Mobile-Menu

Digitale Verwaltung als kritische Infrastruktur Warum der öffentliche Dienst jetzt auf Observability und KI setzen muss

Ein Gastbeitrag von Juergen Morgenstern 4 min Lesedauer

Mit jeder neuen online verfügbaren Verwaltungsleistung nehmen nicht nur die Vorteile, sondern auch die Risiken zu, darunter technische Ausfälle sowie gezielte Angriffe. Herkömmliches Monitoring reicht dafür nicht mehr aus. Erst Observability entfaltet im Zusammenspiel mit KI ihren Wert, Vorfälle nicht nur zu erkennen, sondern diese auch vorherzusehen und einzudämmen, bevor die Nutzer überhaupt etwas merken.

Juergen Morgenstern, Sales Engineering Manager DACH bei Netscout, sieht in dem Duo aus Observability und KI den entscheidenden Hebel, um föderale Infrastrukturen gegen hochkomplexe Angriffe abzusichern.(Bild:  Netscout)
Juergen Morgenstern, Sales Engineering Manager DACH bei Netscout, sieht in dem Duo aus Observability und KI den entscheidenden Hebel, um föderale Infrastrukturen gegen hochkomplexe Angriffe abzusichern.
(Bild: Netscout)

60 Prozent der Verwaltungsleistungen in Deutschland sind laut Bitkom online verfügbar. Die Steuerplattform ELSTER allein zählt über 25 Millionen Nutzerkonten. Die dafür erforderliche kritische Infrastruktur ist unverzichtbar. Ebenso wichtig ist es, dass sich die Bürger darauf verlassen können, Zugang zu wichtigen Dienstleistungen zu erhalten, und darauf vertrauen können, dass die Regierung dafür sorgt, dass diese Infrastruktur jederzeit verfügbar ist und einwandfrei funktioniert, wenn sie benötigt wird.

Mit jedem neuen Online-Dienst nehmen jedoch nicht nur die Vorteile zu, sondern auch die Risiken, darunter technische Ausfälle sowie gezielte Angriffe.

Herkömmliches Monitoring reicht dafür nicht immer aus Es ist zwar wichtig zu erkennen, dass ein Dienst langsamer wird (in Bezug auf Verfügbarkeit, Auslastung und Reaktionszeit), doch dies erklärt noch nicht, warum dies geschieht. Genau hier entfaltet Observability im Zusammenspiel mit KI ihren Wert: Vorfälle werden nicht nur erkannt, sondern verstanden, vorhergesehen und eingedämmt, bevor die Nutzer überhaupt etwas merken.

Steigende Last, wachsende Angriffsfläche

Schon die kleinste Unterbrechung oder Verlangsamung schürt heute Unzufriedenheit und untergräbt das Vertrauen in die digitale Verwaltung. Ohne Observability lässt sich kaum unterscheiden, ob dahinter eine vorübergehend höhere Systemlast steckt — oder die erste Welle eines größeren Vorfalls.

Und der Druck kommt nicht nur von den Nutzern. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden in EMEA mehr als 4,1 Millionen DDoS-Angriffe registriert. Die europäische Cybersicherheitsagentur ENISA ist sich sicher: Öffentliche Verwaltungen stehen an vorderster Front – fast die Hälfte aller beobachteten Denial-of-Service-Angriffe entfällt auf sie.

Die DACH-Region ist keine Ausnahme. Die Angriffe zielen zunehmend auf digitale Kerninfrastruktur – und Computing-Infrastruktur-Anbieter wie Rechenzentren, Hosting- und Datenverarbeitungsdienste führen die Liste mit mehr als 70.000 registrierten Angriffen mit deutlichem Abstand an. Auffällig ist dabei eine strategische Verschiebung: weg von der reinen Masse volumetrischer Angriffe, hin zu gezielt gesetzten Angriffsszenarien.

Auch das BSI bestätigt in seinem aktuellen Lagebericht eine anhaltend angespannte Sicherheitslage. Die fortschreitende Digitalisierung vergrößert die Angriffsfläche schneller, als viele Stellen sie absichern können. Die Realität ist unbequem: Öffentliche Infrastrukturen tun sich zunehmend schwer, mit Zahl und Raffinesse dieser Angriffe Schritt zu halten.

Schnittstelle zwischen Beobachtbarkeit und KI

Observability geht weit über klassisches Monitoring hinaus. Sie kann Metriken, Ereignisse, Logs und Ablaufverläufe nutzen und diese Daten mit aus Paketen abgeleiteten Informationen anreichern und schafft so einen ganzheitlichen Blick auf komplexe Systeme. Entscheidend ist die Fähigkeit, verschiedene Signale miteinander zu verknüpfen und damit die eigentliche Ursache einer Verlangsamung oder eines Vorfalls offenzulegen. Observability beantwortet nicht nur, dass ein Dienst langsamer wird, sondern wo, warum und wie das Problem entsteht.

KI verstärkt diesen Ansatz erheblich. Durch die automatisierte Analyse riesiger Datenmengen und Verfahren wie Deep Packet Inspection erkennt sie Anomalien, identifiziert verdächtiges Verhalten und priorisiert Warnmeldungen. Was ein menschliches Team Stunden kostet, erledigt ein gut trainiertes KI-System in wenigen Sekunden.

Diese Rolle kann KI aber nur ausfüllen, wenn die Datengrundlage stimmt. Sie braucht qualitativ hochwertige, durch Observability aufbereitete Telemetrie mit genug Kontext, um die kritische Anomalie vom alltäglichen Hintergrundrauschen zu trennen. Im Zusammenspiel von AI und Observability entsteht mehr als schnellere Reaktion, es entsteht vorausschauendes Handeln: Engpässe lassen sich früh vorhersagen, erste Anzeichen eines Angriffs rechtzeitig erkennen und Ressourcen gezielt steuern.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Netzwerktechnik, IP-Kommunikation und UCC

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Governance, Souveränität und Resilienz

Je mehr KI in kritischen Systemen des öffentlichen Sektors übernimmt, desto unausweichlicher wird die Frage nach digitaler Souveränität und Governance. In Deutschland hat diese Debatte längst die Ebene der nationalen Sicherheit erreicht. Angesichts einer anhaltend kritischen Bedrohungslage und politisch motivierten Hacktivismus – wie ihn das BSI in seinen Lageberichten kontinuierlich dokumentiert – ist IT-Resilienz kein rein technisches Ziel mehr. Sie ist das Fundament staatlicher Handlungsfähigkeit. Das verlangt ein grundlegendes Umdenken: weg von reaktiver Fehlerbehebung, hin zu proaktivem Schutz.

Wie eine solche moderne Verteidigungslinie aussehen kann, zeigt die Cybersicherheitsstrategie des Bundes mit Großprojekten wie dem Cyberdome des Bundesministeriums des Innern. Das Konzept setzt genau dort an, wo herkömmliches Monitoring an seine Grenzen stößt: bei der KI-gestützten Erkennung und automatisierten Abwehr von Bedrohungen in Echtzeit.

Damit dieser Wandel gelingt, müssen Transparenz und staatliche Aufsicht Hand in Hand gehen. Der EU AI Act stuft viele Verwaltungsanwendungen als Hochrisiko-Systeme ein. Institutionen wie das BSI-Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz begleiten diesen Übergang, um technische Risiken zu minimieren und die Einhaltung europäischer Standards sicherzustellen.

Fazit

Für den deutschen öffentlichen Dienst ist das Duo aus Observability und KI weit mehr als ein reines Modernisierungswerkzeug. Es ist der entscheidende Hebel, um föderale Infrastrukturen gegen hochkomplexe Angriffe abzusichern, die digitale Souveränität des Staates zu wahren und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in eine funktionierende, krisenfeste digitale Verwaltung dauerhaft zu sichern.

Die Frage ist damit nicht mehr, ob der öffentliche Dienst auf Observability und KI setzen sollte. Die Frage ist, wie schnell – bevor der nächste Angriff die Antwort erzwingt.

Über den Autor

Juergen Morgenstern ist Sales Engineering Manager DACH bei Netscout.

(ID:50980907)