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Neues Routing-Regime in Europa Der digitale Eiserne Vorhang fällt: Europas Datenverkehr ordnet sich neu

Ein Gastbeitrag von Tanja Göbel 2 min Lesedauer

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Der Krieg in der Ukraine hat die digitalen Verkehrsströme zwischen Ost- und Westeuropa grundlegend verschoben. Netzbetreiber wie RETN registrieren massive Umleitungen, neue Knotenpunkte entstehen – und Frankfurt sowie Warschau avancieren zu strategischen Hubs der Gegenwart.

Tanja Göbel, Commercial Director bei RETN in der DACH-Region, erlebt täglich, wie Betreiber in Europa ihre Routen, Strategien und Partnerschaften neu denken, um in einer veränderten geopolitischen Landschaft verbunden zu bleiben.(Bild:  Retn)
Tanja Göbel, Commercial Director bei RETN in der DACH-Region, erlebt täglich, wie Betreiber in Europa ihre Routen, Strategien und Partnerschaften neu denken, um in einer veränderten geopolitischen Landschaft verbunden zu bleiben.
(Bild: Retn)

Eine stille Transformation verändert die digitale Infrastruktur Europas – und kaum jemand spricht darüber. Während die Welt auf Drohnen, Militärbudgets und Sanktionen schaut, vollzieht sich im Hintergrund eine tiefgreifende Umwälzung. RETN, einer der größten unabhängigen Netzwerkanbieter weltweit, schätzt, dass aufgrund des Krieges in der Ukraine, der Zerstörung physischer Infrastruktur und umfassender regulatorischer Änderungen bereits bis zu 80 Prozent des Internetverkehrs zwischen Ost und West umgeleitet wurden.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 sind die traditionellen Ost-West-Datenkorridore zusammengebrochen. Ukrainische Provider wurden verpflichtet, sämtliche direkten Peering-Verbindungen mit russischen Netzen zu kappen und ASNs (Autonomous System Number; eine eindeutige Nummer für ein IP-Netzwerk) russischer Herkunft zu blockieren. Um die Konnektivität aufrechtzuerhalten, orientierten sich ukrainische Upstream-Anbieter nach Westen – zu Polen, Ungarn und der Slowakei – und bauten eine zunehmende Abhängigkeit von europäischen digitalen Knotenpunkten wie Frankfurt und Amsterdam auf.

So entsteht eine neue digitale Ordnung, die weniger von Geopolitik als von Vernetzung geprägt ist. Frankfurt und Amsterdam bleiben dabei die zentralen Konvergenzzonen für den Ost-West-Verkehr und verarbeiten enorme Mengen an umgeleiteten Datenströmen aus dem Osten.

Netzwerkdaten von RETN zeigen: Der tägliche ausgehende Datenverkehr aus Deutschland stieg von 10,4 Petabyte im Jahr 2022 auf 34,5 Petabyte im Jahr 2025 – ein Plus von 231,7 Prozent, deutlich über den europäischen Durchschnittswerten. Im November 2024 erreichte Frankfurt mit 18,11 Tbps einen historischen Spitzenwert.

Ein wesentlicher Treiber ist der Verlust der klassischen UA-RU-Routen. Vor 2022 verlief der Verkehr zwischen Asien und Europa häufig über Russland, die Ukraine oder nördliche Routen über das Baltikum und Skandinavien. Mit dem Wegfall direkter Verbindungen musste der Datenstrom vollständig auf vertrauenswürdige Alternativen verlagert werden – viele davon führen nun über Polen. Dadurch gewann Warschau erheblich an Bedeutung und entwickelt sich zu einem neuen Schlüsselknotenpunkt zwischen Ost und West.

Polen gewinnt in dieser Neuordnung erhebliche Bedeutung. Warschau verarbeitet im RETN-Netz mittlerweile etwa dreimal so viel ukrainischen Datenverkehr wie vor dem Krieg. Mit einer geschätzten Bandbreite von 3,7 Tbit/s hat Polen Deutschland inzwischen als wichtigsten internationalen Connectivity-Hub der Ukraine überholt

Investitionen in die Netzinfrastruktur verlagern sich zunehmend nach Westen, um Engpässe zu umgehen und die Resilienz globaler Verbindungen zu stärken. Mit stabilen politischen Rahmenbedingungen und dichten IXP-Ökosystemen – allein Frankfurt verbindet mehr als 1.000 Netzwerke – zeichnen sich drei Entwicklungen ab:

  • Eine neue „Geopolitik der Latenz“: Routing-Strategien werden zunehmend zu geopolitischen Entscheidungen.
  • Über das CEF-Digital-Programm fließen mehr als 950 Mio. Euro in Glasfaser- und Backbone-Projekte in Mittel- und Westeuropa, um die grenzüberschreitende Konnektivität zu sichern.
  • Netzwerksouveränität gewinnt an Gewicht: Regierungen und Betreiber setzen auf vertrauenswürdige IXPs, lokale Rechenzentren und überprüfbare Routen – und meiden Abhängigkeiten von unsicheren Territorien.

Für die DACH-Region markiert diese Verschiebung einen strategischen Wendepunkt. Mit Knotenpunkten wie Frankfurt rückt die neue digitale Ordnung ins Herz der europäischen Datenströme – und wird damit zum stabilisierenden Faktor in einer zunehmend fragmentierten digitalen Welt. Entscheidungen über Netzausbau, Routing und Infrastruktur werden hier nicht mehr nur technisch, sondern auch politisch relevant.

Über die Autorin

Tanja Göbel ist Commercial Director bei RETN in der DACH-Region.

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