Wie sich das öffentliche Peering in private Netze verlagert

Peering gerät unter Druck

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Jan Hoogenboom erläutert, wie sich der Trafficanteil zugunsten von Caches und privaten Verbindungen verschiebt.
Jan Hoogenboom erläutert, wie sich der Trafficanteil zugunsten von Caches und privaten Verbindungen verschiebt. (Bild: Srocke)

Während der Bedarf für Interconnection-Dienste wächst, kämpfen die Anbieter um Marktanteile und Profit. Das öffentliche Peering gerät dabei durch sinkende Transitpreise sowie Netzwerkcaches und direkte Verbindungen zur Cloud unter Druck.

Mit der zunehmenden Digitalisierung wächst auch der Bedarf an Interconnection-Diensten. Dank derer können Unternehmen etwa datenhungrige Backendanwendungen in hybriden Multiclouds effizient vernetzen oder die Distanz zwischen Nutzern und Diensten verkürzen, um schnellere Reaktionszeiten zu erreichen. Die anfallenden Datentransfers verschieben sich dabei zunehmend in die Rechenzentren selbst. So wundert es wenig, dass die Interconnection-Bandbreite stark wächst: Volume 2 des 2018 von Equinix veröffentlichten „Global Interconnection Index“ prognostiziert branchenübergreifend einen zweistelligen jährlichen Zuwachs. Bis 2021 sollen die weltweit genutzten Kapazitäten 8.200 Tbit/s übersteigen.

Das klassische Peeringgeschäft wird dabei zwar absolut auch zulegen, hat aber schon jetzt gegenüber anderen Verbindungsoptionen an Gewicht verloren – so war es etwa auf den Neutral Peering Days 2018 zu hören. NL-ix CEO Jan Hoogenboom berichtete dabei vom Erstarken netzinterner Caches und privater Verbindungen. Zudem geraten Internetknoten durch sinkende Preise bei Peering sowie Transit unter wirtschaftlichen Druck. Ein ähnliches Bild zeichnete Christian Kaufmann, Senior Director of Network Technology beim CDN-Anbieter Akamai. Ihm zufolge werden private Netzwerke dem öffentlichen Internet zunehmend Marktanteile abjagen.

Public Peering und Transit

Unter Public Peering versteht man einen Zusammenschluss gleichrangiger Computernetzwerke, sprich Autonomous Systems (AS), um auf direktem Wege sowie ausschließlich miteinander Daten auszutauschen. Die beteiligten Partner geben sich dabei gegenseitig nur Adressen ihrer eigenen Netze bekannt, eine Verbindung zu allen weiteren Systemen des restlichen Internets ist nicht vorgesehen. Typischerweise werden derlei AS von Internet Service Providern betrieben, die sich über einen geteilten Switch verbinden – der arbeitet im „best effort“-Modus und stellt seine Kapazitäten parallel auch zahlreichen weiteren Nutzern zur Verfügung. Betrieben werden derlei Switches in der Regel von Internet Exchange Points, die ihre Leistung etwa nach der Zahl genutzter Ports abrechnen.

Damit unterscheidet sich das Peering vom Transit, bei dem ein Provider-ISP seine Dienste gebührenpflichtig zur Verfügung stellt und Daten anderer AS durchleitet. Ein als zahlender Kunde agierender ISP koppelt sich dabei mit dem Provider, der dann wiederum den Kontakt zu weiteren AS herstellt. Vorteil: Per Transit besteht Zugriff auf das gesamte öffentliche Internet. Nachteile: Daten laufen stets über den Transit-Betreiber und werden von diesem zusätzlich in Rechnung gestellt.

Historisch gesehen haben die Kosten für solche Transitdienste bis zum 100fachen über denen des Peering gelegen, sagt Hoogenboom. Mittlerweile hat sich das Preisgefüge allerdings komplett umgekehrt und Transitleistungen sind für weniger Geld zu haben als Peeringdienste. Damit würden Transitverkehre mit mehreren Upstreams und einer gesicherten Qualitätsgüte zu einer tauglichen Alternative für Peering.

Private Peering, Caches und Hybride

Als weitere Alternativen zum Public Peering gelten einerseits als ON-NET bezeichnete Caches – also in Access Networks platzierte Server, die Inhalte näher zum Verbraucher bringen. Zum anderen gewinnen auch private Interconnects und Fabrics an Bedeutung.

Beim privaten Peering werden Netzwerke ohne den Umweg über einen öffentlich genutzten Switch direkt miteinander gekoppelt – etwa über eine direkte Leitung innerhalb eines Rechenzentrums. Die beiden beteiligten Partner tauschen damit Daten über eine als sicher und zuverlässig geltende, bequem zu monitorende Verbindung mit garantierter Kapazität. Dafür sind entsprechende Crossconnects vergleichsweise umständlich zu implementieren und rechnen sich nur bei größeren Datenmengen.

Mischformen aus privatem und öffentlichem Peering wollen die Vorzüge beider Ansätze kombinieren. Equinix bietet mit der Cloud Exchange Fabric beispielsweise Virtual Crossconnects an. Dabei werden Daten weiterhin über einen Switch ausgetauscht. VLANs und partitionierte Ports sollen dabei jedoch per SLA vereinbarte Bandbreiten garantieren.

Über seine Cloud Exchange Fabric stellt der Anbieter auch direkte Verbindungen zu Cloudanbietern her – darunter AWS, Google Cloud, Microsoft Azure, SAP oder ProfitBricks, um nur einen Auszug zu nennen.

Quo vadis, Peering?

Nicht zuletzt aufgrund solcher Angebote steht für Christian Kaufmann von Akamai somit auch fest, dass künftig die meisten Verbindungen von Cloud zu Cloud respektive Cloud zu Content Delivery Network über private Verbindungen abgewickelt werden und nicht mehr über das öffentliche Internet. Das werde zwar genauso wie Internetknoten weiter existieren, sich aber weitgehend auf Verkehre mit geringem Volumen und direkten Verbindungen für Nischenanwendungen konzentrieren. Jan Hoogenboom beziffert den Anteil dieser Nische auf 20 Prozent des gesamten Traffic-Volumens und erkennt damit auch die wirtschaftlichen Implikationen für sich als Betreiber eines Internetknotens.

Wolle dieser mit privaten Verbindungen, Caches und Transit um den Löwenanteil des Marktes konkurrieren, bedürfe es einerseits einer „Hyper Cost Effectiveness“. Um Dienste wettbewerbsfähig anzubieten, müsse man also die eigenen Kosten drücken. Hierzu gehört für NL-ix auch, sich auf besonders lohnende Märkte zu konzentrieren – und weniger rentable Points of Presence (PoP) zu schließen.

Zum anderen schlägt der Anbieter gegen die direkt buchbaren Verbindungen zu einzelnen Cloudanbietern zurück und positioniert seine Peering-Plattform als vielversprechende Alternative. Dabei ermutigt NL-ix Unternehmen, selbst ein Autonomous System zu betreiben, als ISP aufzutreten und in Eigenregie Peeringverbindungen zu benötigten Cloudbetreibern herzustellen.

Über die dafür nötige Expertise gibt es freilich verschiedene Darstellungen. So suggerieren die Betreiber von Internetknoten oftmals einen vergleichsweise überschaubaren Aufwand und betonen die Vorzüge eines eigenen AS. Einem von DE-CIX publiziertem Video zufolge gehören hierzu:

  • mehr Redundanz durch mehrere Upstream-ISPs und Peering,
  • eigene Peering-Policys und mehr Kontrolle über ausgehende Daten,
  • optimierte Traffic-Kosten.

Anbieter dedizierter Verbindungen zur Cloud vermitteln derweil das Bild eines komplizierten Procederes, bis das eigene AS schließlich läuft.

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