Digitale Souveränität entscheidet sich nicht nur in Clouds und Rechenzentren, sondern auch in Netzwerken. Warum neutrale Internetknoten Nadelöhre vermeiden und was Frankfurt am Main zum Modell für souveräne Datenflüsse macht.
Für Dr. Thomas King, Chief Technology Officer bei DE-CIX, steht fest: Souveränität ist nicht nur eine Frage von Investitionen in digitale Infrastruktur – sie entscheidet sich zudem in der Möglichkeit, eigenständig über Technologien bestimmen zu können.
(Bild: DE-CIX)
Straßen, Schienen und Häfen haben eines gemein: Sie gelten als kritische Infrastruktur. Denn als Verkehrsadern, Drehkreuze und Umschlagplätze haben sie eine übergeordnete und bedeutende Funktion für das staatliche Gemeinwesen. Bei Ausfällen, Störungen oder Problemen drohen gravierende Folgen, die sich nicht nur punktuell, sondern systematisch auswirken können.
Egal, ob Rohstoffe, Medikamente oder Lebensmittel – wo immer Wirtschaft und Gesellschaft von kritischer Infrastruktur abhängen, macht das Staaten besonders verwundbar. Beispiel Energie: die wiederholte Blockaden der Straße von Hormus. Dabei ist die Meerenge nicht nur ein alternativloses Nadelöhr für den Ölhandel, sondern auch ein neuralgischer Punkt für die digitale Infrastruktur unseres Planeten. Auf dem Grund des Ozeans verlaufen dort Kabel, die Teile des Internets zwischen Europa, Asien und dem Persischen Golf verbinden. Datenleitungen, die strategisch so wertvoll sind, dass der Iran sie als Faustpfand ebenfalls bereits in den Blick genommen hat.
Bitkom: Firmen passen Strategien an
Von Rechenzentren über Glasfasernetze bis hin zu Unterseekabeln – nicht erst durch den Konflikt im Nahen Osten wird die digitale Infrastruktur zur Frage der eigenen Souveränität, sondern durch die Weltlage an sich. Beispielsweise halten sich laut Bitkom Unternehmen in Deutschland für zu abhängig von Cloud-Providern aus Übersee. Vor dem Hintergrund der aktuellen US-Politik passen viele hierzulande die eigene Strategie an. Schließlich würde ein Cloud-Ausfall fast jede zweite Firma über kurz oder lang faktisch lahmlegen, wie eine Umfrage des Digitalverbands zeigt.
Ob Störungen, Konflikte oder die Politik fremder Regierungen – was auch immer die eigene Unabhängigkeit infrage stellt, redundante, resiliente Systeme bieten sich als Antwort an. Beispiel globale Datenflüsse: Während sich Öltransporte über blockierte Meerengen kaum ersetzen lassen, stehen für Informationen im Cyberraum meistens Ausweichrouten bereit. Im Gegensatz zu Schiffen, Containern und Fässern sind digitale Pakete etwa an Internetknoten umlenkbar.
Redundante Internet Exchange-Architektur maximiert Verfügbarkeit
Internet Exchanges (IXs) sind zentrale Umschlagplätze für die Bits und Bytes unserer Welt. Rund um den Erdball schließen sich an ihnen Clouds, Netzwerke und Dienste eng vermascht zusammen. Unternehmen, die sich über IXs verbinden, optimieren den Datentransport. Da virtuelle Pakete direkt und privat und ohne Umweg über den öffentlichen Internet-Transit fließen, lassen sich Bandbreiten maximieren und Latenzzeiten minimieren. Beides sind Kernanforderungen für KI-Anwendungen, da minimierte Durchlaufzeiten entscheidend für alle echtzeitkritischen Use Cases sind.
Wer Informationen an Internetknoten unmittelbar zwischen Cloud- und KI-Plattformen, Rechenzentren und Anwendungen hin- und herbewegt, profitiert von kontrollierbaren physischen Pfaden. Der Weg, den Bits und Bytes nehmen, lässt sich souverän bestimmen, um etwa rechtliche Anforderungen an den Datenschutz zu gewährleisten oder gewisse Routen, Gebiete und Länder per se auszuschließen.
Unternehmen, die ihre Informationsströme derart beherrschbar machen, machen sie auch unabhängiger: Neutrale Internetknoten vermindern Lock-In-Gefahren auf Konnektivitätsebene. Statt auf einige wenige Großlieferanten setzt ihre verteilte Architektur auf viele unterschiedliche Provider. Derart aufgebaute IXs diversifizieren Risiken, sichern so die eigene Souveränität und reduzieren Ausfallchancen: Denn, da in der redundant ausgelegten Architektur eine Komponente jeweils für die andere einspringen kann, bleiben bei Störungen das Gesamtsystem und die Datenflüsse verfügbar. Beispielsweise integriert das globale, Provider-offene Ökosystem von DE-CIX knapp 4.700 Netzwerke, die über 1.000 Rechenzentren weltweit angeschlossen sind.
Kontrollierbarer, beherrschbarer und souveräner – in einer Zeit, in der sich Wertschöpfung über Software, IT und KI neu definiert, hängt ökonomischer Erfolg stärker denn je mit einer unabhängigen digitalen Infrastruktur zusammen. Offene Interconnection-Ökosysteme, auf denen sich datenbasierte Geschäftsmodelle übergreifend und transparent verbinden, erleichtern es den Firmen, unterschiedliche Clouds, Services oder Dienste mit KI zu kombinieren. Und das auch, um technische, organisatorische oder rechtliche Anforderungen mit digitaler Souveränität in Einklang zu bringen.
Stand: 08.12.2025
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Nicht anders Neoclouds: Die aus regionalen Rechenzentren bereitgestellten hochleistungsfähigen GPU-Cluster für KI-Anwendungen sind auf direkte, sichere und leistungsstarke Konnektivität angewiesen. Über verteilte Internetknoten lassen sie sich mit Datenquellen, anderen Clouds und Netzwerken zusammenschalten, was Latenzzeiten in smarten Use Cases optimiert und Neoclouds als unabhängige Hyperscaler-Alternative in Europa positioniert.
Fest steht außerdem: Souveränität ist nicht nur eine Frage von Investitionen in digitale Infrastruktur, sondern sie entscheidet sich zudem in der Möglichkeit, eigenständig über Technologien bestimmen zu können. Handlungsfähig bleibt am Ende genau der, der zwischen Angeboten auf einem offenen und transparenten Markt wählen kann. Nur das sichert Innovation und Fortschritt.
Über den Autor
Dr. Thomas King ist seit 2018 Chief Technology Officer (CTO) bei DE-CIX und seit 2022 Vorstandsmitglied der DE-CIX Group AG. Zuvor war King seit 2016 Chief Innovation Officer (CIO) bei DE-CIX. Zu Thomas Kings Kernprojekten bei DE-CIX gehören die technologische Weiterentwicklung des Unternehmens zum weltweit führenden Cloud Exchange Betreiber sowie die Automatisierung der IX-Plattform.
Über DE-CIX
DE-CIX (Aussprache [dˈeː-kˈɪks]; Deutscher Commercial Internet Exchange) ist der weltweit führende Betreiber von Internetknoten und bietet seine Peering- und Interconnection-Services unter anderem für Cloud und KI in 60 Standorten in Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, dem Nahen Osten und Asien an.
Im Jahr 1995 gingen das Unternehmen und sein erster Internetknoten in Frankfurt am Main an den Start. Heute ist DE-CIX von Rechenzentren in über 600 Städten weltweit aus erreichbar und verbindet Tausende Netzbetreiber (Carrier), Internet Service Provider (ISP), Content-Anbieter und Firmennetze aus mehr als 100 Ländern miteinander.
Der DE-CIX Frankfurt ist mit einem Datenvolumen von knapp 48 Exabyte pro Jahr (Stand 2025) und fast 1.100 angeschlossenen Netzwerken einer der größten Internetknoten der Welt. Mehr als 250 Mitarbeiter aus mehr als 35 Nationen bilden das Rückgrat der DE-CIX Erfolgsgeschichte in Deutschland und der Welt. DE-CIX prägt seit den Anfängen des Internets die Rahmenbedingungen des Netzes der Gegenwart und der Zukunft in verschiedenen globalen Leitgremien entscheidend mit.
Als Betreiber von kritischer IT-Infrastruktur trägt DE-CIX eine große Verantwortung für den reibungslosen, schnellen und sicheren Datenaustausch zwischen Menschen, Firmen und Organisationen an seinen globalen Standorten. Weitere Informationen unter www.de-cix.net.