Die Überholspur vom v2-Diploma zum v3-Experten ist nur kurze Zeit offen Endziel Experte – ITIL v3 setzt auf ein neues Qualifizierungsschema
Im November 2007 hat die APM Group, der offizielle ITIL-Akkreditierer, die finale Version der ITIL-v3-Qualifizierungen veröffentlicht. Die höchste Stufe der Ausbildung krönt nun nicht mehr ein „ITIL-Diploma“. Vorläufig dürfen die Zertifizierten den Titel „ITIL-Expert“ tragen. Doch das sind längst nicht alle Änderungen in der ITIL-Ausbildung.
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Das Interesse an ITIL v3 ist verhalten. Doch nach Einschätzung von Markus Bause und vielen Analysten kann das nur ein vorübergehendes Phänomen sein.
Bause ist Geschäftsführer des Beratungs- und Schulungshauses Serview, das selbst, wie fünf oder sechs andere deutsche Unternehmen, von APMG (Association of Proposal Management Group) für ITIL-Seminare und Prüfungen zertifiziert ist. Dieses britische Unternehmen ist seit etwa Mitte de vergangenen Jahres für die Zertifizierungen zuständig, nachdem diese Aufgabe vom Office of Government Commerce in Norwich, Norfolk, für das das ITIL-Kompedium von der Central Computer and Telecommunications Agency erstellt wurde, neu ausgeschrieben worden war. Zuvor hatte diese Aufgabe die niederländische Firma Exin inne.
Um als offizielles ITIL-Schulungshaus gelten zu können, erläutert Bause, müsse sowohl das Unternehmen selbst und das Trainingsprogramm als auch die Trainer durch APMG abgenommen worden sein. Damit sollen weltweit dieselben Rahmenbedingungen geschaffen werden. So ist zum Beispiel die jeweilige Länge eines Kurses vorgeschrieben. Frei hingegen sind die Anbieter in der Ausgestaltung: „Bei uns gibt es zum Beispiel keine Powerpoint-Folien“, erläutert Bause.
Marktchancen
Doch besteht überhaupt Bedarf an ITIL-v3-Ausbildung? Jüngst sorgten Untersuchungen von dem Systemhaus Materna und IDC für Schlagzeilen, die zumindest ein vorläufiges Desinteresse der Anwenderunternehmen an der Adaption von Version 3 diagnostizierten.
So veröffentlichte das Marktforschungsunternehmen im November als Ergebnis einer Umfrage in 300 Firmen, dass zwar mehr als 65 Prozent an der Umsetzung von ITIl-Best-Practices arbeiteten, doch kaum ein Unternehmen plante, in den kommenden drei Jahren auf die jüngste ITIL-Version 3 umzusteigen.
Serview-Geschäftsführer Bause vermutet, es könne hierzulande zum einen daran liegen, dass mit ersten Übersetzungen der Bücher und der Prüfungsfragen erst im Januar 2008 zu rechnen ist. Bis dahin wird der Zuspruch zur Version 3 vermutlich noch etwas verhalten wachsen. „Man merkt schon, dass der Markt derzeit nicht in dem Maße wächst wie in den vergangenen Jahren“, sagt er.
Zum anderen sei vielen seiner Kunden den Unterschied zwischen der sieben Jahre alten Version 2 und Version 3 unklar. Offenbar sehe es zunächst nur danach aus, als habe die Überarbeitung lediglich ein paar Inkonsistenzen ausgeräumt, die Version ein wenig erweitert aber wesentlich komplexer werden lassen.
Grundlagen des neuen Konzepts
Doch laut Bause ist diese Einschätzung allzu vordergründig. Tatsächlich seien von den sieben ITIL-Büchern der Version 2 zumeist nur zwei durch die Schulungskonzepte adressiert worden. Die anderen Bücher hätten oftmals als Beiwerk gegolten, obwohl ein ITIL schon immer nur erfolgreich habe sein können, wenn das gesamte gesammelte Wissen ausgewertet werden konnte.
Mit der neuen Version seien die Inhalte nun in allen Büchern im Wesentlichen durch Management-Wissen erweitert worden, das vor allem die Strategie-Seite der IT anspreche. Damit erkläre sich, warum das ITIL-Qualifizierungsschema heute anderes gestrickt ist als für ITIL v2.
Bause schätzt die Anzahl qualifizierter ITIL-Service-Manager auf ungefähr 5.000 bis 6.000. Auf der höchsten Stufe erhielten sie ein „Diploma“. Wenn sie nach dem neuen Modell auf der höchsten Stufe angelangt sind, dürfen sie sich „ITIL-Experts“ nennen. „Das ist jedoch nur ein Arbeitstitel. Mit welcher Bezeichnung die ITIL-Experten sich letztlich schmücken dürfen, steht noch nicht endgültig fest.
v3-Quali auf der Beschleunigungsspur
Allerdings können v2-Qualifizierte mit Diplom quasi auf der Überholspur, den V3-Experten-Status erwerben – allerdings nur für eine gewisse Zeit. Der Serview-Geschäftsführer rechnet mit einem Zeitfenster, in dem die so genannte „Manager Bridge“ geöffnet ist, auf rund ein Jahr.
„Bestehe die Möglichkeit länger, würde dieser Qualifizierungsweg das neue Schema torpedieren“, erläutert Bause. Denn die höchste v2-Qualifizierungsstufe ließe sich auch innerhalb von 6 Monaten erklimmen. Mit Hilfe eines fünftägigen Brückenseminars, in dem ausschließlich die Unterschiede von V2 zu V3 thematisiert werden, könnte der Experten-Status errungen werden. Ein solcher Schnellschuss steht der Intention von ITIL v3 komplett entgegen.
Denn stärker als bisher setzt die 3er Version auf Erfahrung. In einzelnen Seminaren, die aufeinander aufbauen, soll sich der ITIL-Experte praxisnah mit der Zeit umfassendes Wissen aneignen können. Mit erfolgreichem Abschluss eines jeden Moduls, erwirbt der künftige ITIL-Experte Punkte. Bei 22 Punkten, hat er die höchste Stufe erreicht.
An der Managers’ Bridge Prüfung dürfen nur Teilnehmer eines Managers’ Bridge Seminars eines akkreditieren Trainings-Unternehmens teilnehmen. Der Prüfling muss 80 Prozent der abschließenden Testfragen korrekt beantworten. Die Multiple-Choice-Prüfung umfasst 20 Fragen, die auf zehn kurzen Szenarien basieren. Die Teilnehmer haben 90 Minuten Zeit. „Die Schwelle für das Bestehen des Manager Bridge ist mit Absicht sehr hoch gelegt, da hier erfahrene ITIL-v2-Profis adressiert werden“, sagt Bause.
Aufbau des Qualifizierungsschemas
Den Grundstein für die ITIL-Karierre legt der Kurs, „Foundation“. Dieses Grundlagenseminar muss jeder, der ein ITIL-Zertufikat haben will, absolvieren. Es dauert drei Tage und bringt 2 Punkte. Das Examen besteht aus 40 Mulitple-Choice-Fragen in 60 Minuten, von denen 26 (65 Prozent) richtig beantwortet werden müssen, um zu besteht. Das Ziel dieses Kurses ist es ein grundlegendes Verständnis der Terminologie und Prozesse von ITIL v3 zu vermitteln.
Danach kann ein Experten-Kanidat zwischen zwei Ausrichtungen wählen: Es gibt einen „Lifecycle-Stream“, in dem eher die strategische Perspektive im Vordergrund steht. Er gliedert sich in fünf einzelne Kurse, für jedes Buch, beziehungsweise jede Phase. Pro Kurs können 3 Punkte gesammelt werden. Der Kandidat steigt in das Thema ein, mit dem er sich gerade in der Praxis auseinandersetzen muss.
Die zweite Ausbildungssäule nennt sich „Capability Stream“ und betont die Prozess- beziehungsweise Ingenieurssicht, die Umsetzung. Die Inhalte sind auf vier Kurse verteilt. Das Bestehen der anschließenden Prüfung bringt vier Punkte ein. Auch hier gilt: Der künftige Experte sucht sich das Seminar aus, das seinem Berufsalltag entgegenkommt. Ändert sich das Berufsfeld, ergänzt er sein ITIL-Wissen um einen neuen Kursus.
Kombinationen und Ergänzungen
Sämtliche Kurse lassen sich miteinander kombinieren. Wird der Experten-Status angestrebt, müssen auf diese Weise mindestens 17 Punkte zusammenkommen. Die restlichen fünf erwerben die Kandidaten durch das abschließende Seminar „Management through Lifecycle“. Trainingsgegenstand ist hier das gesamte ITIL-Framework.
Neben der Möglichkeit, sich über ITIL-Seminare zu qualifizieren, bietet das Modell aber auch Seitenwege. Durch „Supporting Qualifications“, lassen sich andere Ausbildungen in ITIL-Punkte ummünzen: Das kann sowohl ein MBA-Studium sein oder eine Cobit-Qualifikation. Maximal dürfen sich hier sechs ITIL-Punkte zusammenläppern.
Aussichten
Es bleibt die Frage, ob die Qualifikationen künftig gebraucht werden. Zumindest prognostizieren Analystenhäuser mittel- und langfristigen Erfolg von ITILv3. So identifiziert IDC ITIL als TOP-Thema des Jahres 2008 („2008 Top 10 Predictions“). Zum Beispiel werden Anbieter von Management-Software werden im kommenden Jahr ihre Produkte an den „Standards“ und „Best Practices“ des Frameworks ausrichten. Wie Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC betont, gilt diese Aussage weltweit.
Artikelfiles und Artikellinks
Link: ITIL-Schulungsanbieter Serview
Link: ITIL Refresh - Deutschsprachiger ITIL-BLOG zur Version 3
Link: Munich Institute for IT Service Management GmbH (mITSM) - ITIL-Schulungsanbieter
Link: IT Service Management Forum (itSMF)
Link: Office of Government Commerce. Träger der IT Infrastructure Library (ITIL)
Link: NCC ITIL-v3-Ausbilder
Link: Exagon Solutions und Consulting GmbH, ITIL-v3-Ausbilder
Link: ITIL-Zertifizierer APM Group
Link: ITIL-v3-Ausbilder Maxpert
Link: ITIL-Ausbilder Digicomp
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