Die XXV. Olympischen Winterspiele in Norditalien werden wohl als die am stärksten dezentralisierten Spiele in die Geschichte eingehen. Doch das eigentliche Vermächtnis liegt nicht im Schnee, sondern im Silizium. Ein Bericht darüber, wie eine KI-native Infrastruktur 22.000 Quadratkilometer Alpenraum in ein intelligentes Ökosystem verwandelt und warum „grüne Lichter“ am Router als Erfolgsmetrik ausgedient haben.
Die XXV. Olympischen Winterspiele in Norditalien sind mehr als ein sportliches Großereignis – sie sind auch ein Feldexperiment für eine neue Ära der Konnektivität.
(Bild: HPE)
Wenn der Blick von den hochmodernen Eishallen Mailands zu den schneeverwehten Gipfeln von Cortina d’Ampezzo schweift, wird die schiere Dimension von Milano Cortina 2026 deutlich. Es sind die am stärksten dezentralisierten Winterspiele der Geschichte, eine geografische Herausforderung, die über 22.000 Quadratkilometer Norditaliens umspannt. Wenn zwischen dem International Broadcast Center (IBC) in Mailand und dem Zielhang in Bormio über 400 Kilometer und mehr als fünf Stunden Fahrtzeit liegen, kann man bei einer Störung keinen Techniker „kurz vorbeischicken“.
HPE (Hewlett Packard Enterprise) als offizieller Network Equipment Hardware Partner wollte sich der Herausforderung annehmen, um diese massive infrastrukturelle Aufgabe zu bewältigen. Die Lösung sollte ein radikaler Wechsel sein: weg von reaktiven Systemen, hin zu einem „Self-Driving Network“.
Das Ende der „grünen Lichter“
Lange Zeit galt in der Netzwerktechnik ein einfaches Dogma: Wenn die Lichter am Router grün leuchten, ist alles in Ordnung. Doch in der hochkomplexen Umgebung von Milano Cortina 2026 greift diese Logik zu kurz.
Rami Rahim, Executive Vice President von HPE Networking, sagte: „Legacy-Netzwerke genügen diesen Anforderungen nicht mehr. Grüne Lichter auf dem Router sind kein Qualitätsmerkmal dafür, ob die Sportler eine gute Experience haben.“ In Milano Cortina wurde Konnektivität erstmals nicht mehr an technischer Verfügbarkeit gemessen, sondern an der tatsächlichen „User Experience“.
Bei einem Event, das Milliarden von Zuschauern weltweit mit unkomprimierten 8K-Videostreams versorgt, die pro Stream etwa 48 Gbit/s an Bandbreite verschlingen, geht es nicht mehr um bloße Konnektivität. Es geht um das garantierte Erlebnis.
Stefano Andreucci, Senior Sales Director bei HPE, sagte, dass das Netzwerk erstmals nicht mehr nur Daten von A nach B schiebt, sondern aktiv die Qualität der Nutzererfahrung in jeder einzelnen Arena misst und sicherstellt. In Milano Cortina wurde die IT-Infrastruktur vom passiven Transportweg zum aktiven Mitspieler, der sich an die dynamischen Anforderungen von über 3.500 Athleten und Millionen von Fans anpasst.
Hardware als Wächter im Extrembereich
Die operative Realität zeigt sich an den entlegensten Außenposten in den Dolomiten. Wer dort die Installationspunkte betrachtet, sieht kompakte, weiße Einheiten der Juniper AP63-Serie. Diese Geräte sind weit mehr als wetterfeste Access Points. Ausgelegt für einen Temperaturbereich von -40° Celsius bis +65° Celsius und zertifiziert nach IP67, fungieren sie als robuste Sinnesorgane des Netzwerks.
Ein Juniper/Mist AP63 Access Point arbeitet ungerührt unter einer dicken Schneeschicht in den Dolomiten.
(Bild: HPE)
Die AP63-Serie integriere eine dedizierte dritte Funkeinheit, die permanent das Spektrum scannt und Funkstörungen autonom erkennt.
Zudem nutzen diese Access Points integrierte IoT-Sensoren für Luftfeuchtigkeit, Druck und Temperatur sowie Beschleunigungssensoren, um physische Manipulationen oder extreme Wetterveränderungen in Echtzeit an die Cloud-Plattform zu melden. In einer Umgebung, in der Schneestürme die Signalqualität binnen Minuten massiv verändern können, ist diese autonome Anpassungsfähigkeit überlebenswichtig für die Live-Übertragungen.
Hochleistungs-Backbone und 8K-Broadcasting
Das Gegenstück zu diesen Außenposten findet sich in den hochverdichteten Server-Racks der lokalen Rechenzentren. Hier schlägt das Herz der Spiele in Form von Universal-Routing-Plattformen der MX-Serie. James Robertson, Field CTO bei HPE, verglich diesen Aufbau mit dem Fundament eines Hauses: „Alles beginnt mit einer stabilen Infrastruktur, die Kommunikation über Zeit und Distanz erst ermöglicht“.
Die hier eingesetzten Hardware, wie der modulare MX10008, bieten eine Kapazität von bis zu 76,8 Tbps. Ein technisches Highlight sei der Einsatz des Trio-6-Chipsatzes, der nicht nur massive Bandbreite liefere, sondern mit 0,3 Watt pro Gbit Durchsatz eine neue Benchmark für Energieeffizienz im olympischen Maßstab setze.
Das Rückgrat der Datenmassen: In den Server-Racks der Austragungsorte arbeiteten MX-Universal-Router und EX-Switches.
(Bild: HPE)
Diese enorme Power sei notwendig, um die über 40 Standorte der Spiele nahtlos mit dem nationalen Glasfaser-Backbone zu verbinden. Besonders kritisch war dies bereits bei der Eröffnungsfeier im San Siro Stadion, die als eines der wenigen Events in voller 8K-Auflösung produziert wurde.
Stand: 08.12.2025
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Um eine solche Last ohne Latenzverzögerungen zu bewältigen, wurde jeder Standort vorab in spezialisierten Laboren evaluiert, um eine nahtlose Integration des Juniper-Portfolios in die bestehende HPE-Welt sicherzustellen – ein Prozess, der laut Robertson bereits lange vor dem formalen Zusammenschluss der beiden Unternehmen begann.
AI-native Netzwerke statt Legacy-Infrastrukturen
HPE erkannte früh, dass die bloße Skalierung traditioneller Netzwerkkonzepte nicht ausreichend sei. Stattdessen wurde die HPE Mist AIOps-Plattform implementiert: Eine grundlegend neue Klasse von Netzwerken, die von Anfang an für künstliche Intelligenz konzipiert wurde, nicht nachträglich mit ihr ausgestattet.
Statt manuelle Konfiguration und reaktive Fehlersuche, biete HPE Mist ein selbststeuerndes Netzwerk mit drei Schlüsselkompetenzen: Self-Configuring, Self-Optimizing und Self-Healing. Dies bedeutet konkret, dass das Netzwerk nicht nur Probleme löse, sondern diese vorhersehen und proaktiv verhindern könne.
„HPE Mist wurde nicht nachträglich mit KI ausgestattet. Es wurde von Grund auf als AI-native Plattform konzipiert.“, sagte Rahim. Dieser Unterschied sei entscheidend. Legacy-Netzwerke würden manuelles Management für jede Änderung, jede neue Anforderung, jede potenzielle Störung erfordern. AI-native Netzwerke lernen, passen sich an und heilen sich selbst.
Sicherheit ohne Kompromisse: „Wir schlagen sie nieder“
In einer Welt, in der olympische Spiele zunehmend Ziel von Cyberangriffen sind, ist Sicherheit kein optionales Extra, sondern im Gewebe des Netzwerks verankert. James Robertson beschrieb die Entschlossenheit der Sicherheitsstrategie markant: Angriffe werden nicht nur passiv beobachtet, sondern „niedergeschlagen“, bevor sie Schaden anrichten können.
Die Architektur folge einem strikten Zero-Trust-Prinzip. Durch den flächendeckenden Einsatz von SRX-Next-Generation-Firewalls sei jeder einzelne Endpunkt – vom Smartphone eines Fans über den Laptop eines Redakteurs bis hin zu den Wearables der Athleten, die biometrische Daten in Echtzeit senden – ein individueller Sicherheitspunkt. Diese Mikrosegmentierung stelle sicher, dass selbst im Falle einer Kompromittierung eines Geräts keine laterale Ausbreitung im Netzwerk möglich sei. Sicherheit werde hier nicht als Schranke, sondern als Ermöglicher für den freien Datenfluss unter Extrembedingungen verstanden.
Das nachhaltige Erbe: Digitale Inklusion statt Elektroschrott
Ein Aspekt, der in der Fachwelt oft nach den Spielen in Vergessenheit gerät, ist die Nachhaltigkeit der IT-Investitionen. Milano Cortina 2026 verfolgt das Ziel, die nachhaltigsten Spiele der Geschichte zu sein. Ein zentraler Baustein ist das „Reuse Programme.
Die ca. 4.900 Access Points und 1.500 Switches werden nicht entsorgt. Über ein Refurbishment-Programm werden die Geräte durch zertifizierte Partner aufgearbeitet und an Schulen, Sportvereine und lokale Gemeinden gespendet. Damit hinterlassen die Spiele eine digitale Infrastruktur in den Alpentälern, die ohne das olympische Projekt vermutlich erst Jahrzehnte später entstanden wäre.
Die Blaupause für die Zukunft
Milano Cortina 2026 könnte den Beweis erbringen, dass KI-native Netzwerke in der Lage sind, extreme Komplexität und geografische Zersplitterung zu beherrschen. Die Erkenntnisse dieser Spiele dienen bereits jetzt als Blaupause für Smart Cities und großflächige Unternehmensstandorte weltweit.
Milano Cortina 2026 in Zahlen
Die Dimension des Projekts wird erst im Überblick greifbar:
Über 22.000 Quadratkilometer Veranstaltungsfläche
Mehr als 40 Standorte
Über 15 Wettkampf-Venues
3.000 Athletinnen und Athleten
116 Wettbewerbe
Technisch basiert die Infrastruktur auf einer stark automatisierten Architektur aus Access-Layer, Core-Routing und einer AI-gestützten Betriebsplattform. Im Zugang kommen Tausende Access Points zum Einsatz, ausgelegt für Umgebungen mit gleichzeitig aktiven Clients. Dahinter verbindet eine mehrstufige Switching- und Routing-Struktur die Venues über Hochleistungs-Backbones.
Die Besonderheit liegte jedoch weniger in der Hardware als in der Steuerung. HPE positioniert Mist als zentrales Betriebssystem des Netzes, mit Marvis als AIOps-Interface. Administratoren interagieren nicht mehr nur mit Ports und VLANs, sondern mit einer semantischen Ebene.
Die Plattform versucht, klassische Telemetrie wie Paketverluste, Latenzen oder Roaming-Verhalten in Aussagen über wahrgenommene Qualität zu übersetzen.