Interview mit Filip Polsakiewicz, Director Enterprise Relations der snom technology AG Was leistet die Internet-Telefonie aus der Cloud?

Autor / Redakteur: Lothar Lochmaier / Florian Karlstetter

Traditionelle Telefonanlagen sind nicht nur kostenintensiv, sondern oft auch veraltet und bieten nur rudimentäre Funktionen. Eine mögliche Alternative ist Internet-Telefonie, die als Service zur Verfügung gestellt wird. Filip Polsakiewicz, TK-Experte der snom technology AG erläutert im Interview die Möglichkeiten, die Telefonie aus der Cloud mit sich bringt.

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Im Unternehmenseinsatz ist Telefonie keine von der IT isolierte Anwendung mehr, sondern wird immer stärker zum integrierten Bestandteil von Geschäftsprozessen und IT-Anwendungen. Lässt sich das Modell auch in die Cloud übertragen?
Im Unternehmenseinsatz ist Telefonie keine von der IT isolierte Anwendung mehr, sondern wird immer stärker zum integrierten Bestandteil von Geschäftsprozessen und IT-Anwendungen. Lässt sich das Modell auch in die Cloud übertragen?
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Was leistet Internet-Telefonie aus der Cloud? Wo liegen die Unterschiede zu traditionellen Telefonanlagen? Stellt die Technik eine neue Qualitätsstufe dar? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt das nachfolgende Interview.

CloudComputing-Insider: Worin unterscheiden sich proprietäre Telefonanlagen und Internettelefonie?

Filip Polsakiewicz: Im Gegensatz zu proprietären Telefonanlagen sind Investitionen in die Internettelefonie sehr gering. Um die Telefonie in die Cloud auslagern zu können, braucht man nur eine schnelle, stabile Internetverbindung und ein IP-Telefon. Ein weiterer Vorteil: es bedarf keines dedizierten Technikers, der sich um die Verwaltung und Wartung der Telefonanlage vor Ort kümmert. Der einzige Aufwand besteht in der Zuweisung der Extensions über das Web-Interface. Durch die Internettelefonie können Firmen also erhebliche Kosten bezüglich Personal und Energie einsparen. Zugleich müssen sie sich aber auch im Klaren darüber sein, dass sie ihre geschäftskritischen Daten in fremde Hände geben. Nicht alle Länder haben ähnlich strenge Datenschutzbestimmungen wie Deutschland. Liegen die Daten erst einmal auf einer Serverfarm außerhalb Deutschlands, haben Unternehmen keinerlei Einfluss mehr auf deren Sicherheit. Nicht nur das komplette Firmenadressbuch ist dann in der Cloud, sondern möglicherweise müssen Firmen bislang geschlossene IT-Systeme nach außen öffnen, um eine IP-Centrex überhaupt in ihre bestehende IT-Landschaft integrieren zu können.

Kann man die herkömmliche Telefonanlage durch wie auch immer geartete Cloud-Konzepte ersetzen?

Polsakiewicz: Es ist nicht möglich, eine klassische Telefonanlage durch eine Cloud-Lösung vollständig zu ersetzen. Die PAC-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass viele IT-Verantwortliche dem Thema Cloud Computing noch skeptisch gegenüber stehen. Insbesondere vor dem Hintergrund des PRISM-Skandals dürfte die Verunsicherung der Unternehmen bezüglich der Sicherheit ihrer geschäftlichen Daten eher zunehmen. Selbst wenn der Cloud-Anbieter die Sicherheit der Daten garantiert, bedeutet das noch lange nicht, dass sie nicht doch in falsche Hände gelangen. Das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Dennoch glaubt ein Großteil der Befragten an die Zukunft der Cloud-Telefonie. Neben einer proprietären Telefonanlage und einer Cloud-Lösung gibt es mit Voice-over-IP allerdings eine weitere attraktive Alternative. Man kann eine IP-PBX ganz einfach vor Ort betreiben, wenn man seine Telefonie nicht in die Cloud auslagern möchte. Eine IP-PBX ist in der Anschaffung deutlich kostengünstiger als eine klassische Telefonanlage und dabei ebenso flexibel wie eine IP-Centrex: Anwender können beispielsweise Extensions per Mausklick einrichten. Für KMUs wird die Internettelefonie dann interessant, wenn die Anbieter ihre Kosten weiter senken. Für große Konzerne mit Tausenden Nutzern kann es hingegen lukrativer sein, eine Telefonanlage vor Ort zu betreiben, da sich Investitionen in die technische Infrastruktur dort schneller amortisieren.

Wie definiert man die einzelnen optionalen „Wolkenfelder“ bei der neuen Dimension der Internettelefonie? Ist hier ein Qualitätssprung realistisch, zu einer kalkulierbaren Kosten-Nutzen-Abschätzung?

Polsakiewicz: Generell gibt es zwischen einer IP-PBX und einer IP-Centrex keine Unterschiede hinsichtlich der Features. Eines leisten aber nur die großen Internettelefonie-Anbieter wie Vodafone und die Deutsche Telekom: da sie das Netz kontrollieren, können sie Mobilgeräte und VoIP miteinander integrieren. Davon profitieren etwa Vertriebsmitarbeiter, die dann auch unterwegs unter ihrer Rufnummer zu erreichen sind. Eine solche Integration ist prinzipiell auch mit einer IP-PBX möglich – allerdings mit mehr Aufwand und mit zusätzlichen Kosten für den Handyvertrag. Ob sich eine IP-Centrex wirtschaftlich rechnet, ist abhängig vom jeweiligen Unternehmen und seiner Mitarbeiterstruktur: Wer viele mobile Mitarbeiter beschäftigt, für den kann es eine lohnende Investition sein. Arbeiten die Mitarbeiter hingegen hauptsächlich an festen Arbeitsplätzen und führen Festnetz-Gespräche, dann ist eine IP-PBX die kostengünstigere Option.

Welche Konzepte nötig sind, um stationäre, mobile und internetbasierte Lösungen realisieren zu können erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Heute ist der ganze Prozess von Planung über Implementierung bis hin zur nachgelagerten Betreuung aufgrund der vielen Kanäle noch ungleich komplexer, zwischen stationären, mobilen und internetbasierten Lösungskonzepten. Wie bringt man hier aus Anwendersicht Licht in den Dschungel, damit Projekte nicht scheitern, sondern erfolgreich sind?

Filip Polsakiewicz, Director Enterprise Relations der Snom Technology AG.
Filip Polsakiewicz, Director Enterprise Relations der Snom Technology AG.
(Bild: Snom Technology)

Polsakiewicz: Entscheidet man sich für eine Cloud-Lösung, braucht man kein ausgeklügeltes Implementierungskonzept. Der Administrator richtet die Nebenstellen über das Web-Interface ein, das Telefon konfiguriert sich selbst, sobald es angeschlossen ist, und die Anwender können sofort telefonieren. Bei einer Telefonanlage hingegen, die man On-Premise betreibt, ist es neben Testläufen oftmals auch erforderlich, dass man Gateways zum analogen Telefonnetz einrichtet oder Faxgeräte anschließt. Es kann aber vorkommen, dass ein Administrator mit diesen anlagenspezifischen Aufgaben überfordert ist. Für diesen Fall stellen viele IP-PBX-Anbieter ihren Kunden einen IT-Experten zur Verfügung, der die Installation der Telefonanlage vor Ort vornimmt. Die Anwender selbst möchten auch mit einer IP-PBX oder mit einer IP-Centrex wie gewohnt telefonieren. 80 Prozent der Nutzer wollen Funktionen so nutzen können wie zuvor, das heißt Anrufe weiterleiten, Anrufe halten, Telefonkonferenzen einleiten etc. Nur 20 Prozent der Anwender legen Wert auf zusätzliche Features, wie etwa eine Anbindung an das CRM-System, um Arbeitsprozesse im Vertrieb zu beschleunigen.

Schließlich geht es für kleinere wie größere Unternehmen darum, die Investitionen einschließlich der Migrationsstrategie möglichst zielsicher in die Computerwolke einzusteuern. Welchen Mehrwert können hier cloudbasierte Telefonielösungen bieten?

Polsakiewicz: Die Investitionen in eine Cloud-Lösung sind sehr gering. Für Unternehmen fällt lediglich eine Einrichtungsgebühr an, und auch die Betriebskosten sind überschaubar: was man zu bezahlen hat, ist eine monatliche, nutzerabhängige Gebühr. Das heißt: weniger Nutzer, weniger Kosten. Die Migration kostet prinzipiell immer dasselbe: es muss sichergestellt sein, dass das interne Netzwerk und die Telefone reibungslos funktionieren. Eine proprietäre Telefonanlage hingegen kostet mehrere Tausend Euro. Auch ist es im Nachhinein nicht möglich, eine einmal angeschaffte Telefonanlage an den tatsächlichen Bedarf anzupassen. Umfasst sie beispielsweise 100 Nebenstellen, kann ein Unternehmen die Anzahl der Nebenstellen nicht reduzieren, wenn es Mitarbeiter entlässt. Bei einer Cloud-Lösung hingegen könnte es die Extensions einfach zum Monatsende kündigen.

Welche geschäftlichen Treiber forcieren den Schwenk der Internettelefonie in die Wolke?

Polsakiewicz:Der Umgang mit Krisen ist immer ein heikles Thema. Unternehmen neigen dazu, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten eher die operativen Kosten zu erhöhen, anstatt zu investieren. So ist weniger Geld fest gebunden, und Firmen können flexibler auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren. Das spricht für eine IP-Centrex – zumal eine Cloud-Lösung weniger Administrationsbedarf verursacht und Unternehmen so die Personalkosten in diesem Bereich senken können. Vorteile, die eine vor Ort installierte Telefonanlage nicht bietet.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, welche Branchen, Gruppen und Größenordnungen die Entwicklung besonders vorantreiben.

Welche Branchen, Gruppen und Größenordnungen treiben bei den Anwendern die Entwicklung besonders voran?

Polsakiewicz:Von der Cloud-Telefonie profitieren kleine Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern am meisten, weil die monatlichen Gebühren in solchen Fällen sehr niedrig sind. Für Firmen, die zwischen 20 und 200 Mitarbeiter haben, ist wiederum eine IP-PBX sehr lukrativ. Ganz anders sieht es bei Unternehmen mit über 200 Beschäftigten aus: da viele bereits eine Microsoft-basierte Server-Infrastruktur betreiben, ist Lync eine Option, über die sich ernsthaft nachzudenken lohnt. Der Implementierungs- und Verwaltungsaufwand bleibt für größere Unternehmen im Rahmen: Neue Nutzer lassen sich zum Beispiel einfach über das Outlook Active Directory anlegen.

Wie verknüpft man stationäre und mobile Telefonie in der Cloud möglichst effizient miteinander?

Polsakiewicz:Ob und wie man für eine solche Verknüpfung sorgt, hat nichts mit der Cloud zu tun. Es geht eher um Fixed Mobile Convergence. Prinzipiell kann jeder Internettelefonie-Anbieter auch mobile Endgeräte einbinden. Eine nahtlose Integration von Mobiltelefonie und VoIP ist allerdings nur den großen Netzbetreibern beziehungsweise MVNOs möglich.

Einige Anbieter wie nfon werben für ihre neuen Anlagen mit einer (fast generellen) Kostenersparnis von bis zu 50 Prozent. Das scheint mir ziemlich hoch gegriffen. Unter welchen Voraussetzungen kann diese Marketingformel überhaupt greifen?

Polsakiewicz:Dass sich mit der Cloud-Telefonie bis zu 50 Prozent der Kosten einsparen lassen, ist eine Aussage, die man nicht verallgemeinern kann. Unternehmen sparen möglicherweise einen Administrator, wenn sie ihre Telefonie in die Cloud verlagern, müssen dann aber höhere Verbindungspreise bezahlen. Ob und in welcher Höhe sich Kosten einsparen lassen, ist immer auch abhängig vom Telefonievolumen. Unternehmen, in denen sehr viel telefoniert wird, fahren eventuell mit einer vor Ort installierten PBX samt Festnetz-Flatrate günstiger.

Gibt es ggfs. Case Studies oder Praxisbeispiele bei snom, an denen sich der praktische Nutzwert aus Anwendersicht gut dokumentieren lässt?

Polsakiewicz:Alle vier großen Internettelefonie-Anbieter setzen auf die IP-Telefone von snom: während nfon und Sipgate neben den snom Geräten auch noch Telefone einiger anderer Anbieter im Angebot haben, arbeiten Vodafone und die Deutsche Telekom bislang ausschließlich mit den Endgeräten von snom.

Ausblick: Wie ändert sich die Business-Telefonie in den kommenden Jahren?

Polsakiewicz:Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Unternehmen ihre Telefonie in die Cloud auslagern, sofern ihre Bedenken hinsichtlich Datensicherheit ausgeräumt sind. Einer der Gründe für den Technologiewechsel liegt in der Tatsache begründet, dass alte Wartungsverträge für große proprietäre Telefonanlagen vielerorts ausgelaufen sind beziehungsweise in Kürze auslaufen. Darum wird es in den kommenden Jahren eine gesunde Verteilung zwischen cloudbasierten und vor Ort installierten Telefonanlagen geben.

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