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IPv6-Guru Stockebrand: „Wer sich jetzt nicht mit IPv6 beschäftigt, zahlt am Ende drauf“

Mit IPv6-Know-how drohenden Sicherheitsrisiken und wirtschaftlichen Nachteilen begegnen

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Wann sehen Sie den großen Wechsel einsetzen?

Stockebrand: Da sollte man unterscheiden zwischen dem internen Einsatz von IPv6 und der Verwendung über das Internet. Was die Verwendung über das Internet angeht, hängt es im Moment bei den ISPs. Nach bisherigen Ankündigungen sieht es so aus, als ob 2011 IPv6 weitgehend verfügbar ist. Danach kommen Anwendungen; hier rührt sich ja mit mehr oder weniger großer Publicity inzwischen einiges, sodass man durchaus darauf spekulieren kann, dass 2011 auch die wesentlichen Internet-Angebote IPv6-fähig sind.

Beim internen Einsatz ist im Wesentlichen der Verbreitungsgrad von Windows XP die entscheidende Bremse: XP unterstützt zwar grundsätzlich IPv6, aber erst mit Vista ist IPv6 praktikabel geworden. Andererseits bietet Windows 7 mindestens ein interessantes Feature nur noch per IPv6. Sobald XP, als letztes Mainstream-Betriebssystem ohne standardmäßig eingeschaltete IPv6-Unterstützung, zum „Legacy“-System wird, wird IPv6 im internen Einsatz zunehmend spannend.

Auch wenn ich persönlich vermute, dass in 2011 vieles passieren wird, was man als „großen Wechsel“ bezeichnen würde, halte ich Spekulationen über einen Zeitpunkt immer noch für problematisch, weil in der jetzigen Situation auch kleine Ursachen enorm große Auswirkungen auf die weitere Entwicklung haben können. Man kann aber sehen, dass sich die Abhängigkeiten, die IPv6 so lange blockiert haben, immer weiter auflösen.

Wann werden Ihrer Meinung nach definitiv keine IPv4-Adressen mehr zur Verfügung stehen?

Stockebrand: Die Anzahl benutzbarer IPv4-Adressen und damit das Angebot ist konstant und „steht zur Verfügung“ – solange man bereit ist, zu zahlen. Aber solange die Nachfrage weiter steigt, wird der Preis für Adressen zunehmen. Auch die theoretisch kostenlose Vergabe durch die Regional Internet Registries (RIRs) an die Provider ändert an diesem Zusammenhang nichts grundsätzlich, sondern verlagert höchstens den Adresshandel in einen Schwarzmarkt.

Die Hochrechnungen der RIRs sind für deren interne Planung und in politischen Diskussionen hilfreich, aber sie sagen nichts darüber aus, wie sich der Preis von Adressen für die Allgemeinheit entwickelt.

In wie weit sind IT-Verantwortliche in Unternehmen von dem Thema IPv6 überhaupt betroffen?

Stockebrand: Die Einführung von IPv6 in ein Unternehmen ist nicht alleine eine technische, sondern in vieler Hinsicht eine organisatorische Aufgabe. Die wichtigste Maßnahme ist meiner Meinung nach die Schulung aller betroffener Mitarbeiter – bis zum informellen „Zero Level Support“ in den einzelnen Abteilungen. IPv6 wird typischerweise in Umgebungen eingeführt, in denen es noch wenig Erfahrung mit IPv6 oder seiner Einführung gibt, andererseits ist eine funktionierende IT für das produktive Tagesgeschäft notwendig. Deshalb müssen im Rahmen eines pragmatischen Risikomanagements die IT-Verantwortlichen für eine Abstimmung zwischen allen Beteiligten sorgen, um eventuelle Auswirkungen der Einführung im Griff zu behalten.

Welche Auswirkungen bzw. Aufgaben ergeben sich mit IPv6 für den Privatanwender?

Stockebrand: Vor allem wird vieles deutlich einfacher. Das klassische IPv4 ist für stationäre Universal-Rechner in professionell betreuten Rechenzentren konzipiert worden. IPv6 trägt den heutigen fachfremden Endanwendern sehr viel eher Rechnung. Es ist auch schon abzusehen, dass zunehmend vernetzte Appliances für einzelne Aufgaben auf den Markt kommen werden – nicht gerade der Kühlschrank, der automatisch Bier nachbestellt, aber so unspektakuläre Dinge wie das per Netzwerk ferngesteuerte Thermostatventil, mit dem ich im Privathaushalt ähnlich drastisch die Heizkosten senken kann wie heute schon in großen Bürogebäuden mit teuren, proprietären Einzellösungen.

Andererseits ist zu vermuten, dass die ISPs in Zukunft Kunden feste Adressen zuteilen werden. Nicht weil IPv6 keine dynamische Zuweisung unterstützt, sondern weil die ISPs sich einigen Aufwand im Zusammenhang mit der Vorratsdatenspeicherung und Auskunftsverlangen der Unterhaltungsindustrie ersparen können. Wer – auch aus durchaus berechtigten legalen Gründen – auf Anonymität Wert legt, sollte sich mit Anonymisierungsdiensten wie TOR beschäftigen.

Außerdem fällt mit IPv6 Network Address Translation (NAT) weg, sodass sich jeder Anwender damit beschäftigen muss, wie er sein internes Netz nach außen absichert. Ich vermute zwar, dass sich die Hersteller von Heimroutern (CPE, Customer Premises Equipment) zügig damit auseinandersetzen, wie man entsprechende Geräte so konzipiert, dass auch Endanwender damit umgehen können, aber im Moment sind Angebote in dieser Richtung insgesamt noch recht dünn gestreut.

weiter mit: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Pluspunkte von IPv6?

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