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Aktienkurs mau, Stimmung gut, Restrukturierung geplant Nortel-Geschäftsführer te Niet: „Wir machen Software- und Services“

Redakteur: Ulrike Ostler

In der vergangenen Woche gab Nortel Networks eine Gewinnwarnung heraus. In dieser Woche lud Nortel Deutschland Kunden und Partner zum „Nortel Forum“ nach Mainz. Motto: „Kommunikation 2.0 - Gestalten Sie Ihre Zukunft jetzt“. Doch was kann das Unternehmen in dieser Situation bieten? Wim te Niet Geschäftsführer und President Central Europe stellt sich den Fragen von IP-Insider.

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Wim te Niet ist Geschäftsführer von Nortel Deutschland und verantwortlich für Zentraleuropa.
Wim te Niet ist Geschäftsführer von Nortel Deutschland und verantwortlich für Zentraleuropa.
( Archiv: Vogel Business Media )

Es scheint nicht zusammenzupassen: Die Stimmung der Kunden und Partner auf dem Nortel-Forum war gut. Dabei hatten die Aktien nach Bekanntgabe der Unternehmenszahlen für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres und einer Gewinnwarnung weit über 40 Prozent ihres Wertes verloren. Sie fielen damit auf den tiefsten Stand seit mehr als zwanzig Jahren.

Es war das dritte Forum, das Nortel veranstaltet hat. In diesem Jahr waren rund 500 Anmeldungen zu verbuchen, wobei sich die Zahl der Endanwender im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt hat.

Im vergangenen Jahr sorgte die frische Allianz von Microsoft und Nortel im Bereich Unified Communications & Collaboration (UCC) für Gesprächsstoff. Diese hat nach Meinung verschiedener Analysten den Markt erst richtig angeschoben.

Auch in diesem Jahr spielte Unified Communications (UC) und die Innovative Communications Alliance (ICA) der beiden Unternehmen eine Rolle. Darüber hinaus wurden aber auch Green IT, Virtualisierung und Long Term Evolution (LTE) thematisiert.

Doch was kann Nortel eigentlich angesichts seiner schwachen Finanzen und der Integration von Telekommunikation in die Unternehmens-IT, der Umbrüche im Netzkomponentenmarkt, dem Trend zu Services aus dem Netz und neuer aggressiver Konkurrenz neben alter eigentlich den Unternehmen bieten?

weiter mit: te Niet, der Geschäftsführer von Nortel Deutschland beantwortet die Fragen.

te Niet, der Geschäftsführer von Nortel Deutschland beantwortet die Fragen.

Microsoft will mit dem kommenden Release, das im Januar/Februar 2009 auf den Markt kommen soll, den Office Communications Server (OCS) im Wesentlichen um Telefonie-Features erweitern. Spätestens damit wird Ihr ICA-Partner zum Konkurrenten. Wie sieht die Zukunft von Nortel aus?

te Niet: Wir investieren in verschiedene Bereiche, die stark wachsen: in Produkte, Services und Anwendungen.

UC-Lösungen sollen für den Anwender einfach sein. Doch tatsächlich ist das Zusammenspiel von IT und TK sehr komplex. Die Unternehmen suchen deshalb nach globalen Partnern, die ein tiefes Verständnis für beide UC-Bestandteile haben. Damit können wir aufwarten.

Wir haben im vergangenen Jahr bereits rund 700 UC-Spezialisten in der OCS-Integration geschult und zertifiziert, können Referenz-Router anbieten, betreiben mit Microsoft gemeinsame UC-Zentren und haben eine Reihe von UC-Projekten initiiert.

Zudem ist Microsoft nicht unser einziger Partner. Zum Beispiel ist die Kooperation mit IBM gleichwertig.

weiter mit: Cisco kauft derzeit eine Menge Collaboration-Know-how zusammen.

Cisco kauft derzeit eine Menge Collaboration-Know-how zusammen. Damit macht sich Ihr Konkurrent weitgehend unabhängig von Microsoft und IBM.

te Niet: Collaboration, etwa Präsenzinformationen, von Nortel gibt es schon lange. Zum Beispiel nutzen wir die Tools im hauseigenen Netz.

Aber die Welt ist heterogen. Heute können Unternehmen alles von Nortel haben, inklusive Carrier Softwitch und Application Engine, brauchen aber nicht. Zum Beispiel kann man unsere Produkte wunderbar mit Telepräsenz- und Video-Lösungen von Polycom oder Tandberg kombinieren.

Bisher bestimmte allein die PBX über die Kommunikationsfunktionen und den Anbieter. Doch heute ist eins klar. Die IT-Welt befindet sich bereits im Hause der Anwenderunternehmen. IBM und Microsoft beherrschen den Desktop, ihre Produkte dürften auf mehr als 90 Prozent aller Arbeitsplatzrechner installiert sein. Telekommunikation kommt dazu. Und wir haben über unsere starken Partner bereits einen Fuß in der Tür. Und unser Geschäft wird auf Desktop-Services beziehungsweise -Anwendungen hinauslaufen.

Doch Ihre Umsatzzahlen bestätigen diese Strategie nicht.

te Niet: Tatsächlich haben wir in der vergangenen Woche eine Umsatzwarnung herausgegeben. Das konnte niemanden überraschen, der weiß, wie das geschäftliche Umfeld in den USA aussieht. Denn wir generieren die Hälfte unseres Umsatzes im US-Markt. Zudem arbeitet der Wechselkurs zu unseren Ungunsten.

Sie verkaufen in Dollar oder Euro?

te Niet: Sowohl als auch.

Aber in Europa, im Nahen Osten, Afrika (EMEA) und Asien sieht das Geschäft besser als in den USA aus, wenngleich die Unternehmen auch in diesen Regionen vorsichtiger investieren. Doch im Vergleich zu unseren Wettbewerbern sieht es hier noch ganz gut aus. Auch wenn die Umsätze eingebrochen sind, verzeichnen wir noch Steigerungen in der operativen Marge.

Genauere Zahlen kann ich noch nicht bekannt geben, da wir noch keinen Forecast für das Enterprise-Geschäft abgegeben haben. Im vergangenen Jahr allerdings lag das Wachstum bei 20 Prozent in Europa und bei über 20 Prozent in Deutschland.

weiter mit: US-Medien-Berichten zufolge wollen Sie die Sparte Metro Ethernet Networks (MEN) verkaufen?

US-Medien-Berichten zufolge wollen Sie die Sparte Metro Ethernet Networks (MEN) verkaufen?

te Niet: Das ist kein Gerücht. Das stimmt! Nortel ist der Weltmarktführer im MEN-Bereich. Wir bieten jetzt schon 40 Gigabit-Lösungen und die Technik für 100 Gigabit pro Sekunde funktioniert zumindest im Labor. Der Verkauf ist wohl das, was man das Portfolio-Management, den Verkauf von profitablen Unternehmensbereichen oder „das Versilbern von Assets“ nennt.

Das Geld wird unter anderem benötigt, um das Enterprise-Geschäft auszubauen. Bislang beträgt der Anteil dieses Bereichs am Gesamtumsatz etwa 25 bis 30 Prozent. Dieser Anteil soll sich deutlich erhöhen.

Um das organische oder auch anorganische Unternehmenswachstum voranzutreiben, bedarf es jedoch Investitionen. Für die Finanzierung von Zukäufen, gibt es klassischer Weise zwei Möglichkeiten: Stock oder Cash. Und Cash bekommen wir über den Verkauf von MEN.

Der Zeitpunkt ist trotz der Finanzmarktkrise in den USA genau richtig. Wir erwarten, dass sich der MEN-Markt in nächster Zeit stark konsolidieren wird. Unser aktives Angebot kommt somit zur rechten Zeit und dürfte aufgrund der weit entwickelten Technik für die Richtigen recht interessant sein.

Bisher betiteln die Medien Nortel als „Netzwerkausrüster“. Welche kurze Beschreibung passt in der Zukunft?

te Niet: Software- und Service-Firma Nortel.

Wir haben über 100 Jahre Erfahrung in der Telefonie. Das bleibt und ist nicht weg. Doch früher haben wir zur PBX auch Eisen geliefert. Außerdem war die Welt damals klar aufgeteilt: hier Freund, dort Feind. Heute ist die Welt wechselhafter. Die Anwender können die Technik verschiedener Anbieter kombinieren. Doch das nötige tiefe Verständnis, das es ermöglicht, dass Applikationen das Netz verstehen und umgekehrt, haben nur wenige.

In Service und Anwendungen, und im Übrigen auch in die wichtiger werdende Middleware, werden in den kommenden Jahren Milliarden investiert. Das gilt bereits für die Fixed-Mobile-Konvergenz.

Die Akquisition unseres bisherigen OEM-Partners Pingtel soll das exemplarisch verdeutlichen. Mit dem Zukauf bringen wir eine Lösung auf den Markt, die insbesondere für kleine Unternehmen und Mittelständler interessant ist, denn die UC-Lösungen setzen auf einer Standard-Plattform auf.

weiter mit: Wann ist mit großen Entlassungen zu rechnen?

Die Transformation von Nortel erfordert eine neue Mitarbeiter-Struktur. Wann ist mit großen Entlassungen zu rechnen?

te Niet: Der Umbau vollzieht sich zwar schon seit zwei Jahren, doch tatsächlich müssen wir noch Restrukturierungen vornehmen. Zum Beispiel konsolidieren wir die Rechenzentren – von elf auf zwei – und verkaufen das MAN-Segment. Ob allerdings Entlassungen notwendig sind, ist noch unklar. Derzeit setzen wir auf die natürliche Fluktuation.

Wie viele Mitarbeiter wollen sie am Ende der Metamophose haben? (Anm. d. Red.: Derzeit beschäftigt das Unternehmen 32.550 Personen.)

te Niet: So konkret ist das noch nicht. Die Zahlen werden erst im Verlauf des nächsten Jahres kommuniziert werden.

Als Hersteller hat Nortel tiefe Einblicke in Netzwerk- und Telefonietechnik und damit will das Unternehmen Geld verdienen. Wie kann eine Software- und Service-Company diesen Wissensvorsprung halten?

te Niet: Auf keinen Fall wird die Forschung und Entwicklung zurückgefahren. Der MEN-Verkauf soll Bargeld in die Kassen spülen, um neue Akquisitionen tätigen zu können und um den R&D-Bereich zur stärken.

Wie weit wir vorne liegen, zeigt auch der weltweit erste LTE-Feldversuch. Hierbei handelt es sich nicht um einen Labortest, sondern um eine T-Mobile-Installation in Deutschland, in Bonn, unter realen Bedingungen. Dabei wurden Daten in und aus einem Fahrzeug heraus übertragen, welches sich zwischen der linksrheinischen Zentrale der Deutschen Telekom AG und der rechtsrheinischen Zentrale von T-Mobile in Bonn bewegte.

Außerdem benötigen UC-Anwendungen UC-ready-Netze. Wir kümmern uns darum, etwa mit Netzwerkanalysen und um die Technik, die Hardware-Integration wahr werden lässt.

Noch einmal: Wir konzentrieren uns auf die Geschäftsfelder, die ein großes Wachstum versprechen: 1. UC-Software und Services, 2. Der Breitband Access-Markt. Dazu gehören LTE und Fibre to the Home (FTTH). Wissen Sie, dass heute weniger als 1 Prozent aller Anschlüsse auf Glasfaser basieren?

Im August hat LG-Nortel, das Joint Venture von LG Electronics und Nortel, Novera Optics gekauft. Das Unternehmen entwickelt Glasfaser-Zugangslösungen die Carrier-Ethernet-Services vom optischen Backbone ins Haus liefern können. Die Patente gestatten es uns, Chipsätze zu bauen, die es über Farben ermöglichen, aus shared Leitungen dedizierte Kanäle zu machen. Diese Chipsätze werden wir auch anderen Herstellern anbieten.

weiter mit: LTE und FTTH sind vielversprechende, aber auch riskante Märkte.

LTE und FTTH sind vielversprechende, aber auch riskante Märkte. Etwa in Deutschland ist unklar, wer den Glasfaserausbau überhaupt bezahlen kann und soll. Die Standards für LTE sind nicht einmal fertig.

te Niet: Natürlich sind 2009 noch keine riesigen Umsätze in den Bereichen LTE und FTTH zu erwarten. Doch insbesondere entwickelt sich LTE schneller als erwartet; 2010 wird es richtig losgehen.

Außerdem: Unternehmen wären nicht existenzfähig, wenn sie nicht in Techniken investierten würden, die 2010, 2011, 2012 riesige Absatzmärkte sein werden. Das heißt: Es ist ein gutes Zeichen für unsere Investoren, Partner und Kunden, dass wir Geld in diese Zukunft stecken.

Herr te Niet, herzlichen Dank für das offene Gespräch

Das Interview führte Ulrike Ostler

(ID:2015542)