bq Aquaris M10 Ubuntu Edition im Test

Linux-Terminal auf Abwegen

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Das konvergente System versteckt sich in eher wenig prätentiöser Hardware.
Das konvergente System versteckt sich in eher wenig prätentiöser Hardware. (Bild: Srocke)

Mit dem Aquaris M10 Ubuntu Edition liefert BQ ein konvergentes Linux-Tablet, das Vorteile von PC und Tablet vereinen soll. Wir haben getestet, wie effizient Endanwender und Administratoren tatsächlich mit dem System arbeiten.

Mobile Apps, ausgewachsene Office-Anwendungen mit Multitasking und Linux-Terminal in einem Tablet vereint – die Möglichkeiten des BQ Aquaris M10 Ubuntu Edition wecken große Erwartungen. Wir haben uns genauer angesehen, ob das System tatsächlich schon das Zeug zu einem „nützlichen Tool“ hat – wie es der Hersteller in einer Pressemeldung verspricht.

Die Hardware

Wenngleich wir hier primär die Nutzererfahrung des konvergenten Ubuntu-Systems betrachten, listen wir anbei die technischen Eckdaten des 10,1-Zoll-Tablets. Das mattschwarze Plastikgehäuse wirkt eher durchschnittlich, also ausreichend solide aber nicht sonderlich edel. Gleiches gilt für die Ausstattung. Im Inneren unseres Testsystems steckte ein Mediatek MT8163a Quadcore-Prozesser der laut Hersteller bis zu 1,5 GHz taktet und von einer Mali T720 GPU mit 600 MHz unterstützt wird. Dem vorinstallierten Browser im Tablet-Modus genügte die Rechenpower für einen Gesamtwert von 22.582 Punkten im JetStream-Benchmark. Das Ubuntu-System läuft damit zufriedenstellend, aber nicht immer ganz ruckelfrei. Ein Vergleich, um die Performance besser einzuordnen: Der Firefox eines Ultrabook mit Core i5-3317U erreichte 95.275 Punkte, der Chrome eines Samsung Galaxy S5 Mini 11.657 Zähler.

Das 462 Gramm schwere Gerät beherbergt zudem zwei GByte RAM und 16 GByte Flashspeicher (davon circa zehn GByte unbelegt), zwei Kameras – hinten mit acht, vorn mit fünf Megapixeln – und einen fest verbauten Akku mit 7.280 mAh. Betrachtet man das Gerät im Querformat erkennt man rechts Einschalter und Lautstärkewippe, oben einen microSD-Slot und links 3,5mm-Klinkenbuchse für Kopfhörer, Micro-HDMI-Port und USB-Buchse. Zum Lieferumfang gehören neben dem eigentlichen Tablet lediglich ein USB-Kabel und Netzteil.

Der Ersteindruck

Die Einrichtung des Ubuntu-Systems unterscheidet sich noch wenig von der eines Android-Tablets. Beim ersten Start konfiguriert der Anwender Sprache, WLAN, Standortdienste, Zeitzone – und legt schließlich noch Nutzernamen und Passwort fest. Um das System per OTA-Update auf den aktuellen Stand zu bringen, müssen Anwender zwingend ein Ubuntu-One-Konto einrichten. Die Aktualisierung auf eine schließlich von uns genutzte Version OTA-12 war ein gut ein halbes GByte groß.

Nach der wenig spektakulären Einrichtung wird dann aber klar, dass Ubuntu-Tablets einer etwas anderen Designphilosophie folgen als iOS oder Android. Zentrales Element sind die „Scopes“ – vom Anwender konfigurierbare Bildschirme, auf denen verfügbare Anwendungen oder zusammengehörige Informationen zusammengestellt werden. So lässt sich ein Twitter-Feed als Scope darstellen; auf einer „Heute“ genannten Übersicht finden sich Nachrichten, Wetterinformationen oder anstehende Termine; unter der Überschrift „Musik“ bietet das Tablet käuflich zu erwerbende Medieninhalte an.

Die Scopes übernehmen dabei allerdings nur teilweise alle Aufgaben eines Launchers: Ein Wisch über den linken Bildschirmrand blendet eine anpassbare Schnellstartleiste für häufig benutzte Apps ein, ein Wisch von rechts oben nach unten öffnet die Systemeinstellungen. Zwischen laufenden Anwendungen wechselt der Nutzer mit einer Wischgeste über den rechten Bildschirmrand. Das alles funktioniert stringent sowohl im Tablet- als auch im Desktopmodus. Mit zwei Unterschieden: Zum einen werden die Scopes im Tablet-Modus stets im Vollbild angezeigt und nie als Fenster. Zum anderen bietet der nur der Desktop-Modus einen vollwertigen Fenstermanager – im Tablet-Betrieb werden maximal zwei Anwendungen nebeneinander dargestellt.

Die Konvergenz

Als wesentliches Verkaufsargument beworben, konnten uns die konvergenten Features des Tablets nur bedingt überzeugen. Das lag zum einen daran, dass wir das Gerät nicht mit einem externen Monitor koppeln konnten: Eine Verbindung per Miracast zu einem Amazon Fire TV Stick wurde nicht hergestellt; trotz entsprechend angepasster Systemeinstellungen blieb auch der Bildschirm eines per Micro-HDMI und Kabel verbundenen Monitors dunkel. Immerhin würdigte das Tablet unseren Versuch mit der Meldung, dass wir das ebenfalls verdunkelte Tablet-Display nun als Touchpad verwenden könnten. Mangels visueller Rückmeldung haben wir darauf verzichtet, das Kabel gelöst und uns über eine abgehackt formatierte Rückmeldung mit der folgender Überschrift gewundert: „Anwendungen könnten unges". Gegen einen produktiven Einsatz sprach zum Testzeitpunkt auch noch die offenbar unzureichende Lokalisierung des Gerätes: Für die per Bluetooth angebundene Tastatur nutzte das System eine englische Tastenbelegung.

Die Anwendungen

Ab Werk wird das Tablet bereits mit einer Grundausstattung an Apps ausgeliefert, die sich über den Ubuntu Store erweitern lässt. Das Angebot dort ist allerdings begrenzt, unzuverlässig und von durchwachsender Qualität. Statt installierter Apps lieferte der Store zeitweise „Fehler beim Herunterladen“. Zudem vermissten wir beispielsweise offizielle Anwendungen für populäre Cloudspeicherdienste, ein von uns installierter PDF-Viewer (Pdfjs Viewer) brachte das System schließlich an den Rand seiner Leistungsfähigkeit: Uns gelang es zwar die lediglich online als PDF verfügbare Anleitung des getesteten Tablets zu lesen, spätestens das zähe Zoomen stellte unsere Geduld dann aber arg auf die Probe.

Neben Touch-optimierten Programmen gehören zum Lieferumfang auch klassische Desktop-Apps, darunter Firefox, die LibreOffice-Suite und das Grafikprogramm GIMP. Von Anpassungen oder gar einem Responsive Design gibt es keine Spur. Dem entsprechend winzig wirken dann auch die Icons der XApps auf dem FHD-Bildschirm, an eine sinnvolle Bedienung ohne externe Hilfsmittel ist nicht zu denken.

Zusätzliche Anwendungen lassen sich nur über den Ubuntu Store oder mit größeren Verrenkungen installieren, bei denen das Terminal bestenfalls bedingt weiterhilft.

Das Terminal

Was wäre ein Linux ohne Terminal? Spötter könnten die Frage mit „Ubuntu für Tablets“ beantworten – und hätten damit nicht ganz unrecht. Denn im Auslieferungszustand des M10 konnten wir keinen Zugang zur Shell ausmachen. Der Ubuntu Store listet immerhin einige Terminal-Apps. Die Freude über das von uns installierte Terminal der „Ubuntu Core App Developers“ währte allerdings nicht lang, denn wir konnten keine Pakete per „apt-get“ installieren.

Der Versuch scheiterte übrigens nicht nur bei uns. Im Internet finden sich einige Foreneinträge von Nutzern, die auch von der Fehlermeldung „Error:Unable to write to /var/cache/apt“ enttäuscht wurden. Die diskutierten Workarounds dürften zumindest für durchschnittliche Anwender wenig praktikabel sein. Ein Remounten des standardmäßig nur lesbar angebundenen Filesystems mit Schreibrechten stoppt offenbar nicht nur den automatischen Updatemechanismus, sondern bringt das gesamte System durcheinander. Etwas unausgegoren wirkt auch noch das Verfahren, neue Anwendungen über separate Libertine-Container im beschreibbaren Speicherbereich zu installieren.

Das Fazit

Wenngleich bq und Canonical ein Linux in Tabletform abliefern, hat das System zahlreiche Schwächen. An das alternative Interface könnte man sich gewöhnen, mittelmäßige Performance und zahlreiche Kinderkrankheiten stehen einem ernshaftigen produktiven Einsatz allerdings im Wege.

Freilich könnten kommende Updates womöglich die unzureichende Lokalisierung, irritierende Fehlermeldungen oder die im Test nicht funktionierende Übertragung des Bildschirminhalts an einen externen Monitor reparieren. Schwerer wiegen allerdings die architektonischen Schwachpunkte des Systems. Statt das Touch-Ubuntu konsequent als offenes Linux zu konzipieren, drängen die Anbieter ihre Kunden nicht nur zu kostenpflichtigen Medienkäufen. Zudem werden Anwender von einem begrenzten App-Ökosystem gegängelt und können – zum jetzigen Zeitpunkt – bestenfalls mit einer gehörigen Portion Frickelei und Wagemut echte Linux-Anwendungen nachinstallieren. Mit mehr Offenheit hätte das Tablet gegen die gut gefüllten App- und Medienstores von Android und Apple punkten können, „hätte“ wohlgemerkt.

Das bq Aquaris M10 Ubuntu Edition ist direkt bei bq oder bei anderen Onlinehändlern zu haben – die Preise starten bei 230 Euro.

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