Situationsbezogen führen

Wenn aus dem Kollegen der Chef wird

| Autor / Redakteur: Stefan Häseli (Red.: Melanie Krauß) / Andreas Donner

Eben noch der Kollege, nun plötzlich der Chef. Für Teams kann das durchaus eine knifflige Situation sein.
Eben noch der Kollege, nun plötzlich der Chef. Für Teams kann das durchaus eine knifflige Situation sein. (Bild: ©pressmaster - stock.adobe.com)

Führungskräfte, die vorher selbst Teil des Teams waren, profitieren davon, dass sie ihre Mitarbeiter bereits kennen und möglicherweise einen Vertrauensvorschuss erhalten. Oftmals ist es jedoch nicht leicht, die Grenze zu ziehen zwischen Vorgesetztem und Kollegen.

Führung ist eine vielschichtige Aufgabe. Die Kombination von Zielen, Aufgaben und beteiligten Mitarbeitern ist immer wieder neu und individuell. Trotzdem gibt es Situationen, die stets in ähnlicher Form auftreten und auf die man sich vorbereiten kann. Wir zeigen Ihnen Beispiele für solche kniffeligen Führungssituationen und geben Ihnen konkrete Lösungsansätze an die Hand.

Die Situation: Der Kollege als Chef

Das Verhältnis zu den Mitarbeitenden ist sehr kollegial, zum Teil kennt man sich schon sehr lange. Ein unkomplizierter Umgang ist dem Teamleiter sehr wichtig, schließlich war er selbst mehrere Jahre Teil dieses Teams. Doch jetzt entsteht das Gefühl, zu sehr „Kollege“ zu sein.

Das Gespräch mit einem auch privat gut bekannten Mitarbeiter fördert Grenzen dieser Art zutage. Die Arbeitsqualität der normalen Alltagsarbeit lässt zu wünschen übrig. Der Hinweis darauf führt zur Reaktion: „Warum lässt du jetzt plötzlich den Boss raushängen?“ Ähnlich wird „hinten herum“ geredet.

Der Lösungsansatz:

Wird ein Kollege Vorgesetzter, freuen sich oft die Mitarbeitenden, endlich einen Chef zu haben, den sie kennen und dem sie vertrauen. Zur Rolle eines Chefs gehört aber mehr. Er muss seinen Mitarbeitern beizeiten deutlich zu verstehen geben, dass er gerne Kollege im kollegialen Rahmen (Pausen, Feierabend) ist, im Geschäft aber in erster Linie dem Unternehmen und seinem Auftrag verpflichtet ist. Das könnte nun sein, dass sich das mit der „Kollegialität“ auch mal beißt. Genau das sollten Sie beizeiten, bevor es brennt, Ihren Mitarbeitern erklären.

Im Gespräch sollte also gleich am Anfang die Rolle definiert werden: „Ich führe mit dir ein Gespräch als dein Chef“. Und dann ist es wiederum Sache der klaren und wertschätzenden Kommunikation, hier einen gemeinsamen Weg zu finden. Das heißt, aussprechen, dass die Arbeitsqualität nicht genügt, und den Mitarbeiter einbinden: „Was meinst du, könntest du tun…“ Klare Vereinbarungen, bei deren Nichteinhalten erneut das Gespräch zu suchen ist. Nicht warten oder einknicken – gerade in dieser Konstellation wäre das eine ungünstige Voraussetzung, wenigstens punktuell eine gewisse Distanz zu erreichen.

Endlich Chef – was nun?

Sie sind angekommen, haben ein Team übernehmen können. Sogar die Leute kennen Sie, da Sie selbst Teil gerade dieses Teams waren. Im Grunde eine tolle Ausgangslage. Sie kennen Menschen, Aufgabe, Stolpersteine, das Unternehmen.

Der Beginn Ihrer Zeit als Vorgesetzter läuft nach Maß. Ihre Mitarbeiter freuen sich, endlich einen Chef zu haben, den Sie kennen. Sie vertrauen Ihnen. Ihnen geht es ebenfalls gut und Sie fühlen sich wohl und akzeptiert. Die Arbeit macht Spaß und da Sie hier und da schon vorher die Stellvertretung übernommen haben, kennen Sie viele Abläufe bereits.

Alles kein Problem? Könnte sein. Doch wie oben beschrieben, kommen eines Tages unweigerlich erste Hürden. Im Grunde braucht es ja auch keinen Schönwetter-Chef. Das heißt, wenn alles läuft, alle ihre Arbeit gut machen, die Kunden zufrieden und die Prozesse definiert sind – ja dann braucht es eigentlich keinen Chef. Das Team funktioniert in solchen Situationen autonom.

Jetzt aber kommt ein erster Sturm auf:

  • Eine Entscheidung der Geschäftsleitung, die Sie entgegen ihrer eigenen Überzeugung nach außen und gegenüber Ihren Mitarbeitenden vertreten müssen, obwohl Sie vor nicht allzu langer Zeit als Mitarbeiter auch gegen solche Maßnahmen geschimpft haben.
  • Irgendetwas kommt an die Oberfläche, das schon längere Zeit unter den Teppich gekehrt wurde.
  • Jemand nutzt das Vertrauensverhältnis aus.
  • Sie haben jemanden in der Gruppe, der eigentlich auch mal gerne Chef geworden wäre.

Nun müssen Sie sich Ihrer Rolle bewusst sein. Insbesondere sollten Sie sich im Klaren darüber sein, dass Sie mit Annahme des Chefpostens die Karte „everybody’s darling“ abgegeben haben.

Fazit

Akzeptieren Sie die Tatsache, dass Sie es nicht allen Recht machen können! Machen Sie im Gespräch mit ihren Mitarbeitern deutlich, das Sie in Ihrer Funktion als Chef agieren! Bleiben Sie standhaft, auch wenn es mal unangenehm wird! Und Kommunizieren Sie klar und wertschätzend mit Ihrem Team!

Über den Autor

Stefan Häseli ist Speaker bei der Atelier Coaching & Training AG in 9200 Gossau (Schweiz), Tel. +41 71 26 02 22 6, info@atelier-ct.ch, www.atelier-ct.ch

Dieser Beitrag stammt von unserem Schwesterportal MM Maschinenmarkt.

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