So mancher Mythos rund um Backup und Disaster Recovery hält sich hartnäckig – doch die Budgets ziehen an, angesichts der omnipräsenten Ransomware-Bedrohung. Gerade im Cloud-Umfeld ist noch einiges an Marktpotenzial ausschöpfbar.
Daten sind wertvoll und auch in SaaS-Zeiten muss gesichert werden.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Wenn Cloud-Nutzer vom „Shared-Responsibility“-Modell noch nichts gehört haben, wittern Anbieter aus dem Backup- und Disaster-Recovery-Umfeld Umsatz. Doch ist es inzwischen allgemein bekannt, dass die Verantwortung für Daten beziehungsweise deren Wiederherstellung nicht einseitig beim Cloud-Anbieter liegt?
Hintergrund
Das Shared-Responsibility-Modell
Das Shared-Responsibility-Modell besagt: Der Cloud-Anbieter schützt die Cloud (Infrastruktur, Betrieb), der Kunde schützt, was er in der Cloud nutzt (Identitäten, Daten, Konfigurationen). Je nach Servicemodell verschiebt sich die Grenze; bei SaaS bleibt der Schutz der Daten beim Kunden. Beispiel Microsoft 365: Microsoft betreibt und sichert die Dienste (Exchange, SharePoint, Teams), der Kunde verantwortet Tenant-Einstellungen, Zugriffe, Datenklassifizierung, Aufbewahrung und Wiederherstellbarkeit. M365 bietet Basisfunktionen (Versionierung, Retention), ersetzt aber kein frei steuerbares Backup – dafür ist der Kunde zuständig.
Microsoft 365, Google Workspace, Salesforce, Microsoft Dynamics, Jira Cloud, Zendesk – es macht keinen Unterschied. Das Prinzip ist universell: Sie sind für Ihre Daten verantwortlich, überall.
Steve Butterfield, Vice President Sales Engineering EMEA, Arcserve
SaaS-Datenschutz-Tools fehlen vielerorts
Aus der Perspektive von Steve Butterfield, Vice President Sales Engineering EMEA bei Arcserve, ist es bemerkenswert, wie viele Organisationen ihre Verantwortlichkeiten im Rahmen des Shared-Modells noch missverstehen. „Wir haben dies kürzlich in einer Reihe von Webinaren in EMEA bestätigt, bei denen wir eine Umfrage durchgeführt haben – die meisten Teilnehmer gaben an, dass sie kein dediziertes SaaS-Datenschutz-Tool haben“, so der Manager. Trotz jahrelanger Aufklärung durch seinen Arbeitgeber und gleichermaßen vielen anderen, darüber, wo die Verpflichtungen des Kunden beginnen und die des Cloud-Anbieters enden, muss dieselbe Diskussion jedes Mal wiederholt werden. Oft dann, wenn eine neue SaaS-Plattform eingeführt wird. Der Anbieter spiele letztlich keine Rolle: Nutzer sind für Ihre Daten verantwortlich.
Omnipräsentes Ransomware
Die aktuelle Ransomware-Dynamik in den letzten Monaten macht die Sensibilisierung für das Thema umso dringlicher. „Wir befinden uns zwar noch in den frühen Phasen, aber KI-gesteuerte Angriffstechniken beschleunigen sich rasant“, berichtet Butterfield. Es sei mit ausgefeilteren, hochgradig personalisierten Bedrohungsvektoren zu rechnen – einschließlich der Kombination von KI mit Vishing, um deutlich überzeugendere und schwerer zu erkennende Social-Engineering-Angriffe zu schaffen.
Hintergrund
Phishing, Vishing, Smishing, Spoofing
Phishing bezeichnet Betrugsversuche über E‑Mails oder gefälschte Websites, mit dem Ziel, vertrauliche Informationen wie Passwörter oder Zahlungsdaten zu erbeuten.
Vishing ist Phishing per Telefon oder Internettelefonie: Anrufer geben sich als Support, Bank oder Behörde aus, um sensible Angaben oder einen Fernzugriff zu erhalten.
Smishing ist Phishing per Kurznachricht (SMS, Short Message Service) oder Messenger. Links oder Aufforderungen in der Nachricht sollen zu unbedachten Handlungen verleiten.
Spoofing bedeutet das Vortäuschen einer falschen Identität, etwa durch gefälschte Absenderadressen oder manipulierte, scheinbar vertrauenswürdige Rufnummern.
Steve Butterfield, Vice President Sales Engineering EMEA, Arcserve.
(Bild: Arcserve)
Die Gretchenfrage ist die Verhandlungsfrage
Doch was gilt, sollte man doch Opfer von Ransomware-Erpressern werden? Sollte man mit ihnen verhandeln? Butterfield zeigt klare Kante: „Nein – Sie sollten nicht zahlen, auch wenn es sich wie die einzige Option anfühlt.“ Denn: Die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Ausgangs sei gering: Viele Opfer würden zahlen und nichts erhalten. Selbst wenn ein Entschlüsselungstool bereitgestellt wird, gibt es keine Unterstützung, falls es fehlschlägt, unvollständig ist oder so langsam läuft, dass die Wiederherstellung praktisch unmöglich wird. „Denken Sie an die potenziellen Kosten und investieren Sie im Voraus einen kleinen Teil davon in echte Datenresilienz und Wiederherstellungsfähigkeiten“, rät der Sicherheits-Profi.
Sie sollten nicht [an Ransomware-Erpresser] zahlen, auch wenn es sich wie die einzige Option anfühlt.
Steve Butterfield, Vice President Sales Engineering EMEA, Arcserve
Hintergrund
Object Lock, WORM und S3-Speicher
S3‑Speicher steht für Amazon S3 (Simple Storage Service), einen Objektspeicher in der Cloud. Daten werden als „Objekte“ in „Buckets“ abgelegt, sind hochskalierbar und über Programmierschnittstellen abrufbar. Für Backups wichtig: optionale Versionierung, verschiedene Speicherklassen und Funktionen für Replikation und Lebenszyklusregeln.
Object Lock ist eine S3‑Funktion, die Objekte für eine festgelegte Aufbewahrungsfrist unveränderbar macht. Voraussetzung ist die Versionierung. Es gibt zwei Modi: Governance Mode (mit streng geregelten Admin-Ausnahmen) und Compliance Mode (absolut unveränderbar bis zum Fristende). Zusätzlich möglich: Legal Hold als Sperre ohne Frist. Ziel ist der Schutz vor Löschen oder Überschreiben – auch durch Fehler oder Angriffe.
WORM (Write Once, Read Many) beschreibt das Prinzip „einmal schreiben, beliebig oft lesen“: Daten sind nach dem Schreiben nicht mehr veränderbar oder löschbar. Das erhöht die Beweissicherheit und schützt Backups vor Manipulation, etwa durch Ransomware. In S3 lässt sich WORM‑Schutz praktisch über Object Lock plus Versionierung umsetzen. (Nicht zu verwechseln mit dem „Computerwurm“, einer Schadsoftware.)
Kurz gesagt: S3‑Speicher ist die Plattform, Object Lock liefert die Unveränderbarkeit, und WORM ist das dahinterstehende Schutzprinzip für manipulationssichere Backups.
Das Attribut „Unveränderlichkeit“
Das Thema „Unveränderlichkeit“ (Immutability) ist laut Butterfield ein sehr zentrales. Ganz gleich, wie fortschrittlich die Bedrohungserkennung wird – Angreifer müssen demnach nur einmal Glück haben. Daher müsse man davon ausgehen, dass ein Ausfall möglich ist – und wenn er eintritt, sei eine unveränderliche, rigoros getestete Wiederherstellungskopie die Absicherung schlechthin, die hoffentlich nie benötigt wird, man aber auf keinen Fall missen dürfe.
Der Manager betont, dass nicht alle Formen von Unveränderlichkeit gleich sind: „Sie benötigen einen Stack: echte Speicher-Ebenen-Unveränderlichkeit, kompromisslose Änderungssteuerung, einen wirksamen Air-Gap – und vor allem unermüdliches Testen.“ In großem Maßstab sei dieses Maß an Sicherheit nur mit Automatisierung möglich. Bei Arcserve versuche man demnach, dieser Philosophie zu folgen, indem diese Funktionen in die Lösung Arcserve UDP integriert wurden, welche vollständig mit Arcserve Cyber Resilient Storage verbunden ist – laut Butterfield „einer echten Speicher-Ebenen-Unveränderlichkeitslösung“.
Hintergrund
Die 3-2-1-, die 6-4-2- und die 3-2-1-1-0-Backup-Strategie
Die 3-2-1-Backup-Regel schützt davor, wenn man statt dem sprichwörtlichen „Glück im Unglück“ einmal „Pech im Unglück“ haben sollte: Drei Datenkopien auf zwei Medien und ein externes Backup: Das ist der Kern des 3-2-1-Prinzips.
Insbesondere Cloud-Speicher hilft hier, indem ein weiteres Speichermedium sowie der externe Charakter eine Kopie gewährleistet werden können.
Angenommen, die Ausfallwahrscheinlichkeit für eine Sicherungskopie beträgt 1/ 100, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei zwei eingesetzten Systemen bereits auf: 1/ 100 * 1/ 100 = 1/ 10.000. Kommt ein weiteres Backup auf einem dritten System hinzu, bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit eines gleichzeitigen Ausfalls aller drei Geräte auf 1/ 1.000.000 abnimmt.
Geprägt wurde das Konzept, das mitunter als „goldene Regel der Datensicherung“ bezeichnet wird, vom Fotografen Peter Krogh. Die Zahl der zu erstellenden Kopien, verwendeten Speichermedien und Offsite-Standorte, an denen Backups aufbewahrt werden, lässt sich nach oben variieren. So kann aus 3-2-1 auch beispielsweise 6-4-2 werden, welches das Datenverlustrisiko enorm reduziert.
Die „3-2-1-1-0-Backup-Strategie“ erweitert den Klassiker „3-2-1-Regel“ und zwar folgendermaßen: drei Kopien der Daten auf zwei verschiedenen Medien gespeichert und eine Kopie extern gelagert. Außerdem soll eine Kopie schreibgeschützt oder unveränderlich gespeichert werden, und zu guter Letzt: Null Fehler bei der Wiederherstellung sollen durch regelmäßige Tests garantiert werden können, um Daten im Ernstfall tatsächlich planmäßig wiederherstellen zu können.
Air Gaps halten das Backup sauber
Bei Arcserve unterstütze man physische Air-Gaps seit vielen Jahren durch Technologien wie Tape, aber „der Trade-off bei den RTOs“ sei erheblich, sagt Butterfield und fügt hinzu: „Viele Organisationen sagen mir offen, dass sie die Ausfallzeiten für eine vollständige Tape-Wiederherstellung nicht überleben würden.“ So sei heutzutage der verlässlichste Weg ein sicherer logischer Air-Gap in Kombination mit Unveränderlichkeit, also die Isolation der Daten von Angreifern, ohne die Wiederherstellungsgeschwindigkeit zu opfern. Dieser Ansatz biete echte Resilienz, nämlich starken Schutz mit RTOs, die das Unternehmen realistisch tolerieren kann.
Hintergrund RPO, RTO, CDP, BCM
Viel Wirbel um die Abkürzungen einer Branche
Eine wichtige Kenngröße, die beim Disaster Recovery bemüht wird, ist der „Recovery Point Objective“ (RPO), der die Frage widerspiegelt, wie viel Datenverlust in Kauf genommen werden kann. Es liegt in der Natur der Backup-Technologie, dass RPO letztlich der Zeitraum ist, der zwischen zwei Datensicherungen liegen darf, da diese Zeit bestimmt, wie viele Daten oder Transaktionen verloren gehen, wenn der vielzitierte Komet in das Datacenter einschlägt.
Wenn für den Betrieb kein Datenverlust hinnehmbar ist, beträgt die RPO null Sekunden, wie beispielsweise beim elektronischen Geldverkehr. Hier ist von so genannter „Continuous Data Protection“ (CDP) die Rede, beziehungsweise in anderem Kontext von „Realtime Backup“.
Die Kennzahl „Recovery Time Objective“ (RTO) ist artverwandt und beschäftigt sich mit der Frage, wie viel Zeit ab dem katastrophenbedingten Ausfall der Systeme bis zu ihrer Wiederinbetriebnahme vergehen darf. Die Bandbreite reicht hier von (mehr oder weniger fiktiven) null Minuten, bei denen der Geschäftsbetrieb, egal was kommt, nicht abbrechen darf, bis bin zu mehreren Wochen. Bei sehr niedrigen RTO-Werten geht nicht um die Wiederherstellung, sondern darum, unterbrechungsfreie Geschäftsabläufe als Maßstab anzusetzen. In diesem Fall ist dann eher von „Business Continuity Management“ (BCM) die Rede.
Die Maximalforderung an IT-Verantwortliche sind folgerichtig Vorstellungen wie „RPO 0“, „RTO 0“, also „Continuous Data Protection“ und vollumfängliche „Business Continuity“. Vor diesem Hintergrund gilt der alte Spruch „Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind.“
Ohne Backup läuft nichts
„Angreifer zielen zuerst auf Backups“, dieser These stimmt der Arcserve-Manager zu. „Wenn ein Unternehmen einen zuverlässigen Wiederherstellungsweg hat, wird es diesen immer dem Zahlen eines Lösegelds vorziehen“, so die Begründung. Genau deshalb würden Angreifer zuerst auf Backups abzielen – indem sie die Wiederherstellungsfähigkeit zerstören, verschaffen sie sich Hebelwirkung. „Nehmen Sie die Wiederherstellung vom Tisch, und sie kontrollieren die Verhandlung“, bringt es Butterfield auf den Punkt.
Stand: 08.12.2025
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Hintergrund
Was ist ein Air Gap?
Ein Air Gap ist die Trennung zwischen Sicherungen und dem Produktionsnetz, sodass Backups nicht dauerhaft erreichbar sind. Dadurch bleiben sie auch bei Malware-Befall, kompromittierten Konten oder Fehlbedienung vor Manipulation und Löschung geschützt.
Physisches Air Gap: Die Backups sind tatsächlich offline und vom Netz getrennt; es gibt keine permanente Verbindung. Typische Beispiele sind Bandmedien, abgesteckte oder ausgeschaltete Wechselfestplatten und Offsite-Lagerung. Zugriff erfolgt nur gezielt während kurzer Sicherungs- oder Wiederherstellungsfenster.
Logisches Air Gap: Die Backups bleiben technisch erreichbar, sind aber durch strikte logische Barrieren geschützt. Dazu gehören getrennte Identitäten und Netzsegmente, isolierte Backup-Vaults sowie unveränderlicher Speicher, die Änderungen zeitlich oder grundsätzlich verhindern.
Budgets für Backup-Lösungen steigen
„Historisch wurden Backup und Wiederherstellung wie Sanitäranlagen behandelt – essenziell, aber unsichtbar und mit minimalem Budget ausgestattet“, sagt der Manager. Diese Ära sei vorbei, da Organisationen erkennen, dass Wiederherstellungsfähigkeit ein Kernbestandteil der Cyberresilienz ist. Vor diesem Hintergrund würden sich die Budgets entsprechend verschieben. Backup sei jetzt fest Teil der Sicherheitsausgaben, und da Sicherheitsbudgets aus Notwendigkeit steigen, wachse auch die Investition in moderne, resiliente Wiederherstellung.
Kommentar
Theorie und Praxis zusammenführen
Es soll schon vorgekommen sein, dass IT-Verantwortliche erst einmal schlagartig arbeitsunfähig wurden, als der Tag X kam und alle guten Pläne versagten. Denn auf dem Reißbrett lässt sich Backup & Disaster Recovery leicht planen. Aber wenn Ransomware zuschlägt, zählen saubere Datenwiederherstellung, die richtige Boot-Reihenfolge der Produktivsysteme, klare Zuständigkeiten und belastbare Runbooks. In der Hitze des Moments kommt oft etwas anderes heraus, als in der Dokumentation steht – das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Deshalb: regelmäßig proben, unter Realbedingungen testen und die Abläufe scharfziehen. Nur wer übt, kann im Ernstfall schnell wieder produktiv werden.