Die hohen Erwartungen an das 5G-Netz sind in Deutschland bislang eher enttäuscht worden. Mit der bald anstehenden Entwicklung von 6G gibt es nun eine neue Chance, die alle Beteiligten dringend nutzen sollten. Sonst ist der Digitalstandort Deutschland in Gefahr.
"Die Einführung von 6G stellt für Deutschland eine enorme wirtschaftliche und technologische Chance dar; entscheidend ist jedoch, dass die Vorbereitungen schon jetzt beginnen", sagt Kostas Pentikousis von Detecon.
(Bild: Karsten Schilling)
5G hat weltweit hohe Erwartungen geweckt. Die haben sich allerdings hierzulande bislang noch nicht erfüllt – und 6G steht schon in den Startlöchern. Experten erwarten erste Pilotprojekte und Implementierungen in den nächsten Jahren, die weltweite Standardisierung ist in vollem Gange. 6G verspricht mehr Geschwindigkeit und Effizienz sowie das von der Industrie längst geforderte Erschließen neuer Anwendungsfelder. Für den deutschen Markt könnte 6G einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bieten – wenn Politik, Wirtschaft und Technologie gemeinsam frühzeitig die richtigen Weichen stellen.
Weltweit läuft die Forschung und Entwicklung rund um 6G bereits auf Hochtouren. Anwendungen wie immersive Kommunikationslösungen treiben die Notwendigkeit neuer Frequenzbänder voran. Während das volle Potenzial von 5G noch nicht ausgeschöpft ist, arbeitet die Branche bereits daran, Frequenzbereiche wie cm-Wellen und Sub-Terahertz (THz) für 6G zu erschließen. Diese könnten die derzeitigen 5G-Angebote im Sub-6-GHz- und mmWave-Spektrum wirkungsvoll ergänzen und Netzbetreibern ermöglichen, ihre Dienste noch weiter zu optimieren.
Internationale Gremien wie der 3GPP und ITU-R arbeiten bereits an Standardisierungsprozessen. Erste Pilotprojekte und Machbarkeitsstudien innerhalb der nächsten drei Jahre sind realistisch. Voraussichtlich bis 2029 werden nationale Regulierungsbehörden die notwendigen Frequenzen zuweisen. Und dieses Mal sollte der Rollout hierzulande – anders als bei der 5G-Frequenzvergabe – reibungslos über die Bühne gehen. Dann hat Deutschland auch die Chance, sich wieder als Vorreiter im Bereich der Telekommunikationstechnologie zu etablieren.
Die wirtschaftlichen Herausforderungen
Der Rollout von 5G hat sich als kostenintensiver erwiesen als ursprünglich angenommen. Auch die Betriebskosten liegen höher als bei 4G-Netzen. Um mit 6G nicht in eine ähnliche Kostenfalle zu geraten, müssen die Netzbetreiber frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um die Investitionen und die voraussichtlichen Erlöse auszubalancieren. Angesichts der geringen Margen im B2C-Markt wird es auch darauf ankommen, neue Einnahmequellen zu erschließen. Die Schlüssel zum Wachstum können margenstarke Märkte wie Logistik, Produktion und Telemedizin sein. Hier sind flexible, softwaregesteuerte und automatisierte Lösungen gefragt, die es den Netzbetreibern ermöglichen, auf die spezifischen Bedürfnisse dieser vertikalen Märkte einzugehen.
Zu einem zunehmend wichtigen Entscheidungskriterium entwickelt sich die Frage, wie eine Technologie zum Erreichen der Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele beitragen kann. Die ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) verändern sich, doch der Energieverbrauch wird eine Schlüsselkomponente langfristiger Nachhaltigkeitsstrategien bleiben.
Höher, schneller, weiter
6G wird die gegenwärtigen Möglichkeiten der mobilen Kommunikation um ein Weites übertreffen. Während 5G Advanced bereits hohe Datenübertragungsgeschwindigkeiten und geringe Latenzzeiten bietet, wird 6G neue Nutzererwartungen wecken. Die Bedeutung einer Gigabit-Indoor-Abdeckung in neuen Gebäuden, Produktionsanlagen und öffentlichen Einrichtungen wie Stadien und Einkaufszentren wird mit 6G erheblich zunehmen. Die Mobilfunk-Abdeckung wird dabei eine ebenso wichtige Rolle spielen wie beispielsweise Strom und Wasser.
6G wird auf den Grundlagen von 5G und 5G Advanced aufbauen und die Netzverdichtung weiter vorantreiben, um Gigabit-Durchsatz und Millisekunden-Latenzen als konstante Nutzererfahrungen zu gewährleisten. Das Ziel ist es, diese Fähigkeiten standardmäßig bei allen Nutzerinteraktionen zu bieten. Technologisch wird 6G auf den Standalone 5G-Kernnetz-Funktionen (5G SA) aufbauen und die Verbreitung von Netzwerkfunktionen und APIs fördern, um Skalierbarkeit zu ermöglichen und Disaggregation zu unterstützen. Die Betreiber der Mobilfunknetze werden zudem von erweiterten Digitalisierungslösungen profitieren, mit denen sie ihren Anteil an der Wertschöpfungskette steigern können.
Noch ist die technische Roadmap für 6G in Arbeit, sodass genaue Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen sind. Eine potenzielles Entwicklungsfeld ist die integrierte Erfassung und Kommunikation (Integrated Sensing and Communications, ISAC). Diese Technologie ermöglicht es, Radiosignale sowohl zur Kommunikation als auch zur präzisen Positionsbestimmung zu nutzen. Im Vergleich zu heutigen GPS-Lösungen verspricht ISAC eine deutlich höhere Genauigkeit – vor allem in Innenräumen, wo herkömmliche Positionierungssysteme oft an ihre Grenzen stoßen.
Stand: 08.12.2025
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Ein weiterer Fokus liegt auf der Disaggregation des Radio Access Network (RAN). Die ermöglicht es Netzbetreibern, ihre Infrastruktur flexibler zu gestalten und damit sowohl Kosten zu senken als auch die Flexibilität der Netzverwaltung zu steigern – ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu 6G-Netzen.
Weiße Flecken beseitigen
6G soll eine großflächige Abdeckung mit schneller Mobilfunkverbindung gewährleisten. In Kombination mit nicht-terrestrischen Netzwerken (Non-Terrestrial Networks, NTN) kann das Mobilnetz schnelle Verbindungen auch in abgelegenen Gegenden sicherstellen. Zudem wird 6G dazu beitragen, weiße Flecken zu beseitigen. Und zwar nicht nur die nach wie vor zu vielen Funklöcher in Deutschland, sondern auch in benachteiligten Regionen weltweit. Dank innovativer Systemdesigns und einer Kombination aus Satelliten und neuen Frequenzen wird fast überall eine mobile Abdeckung möglich sein.
Deutschland muss sich vorbereiten
Die Einführung von 6G stellt für Deutschland eine enorme wirtschaftliche und technologische Chance dar. Entscheidend ist jedoch, dass die Vorbereitungen schon jetzt beginnen. Netzbetreiber müssen ihre 5G-Netzwerke so gestalten, dass 6G nahtlos daran anschließen kann. Dabei geht es nicht nur um technische Innovationen, sondern auch um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die über den reinen B2C-Markt hinausgehen und vertikale Märkte erschließen. Nur durch einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl technologische als auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt, kann Deutschland das Potenzial von 6G voll ausschöpfen und seine Position als Innovationsführer im globalen Telekommunikationsmarkt sichern.
Über den Autor
Kostas Pentikousis ist Senior Manager für Mobilnetze und 5G-Campus-Netzwerke bei Detecon. Er unterstützt Unternehmen in den Branchen Telekommunikation, Fertigung, Automobil und Energie dabei, die Digitalisierung und Innovation im 5G-Zeitalter zu beschleunigen.