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Industrielle Netzwerkkonnektivität Nahtloses und grenzübergreifendes 5G/6G für die EU

Ein Gastbeitrag von Christian Maasem 5 min Lesedauer

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Die industrielle Konnektivität trägt entscheidend zu wirtschaftlichem Wachstum und technologischen Innovationen in einer digitalisierten Welt bei. Entsprechend ringen zahlreiche Nationen um die Vormachtstellung. Doch wie kann das gelingen?

Christian Maasem, Partner bei Detecon International, skizziert in seinem Beitrag, was die EU tun muss, um wie vollmundig angekündigt bis 2030 zum bestvernetzten Kontinent der Welt werden.(Bild:  Detecon International)
Christian Maasem, Partner bei Detecon International, skizziert in seinem Beitrag, was die EU tun muss, um wie vollmundig angekündigt bis 2030 zum bestvernetzten Kontinent der Welt werden.
(Bild: Detecon International)

Die USA und China investieren massiv in die Entwicklung und Implementierung von 5G- und 6G-Technologien. Und das mit Erfolg: Laut der GSM Association (GSMA) soll es bis Ende dieses Jahres mehr als eine Milliarde 5G-Verbindungen (Verträge) in China geben. Die Situation hierzulande bildet dazu einen starken Kontrast: Zwar sind laut Bundesnetzagentur 92 Prozent der Fläche mit 5G versorgt, doch laut einer Verivox-Umfrage nutzen in Deutschland gerade einmal 45 Prozent der Mobilfunkkunden die Technologie. Eine der Ursachen liegt in einem Versäumnis der Netzbetreiber: Diese haben die Industrie erst spät im Prozess des Netzaufbaus mit einbezogen. Entsprechend verzögert gewinnt die Nutzung des mobilen Industrienetzes erst jetzt richtig an Dynamik. Vor dem Hintergrund, dass sich 6G schon voraussichtlich 2030 auf dem Markt etablieren wird, ist diese Beschleunigung auch dringend notwendig.

In Vorbereitung darauf hat die EU ein sportliches Ziel ausgerufen: sie will bis 2030 zum bestvernetzten Kontinent der Welt werden! Immerhin bewilligte die Europäische Kommission Anfang des Jahres finanzielle Mittel in Höhe von 252 Millionen Euro für 5G-Konnektivitätsprojekte in der EU. Doch einzelne Projekte ergeben noch keine Strategie mit langfristiger, flächendeckender Implementierung. Wo befindet sich die europäische Industrie also aktuell auf ihrem Zielkorridor für 2030?

Der Status quo

Die EU hat mit der Bewilligung der Fördermittel für 5G-Konnektivitätsprojekte und länderübergreifende Studien erste Schritte auf diesem Weg unternommen. Ein positives Beispiel bildet etwa der 5G-Korridor „DeLux“. Er ist eine wichtige Maßnahme, um eine nahtlose und grenzübergreifende 5G-Mobilität zwischen Deutschland und Luxemburg in die Wege zu leiten. Projekte wie dieses sind allerdings noch sehr branchenspezifisch und befinden sich noch im Übergang von der Förderung hin zum adaptierten Use Case. Doch um das Ziel für 2030 zu erreichen, müssen die EU-Länder noch in vielerlei Hinsicht nachlegen.

Grundlagen und Standards schaffen

Wie eingangs erläutert, hing die schleppende Annahme des 5G-Mobilfunkstards in der Industrie unter anderem mit der Vernachlässigung des Industriesektors zusammen. Dieser beginnt erst jetzt die Potenziale eines mobilen Industrienetzes zu erkennen und sich entsprechend auszustatten. Doch damit sich daraus Vorteile wie Innovationsstärke und Wettbewerbsfähigkeit ergeben, müssen sich alle Akteure auch an einer nachhaltigen und effizienten Entwicklung der 5G- und 6G-Netze beteiligen. Das betrifft die Aspekte Zuverlässigkeit, Zugänglichkeit und Sicherheit genauso wie die genaue technische Ausführung.

Die Industrie sollte Konnektivität nicht als eine austauschbare Ware begreifen, sondern sich an deren Entwicklung beteiligen, sodass die Technologien entsprechend ihrer Anforderungen standardisiert werden. Deshalb ist zukünftig – auch für 6G – eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure und ein stärkeres Bewusstseins für die Bedeutung der Konnektivität wichtig. Zu diesem Zweck müssen die EU-Länder einheitliche regulatorische Rahmenbedingungen schaffen und aus einer gemeinsamen Vision eine ganzheitliche Konnektivitätsstrategie ableiten. Diese muss berücksichtigen, welche Technologie- und Infrastrukturstandards die Industrie in der EU benötigt – immer mit dem übergeordneten Ziel einer sicheren, zuverlässigen und adaptierbaren Konnektivität in Europa. Gleichzeitig müssen die festgelegten Standards genügend Freiraum für innovative Konzepte bieten, die technologisch sowie wirtschaftlich tragfähig und nachhaltig sind.

Mehr Transparenz, mehr Dynamik, mehr Resultate

Damit sich solche Standards etablieren können, muss die EU für mehr Transparenz im Telekommunikationsmarkt sorgen. Eine mögliche Maßnahme: Richtlinien und Programme entwickeln, die einerseits den Fokus auf eine Verbesserung der Marktübersicht legen und andererseits auf eine Verknüpfung mit anderen relevanten Technologiebereichen abzielen. So lässt sich die Komplexität des Marktes reduzieren, was wichtig für eine länderübergreifende Konnektivitätsstrategie ist. Zudem erleichtert dies Industrieländern, relevante Use Cases und deren Anforderungen identifizieren zu können. Das wiederum stärkt den Einsatz marktgerechter Technologien und setzt so Innovations- und Wettbewerbspotenziale in der Telekommunikationsbranche frei. Außerdem schaffen Unternehmen damit zukünftig 6G-Lösungen, die sich stärker an den Bedürfnissen der Abnehmer orientieren und branchenübergreifend adaptierbar sind.

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Eine weitere Baustelle sind die Förderprogramme der EU: Die spürbaren Effekte stellen sich bislang nicht schnell genug ein. Zudem ist die langfristige wirtschaftliche Umsetzung oft noch nicht geklärt, wenn die Förderung nach drei Jahren ausläuft. So überwiegen die hohen Betriebskosten den nachhaltigen Mehrwert aus den Projekten. Es braucht mehr Dynamik innerhalb der Projekte, zum Beispiel durch kürzere Zyklen und effizientere Prozesse. Das wiederum beschleunigt den Lernprozess und eine frühzeitige Einbindung der Industrie. Damit diese Entwicklung stattfindet, ist eine verstärkte Unterstützung durch die EU unverzichtbar.

Gleiche Voraussetzungen und Visionen für ein vernetztes Europa

Doch die Verantwortung, Digitalisierung und Konnektivität voranzubringen, trägt nicht allein die EU, sondern auch multinationale Unternehmen. Diese stehen allerdings vor hohen Hürden, da sie sich in jedem Land mit anderen Voraussetzungen und rechtlichen Rahmenbedingungen konfrontiert sehen. Was in einem Land gilt, gilt nicht zwangsläufig in einem anderen. Das gefährdet auf lange Sicht die erfolgreiche Umsetzung grenzüberschreitender Geschäftsaktivitäten; einheitliche Standards und Technologien lassen sich so nur schwer etablieren. Zudem fehlen zentrale Treiber, die die Konnektivität für alle anstoßen und die Dateninteroperabilität fördern. Verschiedene Parteien sind noch zu zögerlich, versteifen sich zu sehr auf ihren eigenen Verantwortungsbereich oder zeigen jeweils auf die anderen Beteiligten, wenn es um das Erfüllen von Anforderungen und einen konkreten Handlungsbedarf geht.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Die Verantwortung für eine leistungsfähige Konnektivität liegt gemeinsam bei Unternehmen, Netzbetreibern und Behörden. Deshalb müssen die Industrie, die EU-Regierung und Institutionen sowie die Netzbetreiber ihr Rollenverständnis zukünftig anpassen. Ihr Kooperationswille sowie ihr Engagement für einheitliche Regularien und die Umsetzung einer gemeinsamen Vision ist mehr denn je gefordert. Mehr noch: Netzbetreiber, Behörden und die EU werden so in der Lage sein, ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit auch im Vergleich mit anderen Wirtschaftsmächten unter Beweis zu stellen.

Die EU muss diesen technologischen Fortschritt aktiv fördern, damit europäische Ökosysteme die Früchte moderner Mobilfunkstandards ernten können. Ein interoperables Telekommunikationsumfeld, das den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten ermöglicht, ist dabei ein wichtiges Mittel zu diesem Zweck.

Über den Autor

Christian Maasem ist Partner bei der Detecon International GmbH und Head of Hyperconnectivity. Nach dem Studium der Physik und Wirtschaftswissenschaften leitete er die Fachgruppe Informationstechnologiemanagement und die InnovationLabs am FIR an der RWTH Aachen. 2016 gründete und führte er das Center Connected Industry am RWTH Aachen Campus als Center Direktor. 2018 wurde er zum Geschäftsführer der Enterprise Integration Center Aachen GmbH berufen. Im Rahmen seiner Tätigkeiten war er für eine Vielzahl an Innovations-, Forschungs- und Beratungsprojekten der Digitalisierung mit den Schwerpunkten Industrie 4.0, Industrial IoT, Automotive, Future Logistics, eMobility, Smart Grid, Health und Smart City verantwortlich. Der Vision des RWTH Aachen Campus folgend treibt ihn der Ökosystem-Gedanke, Technologieanbieter und -anwender der verschiedenen Industrien zusammenzubringen und neue Use Case-zentrierte IKT-Lösungen und Datenökosysteme für den produktiven und wirtschaftlichen Einsatz zu schaffen.

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