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Was sind aus Ihrer Sicht die größten Pluspunkte von IPv6?
Stockebrand: Mittelfristig ist es die Einfachheit und damit Zuverlässigkeit. Weil viele Altlasten im Protokoll entsorgt werden konnten und die Workarounds, mit denen wir bei IPv4 gegen die Adressknappheit angebastelt haben, unnötig werden, fallen auch viele Problemquellen und Komplikationen bei der Fehlersuche und -behebung einfach weg.
Langfristig wird es IPv6 möglich machen, dass sich jeder an der Gestaltung des Internets aktiv mit beteiligen kann, ohne sich auf die Möglichkeiten der Angebote wie Youtube und Co. beschränken zu müssen. Ich denke, dass das Innovationspotential von Leuten ohne unmittelbare wirtschaftliche Motivation mit IPv6 überhaupt erst sichtbar wird.
Wo sehen Sie die größten Stolperfallen und Probleme bei der Migration?
Stockebrand: Das größte Problem ist das knappe Know-how. In jedem IPv6-Deployment werden Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als ungeschickt herausstellen. Solange man das bei der Planung berücksichtigt und sich Alternativen offenhält, ist das nicht weiter problematisch und ganz normal.
Zu einem wirklichen Problem wird das ganze erst, wenn zusätzliche Faktoren dazukommen: Wenn Zeitdruck es ausschließt, eine Fehlentscheidung rückgängig zu machen, oder wenn man auf den Aufbau eigener Erfahrung verzichtet und sich blind auf zwielichtige „Berater“ verlässt, wird IPv6 zur Nagelprobe für die IT-Strategie jedes Unternehmens.
Wann glauben Sie wird IPv4 Geschichte sein?
Stockebrand: Das lässt sich schlecht an einem einzelnen Zeitpunkt festmachen, schon weil „Geschichte sein“ kein klar definiertes Ereignis ist. Aber einige Prognosen sind heute möglich, an denen man sich orientieren kann:
Bis Ende 2011 wird voraussichtlich IPv6 von den Providern weitgehend für Kunden zur bereitgestellt und damit ohne Bastellösungen allgemein verfügbar. Je nach persönlichen oder unternehmensspezifischen Anforderungen wird vermutlich zwischen 2011 und 2013 eine funktionierende IPv6-Außenanbindung notwendig, um alle relevanten Dienste im Internet nutzen zu können. Ab 2014 stellt Microsoft den Support für XP endgültig ein, und alle gängigen Betriebssysteme unterstützen dann IPv6 in der Voreinstellung. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist der Betrieb von IPv4 in Unternehmensnetzen aufwendiger als der von IPv6.
Auch wenn das heute noch schwer abzuschätzen ist, würde ich in der Planung davon ausgehen, dass ungefähr im gleichen Jahr der Punkt erreicht ist, an dem man auf eine IPv4-Anbindung ins Internet verzichten kann, ohne auf relevante Dienste verzichten zu können. Danach wird es vermutlich noch ein bis zwei Jahrzehnte Nischen geben, in denen IPv4 weiter eingesetzt wird – auch heute noch setzen Banken COBOL und SNA ein.
Was raten Sie IT-Verantwortlichen und Administratoren im Bezug auf IPv6? Wie intensiv und vor allem wann sollten sich diese Gruppen mit dem Thema auseinandersetzen?
Stockebrand: Bei allen Gelegenheiten, bei denen sich IPv6 ohne nennenswerten Aufwand mit berücksichtigen lässt, sollte man das ohne weitere Verzögerung tun – angefangen bei so trivialen Maßnahmen wie der Forderung von IPv6-Unterstützung bei der Anschaffung neuer Netzwerkdrucker. Es ist für alle Unternehmen höchste Zeit, so viel IPv6-Know-how im technischen Management, in der Systemadministration und der Software-Entwicklung aufzubauen, dass man die Auswirkungen der IPv6-Einführung im eigenen Unternehmen einschätzen kann.
In manchen Fällen ist eine IPv6-Einführung trivial im Vergleich zum Ausrollen eines Updates einer Branchenlösung oder einer neuen Windows-Version. In anderen Fällen ist eine IPv6-Einführung mit erheblichem Aufwand verbunden. Den Aufwand kann man nur im Einzelfall abschätzen, was aber voraussetzt, dass IPv6-Kenntnisse und das Wissen um die eigene Umgebung und das eigene Geschäft zusammengebracht werden müssen.
Wenn der Aufwand für die Einführung abzusehen ist und ein erstes Zieldatum angepeilt ist, sollte man sich IPv6 möglichst kontinuierlich annähern, statt im letzten Moment unter Zeitdruck Entscheidungen übers Knie zu brechen. Insbesondere in Windows-orientierten Umgebungen, in denen ja mehrheitlich in den nächsten Jahren ein Wechsel von XP auf Windows 7 ansteht, ist die zentrale Frage, ob es möglich ist, zunächst IPv6 einzurichten und dann Windows 7 von Anfang an per IPv6 ins Firmennetz anzubinden. Das setzt voraus, dass man früh genug anfängt, spart aber insgesamt Aufwand und damit Geld.
Wer zu lange wartet, wird zwangsläufig zunächst Windows 7 mit IPv4 in Betrieb nehmen müssen, um nicht mit Auslaufen des Supports für XP ein Betriebssystem zu verwenden, für das es keine sicherheitsrelevanten Patches mehr gibt. Der Aufwand, um danach IPv6 einzurichten und dann anschließend die laufenden Windows-Rechner von IPv4 nach IPv6 umzustellen, möglicherweise noch kombiniert mit Zeitdruck, weil wichtige Dienste im Internet bis dahin nur noch per IPv6 angeboten werden, wird die Kosten in die Höhe treiben und gleichzeitig die Möglichkeiten verbauen, mögliche Designschwächen im IPv6-Netz frühzeitig zu korrigieren oder die Vorteile von IPv6 von Anfang an auszunutzen.
Letztlich gilt Franklins „Zeit ist Geld“ auch hier, und wer heute Zeit verschenkt, wird in zwei bis drei Jahren teuer draufzahlen.
Über den Gesprächspartner
Benedikt Stockebrand ist in der Branche anerkannter IPv6-Guru und arbeitet als selbständig in den Bereichen Consulting, Training und Prolektierung.
Gemeinsam mit der IP-Insider Akademie klärt Stockebrand am 20.04. (München), am 22.04. (Frankfurt a.M.), am 27.04. (Düsseldorf) und am 29.04. (Hamburg) in einem Intensiv-Seminar über das Thema IPv6 auf.
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