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Raus aus der Kostenfalle Bye-bye VMware: Erste Unternehmen entkommen der Lizenz-Abhängigkeit

Ein Gastkommentar von Andreas E. Thyen 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Seit der Übernahme von VMware durch Broadcom explodieren die Lizenzkosten – viele Unternehmen suchen dringend Alternativen. Der österreichische Cloud-Anbieter Anexia zeigt, wie der erfolgreiche Umstieg auf Open Source gelingt. Eine Entscheidung für digitale Souveränität und gegen gefährliche Anbieter-Abhängigkeiten.

Andreas E. Thyen, Verwaltungsratspräsident der LizenzDirekt AG.(Bild:  LizenzDirekt)
Andreas E. Thyen, Verwaltungsratspräsident der LizenzDirekt AG.
(Bild: LizenzDirekt)

„Broadcoms Lizenzänderungen wären für uns existenzbedrohend gewesen“, betonte Anexia-CEO Alexander Windbichler im Gespräch mit dem Magazin The Register. Anexia wurde 2006 in Österreich gegründet und hat sich seitdem als bedeutender Anbieter von Cloud-Diensten etabliert. Mit über 100 Standorten weltweit und namhaften Kunden wie TeamViewer und Lufthansa bietet das Unternehmen Hosting und umfangreiche IT-Dienstleistungen an. Die massiven Mehrkosten durch die neuen VMware-Lizenzmodelle wollte das Unternehmen keinesfalls an seine Kunden weitergeben. Das Unternehmen entschied sich stattdessen für einen mutigen Strategiewechsel und stieß damit in der Kundenbasis auf großen Zuspruch.

VMware unter Broadcom: Kostenexplosion mit weitreichenden Folgen

Anexia ist kein Einzelfall. Laut einer Umfrage des Cloud-Anbieters Civo erwägen 51,9 Prozent der VMware-Kunden einen Anbieterwechsel. Auch der britische Cloud-Anbieter Beeks migrierte kürzlich über 20.000 virtuelle Maschinen in 30 Rechenzentren zu einer Open-Source-Alternative, um steigende Lizenzgebühren zu entgehen.

Broadcom hat die VMware-Lizenzmodelle drastisch verändert: Dauerhafte Lizenzen wurden gestrichen, Kunden werden ins kostenintensive Abo-Modell gedrängt. Diese Änderung, die Broadcom als „dramatische Vereinfachung“ angekündigt hatte, sorgte bei Kunden für Lizenzgebühren, die bis zum Zehnfachen der ursprünglichen Kosten reichen. Gleichzeitig zwingt das neue Modell zu langen Vertragsbindungen und Vorauszahlungen fürs ganze Jahr. Für Broadcom scheint die Rechnung trotz zahlreicher Kundenverlust dennoch aufzugehen: So verzeichnete VMware im vierten Quartal 2024 ein Umsatzwachstum von 196 Prozent und erzielte eine operative Marge von 70 Prozent, verglichen mit weniger als 30 Prozent vor der Übernahme.

Cloud-Abos: Verführerisch und riskant zugleich

Der Fall VMware zeigt, wie gefährlich eine Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter werden kann. Denn selbst bei einer über viele Jahre hinweg bestehenden vertrauensvollen Geschäftsbeziehung kann plötzlich alles aus den Fugen geraten, wenn sich Organisationsstrukturen und Strategie ändern. Kunden in Abo-Modelle zu locken oder zu drängen ist aus Sicht der Anbieter ein konsequenter Schritt. Unter dem Deckmantel von mehr Flexibilität und Agilität können sie die Daumenschrauben weiter anziehen, ihre Konditionen jederzeit anpassen und Preise anheben. Denn wenn Kunden eine Software nicht mehr besitzen, sondern mieten, bleibt ihnen kaum eine andere Wahl, als die Änderungen zu akzeptieren.

Wer nicht zahlt, wird ausgesperrt. Aus gutem Grund verfolgen alle großen US-amerikanischen Software-Giganten heute eine Cloud-Strategie und spielen ihre Macht aus. Auch Microsoft-Kunden bekommen immer wieder schmerzhaft die Folgen einer aggressiven Lizenzpolitik zu spüren. Erst 2023 hatte der Redmonder Riese die Preise für seine Cloud-Dienste um 11 Prozent angehoben. Im November 2024 kündigte er weitere Anpassungen an und will unter anderem bei M365 auf ein monatliches Zahlungsmodell umstellen, was für Kunden de facto noch einmal fünf Prozent Kostensteigerung bedeutet.

Risiken erkennen, Abhängigkeiten vermeiden

IT-Entscheider sollten sich der Risiken bewusst sein, bevor sie sich von den Werbeversprechen der Anbieter verführen lassen und blind in die Cloud migrieren. Denn eine kontinuierliche Preissteigerung ist dort gewiss. So erreichten zum Beispiel die Ausgaben für Software-Lizenzen der Bundesregierung im Jahr 2023 ein Rekord-Niveau von 1,2 Milliarden Euro, wovon ein Großteil auf M365 entfiel. 2022 lagen sie noch bei 771 Millionen Euro, was einer satten Zunahme um rund 57 Prozent entspricht.

Die Entscheidung des Bundes, verstärkt auf Cloud-Dienste wie M365 zu setzen, ist daher mehr als fragwürdig, zumal Microsoft auch immer wieder wegen Datenschutzbedenken und mangelnder Sicherheitsvorkehrungen in der Kritik steht. Erst vor Kurzem warnte die Gesellschaft für Informatik (GI) e.V. vor „unvertretbaren Risiken für die digitale Unabhängigkeit Deutschlands und den Schutz der Daten von Bürgerinnen und Bürgern“.

Viele Wege zur digitalen Souveränität

Keine Frage: sich aus der digitalen Abhängigkeit zu befreien, erfordert Mut und die Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszublicken. Auch für Anexia war der Umstieg von VMware auf Open-Source-Technologie ein komplexes Projekt. Doch die Anstrengung hat sich gelohnt, denn ohne die VMware-Rechnungen steht das Unternehmen finanziell besser da und gewinnt an Handlungsspielraum. „Wir haben freies Budget, um an der Open-Source-Lösung zu arbeiten und uns für uns und unsere Kunden souverän zu machen“, sagte CEO Alexander Windbichler im Interview mit The Register.

Mit der Entscheidung für Open Source setzt Anexia ein Zeichen und zeigt, dass es durchaus einen Weg aus der Abhängigkeitsspirale gibt. Eine andere effektive Strategie besteht darin, möglichst lange auf On-Premises Lizenzen zu setzen. Denn obwohl die großen Software-Anbieter gerne den Anschein erwecken, dass die Cloud alternativlos erscheint, bietet selbst Microsoft aufgrund der großen Nachfrage noch immer On-Premises-Produkte mit Perpetual Lizenzen an. So steht mit Office LTSC 2024 zum Beispiel eine aktuelle Version der Office Software bereit, die komplett ohne Cloud-Anbindung auskommt. Es lohnt sich allerdings zu prüfen, welchen Funktionsumfang einer Software die Anwender im täglichen Praxiseinsatz tatsächlich benötigen. In vielen Fällen reicht eine ältere Version völlig aus, um den Bedarf zu decken. Solche Lizenzen sind auf dem Gebrauchtmarkt erheblich günstiger erhältlich, sodass Unternehmen Kosten sparen und ihr IT-Budget zusätzlich entlasten können.

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Das Beste aus verschiedenen Welten durchdacht kombinieren

Am Ende geht es nicht darum, komplett auf Cloud Services zu verzichten, sondern gefährliche Abhängigkeiten zu vermeiden. Eine gesunde, hybride Mischung ist die beste Strategie: On Premises-Lizenzen, wo immer möglich – und Cloud Services, wo unbedingt nötig. Dabei sollten Unternehmen verschiedene Anbieter wählen, um Risiken besser zu streuen. Sowohl Open Source- als auch (gebrauchte) On Pemises Software sind tragende Bausteine für einen zukunftssicheren Mix, der die Machtstrukturen der großen Anbieter aufbricht.

Wie wichtig das ist, zeigt sich nicht nur am Beispiel VMware und Microsoft. Es wird höchste Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und einen Kurswechsel in der IT-Strategie vorzunehmen.

Über den Autor

Andreas E. Thyen ist Präsident des Verwaltungsrats der LizenzDirekt AG

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