Green VoIP – Mythos und Wirklichkeit, Teil 2

Das Image der IP-Telefonie – zwischen Klimakiller und Umweltretter

03.11.2008 | Autor / Redakteur: Dr. Michael Wallbaum und Dr. Frank Imhoff / Andreas Donner

Mythos oder Wahrheit: ComConsult zeigt was wirklich dran ist am Thema „Green VoIP“; Quelle: Alberto Brandi - Fotolia.com
Mythos oder Wahrheit: ComConsult zeigt was wirklich dran ist am Thema „Green VoIP“; Quelle: Alberto Brandi - Fotolia.com

Sucht man bei Google nach dem Begriff „Green VoIP“ so erhält man derzeit 1.300 Treffer. Zum Vergleich: „Green IT“ liefert beachtliche 5,7 Millionen Treffer. Obwohl diese Unterdisziplin marketingtechnisch also noch in den Kinderschuhen steckt, wird auch der Energieverbrauch von Telefonielösungen zunehmend zum Thema – und nicht selten maßlos überbeansprucht. ComConsult wirft daher in diesem 5-teiligen Beitrag einen sachlichen Blick auf das Image der IP-Telefonie und trennt Mythos von Wirklichkeit.

Legt man die von ComConsult im ersten Teil dieser Beitragsserie genannten Zahlen für einen direkten Vergleich von Voice-over-IP- und traditionellen PBX-Anlagen zugrunde, ergibt sich ein anderes Bild als das vom VAF-Report gezeichnete und von vielen Medien begierig aufgenommene. Vom „Klimakiller VoIP“ bleibt dann keine Spur mehr.

Bevor jedoch die Berechnungen des VAF-Reports mit den korrigierten Parametern durchgeführt und mit den ursprünglichen Ergebnissen verglichen werden, soll zuerst noch ein weiterer Mythos des VAF-Reports ausgeräumt werden.

Mythos 2: IP-Telefonie erfordert ein separates Netz

In der Analyse des VAF werden dedizierte Switches für die VoIP-Telefone verbaut, die mit einer vermeintlichen Erhöhung der Redundanz motiviert werden. Eine Redundanz bei der Anbindung der Endgeräte wäre aber tatsächlich nur gegeben, wenn jedes IP-Telefon über zwei unterschiedliche Access Switches an das Unternehmensnetz angebunden wäre. Dies ist allein aus Kostengründen illusorisch.

Auch über den Aspekt der Redundanz hinausgehend existiert kein zwingender Grund, um ein separates physikalisches Netz für IP-Telefonie zu fordern. Zusätzliche Ports im Access-Bereich sind grundsätzlich nicht notwendig, wenn die Arbeitsplatz-PCs über die Miniswitches der Telefone angebunden werden. Auch erhöht sich die Verfügbarkeit eines Switches nicht allein dadurch, dass er für IP-Telefone reserviert ist. Es kann vielmehr davon ausgegangen werden, das PC- und Telefon-Switches im selben Verteiler installiert werden. Brände, Stromausfälle, Fehlpatchungen etc. betreffen also beide Bereiche gleichermaßen.

Es gibt eine Reihe von Fällen in denen eine Netztrennung zur Erhöhung der Ausfallsicherheit sinnvoll erscheint. Beispiele hierfür sind Broadcast-Stürme, die Flutung von Paketen, die fehlerhafte Vergabe von IP-Adressen durch DHCP-Server sowie Spanning-Tree-Probleme. Sicherheit wird auch häufig als Grund für Netztrennung im LAN vorgebracht.

In der Praxis werden diese Probleme jedoch durch die Einrichtung von virtuellen LANs (VLAN) auf einem physikalischen Netz adressiert. Ob die genannten Probleme damit zufriedenstellend gelöst werden können, sei dahingestellt. Für eine ausführliche Diskussion der VLAN-Thematik wird auf den Artikel „Virtuelle LANs am Arbeitsplatz bringen keine Sicherheit – Kommunikationssicherheit auf dem Irrweg“ von Dr. Behrooz Moayeri im Netzwerk-Insider März 2008 verwiesen. Festzuhalten bleibt, dass IP-Telefonie kein separates physikalisches Netz erfordert.

Für eine Neuberechnung des Vergleichs auf Grundlage des VAF-Modells werden dementsprechend folgende Eckwerte/Parameter festgelegt:

  • Kein separates Netz für IP-Telefone
  • Grundsystem HiPath 3500: 40 Watt
  • Grundsystem HiPath 4000: 250 Watt
  • TDM-Telefon: 1 Watt
  • VoIP-Server: 15 Watt
  • VoIP-Telefon: 3 Watt

Die Ergebnisse der Berechnungen (unter Verwendung der Excel-Datei des VAF) sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

Die Kostenunterschiede im Überblick

Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, dass die Kostenunterschiede zwischen TDM-, Hybrid- und VoIP-Systemen nicht so gravierend sind wie im VAF-Report dargestellt. Im Gegenteil: man könnte VoIP sogar als Stromspartechnologie und Klimaretter darstellen, wenn man die Ersparnisse bei der Verwendung von Softphones aufbauscht.

Abbildung 2 zeigt einen direkten Vergleich der berechneten Stromverbräuche für die unterschiedlichen Technologien für das Szenario mit 1.000 Teilnehmern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass VoIP weder ein Klimakiller noch ein Kostenfresser ist. Die Stromkosten können sich bei der heute üblichen Verwendung von Hardphones zwar moderat erhöhen, jedoch können diese Mehrausgaben leicht durch VoIP-typische Einspareffekte (Konsolidierung, Homogenisierung, vereinfachtes Management etc.) kompensiert werden.

Würde man den Kühlbedarf in die Kalkulation einbeziehen, dann wären VoIP-Lösungen aufgrund der dezentralen Wärmeabgabe sogar sparsamer – hierzu sei auf Mythos 5 verwiesen.

weiter mit: Mythos 3: IP-Telefone verbrauchen an Switches desselben Herstellers weniger Strom

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