ist unproblematisch. Dazu bieten die Hersteller gut nachvollziehbare Anleitungen. Das gilt zumindest für AVM, Lancom und Zyxel. Je nach verwendetem Router lassen sich über Analoganschlüsse vorhandene analoge Telefone und TK-Anlagen anbinden.

All-IP und Hochverfügbarkeit

Die Bundesnetzagentur schreibt vor, dass der Notruf 112 immer erreichbar ist. Dazu muss ein ständiger Empfang gewährleistet sein. Bei einer vollständigen Umstellung auf VoIP kann ein sechsstündiger Ausfall von IP-Netzsegmenten, wie am 6.12.2015 im Telekom-Netz geschehen, Leben kosten. Der Ausfall des RADIUS-Servers hat gezeigt, dass das Netz der DTAG noch nicht hochverfügbar, weil nicht vollständig redundant ausgelegt ist. Das macht es Unternehmen schwer, sich zu einem Umstieg komplett auf VoIP durchzuringen.

Umstieg für S2M-Geschäftskunden

Mehrere Netzanbieter haben heute schon Lösungen für Unternehmen mit über 10 Teilnehmern im Programm. Eine Alternative ist die IP-TK-Anlage in der Private Cloud eines Anbieters. Das reduziert den Aufwand im Unternehmen erheblich, birgt aber Risiken hinsichtlich der Datensicherheit und des Datenschutzes.

SIP-Trunks

Mit der SIP-Trunk-Technik kann eine IP-TK-Anlage viele gleichzeitige, IP-basierte Sprachverbindungen mit einem Provider aufbauen. Dabei weist der Provider der TK-Anlage ganze Rufnummernblöcke zu und dem SIP-Trunk eine definierte Kapazität an gleichzeitig aufbaubaren Sprachkanälen. Dieses durchwahlfähige Verfahren ermöglicht die SIP-Variante SIP-DDI (Direct Dial In). Mit SIP-DDI wird die Verwaltung der Nebenstellenanschlüsse komplett der IP-Telefonanlage übergeben. Das heißt, das Unternehmen könnte seine bestehenden Rufnummern portieren. Mehrere Breitbandanbieter haben SIP-Trunks im Programm. Im April 2016 will die DTAG ebenfalls mit dem Produkt „DeutschlandLAN SIP-Trunk“ auf den Markt kommen.

Umstellung bei größeren Netzen

Bei der IP-Umstellung der Telefonie in größeren Netzen, sollte vorher geprüft werden, ob Sonderdienste wie Gefahrenmeldeanlagen, Aufzugnotruf, oder auch Electronic-Cash-Terminals IP-fähig sind. Wenn nicht, muss mit dem Netzanbieter vorab eine Lösung zur Einbindung gefunden werden. Bei der Weiterverwendung von Router und TK-Anlage sollten beide IP-fähig sein.

Wenn auf SIP-Trunk migriert wird, sollte die TK-Anlage SIP Connect 1.1 unterstützen. Bei Hybridsystemen gibt es oft entsprechende Einbaumodule vom Hersteller. Über den Router lassen sich auch bestehende ISDN-TK-Anlagen weiterbetreiben, allerdings können dann nicht alle neuen Dienste und Funktionen des IP-basierten Anschlusses genutzt werden.

Viele Unternehmen nutzen bereits Hybrid-TK-Anlagen und setzen diese als Plattform für „Unified Communications und Collaboration“ für verschiedenste Kommunikationskanäle ein. Die Anlage ist ins LAN integriert und unterstützt meist auch VoIP. Solche IP-TK-Anlagen sind heute oft noch per ISDN-Gateway an einen S2M-ISDN-Anschluss angebunden. Basiert das VoIP dieser Anlage auf SIP, kann sie meist ohne große Probleme auf einen IP-Anschluss umgestellt werden.

Über die Autorin

Dipl.-Ing. Doris Piepenbrink ist technische Journalistin für Sprach- und Datennetze aus München.

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