Software-Defined im Telko-Umfeld

Software ersetzt Hardware und erobert die IT-Welt

| Autor / Redakteur: Dietmar Becker / Andreas Donner

Software-Defined hält nun auch in der Telekommunikationsbranche Einzug.
Software-Defined hält nun auch in der Telekommunikationsbranche Einzug. (Bild: © Dmitry - stock.adobe.com)

Aufgaben, die früher Geräte mit herstellerspezifischer Firmware erforderten, werden in der IT heute durch standardisierte Hardware und dafür entwickelte Software erledigt. Das gilt sogar für Kommunikationsnetze.

Es ist ein seit Jahren andauernder Trend: Die Bedeutung von Hardware nimmt ab, Software übernimmt viele ihrer Funktionen. Ein einfaches Beispiel ist das Smartphone, das durch seine Apps viele Geräte ersetzen kann, etwa Wecker, Stoppuhr, Kompass, GPS-Tracker, Navigationsgerät, Fotokamera, Videokamera und Audiorekorder.

Diese Entwicklung trifft auch die IT in Unternehmen. Wer beispielsweise einen eigenen Webserver haben möchte, mietet ihn zumeist bei einem Hosting-Anbieter. Noch vor wenigen Jahren bekam er dafür einen Einzelrechner zugewiesen. Heute ist das anders, denn durch Virtualisierung wurde die Verbindung zwischen Server und Hardware aufgebrochen. Die aktuelle Vertriebsform beim Server-Hosting ist der virtuelle Webserver, der durch Software simuliert wird. Auf welcher Hardware er läuft, ist zweitrangig.

Der bekannte Investor Marc Andreessen beschrieb diese Entwicklung bereits 2011 als "software is eating the world". Er erkannte damals einen umfassenden Trend: Digitalkameras sind in erster Linie Software, moderne Elektroautos ebenfalls und Smartphones erst recht. Auch die Kommunikation in Unternehmen läuft immer häufiger über Anwendungen, zum Beispiel mit IP-basierten Telefon-Apps, Videokonferenz-Tools, Enterprise Social Networks sowie internen Messengern und Chat-Systemen.

Megatrend "Software-Defined Everything"

Der Satz von Marc Andreessen müsste also eigentlich heißen "Software eats Hardware". Die Entwicklung führt zum Einsatz von Software-definierten Funktionen für alle möglichen Zwecke. Der Fachbegriff dafür ist "Software-Defined Everything". Das macht auch vor Rechenzentren nicht halt. Sie wandeln sich allmählich zu Cloud-Systemen mit Software-basierten Hardware-Simulationen. Ein Beispiel an dieser Stelle sind virtuelle Desktops, die per Cloud ausgeliefert werden und nicht an den Rechner des Nutzers gebunden sind. Der Vorteil: Die Mitarbeiter können ihre Arbeitsumgebung überallhin mitnehmen, auf jedes Gerät an jeden Ort der Welt.

Auch der Rechenzentrumsbetrieb selbst verändert sich. So entkoppelt das Konzept von "Software-Defined Storage" die zugewiesenen Storage-Einheiten von der darunterliegenden Geräteschicht. Dies erlaubt den flexiblen Einsatz unterschiedlicher und beliebig vieler Komponenten in Storage Area Networks (SANs), während gleichzeitig die Nutzer den gewünschten Speicherplatz bekommen – ohne Größenbeschränkung und mit den angeforderten Leistungsdaten.

Der nächste Schritt ist dann "Software-Defined Infrastructure", was die im Unternehmen sichtbare IT-Infrastruktur flexibilisiert. Damit ist es möglich, Server, Storage und Peripherie auf eine Mischung aus internen Ressourcen und Public-Cloud-Services umzulegen. Aus Nutzersicht werden weiterhin die üblichen Komponenten genutzt, denen jedoch keine dedizierte Hardware mehr entspricht.

Netzwerke lösen sich in Software auf

Infolge dieser Entwicklung lösen sich auch die von den Unternehmen eingesetzten Hardware-Netzwerke langsam in Software auf – Software-Defined Networking (SDN) heißt dieser Trend. Dabei gibt es eine deutliche Trennung zwischen den Netzwerkgeräten und der Steuerungsebene. Die Hardware hat nur noch eine vergleichsweise einfache Aufgabe: Sie leitet Datenpakete weiter und besitzt selbst keine eigene Intelligenz. Die Verwaltung aller Netzkomponenten und die Steuerung der Datenflüsse geschehen durch einen zentralen Network-Controller. Das kann ein einzelner Server sein, ein virtueller Server in einem Rechenzentrum oder eine Cloud-Anwendung.

Der Vorteil: Die Betreiber der Rechenzentren sind nicht mehr auf bestimmte Hardware einzelner Hersteller angewiesen. Trotz aller Standardisierung gibt es bei klassischer Netzwerk-Hardware häufig noch den ungeliebten Vendor-Lock-in. Er führt dazu, dass eine Richtungsentscheidung für bestimmte Hersteller zu einer "technischen Einbahnstraße" wird, die der Betreiber nur schwer und unter hohen Kosten verlassen kann. Durch die Trennung von Software und Hardware tritt dieses Problem in den Hintergrund. Doch die Hardware-Ungebundenheit ist nicht der einzige Vorteil. „Software-Defined Networking“ bedeutet auch mehr Wahlfreiheit bei der Software, sodass die Betreiber die jeweils besten und kosteneffizientesten Lösungen aussuchen können.

Dieser Ansatz verbreitet sich auch in der Kommunikation. Bei den Telekommunikationsunternehmen etwa werden herstellerspezifische Geräte durch Standard-Hardware aus der IT und passende Controller-Software ersetzt, die Kommunikationsfunktionen anbietet und überwacht. Aus Betreibersicht hat das viele Vorteile: So können beispielsweise Kommunikationsfunktionen jederzeit nachgerüstet werden; außerdem ist es möglich, die Netz- oder Dienste-Qualität zu verbessern, indem wenig optimal funktionierende Anwendungen einfach ersetzt werden. Da auch in der Telekommunikation die Produktzyklen immer kürzer werden, müssen den Kunden neue Dienste möglichst rasch angeboten werden. Die Austauschbarkeit von Software macht das Unternehmen an dieser Stelle agiler.

Software-definierte Kommunikation auf dem Vormarsch

In Zukunft gibt SDN den Unternehmen außerdem neue Möglichkeiten an die Hand, beispielsweise den Aufbau eines eigenen Kommunikationsnetzes ohne Beteiligung der großen Anbieter. Erfahrene B2B-Provider wie die mittelständische Plusnet GmbH setzen bereits heute auf virtuelle Netze. Plusnet stellt anhand der Technologie anderen TK-Anbietern sowie Stadtwerken bestimmte Netzfunktionen im Rahmen seiner Managed Network Services bereit. Auch der Mutterkonzern QSC setzt beim Betrieb seiner Rechenzentren und den Cloud-Services auf SDN, etwa um die Netzwerkstrukturen schlanker und agiler zu gestalten.

Für Telekommunikationsunternehmen bringt SDN deutliche Preisvorteile, denn die Netze sind schneller einzurichten und zu erweitern. Ähnlich wie in der IT bewirkt der Einsatz virtueller Systeme eine Kostensenkung. Weitaus größere Vorteile bietet aber die höhere Flexibilität der Software: Neue Services sind schnell zu testen und einzuführen, der komplizierte und kostenträchtige Austausch von Hardwarekomponenten und Kabelstrecken ist nicht mehr notwendig. Es ist sogar denkbar, dass künftige Anbieter Netze ausschließlich auf Software-Basis betreiben.

Dietmar Becker.
Dietmar Becker. (Bild: Plusnet/QSC)

Die Domäne dieser zukünftigen Anbieter werden zahlreiche neu gestalteten Dienste sein. Die Entwicklung ist bereits heute absehbar: So sind Cloud-basierte Telefonanlagen (PBX) wie die Centrex vielen klassischen Hardware-Anlagen bei weitem überlegen. Sie binden Außendienstler und Heimarbeiter unkompliziert ein, führen sämtliche Kommunikationskanäle inklusive Videokonferenz und Chat zusammen und sind beliebig skalierbar. Ausgehend davon wird die Entwicklung in dieser Richtung weitergehen – von der Hardware-basierten Telekommunikation hin zu einem reinen Software-Netz, dass über die Cloud betrieben wird.

Über den Autor

Dietmar Becker leitet die Geschäftsentwicklung der Plusnet GmbH, einem Tochterunternehmen der QSC AG.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45943110 / Basiswissen)