Glasfaserausbau in Deutschland: den Anschluss nicht verpassen!

Ethernet-Point-to-Point (EPtP) vs. Passive Optical Network (PON)

| Redakteur: Andreas Donner

Ethernet-Point-to-Point (EPtP) oder Passive Optical Network (PON) – welche ist die bessere optische Zugangstechnik?
Ethernet-Point-to-Point (EPtP) oder Passive Optical Network (PON) – welche ist die bessere optische Zugangstechnik?

Seit Jahren heißt es „Die Glasfaser kommt“. In Deutschland aber hat der Glasfaserzug immer noch nicht so richtig an Fahrt aufgenommen – vor allem im internationalen Vergleich. Warum dies hierzulande so lange dauert und in welche Richtung sich die Netztechniken und Netzarchitekturen entwickeln, erklärt Klaus Pollak im Interview.

Herr Pollak, warum hinkt Deutschland in Sachen Glasfaserausbau im internationalen Vergleich so hinterher?

Pollak: Über Ursachen, warum Deutschland im internationalen Vergleich hinterherhinkt, ließe sich sicherlich trefflich streiten. Viel wichtiger ist doch aber: Was ist zu tun, damit sich das ändert. Hier brauchen wir unter anderem bessere Rahmenbedingungen für Netzbetreiber, die in eine Glasfaserinfrastruktur investieren wollen. So sind stabile regulatorische Rahmenbedingungen erforderlich.

Es geht um Investitionen mit einer Lebensdauer von mindestens 15 Jahren und die Grundlagen für die Investitionsmodelle müssen klar und eindeutig sein. Zudem ist die Glasfaserinfrastruktur für Städte und Gemeinden ein Mittel der Wirtschaftsförderung. Und hier gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, bei denen angesetzt werden könnte. Denn nahezu jedes Unternehmen in einem Gewerbegebiet ist auf einen schnellen Breitbandanschluss angewiesen.

Was sind die derzeit dringendsten Probleme, die in diesem Zusammenhang gelöst werden müssen?

Pollak: Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn auch die Öffentliche Hand selbst mehr investieren würde, etwa in Form von Public-Private-Partnerschaften. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen der Firma Sacoin und der niedersächsischen Gemeinde Oerel. Diese Public-Private-Partnerschaft namens „Unser Ortsnetz“ erschließt die gesamte Kommune mit Glasfaserhausanschlüssen bis in die Haushalte und betreibt das Netz.

Zusätzlich zu Public-Private-Partnerschaften gibt es die Möglichkeiten der Förderung durch die öffentliche Hand, konkret durch die EU, Bund und Länder. Hier sollten sich Gemeinden, in denen ein Bedarf besteht, genauer informieren, welche Optionen es gibt. Die Breitbandbüros von Bund und Ländern haben sich mittlerweile beim Informationsangebot gut aufgestellt. Allerdings sollte klar sein, dass öffentliche Gelder private Investitionen lediglich mit anschieben helfen, diese aber keinesfalls völlig ersetzen können.

In welche Richtung entwickeln sich die Netztechniken und Netzarchitekturen weiter?

Klaus Pollak, Head of Consulting & Projects, Keymile
Klaus Pollak, Head of Consulting & Projects, Keymile

Pollak: Mittel- bis langfristig läuft alles auf einen Gigabit-Hausanschluss hinaus. Dabei konkurrieren zwei Varianten miteinander: passive optische Netze (PON) und Ethernet-Punkt-zu-Punkt-Netzstrukturen (Ethernet-PtP) mit aktiven Komponenten.

PON teilt das Signal auf, damit eine Glasfaser von mehreren Kunden genutzt werden kann. Dagegen erhält bei Ethernet-PtP-Netzstrukturen jeder Teilnehmer eine „eigene“ Glasfaser. Bei der Entscheidung Ethernet-PtP vs. PON sollte der Netzbetreiber zunächst einmal die Bandbreite und die möglichst flexible Bandbreitenzuteilung berücksichtigen. Hier hat Ethernet-PtP deutliche Vorteile. Auch die einfache Aufrüstung gilt als Stärke von Ethernet-PtP.

Und die Marktverhältnisse sprechen für sich: Den neuesten Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Idate zufolge entfallen in Europa 73 Prozent der installierten Systeme auf Ethernet-PtP und nur ein knappes Fünftel auf PONs. Mit einer Multi-Service-Zugangsplattform wie Keymiles MileGate können Netzbetreiber Sprach-, Daten- und Fernsehdienste mit bis zu 1 Gbit/s pro Teilnehmer anbieten.

Aus einem Rack heraus lassen sich so 1.920 Teilnehmer über Glasfaser anschließen. Auch ein Parallelbetrieb von Glasfaser- und Kupferschnittstellen (VDSL2, ADSL2+) ist aus dem gleichen Chassis möglich.

Wie müssten die Geschäftsmodelle für die Glasfaser aussehen, um auf Dauer zum Erfolg zu führen? Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Open Access?

Pollak: Nachbarländer haben mit Open Access bereits gute Erfahrungen gemacht, Beispiele gibt es in den Niederlanden, der Schweiz und in Skandinavien. Open Access bedeutet die Bereitstellung des Kundenzugangs über ein physikalisches Netz durch unterschiedliche Diensteanbieter.

Insbesondere für kleinere Städte und dünner besiedelte Regionen wird dieses Modell mittlerweile als wesentliche Grundlage für den kommerziellen Erfolg des Glasfaserausbaus angesehen. Parallelinvestitionen in die Verlegung der Glasfaser und die Zugangstechnik können damit weitgehend vermieden werden, wodurch die Auslastung der neu verlegten Infrastruktur spürbar ansteigt.

Die aktuellen Förderprogramme zum Breitbandausbau verlangen deshalb auch als Voraussetzung der Förderung ein Open-Access-Angebot. Die Wahl der richtigen Netzarchitektur ist dabei von entscheidender Bedeutung. Ethernet-Point-to-Point-Netze eignen sich bei der Aufteilung der Netze auf verschiedene Diensteanbieter insbesondere wegen des damit möglichen individuellen Zugangs pro Teilnehmer zum Netz.

Welche Chancen sehen Sie konkret für Stadtwerke und Energieversorger in den kommenden Jahren beim Thema Breitbandversorgung?

Pollak: Regionale und kommunale Energieversorger bringen sehr gute Voraussetzungen mit, um neue Glasfasernetze zu verlegen und gegebenenfalls auch selbst zu betreiben. Sie verfügen über bestehende Infrastrukturen, die den Glasfaserausbau erleichtern und verbilligen können. Synergieeffekte ergeben sich beispielsweise bei Leerrohren, die entlang von Gas- oder Wasserleitungen gelegt wurden. Teilweise sind sogar Glasfasern vorsorglich verbaut worden.

Betriebsstätten, an denen die Versorgungsleitungen gewartet und verwaltet werden, können auch für den Aufbau von Netzzugängen genutzt werden. Zudem sind Versorgungsunternehmen gewohnt, in langen Investitionszyklen zu denken, was sie von privatwirtschaftlich betriebenen Unternehmen mit kurzfristigen Umsatzerwartungen unterscheidet. Nicht ohne Grund gründeten zahlreiche Versorgungsunternehmen eigene Telekommunikationstöchter oder beteiligten sich an regionalen Telekommunikationsnetzbetreibern.

Open Access ist für Stadtwerke und regional tätige Energieversorger ein attraktives Modell. Unterschiedliche Stufen der vertikalen Integration sind dabei möglich. Die Betreibermodelle erstrecken sich von der ausschließlichen Bereitstellung der passiven Glasfaser über die zusätzliche Bereitstellung des aktiven Zugangsequipments bis hin zum Anbieten eigener TK-Dienste. So können Versorger je nach geplantem Aufwand und Investitionsvolumen das für sie optimale Geschäftsmodell finden.

Klaus Pollak ist Head of Consulting & Projects bei Keymile

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