Alles IP!

Vordenker entwerfen das Next Generation Network

03.11.2006 | Redakteur: Ulrike Ostler

Gefragt ist ein Service-orientiertes Netzwerk. Quelle: Cisco
Gefragt ist ein Service-orientiertes Netzwerk. Quelle: Cisco

Dank IP scheinen die Grenzen zwischen WAN und LAN, zwischen Systemen und Services zu verschwinden. Die Konvergenz der Infrastrukturen birgt riesige Chancen. Doch die zu erwartenden Umbrüche machen auch Angst.

Zum ersten Mal weitete sich in diesem Jahr der Systems-Kongress Communication World nicht nur auf einen zweiten Tag aus, sondern bekam mit dem NGN Summit (NGN = Next Generation Network) auch über ein neues Forum. Hier drehte sich alles um Ethernet/IP-basierte Services und Infrastrukturen.

Die Veranstaltung, im ersten Jahr noch klein aber fein, ist nur ein weiterer Ausdruck dafür, dass sich in diesem Kernbereich der Informationstechnik etwas rührt. Für die Veranstalter stehen zunächst einmal Marktzahlen im Vordergrund.

Voice over Internet Protocol (VoIP), eines der NGN-Kinder wachse geradezu explosionsartig, heißt es bereits im Vorwort des Konferenzbandes. 8,9 Millionen Anschlüsse gab es 2005; doch im Jahr 2010 sollen es 200 Millionen sein.

Der Markt für Ethernet, NGN-Schlüsseltechnik für den Transport und Services, legt pro Jahr um 30 Prozent zu. Im Markt für Breitband-Services sollen in den kommenden fünf Jahren rund 450 Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Doch suggerieren diese Zahlen nur, es gehe stringent aufwärts. Denn erstens ist weder für den Geschäftsbereich noch für das Privatkundengeschäfts klar, welche Dienste tatsächlich gebraucht, gewollt und bezahlbar sind. Zweitens steht zwar fest, dass NGN neue Geschäftsmodelle, neue Player und neue Kundenbeziehungen zur Folge haben wird. Wie tief die Umbrüche auch gesellschaftliche Erschütterungen nach sich ziehen, zeichnet sich erst allmählich ab.

Gesellschaftliche Folgen

So rechnet etwa die Deutsche Telekom, aber auch andere Telcos damit, dass die Netze der Zukunft mit nur 20 bis 25 Prozent der jetzigen Belegschaft betrieben werden können, erläutert Dan Bieler, Analyst des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Ovum.Erst kürzlich kursierten Zahlen aus einem internen Telekom-Papier durch die Zeitungen. Letztlich könnten nur 93 000 der jetzigen 167 000 Vollzeitmitarbeiter weiterhin beschäftigt bleiben, wolle der Konzern profitabel arbeiten, heißt es da.

McKinsey-Partner Johannes Pruchnow teilt die anstehenden Veränderungen, die mit dem NGN einhergehen, in vier Bereiche: Wachstum, Konkurrenz, Konvergenz und Kapital-Markt.

Zum Beispiel gebe es eine latente Nachfrage für IP TV und sogar Regionen, die zusammen rund 2 Millionen Verträge zusammenbringen: Hongkong, Korea und Frankreich. Somit lasse sich davon ausgehen, dass es hier einen Wachstumsmarkt für die Telekommunikationsanbieter gebe.

Das Verteufelte daran: IP TV sei nicht nur eine Option. Vielmehr seien die Telcos dazu verurteilt, erfolgreich sein. Denn sie brauchten neue Wachstumsmärkte, da sich das Wachstum in den traditionellen verringere. Es bliebe ihnen gar nichts anderes übrig, als in Glasfaser und Premium Content zu investieren.

Doch hier stießen sie auf neue Konkurrenz: die Top-Unternehmen aus dem Internet wie Google, Amazon und Ebay, insbesondere mit Skype.

Übergangserscheinung: Bundling

Ein Bereich, in dem die Konvergenz der Netze sichtbar werde, seien die kombinierten Telefonie-Angebote wie „T-One“ von T-COM für die Festnetz- und Mobiltelefonie mit einem Endgerät. Während dieses Angebot noch ganz frisch ist, konnte France Telekom innerhalb von vier Monaten 18 000 Kunden dafür gewinnen, und British Telekom 30 000 Kunden innerhalb von sechs Monaten.

Zugleich wächst offenbar die Kundenbindung. Nach Berechnungen von Cisco ließe sich die Wechselrate von 1,8 Prozent bei einer durchschnittlichen Vertragsdauer von 56 Monaten auf 0,9 Prozent senken, was einer Vertragsdauer von 112 Monaten entspräche. Das entspräche einer Wertsteigerung pro Kunde um 70 Prozent.

Die Änderungen treffen auch die Zubehör-Lieferanten. Es sehe ganz so aus, als gerate Netzwerk-Hardware zur Commodity, sagt Pruchnow. Das aber lasse Raum für neue Anbieter. Die etablierte Branche bekäme Konkurrenz aus den Billiglohnländern. Als Beispiel nennt der McKinsey-Partner den Telekom-Ausrüster und Cisco-Konkurrenten Huawei aus China.

Axel Foery, Produktionsleiter bei der Cisco Systems GmbH, indes peilt eine Post-SLA-Zeit (SLA = Service Level Agreement) an. Diese vertraglichen Vereinbarungen über das, was eine Infrastruktur technisch zu leisten habe, sei in spätestens fünf Jahren komplett außer Mode, prognostiziert er.

Bis dahin vollziehe sich zunächst die Integration der Netze auf der Transport-Ebene, sodann auf der Service-Ebene und schließlich bei den Applikationen. Die Ära „Managed Services“ hat bereits begonnen.

Ziel ist jedoch IT als kompletter Dienst, wie er von den Kunden wahrgenommen wird. Foery macht dabei zunächst keinen Unterschied zwischen WAN- und LAN-Angeboten, zwischen Mobilfunk-Festnetz-Datenleitungs-Bundle seitens der Telcos und Dienstleitung seitens der Rechenzentren. Diese müssen letztlich Services anbieten, die User-, Verbindungs-, Transaktions-, Applikations- und Session-basiert sind.

Orientierung am Kundenverhalten

Das beinhaltet einen Wechsel in der Wahrnehmung von Netzen als Selbstverständlichkeit hin zur bewussten, eingeforderten Erfahrung. Foery erläutert: „Bisher schaltet der Anwender seinen PC an und dieser, beziehungsweise das Netz, arbeitet. So sieht Selbstverständlichkeit aus.“

Schalte der Anwender hingegen seinen Rechner an und bekomme als Feedback: „Das Netz funktioniert“, entspreche das einem Erlebnis, einer positiven Erfahrung. „Dorthin geht die Reise“, sagt der Cisco-Manager.

Auf die Anwender komme es an. In der Befriedigung der Anwenderwünsche steckt laut Foery auch das Geld. Zur Begründung zieht er die Prognosen diverser Analystenhäuser heran und vergleicht sie mit Kennziffern aus dem Jahr 1997:

1997 2010

Internet-User: 70 Millionen 1,8 Milliarden

Breitband-Anschlüsse 1 Million 500 Millionen

Mobilfunkanschlüsse 200 Millionen 2,3 Milliarden

IP-Verkehr pro Monat 50 PB 8 EB

E-Commerce-Umsatz 22 Milliarden Dollar 800 Milliarden Dollar

Genau in diesem 800-Milliarden-Dollar-Markt seien Google und Ebay zu finden, während die Provider sich mit Infrastruktur-Diensten zufrieden gäben. „Eigentlich wären die Provider doch viel näher am Kunden“, wundert sich Foery. „Doch die machen nichts daraus.“

Auch der Cisco-Manager fordert: Das müsse sich ändern, wenn die Infrastruktur-Anbieter überleben wollten. Denn bisher machte der Anbieter Kohle, der die letzte Meile zum Kunden kontrollierte. Doch werde Infrastruktur zur Selbstverständlichkeit, entfalle dieser Vorteil.

So gelte es, die Anwender-Bedürfnisse erst zu nehmen. Sie bestimmten die Art der Dienstleistungen. Insofern geben es hier keine Unterschiede zwischen einem Verbraucher, der auf dem Handy fernsehen wolle, und einem Geschäftskunden, der genügend Kapazität benötigt, um eine Online-Werbekampagne zu starten.

Wie sehr Anspruch und Wirklichkeit derzeit auseinanderklaffen, demonstriert Foery mit Hilfe zweier Zahlen. Nach einer Untersuchung von CIO Insight im Dezember des vergangenen Jahres, die nach den Prioritäten in den befragten Unternehmen forschte, wollten 78 Prozent der Firmen die Umsätze steigern, und zwar nicht durch Kostenreduktion. Doch 43 Prozent der IT-Abteilungen können regelmäßig die geschäftlichen Anforderungen in ihren Systemen nicht umsetzen.

Sparen, nicht verdienen

Doch nach Angaben des Ovum-Analysten Bieler allerdings, wird die Ausrichtung der Telcos auf NGN, nicht durch die Aussicht auf neue Geschäfte angeschoben, sondern primär durch die Erwartung, Kosten zu sparen.

Die europäischen Telcos erwarteten, dass die Ausgaben für den operativen Geschäftsbetrieb (Opex = Operational Expenditure) zunächst relativ stabil blieben. Die Investitionsausgaben (Capex = Capital Expenditure), derzeit bei 12 bis 13 Prozent, hingegen stiegen zunächst um zwei bis drei Prozentpunkte, um dann deutlich zu sinken.

British Telekom etwa will ab 2008/2009 rund 1 Milliarde Pfund Cash pro Jahr einsparen und zwar je zur Hälfte beim Capex und Opex. Die Swisscom strebt in zwei bis drei Jahren Einsparungen von 100 Millionen Schweizer Franken jährlich an. KPN schließlich beziffert seine Investitionskosten mit 1 bis 1,5 Milliarden Euro. Ab 2010 jedoch beabsichtigt das niederländische Unternehmen, pro Jahr 100 Millionen Euro zu sparen.

Die Vereinheitlichung der Technik aber spart nicht nur, etwa durch Entlassungen. Die Kostenstrukturen ändern sich. Beispielsweise dürfte es unwesentlich teurer sein, zwei Devices zu produzieren als nur eins, sagt Bieler. Die Margen pro Kunde, pro Gerät und pro Service sänken, die Masse mache es.

Voice wird zur Selbstverständlichkeit und bleibt doch gleichzeitig die Killerapplikation schlechthin. Das führt dazu, dass Sprachkommunikation zum kostenlosen Bestandteil von Bundle-Angeboten wird.

Doch wann ist es soweit? Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) realisiert sich das Netz der Zukunft zwischen jetzt und 2020. Ovum-Experte Bieler geht davon aus, dass die Vereinheitlichung der Netze nicht eher umgesetzt wird, bis die alten Infrastrukturen abgeschrieben sind. Im Zweifelsfall, sagt er, findet NGN erst statt, wenn die jetzige Belegschaft gegen neue Kräfte ausgetauscht worden ist.

NGN wirkt auf den Kapitalmarkt

Damit ist schließlich klar, dass NGN auch den Kapitalmarkt beeinflusst, stellt McKinsey-Partner Pruchnow fest. Zu einer Prognose versteigt er sich dennoch nicht. Immerhin sei der Wechsel zum NGN ein Muss. Aber: „Wie sieht das passende Geschäftsmodell aus?“

Die Vordenker des NGN Summit scheinen in den kommenden Jahren eine Mischung aus Untergang und Aufbruchseuphorie zu erwarten. Pruchnow zieht zum Vergleich Zahlen aus der Dotcom-Phase heran.

Die Telekom-Ausrüster, zu denen etwa Cisco gehört, lagen, wenn die Betrachtung 1990 beginnt, schon eine ganze Weile über der Bewertung des Gesamtmarkts. Zu Spitzenzeiten bis zu einem Siebenfachen. Danach erfolgte allerdings der Zusammenbruch.

Die Meldungen von Massenentlassungen in der Größenordnung von deutschen Kleinstädten überschlugen sich. Allerdings, so der McKinsey-Partner, habe sich das Niveau wieder deutlich angehoben, so dass die Ausrüster heute wieder recht erfolgreich seien.

Die Telekommunikationsunternehmen dagegen hätten selbst zu besten Zeiten nur leicht über dem Durchschnitt der Börsennotierungen gelegen. Im Jahr 2000 wurde der Faktor zwei erreicht.

„Schauen wir einmal, wie es dieses Mal wird“, sagt Pruchnow.

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