Die weltweiten Notsituationen häufen sich. Bei Gefahren muss die Bevölkerung schnell und zuverlässig informiert werden. In vielen Ländern wird hierzu bereits seit vielen Jahren auf Cell Broadcast als nationales Notwarnsystem gesetzt. In Deutschland gibt es die Technik noch nicht – das soll sich jetzt aber möglichst schnell ändern!
Sven Bagemihl von Everbridge bricht eine Lanze für das Warnsystem Cell Broadcast.
(Bild: Everbridge)
Der Schutz der Bevölkerung ist eine entscheidende Herausforderung für Regierungen. Öffentliche Warnsysteme sind Systeme, die von Regierungen und Behörden eingesetzt werden, um die Öffentlichkeit (Einwohner und Touristen) vor drohenden und sich entwickelnden größeren Notfällen und Katastrophen zu warnen. Diese öffentlichen Alarme und Warnungen werden über eine Vielzahl von digitalen und analogen Kanälen übermittelt, darunter Textnachrichten, mobile Apps, E-Mails, Sirenen, Radio, Fernsehen und soziale Medien. Denn klassische Alarmierungskanäle wie Sirenen, Radio und TV reichen nicht mehr aus und können ergänzend zur Vergrößerung der Reichweite eingesetzt werden.
Unterschiedliche Kanäle erreichen dabei häufig auch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Auch die European Emergency Number Association (EENA) befürwortet einen Ansatz über mehrere Warnkanäle: "Die EENA ist der Meinung, dass viele verschiedene Kanäle in Betracht gezogen werden müssen, um die Chancen zu maximieren, Informationen an so viele Menschen wie möglich zu verbreiten."
97 Prozent der Deutschen sehen Krisenwarnung als Staatsaufgabe
Deutschland und das zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) setzen beim Katastrophenschutz auf einen Mix aus diesen analogen und digitalen Maßnahmen. Jahrelang stand dabei der App-basierten Ansatz mit der Warn-App NINA im Mittelpunkt. Die Abkürzung der App steht für „Notfall-Informations- und Nachrichten-App“. Sie wird vom BBK der Bundesregierung betrieben und basiert auf dem satellitengestützten Modularen Warnsystem (MoWas), über das auch zahlreiche Behörden von Bund und Ländern, Kommunen, Leitstellen, TV- und Rundfunkanstalten sowie Online-Medien angebunden sind.
Der Bund, der nur bei großen nationalen Gefahrenlagen einen Alarm herausgibt, hat das System den Ländern zur Verfügung gestellt. Sie sind für Notfälle aus dem Bereich des Katastrophenschutzes, etwa Unwetter und Hochwasser, zuständig und können eigenständig über Nina alarmieren. Zur Probe dieses Szenarios soll es eigentlich einen jährlich stattfindenden Warntag geben, der in diesem Jahr für den 9. September 2022 geplant war. Dieser wurde zuletzt abgesagt und auf den September 2022 verlegt. Dabei sieht laut einer neuen, von Everbridge in Auftrag gegebenen Studie fast die gesamte Bevölkerung (97 %) es in der Verantwortung des Staates, die Bürger im Falle von solchen Gefahrenlagen rechtzeitig zu informieren.
60 Prozent haben noch nie etwas von der NINA-App gehört
Darüber hinaus hat die App ein Bekanntheitsproblem. Laut Studie, für die mehr als 2500 Personen aus verschiedenen Altersgruppen befragt wurden, haben aber 60 % der Bevölkerung noch nie etwas von der Warn-App NINA gehört. Und nur knapp 9 Millionen Menschen haben sie heruntergeladen. Des Weiteren nutzt nicht jeder Mensch in Deutschland ein Smartphone. Insbesondere bei den über 70-jährigen besitzt knapp über die Hälfte kein Smartphone. So können oder wollen über die Hälfte der Studienteilnehmer (52 %) sich nicht eine Warn-App herunterladen, etwa weil sie Datenschutzbedenken haben, sie kein kompatibles Smartphone haben oder aus anderen Gründen.
Diese Zahlen zeigen die Schwächen eines digitalen Ansatzes, der ausschließlich auf einer App basiert: Er schafft nicht die notwendige Reichweite, insbesondere in der Breite der Bevölkerung. Dies schreibt die sogenannte EECC-Richtlinie aber vor. EECC steht für European Electronic Communication Code (Europäischer elektronischer Kommunikationskodex). Laut der Richtlinie müssen alle Länder der EU ein öffentliches Warnsystem mit modernen Kommunikationskanälen bis zum 21. Juni 2022 implementieren, mit dem sie 95 Prozent der Bevölkerung erreichen. Ein Warnmix, der App-basiert ist und keine weiteren digitalen Technologien mit einschließt, entspricht nicht den Voraussetzungen dieser Richtlinie.
Cell Broadcast – Eine sinnvolle Ergänzung zur Warn-App
Eine Alternative zum App-basierten Ansatz ist das System Cell Broadcast (CB). Cell Broadcast ist im Grunde ein Mobilfunkdienst, der Massennachrichten an alle Handys verschickt, die sich in einem bestimmten Funkbereich befinden. Hierdurch können innerhalb von Sekunden mehrere Millionen Menschen erreicht und effektiv gewarnt werden.
Bei dem spezifizierten Gebiet kann es sich um eine einzelne Funkzelle oder das gesamte Mobilfunknetz handeln. Da es sich bei Cell Broadcast nicht um eine Eins-zu-Eins-Kommunikation zwischen dem Versender und dem Empfänger der Nachricht handelt, ist Cell Broadcast weniger von Netzüberlastungen betroffen. Das ist insbesondere in Krisensituationen vorteilhaft, in den besonders Netzkapazitäten in Anspruch genommen werden. Damit ist CB ideal zum Versenden schneller Warnungen und kritischer Informationen an Bürger, Einwohner und Touristen in einem bestimmten Gebiet geeignet.
Stand: 08.12.2025
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Da Mobiltelefone heute der meistverbreitete Kommunikationskanal sind, können Behörden mit Textmitteilungen so viele Personen wie möglich erreichen, die notwendigen Details übermitteln und der Öffentlichkeit empfehlen, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Länder wie Griechenland, Island, die Niederlande und Schweden nutzen bereits solche öffentlichen Warnsysteme. Auch im Hinblick auf den Datenschutz ist die Technologie unbedenklich, weil sie keinen Rückkanal hat. Beim Cell Broadcast werden alle Handys im Umkreis informiert und deshalb keine spezifischen Empfängerdaten geteilt.
Warnung per Cell Broadcast soll nun auch in Deutschland kommen
Nach massiver Kritik am Krisenmanagement von Bund und Ländern in der jüngsten Flutkatastrophe, wird Cell Broadcast nun auch von der deutschen Regierung forciert. Behörden wie das BBK und die Bundesnetzagentur werden ebenfalls eingebunden und müssen die Freigabe erteilen. Außerdem sind vor der Einführung der Technik rechtliche Fragen zu klären.
„Dazu erarbeitet die Bundesregierung aktuell eine entsprechende Gesetzesgrundlage“, heißt es aus dem Beschluss der Bund-Länder-Konferenz. Für die Einführung von Cell Broadcast sind keine größeren Veränderungen oder Ergänzungen an den bestehenden Netzkomponenten der deutschen Mobilfunknetze erforderlich. Es ist allerdings wichtig zu bemerken, dass, obwohl diese Nachrichtenstandards von den Mobilfunknetzen unterstützt werden, dennoch spezielle Geräte bei den Telekommunikationsanbietern installiert und integriert werden müssen, bevor ein Cell-Brodcast-Dienst den Teilnehmern angeboten werden kann.
Sven Bagemihl.
(Bild: Everbridge)
Daher geht es jetzt darum mit erfahrenen Partnern zusammenzuarbeiten, die bereits staatliche Lösungen für die öffentliche Warnung entwickelt und etabliert haben und über jahrelange Erfahrung in der Unterstützung von Ländern bei der Reaktion auf katastrophale Ereignisse verfügt.
Über den Autor
Sven Bagemihl ist Vizepräsident Zentraleuropa bei Everbridge.