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Achim Kohlenberger, Technical Lead bei Xantaro Deutschland, im Gespräch

Technologie- und Designwandel hin zum Next Generation Network (NGN) im Fokus

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Also sollten klassische Provider nicht nur einen Zugang zur Verfügung stellen, sondern aktive Dienste und Services für Endkunden anbieten?

Kohlenberger: Wenn Sie langfristig am Markt als Komplettanbieter bleiben wollen, ja. Alle Anbieter müssen ihre Angebote stärker in das Internet einbinden und sich mehr zu den Kunden hinwenden. Das bedingt auch das Einbringen in die Welt des Endkunden beim Thema Smart Home und attraktive Enddevices. Der größte Bandbreitenbedarf entsteht durch Entertainment-Angebote für die Endkonsumenten. Mit Service Delivery Plattformen, wie sie Xantaro anbietet, kann ein Netzanbieter relativ einfach neue Services anbieten.

Welche Value Add Services halten Sie für ein funktionierendes Business-Modell zwingend erforderlich?

Kohlenberger: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, dass man den richtigen Produktmix zum richtigen Zeitpunkt am Markt hat. Das bezieht sich sowohl auf softwarebasierende Lösungen, als auch sehr auf hardwarenahe Themen, die für den Endkunden attraktiv sein können und einen Mehrwert bieten. Bestes Beispiel ist die Erfolgsstory des iPhones und der Apps. Individuell lassen sich kleine Softwareanwendungen auf das Gerät laden. Grundfunktionen wie Telefonieren, E-Mail und SMS sind mittlerweile „Standard“. Verbunden mit einem Provider-Vertrag ist es ein gutes Geschäftsmodell für TK-Anbieter sowie Hard-und Softwarelieferanten. Lassen Sie es mich so formulieren: Die Schatztruhe ist das iPhone, der Schatz die Apps und der TK-Anbieter liefert das Schiff, um auf die Insel zu kommen, wo der Schatz vergraben ist. Wer ist nicht gerne Schatzsucher?

Trotzdem, der Markt bietet genügend Platz, um mit einem Triple Play Angebot erfolgreich zu sein. Und auch weiterhin Platz für Unternehmen, die sich auf den reinen Access konzentrieren. Inwiefern sich das so genannte „Open Access Modell“ ohne „Value Add“ in Deutschland mit offenem und nicht per Anschluss definiertem Dienstangebot durchsetzen lässt, bleibt noch abzuwarten.

Werden sich die Standard-und Protokollfragen mit modernen NGN-Netzwerken für die Industrie ändern?

Kohlenberger: Mit IMS ist für alle IP-basierten Netze diese Frage so gut wie beantwortet. Es vereint ja Verbindungssteuerung, Dienstgüte, Sicherheit sowie die nötige Offenheit der Funktionsblöcke untereinander. Mit dem All-IP-Netzwerk, in dem sämtliche Kommunikation IP-basiert erfolgt, wird sowohl das Mobilfunknetz – insbesondere bei LTE – als auch das Festnetz unterstützt. SIP fungiert dabei als Basisprotokoll.

Welchen Beitrag können NGN/IMS bei der Protokoll-und Schnittstellenkonsolidierung im Backbone leisten?

Kohlenberger: Der Transport von Echtzeitdaten wie Sprache und Video ist unter der Einhaltung der Trennung von Transport, Netzwerk und Applikation auch für Echtzeitdaten über IP-Netze möglich und geeignet. Dabei leistet SIP sowohl für Server als auch Clients die Protokollbasis. Und im Backbone der Provider profitieren die Betreiber von einheitlichen Protokollen.

Die Echtzeitfähigkeit heutiger IP-Netze ermöglicht neben der Realisierung klassischer Dienste wie etwa Telefonie und Videoübertragung auch neue Dienste wie Presence, Web-Kollaboration, userindividuelle Content-Speicherung mit Zugriff von „überall“, Hosted- oder IP-Centrex-Lösungen. Hierbei lassen sich zum einen Synergieeffekte nutzen, zum anderen erlaubt die Offenheit der Schnittstellen die notwendige Flexibilität für das schnelle Ergänzen und Wechseln neuer Dienste.

Wie werden sich die beiden Bereiche Sprache und Video auf die IMS-Strukturen auswirken?

Kohlenberger: Jede Anwendung, die der Endkunde nutzt – in diesem Fall Sprache und Video – findet ihr zu Hause, also ihre Quelle und ihre Senke. Das liegt im IMS Modell für die Dienstwahrnehmung beim Endkunden in Applikationsservern und Endgeräten. Auf dem Weg dorthin werden zahlreiche Komponenten und Funktionen durchlaufen, die wiederum Abfragen und Manipulationen zulassen. Der eigentliche Inhalt wird auf einer Applikationsebene behandelt, der Rest dient dem Transport. Ein IMS ist sicher nicht immer notwendig, um erfolgreich Sprache und Video zu vermarkten. Als Beispiel dienen hier Google und Skype. Beide positionieren sich an den Netzrändern – und das sehr erfolgreich. IMS ist also derzeit eher ein Transport Thema für Sprache und Daten. Gerade für kleinere Netzbetreiber lohnt es sich oft nicht, die doch recht komplexen Strukturen aus einem IMS komplett abzubilden. Da reichen oft sehr spezifisch auf den Dienst zugeschnittene Netzkomponenten. Der Name sagt es schon: Es sind sogenannte „Service Delivery Plattformen“, die sich natürlich auch in ein IMS einbinden.

Was sind aus technischer Sicht die dringendsten Fragen, wenn wir von IMS sprechen?

Kohlenberger: Wie viel IMS braucht man, um erfolgreich sein Businessmodell abbilden zu können? IMS ist sicher zukunftsweisend; viele Entwickler arbeiten daran; die Spezifikationen in 3GPP und ITU-T schreiten weiter voran. In diesem Zusammenhang bieten sich Chancen für moderne Netzinfrastrukturen – auch im Interconnection-Bereich zwischen den Providern.

Die dringendste Frage, auf die das IMS Antwort gibt, sehe ich im Zusammenspiel zwischen Mobilfunk und Festnetz. Wie und wo werden in Zukunft die Teilnehmerdaten verwaltet? Wer hat Zugriff darauf?

Daneben ist man gut beraten, wenn die großen Carrier bestimmte Schnittstellen in ihren Netzen offen und flexibel gestalten, insbesondere was die Adaptierung von neuen Diensten angeht.

Die kleineren Unternehmen, also die Tier 2 und Tier 3 Carrier, werden sich weniger die IMS-Frage stellen. Hier ist der „Service Ready“-Gedanke wichtig, also Plattformen mit denen man in kürzester Zeit sein Produkt abbilden kann. Das bietet eine E2E-fertig gelieferte Service Delivery Plattform mit den wichtigsten Diensten für Privat-und Geschäftskunden.

Wird es in 10 Jahren noch reine Voice-Anbieter geben?

Kohlenberger: Gibt es die heute noch? Es wird Anbieter geben, die einen reinen Voice Dienst, also Basic Call mit zum Beispiel Deutschland-Flat, Auslandstelefonie und Mobilfunk, eventuell Servicerufnummern, anbieten. Ein Anbieter wird sein Produktportfolio aber breiter staffeln. Voice ist eine Anwendung unter mehreren, die er im Angebot hat und sowohl seinen eigenen Endkunden anbietet, als auch im B2B-Bereich (Business to Business) anderen Anbietern weiterverkauft.

Welche drei wichtigsten To-Dos müssen Provider und Telekommunikationsanbieter heute auf ihrer Liste haben?

Kohlenberger: Da gibt es eine Menge Themen. Die Umstellung von TDM-basierten Infrastrukturen auf IP-fähige Systeme ist sicher ein weiterhin prägendes Thema für die Telekommunikationsanbieter. Ein im globalen Wettbewerb stehender Anbieter hat die Chance, ein Netz zu bauen, welches IP-basiert über große Entfernungen untereinander Daten austauschen kann. Die Überwindung der Grenzen sollte man sich zunutze machen. Das Internet öffnet dabei lokale Grenzen. Beispiele sind Google & Co, Cloud-Services, virtuelle Office/IP-Centrex, SIP-basierte Voice-und Videodienste – also zentral gehostete Dienste, die global genutzt werden können.

Weiterhin muss in den Ausbau der Kapazität der Netze investiert werden. Bandbreitenausbau im Access, Edge und Backbone ist notwendig, um zukünftig mit guter Qualität die Dienste, die vom Endkunden konsumiert werden, zum Beispiel Livestreaming oder IP-TV, anbieten zu können. Das gilt gleichermaßen im Festnetzbereich für den Ausbau der „Last Mile“ über beispielsweise VDSL, FTTx und DOCSIS 3.0 (Kabel), als auch im Mobilfunkbereich für das „Mobile Internet“ über den Radio Access mit UMTS und LTE.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, über was der Endkunde die Dienste abrufen kann. Bei mobilen Endgeräten spielt dies eine enorme Rolle. Aber auch im Smart Home Bereich wie der Set-Top-Box für IP-TV oder Video on Demand. Denken sie an die Playstation etc. Solche Produkte können nur erfolgreich sein, wenn sie von einer breiten Masse intuitiv bedient werden können. Die Zusammenarbeit zwischen Provider und Hard-/Softwarelieferant ist also zunehmend wichtig beim Design und Bau solcher Produktmixe.