Virtuelle „FIBERWEEK: Echt. Digital. Vernetzt.“ trotzt Corona Ohne Masterplan in die Zukunft

Autor / Redakteur: M.A. Dirk Srocke / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Corona geschuldet musste der BREKO seine Glasfasermesse 2020 erstmals virtuell abhalten – und verbucht das Event im Nachinein als vollen Erfolg. Am umgebremsten Vorankommen des „Glasfaserausbau auf der Überholspur“ konnten Kongressbesucher jedoch zeitweise zweifeln.

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In der realen Welt finden Fiberdays seit 2019 im RheinMain CongressCenter Wiesbaden statt.
In der realen Welt finden Fiberdays seit 2019 im RheinMain CongressCenter Wiesbaden statt.
(Bild: ubivent/ BREKO (Screenshot))

„Alles ist besser als nichts“ – mit diesem Fazit hatte sich der Messebeirat drei Monate vor Start der Fiberweek 20 für eine virtuelle Veranstaltung entschieden. Zu deren Start griff BREKO-Geschäftsführer Stephan Albers das Zitat im eigens eingerichteten Bonner „Basecamp“ auf – und legte die Messlatte damit nicht sonderlich hoch.

Umso überzeugender konnten die Organisatoren zum finalen fünften Tag der Messe am 16. Oktober verkünden: Das virtuelle Event sei von der Branche begeistert angenommen worden. Im Mittel loggten sich täglich 1.000 der Teilnehmer aus insgesamt 27 Ländern ein, jeder der 63 Aussteller generierte im Schnitt 150 neue Kontakte während der gesamten Woche.

Glasfaserausbau gewinnt an Fahrt...

Optimistische Aussagen gab es auch zum Glasfaserausbau zu hören – neben der Digitalisierung in Deutschland eines der beiden Hauptthemen der virtuellen Fiberweek unter dem Motto „Echt. Digital. Vernetzt.“ Zur Eröffnungskeynote präsenterte Prof. Dr. Jens Böcker von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg einige Zahlen der BREKO Marktanalyse20.

Demnach gewinne der Glasfaserausbau mit FTTB/H bei Breitbandanschlüssen mit über 50 MBit/s an Fahrt. War die Technik 2014 für 4,4 Prozent der betrachteten Anschlüsse verfügbar, erreichte der Wert im Vorjahr bei 13,5. Böcker wagte zudem eine Prognose für den weiteren Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland: „Beim Glasfaserausbau werden wir in den nächsten Jahren große Veränderungen nach oben sehen. Das steht für mich fest.“

Aktuell liegt der Glasfaseranteil allerdings noch immer weit hinter den Werten kupfergebundener Technologien. Der Anteil von VDSL/DSL wuchs von 17,1 Prozent im Jahr 2014 auf 84,1 Prozent 2019; CATV stagnierte im gleichen Zeitraum beinahe zwischen 60,0 und 66,7 Prozent.

Als Vorsitzende des Digitalrats der Bundesregierung betonte Katrin Suder die Bedeutung der Digitalisierung für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft: „Ich glaube, dass wir in Deutschland alle Zutaten dafür haben, um auch digital wettbewerbsfähig zu sein. Was wir brauchen, ist ein offenes Mindset, engagierte Köpfe und Diversity – ob in Wirtschaft oder Verwaltung. Unsere Stärke ist die deutsche Industrie und der Mittelstand. Diese Stärke muss jetzt in Einklang mit der digitalen Welt gebracht werden. Die Botschaft ist in Politik und Wirtschaft angekommen. Wichtig ist es jetzt, dass die Wirtschaft aktiv wird. Da muss jedes Unternehmen, jede Stadt und jede Kommune die eigenen Kräfte mobilisieren. Das gilt natürlich auch für den Infrastrukturausbau als Basis.“

...doch Pandemie und Prozesse bremsen

Beim Glasfaserausbau ist Deutschland dabei auf einem guten Weg glaubt BREKO-Präsident Norbert Westfal, schob jedoch zugleich nach, was noch besser laufen könnte: „Es gilt aber auch die Rahmenbedingungen richtig zu setzen, um den Ausbau weiter zu beschleunigen: Die Genehmigungsverfahren müssen vereinfacht und beschleunigt werden. Zudem sollte sich die Förderung primär auf die Schließung noch vorhandener weißer Flecken fokussieren“.

Besonderen Nachdruck verlieh diesen Forderungen Udo Klenk, Geschäftsführer bei Klenk & Sohn sowie Präsidiumsmitglied Gütegemeinschaft Leitungstiefbau. Aus erster Hand berichtete der Leitungstiefbauer, wie sich Vergabeverfahren vom ersten Angebot bis zum Auftrag in die Länge ziehen können. Dabei hänge es insbesondere bei Förderprojekten oft; viele Formalismen seien schwer zu handhaben.

Auch die Pandemie ist nicht spurlos an dem Leitungstiefbauer vorübergegangen. So stünden aufgrund der schwierigen Lage immer noch Baugenehmigungen aus. Aus eigener Erfahrung berichtete Klenk auch vom Fall eines Bauamtsleiters, der krankheitsbedingt keine Begehung durchführen konnte.

Smart City ohne Masterplan...

Konkrete Handlungsempfehlungen gab es beim Thema Smart City. So warnte Alexander Handschuh Kommunen eindringlich davor, Masterpläne erstellen zu wollen. Denn – so der Pressesprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) weiter – wolle man hierbei alle Stakeholder einbinden dauere es drei bis vier Jahre, bevor solch ein Konzept stehe.

Das klingt nicht nur lange, sondern ist es auch. Laut Fraunhofer IAO betrügen Innovationszyklen mittlerweile weniger als zwei Jahre. Weil technologische Innovationen einander also immer schneller ablösen, sind Masterpläne also bereits bei Fertigstellung veraltet.

Zudem postulierte Handschuh: Digitalisierung sei kein technisches Thema, sondern ein strategisches Projekt. Und bei dem müsse man Bürger, Unternehmen oder Stadtgesellschaften mit einbinden.

...aber mit langfristigen Perspektiven

Wie solch eine langfristige Strategie aussehen kann, schilderte Maria Berndt von der Tegel Projekt GmbH. Die Gesellschaft will den bisherigen Berliner Flughafen Tegel ab kommendem Jahr zu einem Forschungs- und Industriepark umgestalten – die vier Bauabschnitte des Gesamtprojektes werden sich bis 2040 hinziehen und dem entsprechend auch einige der von Handschuh genannten Innovationszyklen umfassen.

Ganz im Sinne Handschuhs gehen die Entwickler in Tegel schrittweise vor und planen eine modulares System, bei dem sich Komponenten ergänzen oder austauschen lassen. Zu weiteren Prinzipien zählen eine inkrementelle Entwicklung, die Nutzung von Standards sowie Partizipation.

Bestehende Infrastruktur nutzen

Netzbetreiber und Infrastrukturanbieter brauchen mitunter jedoch gar keine so umfassenden Pläne, um sich dem Projekt Smart City zu nähern. Das verdeutlichte Julian Graf von Hardenberg am ganz praktischen Beispiel.

In seinem Showcase zeigte der Geschäftsführer der Berthold Sichert GmbH ganz konkret, wie leicht sich bestehende Außengehäuse von Glasfasernetzen mit Sensoren verbinden lassen – um erste Anwendungen einer Smart City zu implementieren.

Was noch geschah: BREKO verstärkt Vorstand

Zur virtuellen FIBERWEEK hat der BREKO zudem seine Führungsriege verstärkt. Neu im Vorstand sind Stephan Zimmermann, Geschäftsführer der Deutsche Glasfaser Holding GmbH sowie Wolfram Rinner, Geschäftsführer der GasLINE mbH & Co. KG. Im Amt bestätigt wurden die bisherigen Mitglieder des Vorstands sowie das Präsidium um BREKO-Präsident Norbert Westfal (Sprecher der Geschäftsführung der EWE TEL GmbH), die Vizepräsidenten Karsten Kluge (Thüringer Netkom GmbH) und Alfred Rauscher (R-KOM mbH & Co. KG) und Schatzmeister Bernhard Palm (Netcom BW GmbH).

Mit dem jetzt erweiterten Vorstand wolle man einer wachsenden Mitgliederzahl Rechnung tragen; aktuell vertritt der Verband 372 Unternehmen, darunter 211 Telekommunikations-Netzbetreiber.

FIBERDAYS21: Termin steht, Format offen

Die Fiberdays finden seit 2012 jährlich im Rhein-Main-Gebiet statt. Als Leitmesse für den Glasfaserausbau soll die Veranstaltung Digitalthemen von Netzplanung bis zur App-Entwicklung abdecken.

Nach der digitalen Ausgabe im Oktober 2020 sollen die FIBERDAYS21 am 17. und 18. März 2021 stattfinden – ob virtuell oder nicht, das wollen die Organisatoren vom Infektionsgeschehen abhängig machen.

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