Kommentar zur neu strukturierten Internet Corporation für Assigned Names and Numbers

.WEB wird zur Feuertaufe für die ICANN

| Autor / Redakteur: Jonathan Robinson / Andreas Donner

Kaum hat sich die ICANN vom DoC gelöst, steht sie bereits in der Vertrauenskritik.
Kaum hat sich die ICANN vom DoC gelöst, steht sie bereits in der Vertrauenskritik. (© profit_image - Fotolia)

Jüngst wurde die Vereinbarung zwischen der ICANN (Internet Corporation für Assigned Names und Numbers) und dem United States Department of Commerce aufgelöst. Jetzt arbeitet die ICANN selbstständig – und erlebt mit den Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der .WEB-Domain gerade seine erste Bewährungsprobe.

Durch die Auflösung der Vereinbarung wurde ICANN unabhängig in Bezug auf das Internet-Adressierungs-System. Während einige der Meinung waren, dass die Organisation nicht "bereit" für den Übergang war, stimmte die Mehrheit der ICANN-Interessensvertreter – einschließlich Afilias – darin überein, dass ausreichende Maßnahmen und Ansätze vorhanden waren, um sicherzustellen, dass die ICANN auch nach der Trennung eine verantwortungsbewusste (und reaktionsfähige) internationale Organisation bleibt.

Die Gewährleistung des Wettbewerbs und die freie Wahl von Domain-Namen wurde seit der Gründung vor über 15 Jahren zum wesentlichen Merkmal der ICANN und zählt innerhalb der ICANN nach der Übergangsregelung zu den zentralen Werten, verankert in den Statuten. Der erste echte Test für diesen Grundwert liegt nun bei ICANN: Was ist zu tun bei signifikanten Verstößen, wie sie im ICANN-Versteigerungsprozess für die .WEB-Top-Level-Domain (TLD) aufgetreten sind?

.WEB-Hintergrund

Im Jahr 2011 beschloss ICANN den Wettbewerb und die Auswahl der Domain-Namen durch Erweiterungen in der Top Level Domain-Ebene über die bisherigen .COM-, .NET-, .ORG- hinaus zu fördern und neue gTLD-Adressen zuzulassen. Über 1.300 neue Top-Level-Domains wurden beantragt und über 1.100 sind bereits gestartet. Dazu gehören so unterschiedliche Adressen wie .BERLIN, .BIO, .RED und sogar "Dot-Brands" wie .BNPPARIBAS. Die .WEB TLD war eine davon. Sie ist kurz, allgemein gehalten und stellt einen besonderen Anspruch an die Attraktivität für Registranten. Sieben Bewerber beantragten .WEB im Jahr 2012, denn diese TLD ist in der Tat eine der begehrtesten.

Wie eine neue Registry ausgewählt und festgelegt wird, ist im Antragsleitfaden (AGB) festgelegt. Dieses Dokument ist das maßgebliche Verfahrenshandbuch für alle Aspekte im nTLD-Verfahren. In Übereinstimmung mit den AGB hatten alle .WEB-Antragsteller bereits am 11. Mai 2016 vereinbart, den Streit über einen privaten Mechanismus (eine private Auktion) zu lösen. Jedoch wenige Wochen vor der geplanten privaten Versteigerung am 15. Juni 2016 zog sich ein Bewerber – Nu Dot Co – auf rätselhafte Weise zurück und erzwang eine am 26. Juli 2016 geplante ICANN-Auktion (abschließender Bereitstellungsprozess).

Die AGBs sind eindeutig: Sie legen fest, dass ein "Antragsteller die Rechte oder Pflichten des Antragstellers im Zusammenhang mit dem Antrag nicht weiterverkaufen, abtreten oder übertragen kann." Warum hat Nu Dot Co den privaten Auktionsprozess zurückgenommen? Mehrere Parteien baten ICANN, Nu Dot Co zu überprüfen, und zwar im Hinblick auf mutmaßliche Änderungen der Besitzverhältnisse oder des Finanzcontrollings des Unternehmens. Als Reaktion darauf erkundigte sich ICANN schriftlich bei Nu Dot Co, ob derartige Änderungen stattgefunden haben. Nu Dot Co antwortete und bestritt, dass solche Änderungen stattgefunden hätten. ICANN ließ die Angelegenheit fallen und fuhr mit der Versteigerung fort.

Bei der ICANN-Auktion am 26. Juli 2016 war Nu Dot Co in der Tat der Höchstbietende mit einem Rekordgebot für eine TLD, welches 135 Millionen US-Dollar überschritten hatte. Kurz darauf trat Verisign, der .COM- und .NET-Registry-Betreiber, aus dem Schatten und erklärte öffentlich, dass er das Angebot von Nu Dot Co anonym organisiert habe und Verisign (vorbehaltlich der Zustimmung von ICANN) beabsichtige, die .WEB-Registervereinbarung von Nu Dot Co nach Ablauf der Auktion zu übernehmen – eine unmittelbare Verletzung der AGB-Regeln, die die Abtretung regeln. Angesichts des Timings liegt die Vermutung nahe, dass Verisign und Nu Dot Co die ICANN vor der Auktion irreführten.

Regel als zahnlose Papiertiger?

Das neue TLD-Verfahren von ICANN wurde speziell dazu entwickelt, um dieses Verhalten zu unterbinden. Die Beschränkungen des Weiterverkaufs, der Überlassung oder Übertragung von Rechten sind aus wichtigem Grund Bestandteil der AGB. Ein solches Verhalten ist nicht transparent und schadet den ehrlichen Auktionsteilnehmern. In diesem Fall, weil Verisign (bereits der dominierende Konkurrent mit COM und NET) die gewinnende Partei sein würde, reduziert dies darüber hinaus auch den Wettbewerb zwischen den Domainnamen. Das potenzielle Ergebnis steht im Widerspruch zu den Grundwerten von ICANN und wirkt dem in den AGB festgelegten, weitgehend bewährten, gemeinschaftsrechtlichen Verfahren entgegen.

Warum dies wichtig ist: Der gTLD Registrierungsmarkt ist nicht wettbewerbsfähig. Seit 2016 besitzt Verisign über 80% Marktanteil an den gTLD-Registrierungen und genießt erhebliches Ansehen und vertragliche Vorteile im Vergleich zu anderen Registrierungs-Betreibern. Das ist nicht nur die Meinung von Afilias. Das United States Department of Commerce (DoC) beschränkt in der Kooperationsvereinbarung, Änderungsartikel 32, mit Verisign die Preissteigerungen bei .COM ein, wenn die Marktbedingungen keinen nennenswerten Wettbewerb zulassen. Bereits in der vergangenen Woche bestätigte das DoC nach einer formellen Überprüfung der Marktbedingungen und der Verisign-Preise eine anhaltende Wettbewerbsunfähigkeit durch das Verbot von .COM-Preiserhöhungen bis 2024.

Der Wettbewerb ist aus sehr gutem Grund ein Grundwert der ICANN. Der Wettbewerb treibt Innovationen voran und verbessert die Position des Verbrauchers durch die Gewährleistung folgender Punkte:

  • 1. Marktorientierte Preisgestaltung;
  • 2. eine weithin verfügbare Vielzahl von uneingeschränkten TLDs;
  • 3. eine verbesserte Qualität des Dienstes (z. B. hochverfügbare und zuverlässige Systeme) und
  • 4. verbesserten Kundenservice.

Der Wettbewerb spiegelt auch die globale Vielfalt der Internet-Nutzer-Basis wider und fördert offene und kooperative Technologien.

Was ICANN tun muss

Eine gemeinsame Bemühung, die Regelungen des Antragsleitfadens zu umgehen oder gegen diese zu verstoßen, ermöglichte Verisign, potenziell die .WEB TLD zu erwerben, eine TLD, für die sich Verisign in 2012 nicht offen und transparent gegenüber den anderen 7 Bewerbern beworben hat.

Wenn ICANN das Auktionsergebnis zulässt, räumt ICANN Verisign, dem marktbeherrschenden Marktteilnehmer in einem nicht-konkurrenzfähigen Markt, das Recht ein, den Registrierungsprozess für .WEB zu betreiben, wobei diese eine neue TLD voraussichtlich eine bedeutende Herausforderung für die Marktdominanz von Verisigns .COM- und .NET-Franchise darstellen wird. Im Gegenzug wird die Vergabe von .WEB an Verisign die Dominanz von Verisign weiter ausbauen, den Wettbewerb und die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher einschränken und den Werten und Statuten von ICANN widersprechen. Der ICANN-Vorstand sollte seine neue unabhängige Mandantschaft nicht mit der Begünstigung von Verisign beginnen. Der ICANN-Vorstand, und unter seiner Leitung ICANN selbst, kann und muss für den Wettbewerb stehen. Die Lösung liegt nahe: ICANN muss die Bewerbung ausschließen, die Verisign den rechtswidrigen Erwerb an .WEB ermöglichen würde.

Die nächste ICANN-Vorstandssitzung fand vom 3. bis 9. November in Hyderabad, Indien, statt. Dies war auch das erste globale Treffen der Gemeinschaft, welches nach der Unabhängigkeit der ICANN stattfand und somit für den Ruf der ICANN als unabhängige internationale Organisation von zentraler Bedeutung war.

Jonathan Robinson.
Jonathan Robinson. (Bild: Afilias)

Angesichts der Kontroverse über die Unabhängigkeit der ICANN ruhten alle Augen auf dem ICANN-Vorstand, um zu sehen, ob er in dieser Sache das Richtige tun wird. Es war die Gelegenheit für das ICANN-Gremium zu zeigen, dass es ein starkes, unabhängiges und handlungsfähiges Gremium ist, welches nach den Vorschriften und Werten seiner eigenen AGB und Statuten handelt und – am allerwichtigsten – aktiv im globalen öffentlichen Interesse agiert. Doch nichts von alldem ist passiert und es werden wohl noch viele Monate ins Land gehen, bis hier eine Entscheidung getroffen wird und man erkennen können wird, woran man mit der neuen, unabhängigen ICANN ist. Schade!

Über den Autor

Jonathan Robinson ist Executive Chairman und Vorstandsvorsitzender der Afilias plc. Afilias ist ein langjähriges, aktives Fördermitglied der ICANN-Gemeinschaft und Befürworter des Wettbewerbs bei der Vergabe der Toplevel-Domains. Zudem ist Afilias einer der Bewerber für .WEB.

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