Ist Voice over IP wirklich schlechter als ISDN- oder Analog-Telefonie

Was Sie schon immer über gute IP-Telefonie wissen wollten

| Autor / Redakteur: Andreas Steinkopf / Andreas Donner

Mit IP deutlich schlanker: TK-Infrastruktur mit IP-Vernetzung (rechts) im Vergleich zur klassischen ISDN-Telefonanlage (links).
Mit IP deutlich schlanker: TK-Infrastruktur mit IP-Vernetzung (rechts) im Vergleich zur klassischen ISDN-Telefonanlage (links). (Bild: QSC AG)

Obwohl gut im Markt etabliert, wird die IP-Telefonie immer wieder misstrauisch beäugt. Neben Störungen und fehlenden Funktionen gegenüber ISDN monieren Kritiker auch das einfache Abhören von Gesprächen. Alles nur üble Nachrede? Was ist eigentlich Stand der Technik?

Das Vorurteil, dass IP-Telefonie schlechter als ISDN- oder Analog-Telefonie sei, hält sich hartnäckig. Doch wenn es Störungen oder Ausfälle gibt, hat das erst mal nichts mit dem grundsätzlichen Konzept der IP-Telefonie zu tun. Vielmehr sind meist eine unsaubere Umsetzung, Störungen auf IP-Ebene oder eine unzureichende Kompatibilität von Systemkomponenten die Verursacher, vorzugsweise bei Privatkundenprodukten. IP-Telefonie für Unternehmen ist deutlich ausgereifter und arbeitet störungsfreier – vor allem deshalb, weil das Zusammenspiel aller Komponenten gewissenhafter geplant und umgesetzt wird.

Aber natürlich gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen IP- und klassischer Telefonie: Bei der Sprachqualität etwa kommt es darauf an, mit welchem Komprimierungsverfahren gearbeitet wird. Die Komprimierung dient dazu, den aus den analogen akustischen Signalen generierten digitalen Datenstrom zu verdichten, damit die Bandbreite für die Übertragung klein gehalten werden kann. Die Komprimierungsverfahren beruhen auf der Methode der Codierung/Decodierung und werden daher Codecs genannt. Sie filtern fürs menschliche Gehör unwichtige Informationen heraus.

Werden aber zu viele Informationen weggelassen, leidet die Sprachqualität hörbar. Das ist aber auch schon beim ISDN-Codec G.711 der Fall, der auch bei IP-Telefonie Standard ist und mit 8.000 Abtastungen pro Sekunde arbeitet. Damit ist prinzipiell eine Audiobandbreite von maximal 4 kHz möglich – in der Praxis werden 3,4 kHz realisiert. Mit der Implementierung des neueren IP-Codecs G.722 in die meisten VoIP-Endgeräte übernimmt die IP-Telefonie mit der etwa doppelten Audiobandbreite die Sprachqualitätsführung vor ISDN.

Auch Echos bei Telefonaten müssen nicht sein: Zwar kann es bei Voice-over-IP grundsätzlich eher als bei klassischer Telefonie zur Bildung solcher Störungen kommen. Das hat mit der Dauer der Datenübertragung zu tun – der Laufzeit oder Latenz also, die in IP-Netzen größer ist als in den klassischen ISDN-Netzen. Außerdem spielt der Jitter eine große Rolle: die zeitliche Schwankung zwischen dem Empfang von zwei Datenpaketen, die durch so genannte Pufferung am Empfänger ausgeglichen werden muss.

Doch werden moderne Breitbandanschlüsse mit einer Quality-of-Service-Funktion (QoS) und professionelle IP-Telefone verwendet, können solche negativen Einflussfaktoren auf die Sprachqualität – meist mit dem Mean Opinion Score (MOS) angegeben – so in Grenzen gehalten werden, dass man keine Verschlechterung im Vergleich zu ISDN hört.

Wie sieht es mit dem Leistungsumfang aus?

Neben der Sprachqualität spielt aber auch der Leistungsumfang eine große Rolle: Tatsächlich ist es nicht mit derselben Zuverlässigkeit wie bei ISDN möglich, Faxe über IP zu versenden. Hier bieten sich aber Unified-Communication-Dienste (UCC) an, die auch den Faxversand erlauben und dabei Zusatzservices bieten, die es bei herkömmlichen Faxgeräten nicht gibt – zum Beispiel sofortige E-Mail-Benachrichtigung, wenn ein Fax empfangen wird, oder automatisierte Workflows und Anwendungsintegration. Solche UCC-Fax-Server lassen sich robust über SIP-basierte Telefonanlagenanschlüsse (SIP-Trunks) beim Anwender oder als Cloud-Service beim Carrier betreiben.

Außerdem erlaubt die IP-Telefonie in Form von SIP-Trunks Lösungen, die mit ISDN nicht möglich wären – zum Beispiel die direkte Zuführung der Rufnummern aller Standorte von Telefonienutzern einer Organisation zu einer zentralisierten UCC-TK-Anlage. So können die bisher bei ISDN verwendeten dezentralen TK-Anlagen oder ISDN-Gateways auf eine zentrale Anlage konsolidiert werden. Und damit ist es möglich, alle Niederlassungen in ein Firmentelefonnetz zu integrieren. Der Mitarbeiter in der Niederlassung telefoniert so mit Kollegen in der Firmenzentrale kostenlos.

Insbesondere drei Punkte machen den Betrieb der IP-basierten Telefonie besonders zuverlässig:

1. Next Generation Network (NGN)

Das zugrunde liegende IP-Backbone und das IP-Access-Network eines NGN können mit Quality-of-Service-Funktionen (QoS) ausgestattet werden, wie es etwa die QSC AG getan hat. Dies ermöglicht es beispielsweise, die Voice-over-IP-Daten mit QoS zu übertragen, also Telefonate gegenüber dem Datenverkehr zu priorisieren. Für viele Anwender stellt dies ein wichtiges Merkmal und das ausschlaggebende Argument dar, IP-Telefonie direkt über einen IP- und Voice-Carrier zu realisieren. Die ständige Optimierung der eingesetzten Soft- und Hardware, das Management der Komponenten oder auch die Realisierung diverser NGN- oder Cloud-basierter Dienste erhöht weiterhin den Kundennutzen.

2. Redundanz-Konzept

Der hoch-redundante NGN-Aufbau sowie gute, produktbezogene Redundanz-Konzepte sorgen dafür, dass Unternehmen redundante, örtlich verteilte UCC-TK-Anlagen aufbauen und somit prinzipiell eine höhere Verfügbarkeit erreichen können als mit ISDN-Backup-Strategien. Auch die IP-basierte Standortanbindung von UCC-TK-Anlagen kann sowohl ITK-konvergent als auch redundant ausgelegt werden. Das alles sorgt dafür, dass die Verfügbarkeit und die Ausfallsicherheit der Telefonie und der Computerkommunikation extrem hoch sind.

3. Kooperation mit Herstellern

Die enge Kooperation zwischen Carriern und UCC-TK-Anlagenherstellern ist beim Thema Voice-over-IP von großer Bedeutung, ebenso wie die Standardisierung – denn je standardisierter die verwendeten Schnittstellen sind, umso reibungsloser funktioniert die IP-Telefonie. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang ein Industrie-Standard wie SIPconnect 1.1. Zusammen mit UCC-TK-Anlagen-, aber auch Gateway- oder E-SBC-Herstellern (Enterprise Session Border Controllern) führen Carrier idealerweise ausführliche Freigabetests durch, bevor etwa ein SIP-Trunk Anwendern empfohlen wird. Damit wird dafür gesorgt, dass TK-Anlage und Sprachanschluss reibungslos zusammenspielen und dem Endanwender alle Telefoniefunktionen der TK-Anlage zur Verfügung stehen.

Warum setzen Unternehmen auf IP-Telefonie?

Der Hauptvorteil für Unternehmen liegt in der ITK-Konvergenz: Während klassische Telekommunikation und Datenverarbeitung zwei verschiedene Welten mit unterschiedlichen Übertragungsstrecken, Regeln und Erfordernissen waren, erlaubt die IP-Telefonie nun, auf einen Teil davon zu verzichten. Alles – auch die Telekommunikation – läuft damit über IP.

Für Unternehmen ergeben sich daraus deutliche Kosten- und Strukturvorteile beim Aufbau von UCC-TK-Anlagen: Die ITK-Infrastruktur ist einfacher zu pflegen, moderne UCC-TK-Anlagen lassen sich besser in die bestehende IT-Umgebung integrieren – Computer-Telephony-Integration (CTI) wird einfacher. Hinzu kommt die leichtere Skalierbarkeit – etwa bei der Wahl der gleichzeitig nutzbaren Sprachkanäle. Außerdem können Kosten gesenkt werden, etwa wenn IP-Access- als auch TK-Anschlüsse von einem gleichen Carrier bezogen werden.

Wie macht man IP-Telefonie (abhör)sicher?

Wer nicht nur die IP-Telefonanschlüsse, sondern auch die Internetzugänge aus einer Hand von einem Carrier nutzt, der über ein eigenes NGN und Backbone verfügt, minimiert den Datenverkehr über fremde Netze und Server – und damit die Zahl der Punkte, an denen Datendiebe ansetzen könnten.

Bei richtigem Design fließen Sprachdaten dann ausschließlich von und zu den Carrier-eigenen SBCs. Damit wird verhindert, dass VoIP-Verbindungen mit beliebigen IP-Zielen aufgebaut werden müssen. Und die Unternehmens-eigene Firewall muss nur zu den IP-Subnetzen geöffnet werden, in die diese hochredundanten Carrier-SBCs eingebunden sind.

Somit ergibt sich ein Gleichstand mit der herkömmlichen ISDN-Lösung: Sowohl bei einem ISDN- als auch einem SIP-Trunk-Anschluss muss man jeweils seinem Carrier vertrauen, dass er seine Netzkomponenten vor externen Zugriffen schützt, was mit einem Threat-Management der Netzkomponenten erfolgen kann.

Andreas Steinkopf
Andreas Steinkopf (Bild: QSC AG)

Auch die Option einer TLS/SRTP-Verschlüsselung für SIP-Trunk-Anschlüsse ist ein weiterer Sicherheits-relevanter Aspekt. Hier handelt es sich um das Verschlüsselungsprotokoll, das in der etablierten Norm SIPconnect 1.1 zur Verschlüsselung des SIP-Trunks definiert ist und vom Carrier optional angeboten werden kann.

Über den Autor

Andreas Steinkopf ist Produktmanager VoIP im Bereich ITK-Produkte beim Kölner Systemhaus QSC AG.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43064365 / Voice over IP)