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Alte Infrastruktur wird zum Nadelöhr KI ohne Netzwerkmodernisierung? Klingt nach E-Auto ohne Ladesäulen

Ein Gastbeitrag von Bernhard Kretschmer 5 min Lesedauer

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Eine zunehmend digitalisierte und KI-geprägte Welt hängt von einer guten Netzwerkqualität ab. Und genau hier hakt es vielerorts. Die Frage ist also nicht, ob Unternehmen ihr Netzwerk modernisieren sollten, sondern wie.

Ein Self-Healing Network diagnostiziert Fehlkonfigurationen oder Ausfälle nicht nur schneller, sondern behebt sie auch ohne menschliches Eingreifen. (Bild: ©  Peopleimages - AI - stock.adobe.com)
Ein Self-Healing Network diagnostiziert Fehlkonfigurationen oder Ausfälle nicht nur schneller, sondern behebt sie auch ohne menschliches Eingreifen.
(Bild: © Peopleimages - AI - stock.adobe.com)

Multi-Cloud-Ansätze, vernetzte Produktionsprozesse und hybride Arbeitsmodelle versprechen Produktivitätsgewinne sowie neue Geschäftsmodelle. In der Praxis scheitern viele dieser Vorhaben jedoch nicht an den Anwendungen oder fehlendem Know-how, sondern an einer grundlegenden Ressource: dem Unternehmensnetzwerk. Es ist das verbindende Element aller digitalen Prozesse und zugleich ihr häufigstes Nadelöhr. Besonders deutlich zeigt sich dieses Problem bei Künstlicher Intelligenz: Ohne skalierbare, intelligente Netzwerke lässt sich das volle Potenzial der Technologie nicht ausschöpfen.

Störungen entstehen dabei selten abrupt. Häufiger entwickeln sie sich schleichend: Applikationen reagieren inkonsistent, Videokonferenzen verlieren an Qualität, Cloud-Workflows brechen ohne klare Fehlermeldung ab oder KI-Systeme liefern Ergebnisse mit Verzögerung. In vielen Fällen fällt der Verdacht reflexartig auf die Anwendung oder den Cloud-Anbieter. Erst bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass die Ursache tiefer liegt, in einem Netzwerk, das für heutige Anforderungen nicht mehr ausgelegt ist.

Um diese Problematik greifbar zu machen, lohnt sich ein Blick auf drei Fragen: Wie haben sich die Anforderungen an Netzwerke verändert? Welche technischen Konzepte adressieren diese Veränderungen? Und warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um gezielt zu investieren?

Fünf Realitäten, die Netzwerke heute erfüllen müssen

Die Rolle des Netzwerks hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Ein nüchterner Blick auf die aktuellen Anforderungen zeigt:

  • Unvorhersehbarkeit ist der Normalzustand – Cloud-Dienste, SaaS-Anwendungen, Edge-Computing und mobile Endpunkte erzeugen hochvariable, schwer vorhersehbare Traffic-Muster. Klassische MPLS-basierte WAN-Strukturen stoßen hier schnell an ihre Grenzen, da sie auf festen, statischen Pfaden basieren.
  • Applikationen sind keine Einheiten mehr – APIs, Microservices und containerisierte Workloads erzeugen eine Vielzahl kurzlebiger Verbindungen zwischen Services. Netzwerke, die primär monolithische Strukturen unterstützen, können Priorisierung und Monitoring nicht mehr zuverlässig gewährleisten.
  • Sicherheit ist überall – oder wirkungslos – Der traditionelle Perimeter löst sich auf. Sicherheitsentscheidungen müssen daher nicht nur am Rand, sondern direkt im Netzwerk getroffen werden – identitätsbasiert, kontextsensitiv und kontinuierlich überprüft. Ansätze wie Zero Trust, Mikrosegmentierung und KI-gestützte Anomalieerkennung werden damit unverzichtbar.
  • Fehler vermeiden statt Ausfälle bearbeiten – Klassische Monitoring-Tools erfassen oft nur statische Schnittstellenmetriken und sind auf Incident Management ausgelegt. Gefordert ist jedoch eine End-to-End-Sicht in Echtzeit auf Performance, Abhängigkeiten und Ursachen von Störungen, um Probleme proaktiv zu erkennen und möglichst zu verhindern, bevor sie Nutzer beeinträchtigen.
  • Manueller Betrieb skaliert nicht – Die Komplexität moderner Netzwerke übersteigt die Möglichkeiten manueller Administration. Gefragt sind softwaredefinierte Steuerung, automatische Policy-Verteilung und selbstkorrigierende Mechanismen, um Betriebskosten zu senken und Konsistenz sicherzustellen.

All das zeigt: Das Netzwerk ist längst keine reine Transportinfrastruktur mehr, sondern ein hochkomplexes, softwaregetriebenes System, das aktiv zum Gelingen digitaler Prozesse beitragen muss.

Die technische Antwort auf diese Herausforderung

Moderne Netzwerkarchitekturen reagieren auf diese Rahmenbedingungen mit neuen technischen Prinzipien. Vier davon stechen heraus.

1. Beobachtbarkeit statt Blindflug

In vielen IT-Organisationen beginnt Troubleshooting noch immer mit Vermutungen. Anwender melden ein Problem, Logs werden durchsucht, Zuständigkeiten diskutiert. Häufig steht das Netzwerk unter Generalverdacht – ohne belastbare Daten.

Moderne Netzwerke setzen deshalb auf kontinuierliche Telemetrie. Netzwerkgeräte liefern Zustands- und Verkehrsdaten an zentrale Analyseplattformen. Dort werden Metriken wie Latenz, Paketverlust, Routingentscheidungen, CPU- und Pufferzustände, Applikationsklassifizierung und Identitätsinformationen in Echtzeit korreliert.

Der Mehrwert liegt dabei nicht nur in der Erkennung von Störungen und der schnellen Ursachenklärung, sondern vor allem in der Sichtbarkeit von Anomalien, der proaktiven Analyse und Vermeidung von Ausfällen und Auswirkungen auf die Nutzer. Auf diese Weise können IT-Teams im Fehlerfall nicht nur mittels Observability-Tools schnell belegen, wer der eigentliche Verursacher ist, sondern auch so schnell eingreifen, dass ein Fehler behoben ist, bevor die Nutzer überhaupt etwas bemerken.

2. Vom manuellen Konfigurieren zum kontinuierlichen Steuern

An die Stelle manueller Konfigurationsarbeit tritt ein zielorientierter Ansatz: Intent-based Networking. Die IT definiert gewünschte Zustände – beispielsweise Performance-Garantien für bestimmte Anwendungen, Segmentierungsregeln oder Sicherheitsniveaus. Das System übersetzt diese Vorgaben automatisch in konsistente Konfigurationen und überprüft kontinuierlich deren Einhaltung.

Abweichungen werden nicht nur erkannt, sondern aktiv korrigiert. Das reduziert Konfigurationsfehler, beschleunigt Änderungen und macht das Netzwerk zu einem adaptiven System, das mit dem Geschäft mitwächst.

3. Trau, schau, wem: Zero Trust

Der klassische Ansatz „im VPN = vertrauenswürdig“ gilt nicht mehr. Zugriffe werden nicht pauschal erlaubt, sondern für jede Anfrage kontextabhängig bewertet. Kriterien sind unter anderem Identität, Gerätezustand, Standort, Nutzerrechte, Applikation, Datenkritikalität und aktuelles Risikoprofil.

Mikrosegmentierung, bidirektionale Traffic-Analyse und verhaltensbasierte Erkennung sind integrale Bestandteile moderner Architekturen. Unterstützt durch KI-Analysen lassen sich Anomalien früh erkennen, laterale Bewegungen einschränken und betroffene Segmente automatisiert isolieren.

4. KI und AIOps als Enabler

Selbstheilende Netzwerke, unterstützt durch AIOps (Artificial Intelligence for IT Operations), erkennen nicht nur Probleme, sondern analysieren deren Ursachen und treffen automatisiert Maßnahmen zur Behebung. Software-Defined Networking (SDN) trennt Steuerung und Datenebene, ermöglicht zentrale Kontrolle und beschleunigt Anpassungen.

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Das Netzwerk lernt kontinuierlich aus Vorfällen, verbessert seine Stabilität und trägt damit zur Compliance bei, beispielsweise in Bezug auf NIS2-Anforderungen.

Warum Unternehmen jetzt investieren müssen

Die Modernisierung des Netzwerks ist kein Selbstzweck. Sie wird sowohl durch Business- als auch durch IT-Anforderungen getrieben.

Aus geschäftlicher Sicht sind es vor allem drei Faktoren. Erstens sind digitale Geschäftsmodelle, allen voran Cloud- und KI-basierte Services, von einer stabilen Konnektivität abhängig. Zweitens steht und fällt die Produktivität in hybriden Arbeitsmodellen mit der Netzwerkqualität und damit dem Nutzererlebnis. Und drittens lassen sich regulatorische Anforderungen an Resilienz, Nachvollziehbarkeit und Sicherheit ohne transparente Netze kaum erfüllen.

Auch operativ wächst der Druck: Störungen müssen schneller eingegrenzt werden, Verantwortlichkeiten klar zuordenbar sein. Komplexe Umgebungen erfordern Automatisierung, um Kosten zu senken und Fehler zu vermeiden. Zudem müssen Netzwerke flexibel auf neue Anwendungen, Standorte und Sicherheitsanforderungen reagieren.

In dieser Kombination wird deutlich: Wer in KI, Cloud oder Automatisierung investiert, ohne das Netzwerk mitzudenken, riskiert, dass diese Initiativen ihr Potenzial nicht entfalten.

Fazit: Das Netzwerk als operative Grundlage digitaler Wertschöpfung

Digitalisierung erfordert mehr als neue Technologien. Geschäftsziele, Use Cases, Risikoanalysen sowie Sicherheits- und Compliance-Anforderungen müssen zusammen gedacht werden. Ohne ein tragfähiges technisches Fundament bleiben diese Ansätze jedoch wirkungslos.

Bernhard Kretschmer.(Bild:  NTT)
Bernhard Kretschmer.
(Bild: NTT)

Das Netzwerk ist kein nachgelagertes Infrastrukturthema, sondern der operative Kern moderner IT-Architekturen. Ein intelligentes, transparentes und automatisiertes Netzwerk bildet die Grundlage für stabile Cloud-Services, skalierende KI-Anwendungen und tragfähige Sicherheitskonzepte.

Erst wenn diese Basis steht, wird aus digitaler Ambition auch messbarer Geschäftsnutzen.

Über den Autor

Bernhard Kretschmer ist Managing Director Technology Solutions DACH bei NTT DATA .

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