Benchmarks und Beobachtungen zu Stabilität und Bandbreite

Satelliten-Internet Tooway im Praxistest

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Nicht sehr mobil, dafür aber schnell und fast überall nutzbar: Sat-Schüssel und Sat-Modem.
Nicht sehr mobil, dafür aber schnell und fast überall nutzbar: Sat-Schüssel und Sat-Modem.

Im zweiten Teil unseres Tooway-Praxistests untersuchen wir, wie leistungsfähig und zuverlässig das Satelliten-Internet im täglichen Einsatz arbeitet.

Wer riesige Postpakete auspackt und eine schwere Satellitenantenne montiert und ausrichtet, tut das nicht ohne Grund. Und so wollten auch wir wissen, ob sich all die Mühe gelohnt hat. Nach dem Aufbau haben wir das Tooway-System daher im langfristigen Praxiseinsatz beobachtet und mit verschiedenen Benchmarks malträtiert.

Bandbreite und Latenz

Zur Messung der vom System gelieferten Bandbreite bemühten wir zunächst das eigene Surf- und Downloaderleben. Die von Tooway versprochenen Spitzengeschwindigkeiten konnten wir dabei bestätigen und erreichten häufig Werte knapp unter 1.200 KByte/s. Uploads kamen in unserem Nutzungsverhalten seltener vor. Punktuelle Tests lassen zumindest Zweifel aufkommen, dass die volle Upstream-Geschwindigkeit dauerhaft zur Verfügung steht. So erreichten wir mit dem Webtool Speedmeter beispielsweise 0,5 Mbit/s und damit lediglich 25 Prozent des erwarteten Wertes, während der Download mit acht Mbit/s zur gleichen Zeit 80 Prozent des erwarteten Wertes erreichte. Das Webtool Speedreport meldete uns allerdings auch schon mal Werte von nur 1.224 kbit/s (60 Prozent).

Systembedingt hat das Satelliteninternet mit außergewöhnlich hohen Latenzen zu kämpfen. Der Grund: Übertragene Daten müssen vom Client zum Satelliten und wieder zurück zur Basisstation auf der Erde transportiert werden. Die Laufzeit für den einfachen Weg über einen 36.000 Kilometer über dem Äquator stehenden Satelliten gibt Tooway mit rund 250 Millisekunden an; dem entsprechen von uns ausgeführte Ping-Abfragen mit Resultaten zwischen 600 und 700 Millisekunden.

Damit ist Tooway nicht nur für Online-Gamer ungeeignet, sondern behindert auch Teleworker. Eine Arbeit per Remote-Desktop ist daher auch nur eingeschränkt möglich. Wir haben das exemplarisch mit LogMeIn getestet – mit weniger befriedigendem Ergebnis: Auf Mausklicks reagieren Systeme nur zögerlich; längere Texteingaben oder das Korrigieren von Vertippern geraten rasch zur Farce.

VoIP – eine Frage des Codecs

Die zu den Latenzen gemachten Aussagen treffen auch auf Telefonate zu. Prinzipbedingt müssen Anwender hier mit Verzögerungen leben. Bei unseren ersten Tests mit einem Sipgate-Client im WLAN mussten wir zudem eine erschreckend schlechte Sprachqualität konstatieren. Per Skype klang das Ganze dann zwar schon etwas verständlicher; dennoch griffen wir auch hier rasch zum Hörer eines klassischen Telefons und nutzten das Collaboration-Tool ausschließlich zur reinen Videoübertragung.

Für ein objektives Ergebnis haben wir mit dem Tool Trafficlyser eVT des Anbieters Nextragen direkt am Sat-Modem nachgemessen. Dabei nutzten wir wieder den zuvor angesprochenen Sipgate-Account sowie einen eigens für Testzwecke eingerichteten Festnetzanschluss von Nextragen. Mit einem "G.711 a-law"-Codec erreichten wir so lediglich einen mäßigen MOS (Mean Opinion Score), meist deutlich unter zwei. Zum Vergleich: Mit einem analogen Testaufbau schafften wir per VoIP-Datenverbindung über das Mobilfunknetz einen MOS über vier.

Auf Nachfrage empfahl uns Eutelsat, für die VoIP-Telefonie andere Codecs einzusetzen, beispielsweise G.729 oder G.723. Und tatsächlich, das jeweils genutzte Kodierverfahren macht anscheinend den Unterschied! Der Bequemlichkeit halber haben wir die Nachmessungen per WLAN und Router vorgenommen. Die Werte sind also nur untereinander vergleichbar. Mit G.729 erreichten wir einen MOS von 3,58; per GSM schafften wir 4,24.

Festzuhalten bleibt außerdem, dass wir keine garantierte Bandbreite für VoIP gebucht hatten. Die gibt es gegen Aufpreis.

Dennoch: Nach unseren Erfahrungen halten wir das VoIPen über Satellit zumindest für den Geschäftsbereich für fragwürdig.

Surfen unter falscher Flagge

Da Tooways Netzplattform von Eutelsats Breitband-Ableger Skylogic in Turin betrieben wird, surften wir automatisch mit italienischer IP im Netz. Damit konnten wir zwar bequem YouTube-Inhalte betrachten, für die es noch keine GEMA-Freigabe in Deutschland gibt. Andererseits blieben uns damit auch einige, auf nationale IP-Räume beschränkte Angebote verwehrt – darunter zählen beispielsweise einige Content-Angebote des Internethändlers Amazon oder verschiedener Streaming-Plattformen.

Nutzer, die zwingend eine deutsche IP-Adresse benötigen, sollten diese also von ihrem Distributor einfordern oder technische Alternativen abklären.

Wetter und Ausfälle

Während ein Schneesturm den TV-Empfang störte (oben) konnten wir mir knapp 400 KByte/s weitersurfen (unten).
Während ein Schneesturm den TV-Empfang störte (oben) konnten wir mir knapp 400 KByte/s weitersurfen (unten).

Das getestete Satelliten-Internet ist bei weitem nicht so wetteranfällig, wie von uns befürchtet. Selbst bei starkem Unwetter und dichtem Nebel blieb das System funktionstüchtig. Während eines heftigen Schneesturms, der bereits deutliche Empfangsstörungen und Senderausfälle unserer unabhängig zu Tooway genutzten TV-Anlage verursachte, erzielten wir bei Downloads noch immer Datenraten zwischen 300 und 400 Kilobyte pro Sekunde. Die von Eutelsat beworbenen Optimierungsverfahren (Adaptive Coding and Modulation, ACM) funktionieren offenbar bestens. Verglichen mit einer zuvor genutzten Mobilfunkverbindung machte das System auf uns sogar einen zuverlässigeren Eindruck.

Geschäftskritische Anwendungen sollten sich dennoch nicht allein auf das System verlassen. Der Anbieter verspricht lediglich eine Verfügbarkeit von 97 Prozent und auch wir konnten bereits regelmäßige Verbindungsabbrüche und einige kurzzeitige Systemausfälle miterleben.

Stromverbrauch

Um den Energiebedarf von ViaSat-Modem und angeschlossenem TRIA abzuschätzen, haben wir mit einem kostengünstigen Messgerät aus dem Supermarkt nachgemessen. Im Ausnahmefall zeigte das Gerät zwar Lastspitzen über 60 Watt, im Schnitt verbrauchte das Satellitenmodem aber um die 30 Watt. In einem siebentägigen Testzeitraum maßen wir konkret einen Durchschnittsverbrauch von 29,9 Watt bei einer Spitzenlast von 42,1 Watt.

Kinderkrankheiten und Updates

Zu Beginn unserer Tests im Spätsommer konnten wir beobachten, dass Downloadgeschwindigkeiten – unabhängig vom Wetter – teils stark einbrachen. Grund hierfür könnten einerseits Verbindungsprobleme bei der Gegenstelle sein: Selbst wenn die Verbindung vom Client zum Satelliten ordnungsgemäß funktioniert, könnte ja die Sicht zwischen Satellit und Basisstation gestört sein. Für Wahrscheinlicher halten wir aber Softwarefehler des relativ neu installierten Tooway-Systems.

Diese machen wir auch für weitere Fehler verantwortlich. So konnten wir gelegentlich keine E-Mails abrufen, während Downloads liefen. Bis Dezember war es zudem unmöglich, Downloads mit mehr als zwei Gigabyte Größe komplett und fehlerfrei herunterzuladen – für Interessenten aktueller Linux-Distributionen oder Windows-Betaversionen keine ungewöhnliche Dateigröße. Zusätzlich lieferten einige Server gelegentlich keine Webpages aus; Googles Chrome-Browser quittierte uns das hin und wieder mit der Meldung "Fehler 324 (net::ERR_EMPTY_RESPONSE): Server hat die Verbindung geschlossen. Es wurden keine Daten gesendet".

Ein am 14. Dezember durchgeführtes Update konnte die benannten Fehler zu großen Teilen beheben. Zusätzlich verspricht Eutelsat mit dem Update ein flüssigeres Surfen. Behoben wurden auch unter Mac OS bekannte Probleme mit HTTPS/IMAPS. Dennoch mussten wir aber selbst im Januar noch mit sporadischen 324-Fehlern leben.

Fazit

Internet per Tooway ist tatsächlich eine Alternative für bislang mit Breitband unterversorgte Regionen. Nutzer müssen sich freilich mit den designbedingten Schwächen des Systems arrangieren und bei einigen Anwendungen Abstriche machen, darunter VoIP oder Remote Desktops. In unserem Test konnten wir feststellen, dass sich Eutelsat aktiv um eine Verbesserung des Systems bemüht. Mit dem im Dezember gemachtten Systemupdate hat Tooway etliche Kinderkrankheiten abgestellt und einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht. Für geschäftskritische Anwendungen empfehlen wir dennoch einen zusätzlichen – notfalls schmalbandigen – Kommunikationskanal als Failover.

Tooway wird über verschiedene Distributoren angeboten, darunter skyDSL, Sat Internet Services oder Internetagentur Schott. Je nach Anbieter unterscheiden sich Produktpakete und angebotene Serviceleistungen.

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