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Die Geräte treiben den 4G-Netzausbau – doch Inkompatibilitäten sind gewünscht! Provider und Regularien machen LTE zum Problemfall

Autor / Redakteur: Leslie Ferry / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Bis eine neue Mobilfunktechnik bei den Kunden ankommt, sollte eigentlich relativ wenig Zeit vergehen, wenn die Technik erst einmal Marktreife erlangt hat. Sollte man meinen. Long Term Evolution (LTE) als Nachfolger der 2G und 3G-Netze steht schon längst in den Startlöchern – aber die breite Nutzung hakt.

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Nationale Regularien und die Interessen der Provider erschweren die breite Einführung von LTE.
Nationale Regularien und die Interessen der Provider erschweren die breite Einführung von LTE.
(Bild: Gunnar Assmy - Fotolia.com)

Das Analystenhaus Ovum veröffentlichte im Februar 2013 seinen Report „Future Strategies for VoLTE Development“, in dem es den Betreibern von Mobilfunknetzen davon abrät, ihre LTE-Netze und Voice over LTE (VoLTE) auszubauen. Noch bestünden offene Fragen bei Service und Bereitstellung, die jedoch über die Zeit von Anderen gelöst werden würden.

Bei den Mobilnetzbetreibern selbst steht LTE im Moment ganz oben auf der Agenda. Einige Betreiber streben innerhalb der kommenden zwei Jahre eine LTE-Abdeckung von 95 Prozent für ihr komplettes Netz an; um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie beträchtliche Aufbauprojekte in kurzer Zeit stemmen. Allein in den USA müssen Betreiber mehr als 300.000 bestehende Funkzellen von 2G/3G auf LTE umrüsten und zusätzlich neue Funkzellen bereitstellen, die aufgrund der hohen Kapazitätsanforderungen von LTE benötigt werden.

Bis Ende 2013 verfügen voraussichtlich mehr als 200 Betreiber in 75 Ländern über ein LTE-Netz. Die Zahl der LTE-Nutzer wird im gleichen Zeitraum die 200-Millionen-Marke erreichen – eine Zunahme um das 17-fache innerhalb von nur zwei Jahren.

Das LTE Geschäft brummt – trotzdem wird 3G genutzt

Um die Akzeptanz von LTE-Diensten beim Privat- und Firmenkunden zu beeinflussen, reicht die schlichte Verfügbarkeit der Netze jedoch nicht aus. Gleichzeitig müssen auch LTE-fähige Endgeräte erhältlich sein – und die Hersteller bemühen sich redlich, mit den Netzbetreibern Schritt zu halten: Etwa 300 verschiedene LTE-Geräte sollen bis Dezember 2013 auf dem Markt sein. Bereits jetzt brummt das Geschäft, der Hersteller LG etwa hat nach eigener Aussage bereits mehr als zehn Millionen LTE-Mobilgeräte verkauft. Trotzdem wird 2013 für LTE eher ein Jahr des Aufbruchs als ein Jahr der Vollendung werden. Die große Masse der weltweit 1,9 Milliarden Smartphone-Kunden wird im Dezember wahrscheinlich noch 3G- und 2,5G-Geräte nutzen.

Wie lässt sich das erklären? Um zu funktionieren, benötigt LTE Geräte und Netzabdeckung. Noch weist die internationale LTE-Landkarte allerdings zahlreiche weiße Flecken auf. Die feste Aufteilung von Frequenzspektren und die daraus resultierende begrenzte Verfügbarkeit von Funkfrequenzen hatte zur Folge, dass Betreiber auf der ganzen Welt nahezu überall „Rest-Frequenzen“ für LTE nutzen mussten, die noch nicht anderweitig vergeben waren. Die Folge ist eine chaotische Karte von national wechselnden Frequenzbereichen, ein länderübergreifender Standard fehlt. So ist beispielsweise die Frequenz 2,1 GHz in Nordamerika für LTE vorbehalten. Der einzige britische LTE-Anbieter muss sein Netz dagegen auf 1,8 GHz betreiben. Nicht einmal innerhalb einzelner Länder nutzen die Betreiber ein einheitliches Spektrum. In den USA sind beispielsweise die Netze von Verizon und AT&T nicht miteinander kompatibel.

Inkompatible LTE-Geräte

All dies bedeutet, dass LTE-fähige Mobilgeräte jeweils auf eine spezifische Frequenz oder bestimmte Frequenzen ausgelegt sein müssen, die in ihrer „Hausregion“ im Einsatz sind. Anders als beim Rollout von 3G können die Mobilgerätehersteller also nicht nur ein einziges Modell produzieren und dieses weltweit auf den Markt bringen. Jedes Produkt muss über den passenden Funkempfänger für die jeweilige Frequenz verfügen. Deshalb sind Endgeräte, die im LTE-Netz der einen Region funktionieren, mit den Netzen in anderen Gegenden nicht kompatibel.

Dass das bei den Anwendern nicht gut ankommt, ist bereits belegt; eines der prominenten Opfer dieses Problems war das iPad 3: Nachdem bekannt wurde, dass das Tablet in LTE-Netzwerken außerhalb Nordamerikas nicht funktioniert, konnte Apple es nicht mehr als „4G-fähig“ vermarkten.

Interessant ist jedoch, dass sich die Kompatibilitätsprobleme der LTE-Netze überraschenderweise nicht negativ auf die Nachfrage nach den neuesten Geräten auswirken. Sogar in Ländern, in denen momentan noch gar kein LTE-Netz verfügbar ist, führen LTE-fähige Geräte wie das iPad 2, das Samsung Galaxy S3 und das HTC One X die Verkaufsstatistik an. Kunden in Märkten wie China, Frankreich, Spanien, Mexiko und Südafrika können die Vorteile der LTE-Anbindung oft gar nicht nutzen und kaufen die Geräte doch – weil diese mit zusätzlichen Funktionen aufwarten und die Käufer durch den Besitz der neuesten Gadgets ihr Prestige aufbessern wollen.

Verfügbarkeit der Geräte bestimmt die Art der Netze

Sobald in den bisher LTE-losen Ländern der Rollout stattfindet, wird die Beliebtheit der LTE-Geräte exponentiell ansteigen. Der Markt befindet sich damit in einer spannenden Situation. Während beim Rollout von 3G die bestehenden Netze diktierten, welche Geräte auf den Markt kamen, ist es nun umgekehrt: die Verfügbarkeit der Geräte spielt eine entscheidende Rolle in der Frage, welche LTE-Netze sich weltweit durchsetzen.

Um die Kompatibilitätsprobleme zu lösen, entwickeln die Hersteller inzwischen Geräte mit mehreren Empfängern. Beispielsweise eröffnet das Samsung S4 mit seiner Hexaband-LTE-Unterstützung Zugriff auf mehr Frequenzen als jedes andere LTE-fähige Gerät, das momentan auf dem Markt ist. Während sich die Elektronik also schnell genug weiterentwickelt, um netzübergreifende Kompatibilitätsprobleme langfristig zu lösen, haben wiederum die Betreiber ein Interesse daran, die Carrier-übergreifende Kompatibilität zu verhindern.

So verfügt beispielsweise das iPhone 5 für AT&T zwar über Duplexer, Filter, Leistungsverstärker und eine Antenne für das WCDMA-Band-IV-Netz (AWS, 1,7/2,1 GHz) von T-Mobile; doch die Kompatibilität wird durch die Basisband-Software deaktiviert. Durch dieses Vorgehen binden die Betreiber ihre Kunden an sich und stellen sicher, dass die lukrativen Erlöse aus den LTE-Datenströmen nur bei ihnen ankommen. Verizon beispielsweise kooperiert seit einigen Monaten mit mehreren Herstellern wie Samsung und Google, um exklusiv LTE-fähige Handys auf den Markt zu bringen.

Jeder für sich selbst – wie lange noch?

Ganz offensichtlich verfolgt jeder Player in diesem Spiel sein eigenes Ziel. Die Hersteller wollen Geräte produzieren, die in möglichst vielen Märkten funktionieren. Die Betreiber wiederum profitieren davon, wenn sie die LTE-Kompatibilität der Geräte einschränken. Und die Endkunden mögen zwar jetzt noch damit zufrieden sein, die aktuellsten Geräte auch ohne echte LTE-Konnektivität zu kaufen, da viele Märkte bei den LTE-Diensten noch ganz am Anfang stehen; doch sobald die Anwender die Geschwindigkeitsvorteile von LTE erfahren haben und zu schätzen lernen, müssen Betreiber und Gerätehersteller zunehmend zusammenarbeiten.

Leslie Ferry
Leslie Ferry
(Bild: Broadsoft)

Entweder verwirklichen sie dann einen ganzheitlichen Ansatz – oder sie müssen den Zorn von Kunden in Kauf nehmen, die nicht in der maximalen Geschwindigkeit auf die teuren und begehrten Dienste zurückgreifen können.

Über die Autorin

Leslie Ferry ist Vice President Marketing beim Kommunikations-Spezialisten Broadsoft.

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