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Projektvorstellung Telefon sucht neue Märkte

| Autor / Redakteur: Rudi Kulzer / Ulrike Ostler

Der Mobilfunkmarkt in Deutschland ist in voller Bewegung. Die Marktsättigung führt zu sinkenden Preisen. Gleichzeitig testen neue Technologien und Dienste ihre Marktchancen. Der hochkarätig besetzte Münchner Kreis diskutierte vergangene Woche zukunftsträchtige Geschäftsmodelle in der Mobilkommunikation.

Teilnehmerentwicklung und Penetration in deutschen Mobilfunknetzen, Grafik: Bundesnetzagentur 2006
Teilnehmerentwicklung und Penetration in deutschen Mobilfunknetzen, Grafik: Bundesnetzagentur 2006
( Archiv: Vogel Business Media )

Gegenwärtig gebe es in Deutschland mehr Handys als Bundesbürger, sagte Robert Wieland von TNS Infratest auf der Veranstaltung. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind das am Ende des zweiten Quartals 2006 knapp 82 Millionen Mobilfunkteilnehmer. Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn, insbesondere Italien, Skandinavien und Großbritannien, ist die Mobilfunknutzung in Deutschland dennoch gering. Auch bei UMTS besteht noch Nachholbedarf.

So ist das Interesse an einem Universalgerät noch unterentwickelt. Lediglich SMS und die eingebaute Fotokamera werden unter den möglichen mobilen Anwendungen genutzt. Das darüber hinausgehende Interesse liegt weltweit bei 70 Prozent. In Deutschland zeigen sich hingegen nur 49 Prozent als „sehr interessiert“. Damit unterschreiten die Werte sogar den westeuropäischen Durchschnitt, der bei 58 Prozent liegt.

Fortschrittliches Japan

In Japan beläuft sich die Durchdringungsrate nach Angaben von Toru Otsu von dem in München ansässigen Forschungslabor von NTT Docomo bei 92 Millionen Mobilfunkbenutzern auf über 72 Prozent. Mehr als die Hälfte der japanischen Benutzer verwenden bereits das zur dritten Generation gehörende Mobilfunknetz Freedom of Mobile Multimedia Access (FOMA), das, technisch gesehen, als Vorläufer von UMTS gilt.

Den Erfolg dieses Netzes führt Otsu unter anderem auf das Angebot von Pauschaltarifen (Flatrates), portable Rufnummern (MNP = Mobile Number Portability), hohe Zuverlässigkeit der Geräte durch biometrische Authentifizierungsverfahren und den in Aussicht gestellten sanften Übergang auf die vierte Produktgeneration zurück. Diese wird zwischen den Jahren 2010 und 2015 erwartet.

Handy als Fahrschein

Walter Leitner von Hanse Com berichtete auf der Veranstaltung in München über die Ansätze, Fahrausweise für den öffentlichen Personenverkehr mittels Handy zu kaufen, Mobile Ticketing: Ab 2007 werden die Bürger in sieben deutschen Großstädten und in einer Reihe kleinerer Kommunen ihren Fahrschein für Bus und Bahn auf diesem Weg ordern.

Dieses vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) initiierte Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 2,8 Millionen Euro gefördert wurde, läuft seit dem Jahr 2002 und dient dem Schaffen eines einheitlichen Standards, um dem Entstehen nicht verträglicher Insellösungen entgegenzuwirken. Ziel ist ein standardisiertes elektronisches Fahrgeldmanagementsystem (EFM), das dem Fahrgast innerhalb des Netzes der vertraglich eingebundenen Betreiber eine problemlose Reise ermöglicht.

Mobile Meldestelle

Über mobile Bürgerdienste berichtete Lothar Mühlbach vom Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik HHI. Diese werden derzeit in einem Pilotprojekt in zwei Berliner Bezirken sowie in Magdeburg erprobt. Mit Hilfe eines mobilen Endgeräts, Laptop, Drucker und Bezahlgerät in einem Koffer, das von Bürgerberatern bedient wird, werden die Dienste in Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Krankenhäusern und Einkaufspassagen angeboten.

Dort können die Bürger alle Dienstleistungen von stationären Bürgerämtern erhalten: den Wohnsitz melden, Pässe oder Führerscheine beantragen, ein Fahrzeug abmelden oder Informationen über öffentliche Unterstützungen einholen. Das Projekt, an dem sich in Berlin bisher mehr als 3.000 Bürger beteiligten, fand laut Mühlbach eine hohe Akzeptanz.

Mit dem Handy bezahlen

Schließlich ging es um neue Formen mobiler elektronischer Bezahlverfahren, „M-Payment“. Bettina Horster von VIVAI Software aus Dortmund erläuterte, in Vergangenheit seien Versuche, das Handy als Bezahlmedium einzusetzen, deshalb gescheitert, weil die Technik zu kompliziert, die Abrechnung zu teuer und die Plattformunabhängigkeit nicht gegeben waren. Im Prinzip aber, so Horster, würden 46,9 Prozent der Endkunden gern per Handy bezahlen.

Denn das Handy als Portemonaie sei prinzipiell für Kunden und Leistungsanbieter attraktiv: Der Händler oder Dienstleister erhalte seine Umsätze sofort gutgeschrieben, der Kunde brauche kein Kleingeld für den Automaten, könne ortsunabhängig ordern oder Spontankäufe mit sofortiger Rückmeldung tätigen. Dafür sei aber eine einfache und kostengünstige Plattform, die zudem interoperabel und rechtssicher sein müsse, unabdingbar.

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