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Zusammenhänge versteht man immer erst rückblickend Zoom redet Klartext

Sieger werden immer im Nachhinein gekürt. Obwohl die Pandemie weiterhin den Alltag bestimmt, gehört das US-amerikanische Unternehmen Zoom bereits zu den Gewinnern der Krise. Peer Stemmler, Head of DACH bei Zoom lässt 2020 Revue passieren und zeigt wo die Strategie hingeht.

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Oft ergeben Ereignisse erst im Nachhinein ein klares Bild.
Oft ergeben Ereignisse erst im Nachhinein ein klares Bild.
(Bild: Vladislav - stock.adobe.com)

Apple-Gründer Steve Jobs gibt in seiner „Commencement“ Rede an der Universität von Stanford den Absolventen den Rat, dass man nicht im Vorhinein Zusammenhänge von Ereignissen feststellen könne, sondern immer erst rückblickend. Doch gilt das US-amerikanische Softwareunternehmen Zoom mit einem explosionsartigem Wachstum von 367 Prozent schon jetzt als ein Gewinner der Coronakrise. Dem Report des dritten Geschäftsquartals zufolge liegt der Umsatz derzeit bei 777,2 Millionen US-Dollar (640 Millionen Euro).

Peer Stemmler, Head of DACH bei Zoom
Peer Stemmler, Head of DACH bei Zoom
(Bild: Fotostudio Hosenfeldt)

Begonnen hat Zoom mit Videokonferenzen für Unternehmen. Mit dem Ausbruch der Pandemie war jedoch jeder auf virtuelle Hilfsmittel angewiesen. „Wir haben damals gemerkt, dass der Bedarf nach Videokonferenzen weltweit da ist“, erläutert Peer Stemmler, Head of DACH bei Zoom, die Entscheidung, den Endverbraucher-Markt aktiver mit zu adressieren. „Da sind wir mit der Zeit gegangen. Erst danach weiß man, ob es sich gelohnt hat.“ Die gezielte Ansprache der Endkunden führte durchaus zu mehr Popularität. Umsatz macht Zoom aber weiterhin mit Business-Kunden. Derzeit nutzen 433.700 Firmen mit mehr als zehn Angestellten die Videosoftware des Unternehmens. Verbraucher schließen hingegen kaum Abos ab und greifen überwiegend auf das Gratis-Angebot von 40 Minuten Meetings zurück. Das Zoom auch vor dem Ausbruch der Pandemie bereit gestellt hat.

Schattenseiten der Popularität

Mit der stark gestiegenen Nutzung des Videodienstes wurden 2020 auch die ersten Sicherheitsbedenken laut. Das Schlagwort hier ist: „Bombing“. Bei diesem Cyberangriff dringen Hacker ohne Erlaubnis des Hosts in Meetings ein und können störende Bilder zeigen oder Malware austauschten. Bedingt und bekannt wurde das Problem vor allem durch die Consumer. „Meeting-Links und Screenshots von Meetings wurden über soziale Netzwerke verschickt oder geteilt“, erläutert Stemmler. „Bis dato war die Meeting-ID im Bildrand zu sehen. Ein Türöffner für Hacker.“

Die ID wird nun nicht mehr im Bild anzeigt und wurde darüber hinaus durch einen Code ersetzt. Eine weitere Sicherheit bietet auch der Warteraum, da der Host den Meeting-Teilnehmer manuell eintreten lässt. Und damit keine unerwünschten Inhalte in Meetings gezeigt werden können, hat einmal der Host nun mithilfe einer Steuerungsfunktion die Kontrolle über den Bildschirm anderer Besprechungsteilnehmer. Zudem hat Zoom in vergangenen Herbst einen Service zur „Benachrichtigung für gefährdete Meetings“ implementiert. Dieser überprüft automatisch öffentlich zugängliche Meldungen in sozialen Medien und andere öffentlich zugängliche Quellen auf Zoom Meeting Links. Wenn das Tool ein Meeting erkennt, bei dem ein hohes Risiko besteht, dass es gestört wird, benachrichtigt es den Kontoinhaber automatisch per E-Mail und gibt ihm Ratschläge, was zu tun ist. „Als wir hauptsächlich mit Unternehmen zu tun hatten, war das alles noch kein Problem“, berichtet Stemmler. „Erst mit den Consumern mussten wir Sicherheitsfeatures ausbauen, verbessern und ergänzen.“

End-to-End-Verschlüsselung

Darüber hinaus gab es Diskussionen über den Datenschutz. Der Grund dafür: die Verschlüsselung. Industriestandard sei Stemmler zufolge eine Transportverschlüsselung, das heißt die Daten werden bei diesem Verfahren auf den jeweiligen Verbindungsstrecken verschlüsselt. In einem typischen Meeting generiert die Zoom-Cloud die Encryption Keys und verteilt sie mit Hilfe der Zoom-Apps an die Teilnehmer, sobald sie beitreten. Die Gefahr: der Schlüssel liegt beim Anbieter.

Nach öffentlichen Bedenken hat Zoom im Herbst 2020 die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (E2EE) für Meetings eingeführt. Bei E2EE generiert der Gastgeber die Schlüssel und verteilt diese mithilfe von Public-Key-Kryptographie an die anderen Meeting-Teilnehmer. Die Server von Zoom werden dabei zu „blinden“ Relays (Oblivious Relays) und sollen keinerlei Zugriff auf die Schlüssel, die zum Entschlüsseln der Meeting-Inhalte erforderlich sind, haben. Genutzt wird es laut Stemmler von gerade mal 10 Prozent der Anwender, da am Ende die Bequemlichkeit der Nutzer doch überwiegt. „Der Security-Check hat uns insgesamt ein halbes Jahr gekostet, um alle Anschuldigungen und auch das Feedback einzuarbeiten“, resümiert der Manager. „Jetzt, in Nachhinein betrachtet, war das auch sehr gut so.“

Mehr als nur Video

Aufgrund der aktuellen Beschränkungen ist der Bedarf an Videokonferenzen weiterhin ungebrochen. Doch was kommt nach der Pandemie? Für Stemmler wird es so weitergehen, denn das Potenzial wurde von vielen erst jetzt erkannt. „Viele Prosumer haben im vergangenen Jahr aus der Not eine Tugend gemacht und ihre Angebote online umgesetzt“, führt der DACH-Chef aus. „Durch die größere Reichweite konnten viele trotz geringerer Kurskosten mehr Umsatz machen. Diese neue Business-Modelle werden auch in Zukunft bleiben.“ Weitere Chancen sieht Stemmler in virtuellen Messen, die sich in den kommenden Jahren aufgrund von Zeitersparnis sowie Umweltdebatten immer mehr etablieren werden.

Doch damit nicht genug. Durch die Coronakrise hat Zoom den Ruf als „Video-Only“-Anbieter bekommen, sie sind jedoch ein Video-First Unified Communications Platform-Anbieter und vor allem im Bereich UC liege Stemmler zufolge auch die Zukunft. „Das Tischtelefon ist ein altes Relikt, die nachkommende Generation braucht kein ,Plastik-Telefon' mehr. Sie ist mit dem Smartphone groß geworden und arbeitet damit auch.“

Ferner fordert nicht nur die nächste Generation an Fachkräften mobiles Arbeiten, vielmehr hat die Coronakrise bei vielen eine Blockade gelöst, denn beim Umzug ins Homeoffice konnten Tischtelefon und Telefonanlage nicht mit an den heimischen Schreibtisch ziehen. „Sie können das Plastik-Telefon nicht einfach mit nach Hause nehmen, es dort wieder anstecken und es funktioniert“, postuliert Stemmler und relativiert: „Das geht vielleicht noch mit der Cloud-PBX, wenn man will. Das, was jetzt zum Einsatz kommt, ist Headset und Rechner. So wird heute kommuniziert.“

Und dort wird es nach Ansicht des Managers in Zukunft auch weiter hingehen. Folglich ist das Ziel von Zoom, das UC-Angebot weiter auszubauen, und bei den Kunden auch als ein Anbieter dafür wahrgenommen zu werden. Die Chancen stehen Stemmler zufolge gut, denn Skype for Business soll Mitte 2021 abgeschaltet werden. Das bringt Potenzial für den UCC-Markt. „Die Kunden werden nicht einfach von Skype zu Teams wechseln“, erklärt Stemmler. „Sie schauen sich jetzt auf dem Markt um, und dann sind wir da. Das wird einer der Gründe sein, wieso wir weiterwachsen.“

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Über den Autor

 Ann-Marie Struck

Ann-Marie Struck

Redakteurin, Vogel IT-Medien