VoIP-Standard bietet Chance für die Kommunikationssparte von Siemens

Siemens-Telefonanlagen sind jetzt soft und sprechen offen SIP

17.07.2007 | Redakteur: Ulrike Ostler

Hipath 8000 auf IBM-Server; Quelle: Anruf Heft 2, 2007
Hipath 8000 auf IBM-Server; Quelle: Anruf Heft 2, 2007

Siemens stellt Telefonanlagen her. Das stimmt – auch weiterhin. Allerdings ist „die Hipath 8000“ für Carrier, Konzerne und kleinere Organisationen reine Software bzw. ein Softswitch für die Sprach- und Datenkommunikation. Türöffner für das neue Beratungs- und Lizenzgeschäft soll der Standard Session Initiation Protocol (SIP) sein.

Ob die Transformation in ein auf offene Standards im IP-Umfeld abonniertes Unternehmen gelingt, scheint noch nicht entschieden. Siemens Enterprise Communications gibt es erst seit Oktober 2006 als Resultat der Zerschlagung des Siemens-Unternehmensbereichs Communications. Doch zumindest stehen die Zeichen nicht schlecht.

Dan Bieler etwa, Director Consulting European Telecommunications & Networking bei IDC, kennt nur gute Analysen, was den Softswitch angeht. Seinen Aussagen zufolge, habe das Top-Management darüber hinaus eindeutige Aussagen getroffen, dass die Reise Richtung Software- und Service-Anbieter geht. Nun aber müsse es gelingen, das mittlere Management auf diese Reise mitzunehmen.

Sofern das aber klappe, stünden die Chancen gut, mit dem Angebot das Loch, das die großen Telefon-Carrier aufrissen, zu füllen. Diese, außer British Telecom, verschliefen entweder den Trend zu konvergenten Sprach-Daten-Diensten oder wüssten nicht, wie sie etwa Managed Services aufsetzen und an den Mann bringen sollen. „Die haben die falschen Mitarbeiter und die falschen Ansprechpartner in den Unternehmen; IT-Integratoren aber haben jeweils die richtigen.“

Siemens als Fräulein vom Amt

So wird Siemens Enterprise Communications (Siemens) erstmals als Service-Provider die Internet-Dienste einer Hotelgruppe betreiben. Das Unternehmen fungiert als Projektentwickler, Investor und Betreiber.

In Deutschland wurden 27 Mercure- und Novotel-Hotels von Accor mit VDSL-Lösungen (VDSL = Very Highspeed Digital Subscriber Line) des Herstellers SMC Networks ausgestattet. Darüber hinaus erhielten weitere 28 Hotels einen schnellen Internet-Zugang in den Gästezimmern mittels herkömmlicher Cat.5/Cat.3-Technologie. Damit können Hotelgäste von ihrem Zimmer aus zeitgleich einen Highspeed-Internet-Anschluss (HSIA) nutzen und telefonieren. Der Clou: Die Nutzungsgebühren fließen Siemens Enterprise Communications zu.

Voice over IP als Schlüsseldienst

Das neue Image aber wird zudem wesentlich von der Thematik Voice over IP (VoIP) geprägt, wenngleich der Markt mit IP-PBX-Anlagen noch vergleichsweise klein ist. Laut Bieler beträgt der Umsatz in Deutschland rund 500 Millionen Euro, in Westeuropa rund 2.7 Milliarden Euro. Zirka ein Viertel davon kann Siemens für sich verbuchen.

Der Umzug der Sprachkommunikation auf IP-Netze findet statt. Laut Bieler wird überall dort migriert, wo die herkömmlichen Anlagen einer Begrenzung entgegengehen und ohnehin ausgetauscht gehörten. Das aber öffne Angeboten die Tür, die einerseits durch offene Standards auf einen längeren Zeitraum ihre Integrationsfähigkeit behielten und andererseits analoge Anlagen einbinden könnten. Hipath 8000 kann beides.

Nach Erläuterungen von Egbert Nolte, Vice President Technical Sales Support für Hipath 8000, zeichnet sich das Produkt dadurch aus, das es SIP in Reinform unterstütze. SIP, im RFC 3261 (früher RFC 2543) spezifiziert, ist das derzeit gebräuchlichste IP-Netzprotokoll zum Aufbau einer Kommunikationssitzung zwischen zwei und mehr Teilnehmern.

Das Sitzungs-Protokoll

Im Gegensatz zu H.323, das von der International Telecommunication Union (ITU-T) stammt, wurde SIP von der Internet Engineering Task Force (IETF) entwickelt. Das Design lehnt sich an das Hypertext Transfer Protokoll (HTTP) an, ist zu diesem aber inkompatibel.

Das Protokoll taugt für diverse Architekturen, etwa Proxy, Back-to-back-User Agent (B2BUO) und Peer-to-Peer und erlaubt per SIP-Trunking die Kommunikation in verschiedene Netze, von Unternehmens- in öffentliche Netze, egal ob 3G-Mobilfunk- oder Next Generation Network. Darüber hinaus aber lässt das hauseigene Protolkoll Sip-Q den Austausch zwischen Hipath-8000-Anlagen und anderen IP-PBX-Installationen zu.

Der Super-Softy

Der Siemens Softswitch fungiert als zentraler Rechner-Cluster. Er braucht einen handelsüblichen Server und läuft unter Linux. Derzeit implementiert ist er allerdings ausschließlich auf IBM-Servern. „Als nächstes werden Rechner von Fujitsu Siemens unterstützt“, verrät Nolte.

Das Produkt ist hoch skalierbar und ausfallsicher konzipiert, da es ursprünglich für Carrier und Großunternehmen, beziehungsweise für 10.000 bis 100.000 Nutzer entwickelt wurde. Die Standard-Konfiguration sieht mindestes zwei Server vor.

Die Verwaltungssoftware „Hipath Assist“ und ein Web-Frontend für die Administratoren gehören dazu. Die Management-Software basiert seit ihrem jüngsten Release 3, das jetzt im Juli herauskommt, auf den Prinzipien serviceorientierter Architekturen (SOA) und lässt sich in Netzwerk-Management-Umgebungen wie HP Openview oder IBM-Tivoli einbinden.

In Freiburg studiert

Anwendungen, Gateways und Applikationen können von verschiedenen Herstellern stammen, wenngleich Siemens etwa mit „Open-Stage“ über eigene SIP-Telefone verfügt. „Open Stage 80 ist so teuer wie ein PC aber schöner“, schwärmt etwa Hipath- und Open-Stage-Anwender Gerhard Schneider, Prorektor für Wissenstransfer und Kommunikationstechnologien und Direktor des Rechenzentrums der Universität Freiburg.

Der Professor wollte im Oktober 2006, als er die Hipath 8000 für sein VoIP-Installations-Projekt entdeckte, am Ende rund 500 Nutzer am Netz haben. Doch es gibt mehr Wünsche als geplant, so dass zum Ende dieses Jahres bereits die doppelte Benutzerzahl zu verzeichnen sein wird. Die Kosten für das Gesamtprojekt beschreibt er wie folgt: „Ein Schnäppchen war es nicht, aber arm sind wir auch nicht geworden.“

Im Gegenteil, Schneider hält auch die Investition zum weiteren Ausbau auf schließlich 5.000 Plätze bereits für gesichert. „Allein von der Ersparnis bei den Wartungskosten können wir noch locker zwei 8000er kaufen.“

Kleiner und funktionsreicher

Doch für weniger betuchte Firmen und solche mit geringerer Nutzerzahl gibt es die Siemens-Software auch in konzentrierter Form. Der Name bleibt gleich auch die Grundausstattung, aber Web-Frontend und Media-Server werden mit dem Assist auf eine Maschine gepackt. Eine solche Konfiguration eignet sich für Unternehmen mit 300 Anwendern und mehr.

Ansonsten haben die Kunden die Wahl zwischen einem Media-Server von Siemens oder von Partnern, fertig auf Hardware gepackt oder als Software zum Verteilen.

Vorteilsnahme

Als die größten Vorteile einer VoIP-Installation kristallisieren sich die zentrale Verwaltung und die Entwicklung beziehungsweise Kopplung an Anwendungen, „an die man vorher gar nicht gedacht hat“ heraus, so Professor Schneider.

Als Beispiel nennt er, dass nun das Abrechnen der Privatgespräche wegfallen könne, zu denen eine Universität verpflichtet sei. Da diese im Schnitt etwa 3 Euro betragen, war das Berechnen und Kassieren fast genauso teuer. Die Lösung besteht nun im Eintrag von zwei Providern pro Benutzer, so dass die Privatgespräche direkt privat gebucht werden.

Zu den weiteren Vorteilen zählt er den Wegfall der Kupferdoppeladern bei der Verkabelung: „Beim Anschluss eines neuen Gebäudes hat uns VoIP das Verlegen von 300 Telefonleitungen und Grabungskosten in Höhe von 68.000 Euro erspart, sowie das Untergraben des Botanischen Gartens – unbezahlbar!“

Zum Charme der Siemens-Lösung trage zudem Pin-Schutz der Endgeräte und seit Version 3 Verschlüsselung zwischen Endgerät und Hipath 8000 sowie Freiheit bei der Wahl der Telefone bei.

Analyst Bieler hingen hat hauptsächlich die SIP-Vorteile aber auch die Nachteile im Blick. Neben dem einfachen Entfernen und Hinzufügen eines Mediums und der grundsätzliche positiven Einschätzung eines offenen Standards, gehört die weite Verbreitung und die Möglichkeit, eine bereits etablierte Sitzung zu modifizieren zu den begrüßenswerten Dingen.

Nachgetragen

Nachteile zeigt der Standard zum Beispiel bei der Verträglichkeit mit Firewalls und Network Access Translation (NAT). Viele Produkte lassen SIP nicht durch. Zudem greift SIP zur Übertragung der Sprachdaten auf RTP zurück.

Schließlich könne SIP als Standard versagen und das Eigeninteresse der Hersteller überwiegen. Hier spielt zudem die Marktmacht von Microsoft und Cisco eine bedeutsame Rolle, die eine Durchsetzung des Standards gefährden könnte

Zudem reicht ein einziger Standard nicht aus, um Siemens mit Hipath zum unanfechtbaren Erfolg werden zu lassen. Die eigene Unternehmensgechichte spielt ebenso herein wie das Open-Source-Phänomen Asterisk. Dazu Bieler: „Asterisk im Sinne von offenen Standards – dem kann man sich nicht verschließen.“

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