Den Messfehlern in Infrastrukturverkabelungen auf der Spur

„Poka-Yoke“-Ansatz für fehlerfreie Kabeltests

| Autor / Redakteur: Robert Luijten / Andreas Donner

Das richtige Werkzeug und das Richtige Verhalten beim Testen entscheiden über die Qualität der Messergebnisse.
Das richtige Werkzeug und das Richtige Verhalten beim Testen entscheiden über die Qualität der Messergebnisse. (Bild: Fluke Networks)

Fehler und Nacharbeiten in Verkabelungen großer Infrastrukturumgebungen führen regelmäßig zu erhöhtem Aufwand und steigenden Kosten solcher Projekte. Doch durch den so genannten „Poka-Yoke“-Ansatz können die Genauigkeit von Verkabelungstests erhöht und damit Fehler reduziert werden, indem geeignete Mechanismen in den Testprozess integriert werden.

Da sich Verkabelungsstandards kontinuierlich ändern, müssen sich Anbieter entsprechend anpassen, um Garantien einhalten und hochwertige Verkabelungsinstallationen gewährleisten zu können. Das Einzige, was sich nicht ändert, ist die Notwendigkeit zur permanenten Steigerung der Rentabilität. Die für Links benötigte Zertifizierungszeit ist durch Fortschritte bei den Testtechnologien mittlerweile auf wenige Sekunden gesunken, daher scheint es im ersten Moment bei diesem Aspekt des Installationsprozesses nicht mehr viel Raum für Verbesserungen zu geben.

Verschwendete Millionen

Wenn man sich aber mehr mit dem Kabeltestprozess auseinandersetzt, wird klar, dass es eine Reihe von Bereichen gibt, in denen Zeit verschwendet wird und Gewinne somit verloren gehen. In einer kürzlich von Fluke Networks durchgeführten Umfrage unter mehr als 800 IT-Installateuren, berichteten beispielsweise 44 Prozent der Befragten, dass Sie Links aufgrund ihrer zunächst falsch ermittelten Grenzwerte erneut prüfen mussten. 37 Prozent hatten bei der Glasfasermessung mit negativen Dämpfungswerten zu kämpfen, die eindeutig falsch sind, da Verstärkungen in passiven Systemen unmöglich sind.

In nur einem Monat haben die befragten Unternehmen über 45.000 Stunden für die Ermittlung und Beseitigung solcher Probleme aufgewendet. In monetären Werten ausgedrückt sind das über zwei Millionen Dollar (rund 1,6 Mio. Euro) an verschwendeter Zeit. Das Ironische: ein schnellerer Tester würde dieselben Fehler in kürzerer Zeit machen, wodurch sich die Kosten für die verschwendete Zeit aber nur leicht verringern würden. Eine wesentlich bessere Lösung besteht dagegen jedoch in der vollständigen Beseitigung der Fehler.

Methoden zur Minimierung von Fehlern

Installateure nutzen bereits drei Methoden zur Minimierung von Fehlern, und die meisten Anbieter setzen alle drei bis zu einem gewissen Grad ein. Die erste besteht darin, einfach mehr qualifizierte Mitarbeiter einzustellen. Allerdings ist es selbst auf dem heutigen Arbeitsmarkt nicht leicht, genügend Mitarbeiter mit einem Verständnis für die Feinheiten von Kabel- und Glasfasertests zu finden. 78 Prozent der Unternehmer geben an, dass die Suche nach gutem Personal eine Herausforderung ist.

Zweitens können Projektmanager Ihre Testteams stärker überwachen, um Fehler zu minimieren. Mehr als 80 Prozent der Installateure geben an, dass ihre Projektmanager für eine ordnungsgemäße Ausführung von Arbeiten sorgen. Dies wird jedoch aufgrund der Gegebenheiten in der heutigen Verkabelungsbranche immer schwieriger. Die meisten Fachkräfte arbeiten an mehreren Projekten gleichzeitig und auch im Rahmen eines einzigen Auftrags müssen sie möglicherweise die Etage wechseln, während sie darauf warten, dass Bauteams andere Teile des Auftrags fertigstellen. 70 Prozent der Installateure berichten, dass sie Test-Equipment mindestens einmal pro Monat von einem Job zum anderen und dann wieder zurück transportieren müssen. Da die Mehrheit der Projektmanager bereits voll ausgelastet ist, ist es unter diesen Bedingungen aber besonders schwer für sie, die korrekte Ausführung von Tests in jedem einzelnen Fall sicherzustellen.

Drittens können die Installateure dafür sorgen, dass Kabeltechniker entsprechend geschult sind. Bei Fluke Networks wurden bspw. Tausende von Technikern über das hauseigene Programm Certified Cabling Test Technician (CCTT) geschult. Eine Schulung für alle Techniker ist jedoch kostspielig und für viele Installationsfirmen gar nicht zu stemmen.

Trotz all dieser Maßnahmen haben die 800 Anbieter aus der Umfrage aufgrund von Problemen bei den Tests in einem Monat zwei Millionen Dollar an Gewinn verloren. Dafür gibt es drei wichtige Gründe: Personalfluktuation, Kosten und menschliche Fehler.

Personalfluktuation, Kosten und menschliche Fehler

Die Personalfluktuation ist ein anhaltendes Problem. Der projektbezogene Charakter von Verkabelungsaufträgen hat einen ständigen Zustrom und Weggang von Zeitarbeitskräften zur Folge. Angesichts der Tatsache, dass Arbeitnehmer im nächsten Monat möglicherweise für die Konkurrenz arbeiten, sind umfangreiche Investitionen in die Schulung aus geschäftlicher Sicht nicht die beste Entscheidung.

Zudem sind solche Ansätze teuer. Schulungen sind wie bereits erwähnt kostspielig. Die Einstellung von leistungsfähigen Mitarbeitern und weiteren Projektmanagern, die sie anleiten, hat ebenfalls wesentliche Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis.

Der dritte und wichtigste Aspekt jedoch ist folgender: Alle diese Ansätze stützen sich auf die Annahme, dass die Menschen das Richtige tun. Und während die große Mehrheit der Menschen das Richtige tun möchte, passieren ihnen dennoch auch Fehler. Sie sind müde, ihre Aufmerksamkeit nimmt ab, oder sie vergessen Kleinigkeiten. Die Arbeitsumgebung macht es oft auch nicht leichter: mehrere Projekte gleichzeitig, verschiedene Standards, unterschiedliche Kenntnisstände und mehrere Tester – dies alles sorgt dafür, dass sich ein vermeintlich simpler Testprozess weitaus komplexer gestaltet.

Der Poka-Yoke- oder Fehlervermeidungsansatz

Die Lösung liegt in der Vorgehensweise der Fertigungsbranche, die dieser Art von Problemen bereits seit Jahrzehnten durch die Einführung neuer Managementansätze in den Werkhallen entgegentritt. Die Toyota Corporation hat sich erstmals dieser Methoden angenommen, welche dann von Unternehmen auf der ganzen Welt, einschließlich Fluke Networks, übernommen wurden. Das Ergebnis: weniger Fehlern, höhere Qualität der Arbeit und größere Zufriedenheit der Kunden.

Der wichtigste Ansatz für die Art von Problemen beim Testen von Kabeln ist der so genannte „Poka-Yoke“, ein japanischer Begriff, der so viel heißt wie „Fehlervermeidung“. Ein „Poka-Yoke“ ist ein Mechanismus, mit dessen Hilfe verhindert wird, dass ein Bediener einen Fehler macht. Poka-Yoke-Techniken umfassen die Vermeidung von Fehlern, deren Korrektur, wenn sie aufgetreten sind, und dem Hinweisen des Bedieners auf diesen Fehler.

Beispiele für einen Poka-Yoke finden sich überall um uns herum, und die besten Herangehensweisen werden von den Benutzern kaum wahrgenommen. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist der Prozess der Betankung eines Autos. Die Kombination aus Durchflussbegrenzer im Einfüllstutzen des Tanks und eines kleineren Zapfhahndurchmessers für bleifreies Benzin an der Tankstelle macht es unmöglich für den Fahrer, versehentlich Diesel in ein Auto zu füllen, das nicht dafür ausgelegt ist.

Fehlervermeidung beim Testen von Kabeln

Die Lösung zur Beseitigung von Fehlern bei der Kabelzertifizierung besteht in der Integration eines Poka-Yoke in den Zertifizierungsprozess. Anbieter benötigen keine besseren Mitarbeiter, sondern einfach nur einen besseren Ansatz, der vom gesamten vorhandenen Personal genutzt werden kann. Ein Beispiel dafür, wie Poka-Yoke ein bestimmtes Problem bei der Zertifizierung – nämlich negative Dämpfungswerte – mithilfe eines Expertentools beseitigen kann:

Die Bedeutung von Encircled Flux bei der Lichtwellenleiterprüfung

Glasfaser-Verbindungsverlustmessungen der Stufe 1

Die Bedeutung von Encircled Flux bei der Lichtwellenleiterprüfung

13.11.14 - Encircled Flux ist ein Messwert zur Definition der Abgabebedingungen in Multimode-Glasfasern. Das soll die Messungenauigkeiten bei der Dämpfungsmessung von Verkabelungsstrecken re­du­zie­ren, wenn verschiedene Testgeräten verwendet werden. Wir erläutern die Be­rück­sich­ti­gung von Encircled Flux in der Dämpfungsmessung der Stufe 1. lesen

Die Ursache für negative Dämpfungswerte liegt in der ungenauen Festlegung von Referenzen auf dem Gerät. Referenzwerte für Glasfasern richtig festzulegen, ist ausschlaggebend für gute Messungen, aber es ist ein recht komplexer Vorgang. Wenn einer der Schritte falsch ausgeführt wird, ist jede Messung, die mit dem Tester ab diesem Zeitpunkt gemacht wird, nicht korrekt.

Da der Konfigurationsprozess jedoch immer gleich ist, kann ein Poka-Yoke angewendet werden, der den Bediener Schritt für Schritt durch den Prozess führt und überprüft, ob alle Schritte korrekt ausgeführt wurden, bevor mit dem nächsten Schritt fortgefahren wird. Die Bildschirmsequenz in Abbildung 1 zeigt einige Schritte dieses Prozesses. Sobald jeder Schritt abgeschlossen ist, tippt der Benutzer auf WEITER, und das Testgerät prüft, ob der Schritt abgeschlossen wurde, bevor es den nächsten Schritt anzeigt. Die Verwendung von Farbcodes auf der Verkabelung verringert zusätzlich die Gefahr von Fehlern.

Robert Luijten
Robert Luijten (Bild: Fluke Networks)

Fazit

Es gibt viele Stellen in der Kabelzertifizierung, an denen Fehler auftreten können. Jede dieser Stellen kann geprüft und der Poka-Yoke-Ansatz verwendet werden, um Fehler zu vermeiden oder die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Durch die Vermeidung von Fehlern können Anbieter Kosten senken, die Rentabilität steigern und den Zeitraum bis zur Systemakzeptanz und somit bis zur Zahlung verkürzen.

Über den Autor

Robert Luijten ist EMEA Marketing Manager bei Fluke Networks.

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