Hochentwickelte Cyberspionage

Slingshot-Malware infiziert über kompromittierte Router

| Redakteur: Peter Schmitz

Bemerkenswert an Slingshot ist der ungewöhnliche Angriffsweg. Die Infektion ging bei mehreren Opfern von infizierten Routern aus.
Bemerkenswert an Slingshot ist der ungewöhnliche Angriffsweg. Die Infektion ging bei mehreren Opfern von infizierten Routern aus. (Bild: Pixabay / CC0)

Kaspersky Lab warnt vor einer hochentwickelten Form der Cyberspionage, die mindestens seit 2012 im Nahen Osten und Afrika aktiv ist. Die Malware „Slingshot“ attackiert und infiziert ihre Opfer über kompromittierte Router. Slingshot ist in der Lage, im Kernel-Modus zu laufen und erhält somit vollständige Kontrolle über infizierte Geräte.

Die Kaspersky-Experten kamen der Operation Slingshot über den Fund eines verdächtigen Keylogger-Programms auf die Spur. Sie erzeugten eine Signatur zur Verhaltenserkennung, um eine weitere Existenz des Codes zu überprüfen. So konnte ein infizierter Rechner ausgemacht werden, der in einem Systemordner eine verdächtige Datei mit dem Namen „scesrv.dll“ aufwies. Die weitere Untersuchung dieser Datei ergab, dass schädlicher Code in dieses Modul eingebettet war. Da die Bibliothek von „services.exe“, einem Prozess mit Systemrechten, geladen wird, verfügt auch sie über die entsprechenden Berechtigungen. Das Resultat: Die Experten waren auf einen hochentwickelten Eindringling gestoßen, der seinen Weg in das Innerste des Rechners gefunden hatte.

Die bemerkenswerteste Eigenschaft von Slingshot ist sein ungewöhnlicher Angriffsweg. Die Kaspersky-Experten stellten bei mehreren Opfern fest, dass die Infektion in mehreren Fällen von infizierten Routern ausging. Die hinter Slingshot stehende Gruppe hatte anscheinend die Router mit einer schädlichen Dynamic Link Library (DLL) kompromittiert, die zum Download anderer schädlicher Komponenten diente. Loggt sich ein Administrator zur Konfiguration des Routers ein, lädt dessen Management-Software schädliche Module auf den Administratorrechner und bringt sie dort zur Ausführung. Der ursprüngliche Infektionsweg der Router selbst bleibt bislang allerdings unklar.

Nach der Infektion lädt Slingshot mehrere Module auf die Geräte seiner Opfer. Dazu gehören auch ,Cahnadr‘ und ,GollumApp‘. Die beiden Module sind miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig bei der Sammlung von Informationen und deren Exfiltration sowie der möglichst langen Überdauerung auf den Rechnern.

Der Hauptzweck von Slingshot scheint Cyberspionage zu sein. Unter anderem werden Screenshots, Tastatureingaben, Netzwerkdaten, Passwörter, USB-Verbindungen, weitere Desktop-Aktivitäten und Clipboard-Daten gesammelt, wobei der Kernel-Zugang den Zugriff auf jede Art von Daten ermöglicht. Der Advanced Persistent Threat (APT) verfügt über zahlreiche Techniken, um sich einer Erkennung zu widersetzen. Alle Zeichenketten in den Modulen sind verschlüsselt, und die Systemdienste werden direkt aufgerufen, um Sicherheitslösungen keine Anhaltspunkte zu bieten. Hinzu kommen etliche Anti-Debugging-Techniken; auch wird vor der Auswahl eines Prozesses zur Injizierung überprüft, welche Sicherheitslösungen installiert sind.

Slingshot arbeitet wie eine passive Backdoor. Auch wenn die Malware über keine hart codierte Command-and-Control-Adresse verfügt, erhält sie diese vom Operator, indem alle Netzwerkpakete im Kernel-Modus abgefangen werden und das Vorhandensein von zwei hart codierten ‚Magic Constants‘ in der Betreffzeile überprüft wird. Ist das der Fall, bedeutet das, dass das Paket die C&C-Adresse enthält. Anschließend baut Slingshot einen verschlüsselten Kommunikationskanal zum C&C auf und beginnt mit der Übertragung von Daten zu deren Exfiltration.

Vermutlich besteht die Bedrohung bereits seit geraumer Zeit, denn die Kaspersky-Experten fanden schädliche Samples, die als „Version 6.x“ gekennzeichnet waren. Die Entwicklungsdauer des komplexen Slingshot-Toolsets dürfte beträchtlich gewesen sein. Das gilt auch für die dafür benötigten Fähigkeiten und Kosten. Zusammengenommen lassen diese Hinweise hinter Slingshot eine organisierte, professionelle und wohl auch staatlich-gestützte Gruppe vermuten. Hinweise im Text des Codes deuten auf eine englischsprachige Organisation hin. Eine genaue Zuschreibung ist jedoch schwierig bis unmöglich; zumal das Thema Attribution zunehmend selbst manipulations- und fehleranfällig ist.

Opfer in Afrika und Asien

Bislang waren laut den Kaspersky-Experten rund 100 Opfer von Slingshot und seinen zugeordneten Modulen betroffen. Die Angriffe fanden vorwiegend in Kenia und im Jemen statt, aber auch in Afghanistan, Libyen, Kongo, Jordanien, Türkei, Irak, Sudan, Somalia und Tansania. Sie richteten sich scheinbar überwiegend gegen Privatpersonen und nicht gegen Organisationen; allerdings zählten auch einige Regierungseinrichtungen zu den Opfern.

„Slingshot stellt eine hochentwickelte Bedrohung mit einem breiten Spektrum an Tools und Techniken dar, wozu auch Module im Kernel-Modus zählen, die bis dato nur bei den komplexesten Angriffen zum Einsatz kamen“, erklärt Alexey Shulmin, Lead Malware Analyst bei Kaspersky Lab. „Die Funktionalität ist äußerst präzise und für die Angreifer zugleich profitabel. Das erklärt, warum sich Slingshot mindestens sechs Jahre lang halten konnte.“

Die Lösungen von Kaspersky Lab erkennen zwar die Bedrohung und machen sie unschädlich, Nutzer von Mikrotik-Routern sollten dennoch so schnell wie möglich das Upgrade auf die aktuelle Software-Version durchführen. Nur so ist der Schutz gegen bekannte Schwachstellen gewährleistet, Zudem sollten keine Downloads mehr vom Router zum Rechner über die Mikrotik Winbox erfolgen.

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