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Agentische KI kippt die Softwareökonomie Requiescat in pace: System of Record

Von Anurag Gurtu 4 min Lesedauer

Drei Jahrzehnte lang belohnte die Ökonomie der Unternehmenssoftware denjenigen, dem die maßgebliche Datenbank gehörte. Agentische KI verschiebt den Wert nach oben, in die Schicht, die Security-Alerts, Identitätsdaten und Tickets über Systemgrenzen hinweg zusammenführt. Für Anbieter, die pro Arbeitsplatz abrechnen, wird das unbequem.

Die maßgebliche Datenbank verliert ihre Rolle als Produkt. Der Wert wandert in die Schicht darüber, die Security-Alerts, Identitätsdaten und Tickets über Systemgrenzen hinweg zusammenführt.(Bild:  Midjourney / KI-generiert)
Die maßgebliche Datenbank verliert ihre Rolle als Produkt. Der Wert wandert in die Schicht darüber, die Security-Alerts, Identitätsdaten und Tickets über Systemgrenzen hinweg zusammenführt.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)

Dreißig Jahre lang hatte Unternehmenssoftware genau eine Aufgabe: sich zu merken, was passiert ist. Salesforce merkt sich, wen Sie angerufen haben. SAP merkt sich, was Sie ausgeliefert haben. Workday merkt sich, wen Sie eingestellt und wen Sie entlassen haben. ServiceNow merkt sich jedes Ticket, das je jemand eröffnet und anschließend ignoriert hat. Diese Plattformen sind nicht deshalb zu Marktführern mit Billionenbewertung geworden, weil sie intelligent waren, sondern weil sie autoritativ waren. Sie waren die eine Quelle der Wahrheit, auf die ein Unternehmen zeigen und sagen konnte, „so ist es“.

Diese Aufgabe wird gerade zur Massenware.

Das stille Ende des System of Record

Ein System of Record speichert Fakten. Ein System of Intelligence handelt auf ihrer Grundlage, fortlaufend, autonom und ohne darauf zu warten, dass ein Mensch ein Dashboard öffnet. Das klingt nach akademischer Spitzfindigkeit. Ist es nicht. Es ist der Unterschied zwischen Software, die meldet, dass ein Kunde kurz vor der Abwanderung steht, und Software, die den Kunden hält, bevor die Meldung überhaupt gelesen wurde.

Jahrzehntelang belohnte die Ökonomie der Unternehmenssoftware denjenigen, dem die maßgebliche Datenbank gehörte. Wer die Daten besaß, besaß auch den Workflow, die Vertragsverlängerung und die Zahl der Lizenzen. KI-Agenten hebeln diese Ökonomie aus. Einem Agenten ist gleichgültig, wessen Logo auf der Login-Maske steht. Für ihn zählt, ob er die Daten lesen, darüber schlussfolgern und den nächsten Schritt ausführen kann. Sobald Agenten das über alle Systeme hinweg beherrschen, die ein Unternehmen betreibt, hört der Record auf, das Produkt zu sein. Er wird zur Infrastruktur im Untergeschoss.

Das sollte jedem etablierten SaaS-Anbieter Sorgen bereiten, der pro Arbeitsplatz abrechnet. Denn die Kernfunktion seiner Software erledigt inzwischen etwas besser, das gar keinen Arbeitsplatz benötigt.

Was die etablierten Anbieter nicht laut sagen

Der naheliegende Einwand: Die Platzhirsche schrauben einfach Agenten an das, was sie ohnehin haben. Salesforce hat Agentforce, SAP hat Joule, Microsoft hat Copilot um so ziemlich alles herumgelegt. Der Burggraben müsste doch halten.

Er hält nicht, und zwar aus einem strukturellen Grund: Unternehmensdaten und Workflows verteilen sich über fünf, zehn, mitunter dreißig Systeme, nicht über eines. Ein Agent, der ausschließlich innerhalb der Salesforce-Mauern denkt, bleibt eine Insellösung im KI-Kostüm. Der eigentliche Wert entsteht in der Orchestrierungsschicht über sämtlichen Systems of Record. Diese Ebene zieht einen Security-Alert aus Splunk, gleicht ihn mit Identitätsdaten ab, eröffnet ein Ticket in ServiceNow und schließt den Vorgang ab, ohne dass ein Mensch die Systeme von Hand zusammenfügt. Genau dort, an der Nahtstelle zwischen SIEM, Identity-Infrastruktur und ITSM, entscheidet sich, ob Automatisierung über Werkzeuggrenzen hinweg funktioniert oder an jeder Systemgrenze abbricht.

Diese Orchestrierungsschicht ist das neue System of Intelligence. Gebaut wird sie von Unternehmen, die keinen Altbestand zu verteidigen haben, nicht von den Etablierten, die genau das tun.

Die ersten Zahlen sind für den Status quo bereits unbequem. Airrived, eine von Gartner ausgezeichnete Agentic-OS-Plattform für genau diese systemübergreifende Orchestrierung, verweist auf ein dokumentiertes Enterprise-Deployment, in dem rund 90 Prozent der Erstbewertung von Security-Alerts automatisiert und die mittlere Reaktionszeit um 80 Prozent gesenkt wurden. Dafür war bislang Personal nötig, das der Markt immer schlechter bereitstellen kann. Das ist kein Chatbot, den jemand an den Helpdesk geschraubt hat. Das ist ein System, das Entscheidungen trifft und ausführt, für die ein System of Record nie gebaut wurde.

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Was das für das kommende Jahrzehnt der Unternehmens-IT bedeutet

Drei Prognosen, jede davon für irgendwen unangenehm:

  • Die Lizenzabrechnung pro Nutzer stirbt. Wenn ein Agent die Arbeit erledigt, ergibt „pro Nutzer und Monat" keinen Sinn mehr. Anbieter, die an dieser Rechengröße festhalten, werden sich in die Bedeutungslosigkeit rabattieren, während sie eine Kennzahl verteidigen, die Agenten längst entwertet haben.
  • „Best of Breed"-Stacks werden von innen ausgehöhlt. Niemand reißt sein CRM oder ERP über Nacht heraus, dafür sitzen diese Systeme zu tief. Aber die Intelligenz, die Entscheidungen, die Orchestrierung, das Abwägen, wandert in eine agentische Schicht darüber. Zurück bleiben Systems of Record als teurer, zunehmend stummer Speicher.
  • Das kommende Jahrzehnt gewinnt nicht, wer die meisten Daten hat, sondern wer über die Daten aller anderen schlussfolgern kann. Eine eigene Datenbank war einmal der Burggraben. Heute ist sie eine Abhängigkeit.

Die Abrechnung, die niemand delegieren kann

Nichts davon ist ein Gedankenspiel für die nächsten fünf Jahre. Es ist eine Beschaffungsentscheidung, die in den laufenden Budgetzyklen getroffen wird, meist ohne dass den Beteiligten klar ist, dass sich die Kategorie unter ihnen bereits verschoben hat. Die Frage, die CIOs ihren etablierten Anbietern stellen sollten, lautet nicht „Wie sieht Ihre KI-Roadmap aus?“. Sie lautet: „Warum sollte ich weiter dafür bezahlen, dass Sie speichern, was passiert ist, wenn etwas anderes entscheiden kann, was als Nächstes passiert?“

Anurag Gurtu.(Bild:  Airrived)
Anurag Gurtu.
(Bild: Airrived)

Das System of Record hatte dreißig Jahre. Das System of Intelligence wird kürzer laufen, schneller sein und mit denen, die zu spät kommen, deutlich weniger Nachsicht haben.

Über den Autor

Anurag Gurtu ist Co-Founder und CEO von Airrived. Das Unternehmen wurde von Gartner als Emerging Tech AI Vendor sowie zweifach als Tech Innovator in Agentic AI genannt.

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