Quelloffene Lösungen als Alternative zu proprietären Datenbanken

Open Source Datenbanksysteme für unternehmenskritische Anwendungen

05.11.2007 | Autor / Redakteur: Lothar Lochmaier / Andreas Donner

Open Source Datenbanken mausern sich auch in Unternehmen mehr und mehr zur echten Alternative
Open Source Datenbanken mausern sich auch in Unternehmen mehr und mehr zur echten Alternative

Wie quelloffene Datenbanksysteme für Kernanwendungen im Unternehmen zu bewerten sind, darüber sind sich die Experten uneins. Ein Blick in die Szenerie zeigt jedoch, auch bei „Mission Critical“ Anwendungen nimmt die freie Variante an Fahrt auf.

Dass die Hersteller von Open Source basierten Datenbanklösungen ihre Produkte naturgemäß als einsatzbereit ansehen, ist durchaus nachvollziehbar. „Anbieter wie MySQL oder EnterpriseDB haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und bieten in vielen Fällen eine deutlich günstigere und zuverlässige Alternative zu proprietären Angeboten“, sagt beispielsweise Dirk Kissinger, Senior Marketing Manager EMEA bei Red Hat.

Der Open Source Spezialist geht davon aus, dass die quelloffene Variante sich zunehmend auch auf der Applikationsebene durchsetzt und Datenbanken in diesem Bereich eine gewisse Vorreiterrolle spielen, präzisiert der Experte. Aber auch Branchenkenner jenseits der Community bescheinigen der Szene eine erhöhte Leistungsfähigkeit.

„Der Reifegrad von OSS-Datenbanklösungen, insbesondere MySQL, ist als sehr hoch anzusehen und kann mittlerweile durchaus mit kommerziellen Closed-Source Anwendungen verglichen werden“, bestätigt Jochen Günther vom Marktstrategieteam Collaborative Business beim Fraunhofer-Institut Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO).

Das Institut hat erst im vergangenen Jahr eine umfassende Studie zum Thema Open Source herausgegeben, die über den Link am Ende des Textes bezogen werden kann.

Relativierte Betrachtung

Aus Marktsicht gilt es allerdings zu relativieren, denn die Verbreitung von Closed-Source Datenbanken in den Unternehmen überwiegt nach wie vor. Die bekannten Größen wie Oracle, Microsoft und IBM dominieren den Markt. MySQL und PostgreSQL haben jedoch in jüngster Zeit einige Funktionserweiterungen erhalten, die dem Einsatz auch in anspruchsvollen, unternehmenskritischen Anwendungsgebieten, den Weg bereiten.

„Das Schließen dieser Lücke wird mit Sicherheit zu deren weiteren Verbreitung beitragen“, stellt Günther fest. Der Funktionsvorsprung kommerzieller Anwendungen habe sich weiter verkleinert. Der Experte macht anhand konkreter Beispiele einen stabilen Trend aus.

Ganz aktuell haben etwa SAP und MySQL eine Partnerschaft mit dem Ziel angekündigt, MySQL für den Einsatz mit SAP zu optimieren. „SAP ist diesen Schritt gegangen, da nach eigener Aussage immer mehr Kunden auf MySQL in unternehmenskritischen Anwendungen setzen“, kommentiert der Experte vom IAO.

Nach Auffassung von Dirk Kissinger stehen schon heute Open Source basierte Datenbankanwendungen „zumindest den kleinen und mittleren Lösungen der proprietären Hersteller in nichts mehr nach.“ Die Herausforderung für die Spezialisten bestehe lediglich darin, im Angebotsdschungel jene offenen Anwendungen ausfindig zu machen, die zuverlässig auf der gegebenen Betriebssystemplattform arbeiteten, „und für die sie professionellen Support erhalten”, so der Experte weiter.

Dies sei einer der Gründe gewesen, in diesem Frühjahr die Initiative „Red Hat Exchange“ ins Leben zu rufen, einen Marktplatz für vorgefertigte Geschäftsanwendungen. Der Trend hin zu Open-Source-Datenbanken ist nach Auffassung von Jochen Günther vor allem der Reifung der Open-Source-Datenbanken in Bezug auf Funktionalitäten, Benutzerfreundlichkeit sowie ergänzendem Support geschuldet.

Daneben greife auch das Bedürfnis der Anwender nach Kosteneinsparungen, welches in den letzten zwei bis drei Jahren aufgrund des Trends zur Konsolidierung besonders stark ausgeprägt gewesen sei, so der Fraunhofer-Experte.

Hält die Praxis den hohen Erwartungen stand?

Gartner prognostizierte bereits auf dem Gartner Open Source Summit 2006, dass bis 2008 über 70 Prozent der IT-Unternehmen Open-Source-Datenbanken einsetzen werden. Die Marktforscher machen deshalb MySQL als ernstzunehmende Alternative für unternehmenskritische Anwendungen aus.

In welchen Branchen bzw. Anwendungsbereichen im Unternehmen OSS-Systeme den Vorzug haben, beschreibt das Fraunhofer IAO wie folgt: Open Source werde sehr stark im Bereich von Webanwendungen eingesetzt. „Dies ist sicher kein überraschendes Ergebnis, da die Wurzeln von OSS in diesem Umfeld liegen und zu erwarten war, dass gerade hier auch Stärken liegen“, sagt Jochen Günther.

Die Ergebnisse lassen sich aber auch auf andere Branchen übertragen. Branchengrößen wie Google und eBay demonstrieren, wie leistungsfähig OSS-Anwendungen in diesem Zusammenhang sein können. Verschiedene unabhängige Studien sehen nach Auffassung vom IAO die Branchen Telekommunikation und Medien sowie den öffentlichen Bereich nach wie vor führend beim Einsatz von Open Source Software an. Erst danach folgen die IT-Unternehmen selbst.

Bleibt es also bei Anwendungen, die über reine Datenbankserver hinausgehen, nicht am Ende doch bei der proprietären Variante? „Gerade in unserer Studie konnten wir zeigen, dass der Einsatz von OSS in Endanwendungen, in Middleware, aber auch in Fachanwendungen weiter zunimmt“, bilanziert der IAO-Experte, räumt aber auch ein, dass die öffentliche Hand durch den hohen Druck, Kosten einzusparen, unter besonderem Zugzwang stehe.

OSS nicht nur auf den Datenbankbereich beschränken

„Vor dem Hintergrund, dass OSS für IT-Unternehmen als Dienstleistungsanbieter ebenfalls immer mehr an Bedeutung gewinnt, sehen wir die These von einer Beschränkung auf den Datenbankbereich für nicht haltbar an“, bilanziert der Experte.

Wie aber sieht das Kosten-Nutzen-Verhältnis einschließlich der nach gelagerten Posten realistisch betrachtet aus? So mancher OSS-Anbieter verspricht erheblich niedrige Kostenniveaus – ohne jedoch bei der Wartung, bei Service und Pflege zu sehr ins Detail zu gehen – gerade bei Datenbanken durchaus Aspekte, die als „Mission Critical“ betrachtet werden können.

„Sicherlich ist es besonders bei unternehmenskritischen Anwendungen so, dass zwischen proprietärer und quelloffener Datenbank in Bezug auf Wartung und Support keine großen Kostenunterschiede zu erwarten sind“, argumentiert Dirk Kissinger. Die Vorteile mit quelloffener Software versprechen sich die Unternehmen vor allem im Bereich der Lizenzkosten, die im Vergleich zur Beschaffung proprietärer Software geringer ausfallen bzw. gegebenenfalls auch ganz entfallen.

Das Argumentationsmuster ist bekannt: Auch insgesamt und unter Berücksichtigung der Wartungs-, Betriebs- und Dienstleistungskosten gingen Unternehmen bei quelloffener Software von geringeren Kosten im Vergleich zu der Situation aus, in der ausschließlich proprietäre Software zum Einsatz komme, weiß auch Dirk Kissinger.

Man dürfe hierbei aber nicht vergessen, dass nicht nur die Kosten den Ausschlag pro quelloffener Software gäben, sondern auch Aspekte wie die größere Herstellerunabhängigkeit bzw. die geringere Abhängigkeit bei Release-Wechseln von den proprietären Software-Herstellern.

Etablieren sich OSS-Datenbanken als „Mission Critical“?

Warum also nur auf ein Pferd setzen. So sind Open Source Systeme heute nahezu in allen Branchen anzutreffen. „Die Verbreitung ist dort besonders groß, wo der Kostendruck hoch ist, beispielsweise bei Banken, der Öffentlichen Hand und der Telekommunikationsbranche“, ergänzt Kissinger.

Die Unternehmen hätten mittlerweile auch gelernt, dass sich Barrieren wie kostenpflichtige Updates, Lizenzeinschränkungen und erzwungene Software-Lebenszyklen mit Open Source Produkten vermeiden ließen. „Sie bieten bei geringerem Preis mehr Flexibilität und häufig auch höhere Zuverlässigkeit“, bilanziert der Red-Hat-Experte.

So könnte also die quelloffene Variante weiter Einzug in kritische Unternehmensbereiche halten. Üblicherweise verbreiten sich OSS-Anwendungen über die Entwicklungsabteilung, und dringen von dort bei entsprechendem Reifegrad und flankierendem Support des Herstellers bis ins Datencenter vor.

„Die OSS-Lösung schneiden in einer vernünftigen Zweck-Mittel Relation sogar häufig genug besser ab“, ergänzt Sebastian Hetze, Vorstand der Linux Information Systems. Moderne Webanwendungen wiesen zudem eine solide Drei-Schichten-Architektur mit intelligentem Ajax-Frontend auf, einem Applikationsserver als Mittelschicht und einem Datenbanksystem als Backend.

Nicht nur Web-tauglich

„OSS-Lösungen beschränken sich aber nicht auf Webanwendungen“, bekräftigt der Experte. Ein Blick auf die Referenzlisten der relevanten OSS Datenbanksysteme zeige das universelle Einsatzspektrum dieser Produkte. Die Palette der Lösungen sei zudem mit zahlreichen neuen Anbietern vielschichtiger als je zuvor gestaltet.

Die Liste der relationalen Datenbanksysteme geht nach Auffassung von Sebastian Hetz schon weit über bekannte Adressen wie MySQL über Firebird, PostgreSQL, Ingres und SAPDB/MaxDB hinaus. Zusätzlich gebe es eine Vielzahl von Open Source Implementationen anderer Datenbankmodelle.

Beispielsweise implementiert eXist eine XML Datenbank mit XQuery und XUpdate Support. OpenLDAP und der Fedora Directory Server implementieren hierarchische Datenbanken mit LDAP-Zugriffsprotokoll. Und schließlich stellt db4objects ein Beispiel für eine objektorientierte OSS Datenbank dar.

Voraussetzung für die Neuankömmlinge in der Szene ist indes, dass Open Source-Software nicht den Ballast vieler proprietärer Entwicklungen mit sich herumschleppt, also modularer und durch Standards besser anpassbar und integrierbar sein sollte. Auch sollten die Lösungen in der Lage sein, sich besser den Anforderungen eines Unternehmens im Umfeld serviceorientierter Architekturen (SOA) anzupassen.

Deshalb wachsen für neue Konzepte die Bäume nicht in den Himmel. „Wir wissen, dass viele unserer Kunden MySQL und andere Open Source Anwendungen mit Red Hat Enterprise Linux verwenden“, fasst Dirk Kissinger zusammen. In Mission-Critical Datenbanken benutzen die meisten der Großkunden, die das Unternehmen als Referenzen führt, jedoch weiterhin Oracle. Dennoch zeichne sich der Trend ab, dass OSS-Datenbanksysteme auch immer mehr in diesen Bereich vordringen.

Kleingedrucktes beachten: Wie sieht am Ende das Kosten-Nutzen-Verhältnis aus?

Die Frage muss also erneut gestellt werden: Bleibt es bei Anwendungen, die über reine Datenbankserver hinausgehen, nicht doch bei der proprietären Variante? Gerade das Servicepaket ist oftmals der kritische Aspekt, wenn IT-Verantwortliche sich für eine Software entscheiden müssen. Und da Open Source Software immer noch dem Mythos huldigt, so gut wie kostenlos aber nicht umsonst zu sein, gilt e,s allen denkbaren Punkten mit spitzem Bleistift nachzugehen.

Red Hat hat sich schon vor längerer Zeit für das so genannte „Subscription Modell“ entschieden, in dem Kunden einen jährlichen Abopreis zahlen, der Software, Zertifizierungen, Updates, unlimitierten Support und neue Releases umfasst. „Somit sind wir günstiger als unsere Konkurrenz, da die Lizenzkosten wegfallen und wir im Servicebereich mehr bieten. Unser Wachstum und die Zufriedenheit unserer Kunden geben uns Recht“, fasst Dirk Kissinger zusammen.

Um den Mix aus proprietären und offenen Lösungen zu dominieren, gibt der Experte den Netzwerkprofessionals eine klar strukturierte Empfehlung. Die IT-Spezialisten sollten grundsätzlich darauf achten, dass die eingesetzten Lösungen offene Standards unterstützen. So sei eine problemlose Kommunikation der Produkte untereinander gewährleistet, was auch das Management der gesamten Infrastruktur erleichtere.

Der Mix ist Trumpf

Die Frage, ob es nicht letztlich doch bei der proprietären Variante bleibt, gehört vielleicht aber auch schon längst der Vergangenheit an. Es dominiert der Methodenmix. Jedenfalls beantwortet Sebastian Hetze von Linux Information Systems die Frage nach der Qual der Wahl auf elegante Weise: Die Unterstützung von OLAP oder CASE-Tools im Bereich der OSS-Datenbanken lasse zwar noch sehr zu wünschen übrig.

„Daraus jedoch zu schließen, dass sich Anwendungsentwickler und Hersteller nicht auf OSS Datenbanken stützen würden, geht an der Realität vorbei“, sagt Hetze. OSS Datenbanken seien längst ein allgegenwärtiges Werkzeug und Mittel zum Zweck. „Selbst wenn die Anwendung in einer konkreten Umgebung beim Kunden unter Windows mit Microsoft SQL arbeitet, weil das die dort vorhandene Infrastruktur ist, kann diese Anwendung unter Linux und Firebird entwickelt worden sein.“

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