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Die Summe der Einzelbelastungen
Normalerweise liegen an einem Ort mehrere Belastungen durch unterschiedliche Quellen vor. Die entstehende Gesamtbelastung erhält man durch Fourier-Transformation der vorliegenden Welle, was die Leistungsflussdichte hinsichtlich der Einzelkomponenten der unterschiedlichen Frequenzanteile isoliert, und anschließender Summation der Koeffizienten.
Es ist sehr komplex, aber nicht unmöglich, mittels mathematischer Modelle basierend auf den Maxwell’schen Gleichungen einerseits und Modellen menschlicher Körper andererseits eine Beziehung zwischen elektrischen Werten wie elektrischer und magnetischer Feldstärke herzuleiten. In der Metastudie des NRPB finden sich genügend Hinweise auf entsprechende Originalliteratur.
Die von ICNRIP definierten Referenzlevel sind aus diesen mathematischen Modellen abzüglich einer erheblichen Sicherheitsreserve abgeleitet worden. Das Charmante daran ist, dass diese Referenzlevel untereinander nur noch simpel miteinander verknüpft werden müssen. In einem gewissen Spektrum lassen sich aus ihnen wiederum recht einfach neue Referenzlevel für andere SAR-Werte ableiten.
Wie in einem früheren Beitrag ausgeführt, liegt der von der NRPB ermittelte Grenzwert für SAR bei 10 W/kg für Personen, die beruflich im Umfeld von Anlagen arbeiten, und bei 2 W/kg für Personen, die der allgemeinen Öffentlichkeit angehören. Leider sind zurzeit nur Referenzlevels für SAR-Werte von 10 W/kg und 2 W/kg veröffentlicht. Die im Rahmen dieser Grenzwerte entstehende SAR-Belastung ist jedoch ziemlich hoch und kann, möchte man die Ergebnisse der REFLEX-Studie nicht völlig ignorieren, für das Umfeld von WLAN keinesfalls akzeptiert werden.
Betrachtet man die Ergebnisse der REFLEX-Studie genauer, stellt sich heraus, dass auch ein SAR-Wert von 2 W/kg, wie er allen Nutzern im Rahmen des Vertrauens auf das CE-Zeichen garantiert wird, noch viel zu hoch sein kann.
Bei der REFLEX-Studie stellt sich ja die Frage, inwieweit die Ergebnisse der in-vitro-Experimente auch in vivo anwendbar sind. Bei den in-vitro-Experimenten werden ja die Zellen völlig ohne weiteren Schutz der EFM-Belastung ausgesetzt. Im richtigen Leben liegen zwischen dem betroffenen Gewebe und der Strahlungsquelle aber noch einige weitere Schichten aus Haut, Gefäßen und ggf. Knochen, die eine nennenswerte Dämpfung ausüben. Das empfindliche Gewebe im Kopf und das Nervengewebe werden z.B. durch die sog. Blut-Hirn-Schranke geschützt. Die Autoren der REFLEX-Studie bezweifeln z.B. die von anderen Forschern genannten Kausalitäten hinsichtlich der Auslösung schwerer Krankheiten durch die Durchbrechung dieser Schranke. Das können wir hier nicht weiter ausführen, weil es wirklich sehr komplex ist und der tiefer interessierte Leser möge daher bitte die angegebene Originalliteratur zu Rate ziehen.
Aus anderen Untersuchungen weiß man, dass die Dämpfungseigenschaften der Körperbestandteile mit der Frequenz erheblich zunehmen. So ist z.B. im Millimeterwellenbereich ab 10 GHz damit zu rechnen, dass ein menschlicher Körper die Wellenausbreitung stärker bedämpft als dies eine massive Wand bei 2,4 oder 5 GHz tut.
Setzt man sich nun noch genauer mit der REFLEX-Studie auseinander, sieht man auch, dass es SAR-Werte gibt, bei denen selbst den völlig ungeschützten Zellen im Reagenzglas überhaupt nichts passiert. Nimmt man von diesen Werten wiederum den kleinsten und zieht davon aus Vereinfachungsgründen noch etwas ab, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Wert als Grenzwert auch den allerneuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen standhält.
Der SAR-Wert, unterhalb dem im REFLEX-Projekt keine statistisch relevante Belastung mehr nachweisbar ist, ist 0,3 W/kg.
Schlagen wir noch einen zusätzlichen Sicherheitsabstand hinzu, kommen wir auf 0,2 W/kg. Dieser Wert ist um den Faktor 10 kleiner als der bisherige gesetzliche Grenzwert.
Betrachtet man die vom NRPB und der EU-Kommission veröffentlichten Referenzlevel für eine Betrachtung hinsichtlich der Einhaltung der SAR-Grenzwerte von 10 bzw. 2 W/kg und zieht gleichzeitig die Hintergrundliteratur zu Rate, kommt man relativ schnell auf die „Rechenregeln“ für die Referenzlevel und kann diese auch für niedrigere SAR-Werte durchführen. Der Autor hat daraus eine Tabelle erstellt und zusätzliche Referenzlevel für SAR-Belastungen von 0,4; 0,2 und 0,08 W/kg berechnet (siehe Tabelle 1).
Es wäre nicht verwunderlich, wenn von anderen Stellen bald Tabellen mit ähnlichen Werten kämen.
Wesentlich ist, dass einem SAR-Grenzwert von 0,2 W/kg unter Berücksichtigung aller Unsicherheiten bei der Nachvollziehung des Rechenweges einer äquivalenten Leistungsflussdichte von ca. 1 W/qm entspricht.
Alle bis zu dieser Stelle gemachten Aussagen betreffen die „gelegentliche“ Einwirkung auf einen Körperteil, wie sie z.B. beim Handy-Telefonieren typisch ist. In den gesamten Grenzwertdiskussionen wird hierfür eine Zeitspanne von 6 Minuten angegeben, warum auch immer. Auch die EU-Kommission bezieht sich immer wieder darauf.
Für die „dauerhafte Bestrahlung des gesamten Körpers“ gilt nach den neuesten ICNIRP-Empfehlungen der wesentlich stärkere SAR-Grenzwert von 0,08 W/kg. Diesem entspricht eine äquivalente Leistungsflussdichte von 0,4 W/qm.
Nach dieser ganzen Mühe ergeben sich interessante Planungsaspekte. Hierzu im nächsten Teil mehr.
Über den Autor
Dr. Franz-Joachim Kauffels ist seit über 25 Jahren als unabhängiger Unternehmensberater, Autor und Referent im Bereich Netzwerke selbständig tätig. Mit über 15 Fachbüchern in ca. 60 Auflagen und Ausgaben, über 1.200 Fachartikeln sowie unzähligen Vorträgen ist er ein fester und oftmals unbequemer Bestandteil der deutschsprachigen Netzwerkszene, immer auf der Suche nach dem größten Nutzen neuer Technologien für die Anwender. Sein besonderes Augenmerk galt immer der soliden Grundlagenausbildung.
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