Mobilfunk-Picozellen als Ersatz für WLANs noch nicht in Sicht

Viel heiße Luft um Femtocell – Mobilfunk-Betreiber wissen von nichts

05.02.2008 | Redakteur: Ulrike Ostler

Femtocell verheißt Mobilfunk statt WLAN.
Femtocell verheißt Mobilfunk statt WLAN.

Femtocell wird heiß diskutiert. Die Mobilfunktechnik, die in Unternehmen Wireless LANs ersetzen könnten, ist eine Totgeburt, äußern sich Analysten. Die Technik hebt ab, behaupten andere. Tatsache ist, dass Anbieter von Mobilfunk-Equipment wie Ericsson, aber auch Systemlöser wie Nokia Siemens Networks heftig in die Technik investieren. Fest steht aber auch, dass die Mobilfunkprovider hierzulande noch nicht einmal Tests gestartet haben.

Das Femto-Forum hat seit der vergangenen Woche neue prominente Mitglieder. Darunter befinden sich Cisco und British Telekom (BT). Gegründet wurde es im Juli 2007 mit der Intention, Standards voranzutreiben, die notwendig sind, um in Haushalten und Firmen Mobilfunkzellen aufzubauen und mit Weitverkehrsfunk-Netzen zu verbinden.

Das aber scheint eine lohnender Markt. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Abi Research beispielsweise sollen bis 2010 bereits 100 Millionen Menschen die Technik nutzen. Der Markt für Femtocell-Equipment soll demnach jährlich um 95 Prozent wachsen. Bis 2012 soll der Umsatz über vier Milliarden Dollar liegen.

Dazu passen jüngste Meldungen über Kooperationen und Beteiligungen. So hat Cisco Systems einen unbekannten Betrag in das britische Femtocell-Unternehmen IP-Access investiert. Nokia Siemens Networks und Ubiquisys gaben am Donnerstag vergangener Woche eine Marketing- und Vertriebs-Partnerschaft bekannt. In dem Unternehmen steckt unter anderem Geld von Google.

In diesem Fall geht es um „Zonegate“, ein Gerät, mit dem sich lokal begrenzt 3G-Abdeckung herstellen beziehungsweise verbessern lässt. Das Gerät soll existente Industriestandards unterstützen und zu der so genannten „Open Architecture“ der Femto-Gateways von Nokia Siemens Networks passen, die ebenfalls dazu gedacht sind, innerhäusig die Qualität von 3G-Sprach- und Datendiensten zu verbessern.

Prognostiziertes Wachstum

„Der Femtocell-Markt entwickelt sich in einem erstaunlichen Tempo“, sagt Chris Gilbert, CEO bei Ubisquisys. 2008 werde definitiv das Jahr sein, in dem sich die Operatoren dafür oder dagegen entscheiden. Derzeit sei sein Unternehmen in zehn Versuchsprojekten involviert. Darüber hinaus erwartet der Manager mehrere größere Installationen.

Doch Anrufe bei den Mobilfunkbetreibern in Deutschland dokumentieren zwar Interesse an der Technik, doch wissen die meisten beim Erstkontakt nicht einmal, was das ist. Im Wesentlichen handelt es sich bei Femtocells um Niederspannungs-Anschlussstellen für den drahtlosen Zugriff, die in einem lizenzierten Mobilfunkbereich arbeiten, um Standard-Mobilgeräte über vorhandene DSL-Anschlüsse oder Breitbandverbindungen mit dem Netz eines Mobilfunkbetreibers zu verbinden.

Gelegentlich ist auch von „Picozellen“ die Rede. So stellte etwa Ericsson vor etwa einem Jahr auf der 3GSM World in Barcelona eine solche vor, die GSM und WCDMA kann, und somit als Inhouse-Handynetz betrieben werden kann. Die Mini-Zelle mit einem Radius von rund 30 Metern lässt sich per DSL ans IP-Netz anschließen und das Mobiltelefon des Teilnehmers wird mit der Zelle verbunden, sobald es in erreichbarer Nähe ist. Zudem ist das Gerät WiFi-fähig, so dass Übergänge zum WLAN möglich sein sollen. Mögliche Einsatzgebite sind Hochhäuser, Schiffe, Flugzeuge und Bahnen.

In Konkurrenz zu WLAN

Im Unternehmensumfeld versprechen sich die Femtocell-Protagonisten eine Erleichterung für Administratoren, die Drahtlos-Netze betreuen, Voice over IP einrichten und mobile Kommunikation in die Sprach-Daten-Kommunikation des Betriebs integrieren sollen. „Denn anders als bei Sprachkommunikation per WiFi, ist es bei Femtocell beispielsweise möglich, für Sprache und Daten existente Telefone zu nutzen“, streicht Simon Saunders, Vorsitzender des Femto Forum, heraus.

Das heißt jedoch nicht, dass innerhalb der Pro- Femtocell-Liga Konsenz darüber herrscht, welche IP-Standards hier eingesetzt werden sollen. Zum Beispiel gibt es zwei Lager in der Frage: UMA oder SIP? Das Session Initiation Protocol stammt von der Internet Engineering Task Force (IETF) und die Spezifikation des Unlicensed Mobile Access von der UMA-Alliance. Saunders allerdings sieht darin kein gravierendes Problem: „Jeder hier stimmt darin überein, dass ohnehin verschiedene Geschmacksrichtungen besser sind.“ Den kommerziellen Erfolg von Femtocell würden Debatten über die verschiedenen Ausrichtungen kaum gefährden.

Doch diesen sehen Kritiker nicht in jedem Fall. Immerhin tritt die Femtocell-Technik, zumindest in den Unternehmen gegen bereits weithin akzeptierte WLANs an. Hier geht es nicht nur um die Verstärkung von Mobilfunksignalen, sondern um Virtuelle Private Netze, die sowohl Sprache – als auch Daten übertragen sollen, ein Roaming in öffentliche Netze und zu verschiedenen Providern ermöglichen müssen und Kostenvorteile bringen sollen.

In Deutschland

Meldungen hingegen mit der Aussage, dass etwa Vodafone bereits Mini-Mobilfunkstationen teste, suggerieren die Entscheidungen seien schon gefallen. Jens Kürten, Pressesprecher bei Vodafone Deutschland, weiß jedoch nur von zwei Ländern, in denen die Vodafone-Gruppe Femtocell ausprobiert: Spanien und Italien. „Wir beobachten den Markt mit Aufmersamkeit und Interesse. Hierzulande allerdings sehen wir noch keinen Bedarf.“

Ähnliches gilt für O2 (Telefonica) und T-Mobile. „Wir haben das Thema auf dem Schirm“, sagt Martin Jodel, Pressesprecher bei T-Mobil. Allerdings haben wir auch ein gut funktionierendes UMTS-Netz und eine Entscheidung darüber, ob wir Femtocell machen ist noch nicht getroffen. Vorher gäbe es allerdings erst einmal Versuche.“

Betriebsnetze ohne die Mobilfunkbetreiber hingegen seien völlig ausgeschlossen, erläutert Rudolf Boll, Pressesprecher der Bundesnetzagentur. Immerhin besäßen diese die Lizenzrechte für die Mobilfunkfrequenzen.

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