5G hat sich als Mobilfunkstandard in der Fläche etabliert. Doch oftmals ist bislang der kommerzielle Erfolg von 5G hinter den Erwartungen geblieben. Das soll nun ein neuer Ansatz ändern: Das Neutral Host Provider Modell verspricht sinkende Kosten und steigende Effizienz.
Das Neutral-Host-Provider-Modell, für das Cloud RAN und Open RAN den Weg freimachen, trennt Hardware und Software – und ermöglicht es mehreren Mobilfunkanbietern, eine gemeinsame 5G-Infrastruktur effizient zu nutzen.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
5G ist mittlerweile in der Fläche angekommen. Und doch steht die Branche vor einer großen Herausforderung. Denn laut Analysen von Analysys Mason wird der Zuwachs der Nutzung mobiler Daten in Westeuropa bis 2030 auf einstellige Werte fallen. Gleichzeitig sind die ursprünglich für 5G prognostizierten Treiber wie autonomes Fahren, Industrieautomatisierung, oder Metaverse bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dadurch bleiben die erhofften Umsatzsteigerungen aus und die hohen Investitionen in 5G-Netze amortisieren sich langsamer als geplant.
Traditionell betreiben Mobilfunkanbieter die Telekommunikationsnetze. Zuletzt hat sich diese Struktur jedoch weiterentwickelt: Die Mobilfunkanbieter haben spezifische Funkturmbetreiber als unabhängige Unternehmen ausgegliedert. Das soll die gemeinsame Nutzung der passiven Infrastruktur erleichtern und so zu potenziellen Kosteneinsparungen für den Mobilnetzzugang von bis zu 20 Prozent führen. Mit der Verbreitung von kognitiven Netzen und dem Aufkommen von Cloud RAN- und Open RAN-basierten Netzarchitekturen besteht nun allerdings die Möglichkeit, das Anlagen-Eigentum effizienter zu trennen.
Ein vielversprechender Lösungsansatz ist das Neutral-Host-Provider-Modell (NHP), das durch die Cloud RAN- und Open RAN-Technologie neue Möglichkeiten für effizientes Network Sharing eröffnet – auch für die aktive Infrastruktur. Dieses Modell verspricht zum einen Kosteneinsparungen, zum anderen eine flexiblere und innovativere Netzwerkarchitektur, die besser auf zukünftige Anforderungen reagieren kann.
In diesem Modell übernehmen Funkmastbetreiber als neutrale Infrastrukturanbieter die gemeinsam genutzte aktive und passive RAN-Infrastruktur, während sich Mobilfunkanbieter auf softwarebasierte Dienste konzentrieren können. Diese Aufgabenteilung ermöglicht es beiden Parteien, sich auf ihre Kernkompetenzen zu fokussieren und gleichzeitig von Synergien zu profitieren.
Die Vorteile sind beachtlich: Kostenreduktionen von bis zu 40 Prozent im Vergleich zu traditionellen RAN-Operationen sind möglich, davon allein 15 Prozent durch passives Teilen der Infrastruktur. Diese Einsparungen resultieren aus der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen, reduzierten Wartungskosten und optimierter Auslastung der Infrastruktur. Zudem lassen sich hohe Anfangsinvestitionen (CapEx) in operative Ausgaben (OpEx) transformieren, was die Finanzierbarkeit von Netzausbau und -modernisierung für Mobilfunkanbieter deutlich verbessert.
Technische Grundlagen des NHP-Modells
Das NHP-Modell basiert auf der Entkopplung von Hardware und Software durch Cloud RAN und Open RAN. Dies ermöglicht es mehreren Mobilfunkanbietern, ihre individuellen RAN-Software-Stacks auf einer gemeinsam genutzten Infrastruktur zu betreiben. Entscheidend sind dabei:
Virtualisierte, Cloud-native Netzwerkarchitektur ermöglicht eine flexible Skalierung und effiziente Ressourcennutzung. Durch die Virtualisierung können Netzwerkfunktionen als Software auf Standard-Hardware ausgeführt werden, was die Abhängigkeit von proprietärer Hardware reduziert.
Standardisierte Open RAN-Schnittstellen erlauben die Interoperabilität zwischen Komponenten verschiedener Hersteller für einen Multi-Vendor-Ansatz. Der fördert Innovationen und reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern.
Zero-Trust-Sicherheitsarchitektur zur Isolation der Workloads stellt sicher, dass die Daten und Prozesse der verschiedenen Mobilfunkanbieter strikt voneinander getrennt bleiben. Jeder Zugriff wird kontinuierlich überprüft, unabhängig davon, ob er von innerhalb oder außerhalb des Netzwerks erfolgt.
Cloud-Orchestrierung durch den neutralen Host ermöglicht eine zentrale Verwaltung und Optimierung der geteilten Ressourcen. Der neutrale Host kann so die Infrastruktur effizient managen und gleichzeitig jedem Mobilfunkanbieter die benötigte Flexibilität und Kontrolle über seine virtuellen Netzwerkfunktionen bieten.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Aktuell gibt es noch einige technische und kommerzielle Herausforderungen bei der Umsetzung des vollständigen Sharing-Potenzials. Die gemeinsame Nutzung von Radio Units (RUs) ist derzeit nur mit einem RAN-Software-Anbieter möglich, was die Flexibilität einschränkt und Kostensenkungen erschwert. Zukünftige Standards der O-RAN Alliance sollen jedoch multiple RAN-Software auf geteilten RUs ermöglichen, was die volle Ausschöpfung des Sharing-Potenzials verspricht.
Bis dahin empfiehlt sich ein schrittweiser Ansatz:
1. Sharing der passiven Infrastruktur implementieren: Dies umfasst die gemeinsame Nutzung von Standorten, Masten und Stromversorgung. Dieser Schritt ist relativ einfach umzusetzen und bietet bereits erhebliche Kosteneinsparungen.
2. Cloud-Orchestrierung durch neutralen Host aufbauen: Hierbei wird eine zentrale Managementplattform für die virtualisierte Netzwerkinfrastruktur geschaffen. Dies legt die Grundlage für die effiziente Verwaltung geteilter aktiver Komponenten.
3. RAN-Software-Sharing mit einem Anbieter einführen: In dieser Phase wird die aktive RAN-Infrastruktur geteilt, zunächst mit einem einzigen Software-Anbieter. Dies ermöglicht es, Erfahrungen mit dem Sharing-Modell zu sammeln und Prozesse zu optimieren.
4. Migration zu Multi-Vendor-Setup nach Standardisierung: Sobald die O-RAN-Standards die Nutzung multipler RAN-Software-Stacks erlauben, kann das volle Potenzial des NHP-Modells ausgeschöpft werden. Dies ermöglicht maximale Flexibilität und Wettbewerb auf der Software-Ebene.
Ein konkretes Praxisbeispiel liefert TAWAL in Saudi-Arabien: Der landesweit größte Betreiber von Mobilfunktürmen treibt die Umsetzung des NHP-Modells voran. Derzeit evaluiert er gemeinsam mit Anbietern von Netzwerkausrüstung, Regulierungsbehörden und lokalen Telekommunikationsbetreibern die Möglichkeiten, um den Telekommunikationssektor des Landes an die internationale Spitze zu bringen.
„Durch die Förderung eines von der Open RAN-Technologie gestützten neutralen Host-Provider-Modells ebnen wir den Weg für ein effizienteres, kooperatives und innovatives Telekommunikationsökosystem in Saudi-Arabien“, betont etwa Hassan Albihishi, Director of Commercial Planning and Solutions bei TAWAL.
Die Transformation zum NHP erfordert strategische Weichenstellungen
Für Funkmastbetreiber bedeutet der Weg zum NHP eine fundamentale Transformation:
Aufbau von Open RAN-Expertise und Cloud-Kompetenzen: Dies erfordert erhebliche Investitionen in Mitarbeiterschulungen und möglicherweise die Einstellung neuer Spezialisten. Funkturmbetreiber müssen ein tiefes Verständnis für softwarebasierte Netzwerkarchitekturen entwickeln.
Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Pricing-Strukturen: Das NHP-Modell erfordert innovative Ansätze zur Monetarisierung der geteilten Infrastruktur. Dabei müssen die Beteiligten faire und transparente Preismodelle entwickelt werden, die alle Interessen berücksichtigen. Zudem muss die kommerzielle Verantwortung für den Betrieb des Gesamtsystems geklärt sein.
Anpassung der Organisationsstruktur und Prozesse: Die Rolle als neutraler Host erfordert neue Abteilungen und Verantwortlichkeiten. So müssen die Hosts Prozesse anpassen, um die Bedürfnisse mehrerer Mobilfunkanbieter effizient zu managen.
Partnerschaften mit Technologieanbietern: Enge Kooperationen mit Soft- und Hardware-Anbietern sind entscheidend, um die komplexe NHP-Infrastruktur aufzubauen und zu betreiben. Diese Partnerschaften sollten strategisch ausgewählt und langfristig angelegt sein.
Gleichzeitig müssen Mobilfunkanbieter ihre Rolle neu definieren und sich auf Service-Innovation und Differenzierung fokussieren. Dies bedeutet eine Verlagerung von Ressourcen weg von der physischen Netzwerkinfrastruktur hin zu Bereichen wie Kundenservice, Produktentwicklung und digitalen Diensten. Nur wenn alle Beteiligten Hand in Hand agieren, können sie das volle Potenzial des NHP-Modells ausschöpfen.
Stand: 08.12.2025
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Der Weg zum NHP-Modell ist komplex. Betreiber von Funkmasten sollten jetzt die Weichen stellen und schrittweise die technischen, kommerziellen, und organisatorischen Voraussetzungen schaffen. Dies erfordert eine klare Strategie, Investitionen in Technologie und Mitarbeiter sowie die Bereitschaft, etablierte Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Die Erfahrungen von Pionieren wie TAWAL zeigen, dass sich der Aufwand lohnt - für alle Beteiligten. Durch die Effizienzgewinne und neuen Geschäftsmöglichkeiten, die das NHP-Modell bietet, können sowohl Funkmastbetreiber als auch Mobilfunkanbieter ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem herausfordernden Marktumfeld stärken.
Dr. Alexander Mathieu.
(Bild: Detecon)
Über den Autor
Dr. Alexander Mathieu ist Partner bei Detecon und verantwortlich für Strategie, Unternehmensentwicklung und Transformation im Bereich Telekommunikation. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung im Telekommunikationssektor – sowohl in Unternehmen als auch in der Strategieberatung.