Die Transformation zum Service-Provider führt über all-IP-Netze Nokia Siemens Networks stellt ein Benchmarking-Tool für Provider vor

Redakteur: Ulrike Ostler

Der Unterschied des besten Providers zum schlechtesten beträgt bei den Bereitstellungskosten für ein Kilobyte eine Zehnerpotenz! Der „Carrier IP Migration Index“ (Cimix) kann das belegen. Entworfen hat ihn Nokia Siemens Networks und Heavy Reading. Damit sollen sich All-IP-Netze der Telekommunikations-Provider vermessen lassen: die Migration, der Betrieb, die Qualität der Netze und der Service-Infrastruktur.

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Die Transformation zu einem Service-Provider und die Migration zu All-IP-Netzen hat viele Aspekte. Bild: NSN
Die Transformation zu einem Service-Provider und die Migration zu All-IP-Netzen hat viele Aspekte. Bild: NSN
( Archiv: Vogel Business Media )

Insgesamt besteht der Benchmarking-Index aus 37 Key-Performance Indikatoren (KPIs). Gewonnen wurden die Messkriterien weltweit aus der Analyse von 70 verschiedenen Telekommunikations-Providern, beziehungsweise -Carriern. Ein Anbieter ohne eigene Netzinfrastruktur ist jedoch (noch) nicht darunter. Das eigene Unternehmen lässt sich so mit anonymisierten und aggregierten Werten der Branche vergleichen – mit dem Durchschnitt, mit den Besten und den Schlechtesten.

„Manchmal gibt es Überraschungen“, erläutert NSN-Experte Dirk Lindemeier. Denn die Selbsteinschätzungen der Kunden wichen durchaus von der Positionierung im Cimix ab. Insbesondere die kleinen und neuen Provider jedoch gäben oftmals ein Beispiel für qualitativ hochwertige Services und Prozesse ab, verrät er.

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Er möchte Cimix und das zugehörige NSN-Tool als Beratungswerkzeug verstanden wissen, und nicht als Vertriebsinstrument für die Managed-Service- sowie Technik-Angebote des Unternehmens. Zum Beispiel bietet NSN mit „Phantom DSL“ ein Produkt an, mit dem sich Kupferverbindungen über 400 Meter auf eine Geschwindigkeit von 825 Megabit pro Sekunde kochschrauben lassen.

Positionsbestimmung

Bisher ist mit VDSL eine Geschwindigkeit von bis zu 50 Megabit pro Sekunde machbar. Dennoch könne Phanton DSL nur eine Übergangslösung sein, wie Olaf Henricsson, Chef des Netzwerk-Verkaufs im Süden und Westen von Europa, erläutert, bis die Netze endgültig auf Glasfaser umgestellt sein werden.

Um herauszufinden, welchen Anforderungen sich die Provider stellen müssen, und zur Unterstützung der Entscheidungsfindung, dient Cimix. Denn die heutigen Telekommunikationsanbieter müssen sich entscheiden, welche Rolle sie im Kommunikations- und Cloud-Umfeld künftig einnehmen und wie sie dorthin gelangen wollen.

Henricsson beschreibt die Strömungen im Markt, die letztlich All-IP-Netze und die Neupositionierung jedes Telekommunikationsanbieters notwendig machen. Die Anwender, egal ob Consumer oder Geschäftskunde, interessiert erst einmal wenig, welches Netz sie benutzen. Sie wollen dieselbe gute Qualität überall und auf jedem Device. Weltweit gehen schon jetzt 32 Prozent der Internet-Nutzer außerhalb vom Büro oder dem Zuhause ins Netz. Im Erleben, aber auch in der Infrastruktur, verschmelzen fixed und mobile Strukturen.

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Warum wechseln Kunden den Anbieter?

Die steigenden Erwartungen an die Netze spiegeln sich auch in den Gründen wider, die die Anwender den Provider wechseln lassen. In Deutschland kündigen 44 Prozent der Anwender ihrem Anbieter, weil sie mit der Qualität der Services oder der Netze unzufrieden sind und nicht, weil sie weniger ausgeben wollen. So zeigt eine NSN-Studie, dass der durchschnittliche Erlös pro Kunde (ARPU) in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist.

Zahlen des Branchenverbands Bitkom belegen, dass 2010 in Deutschland rund 755 Millionen Apps auf Handys beziehungsweise Smartphones geladen wurden. Der Umsatz stieg im Vergleich zu 2009 um 81 Prozent auf 343 Millionen Euro. Weltweit beläuft sich der Absatz auf rund 1,7 Milliarden Euro.

Laut Juniper Research nutzen rund 150 Millionen Smartphone-Anwender Facebook auf diesem Device. Insgesamt habe sich der Wert der Handset-Downloads im Jahr 2009 auf 2,6 Milliarden Dollar belaufen; im Jahr 2015 soll dieser auf 25 Milliarden ansteigen.

Unglaublich? Der Ansturm trifft Provider unvorbereitet

Zugleich steigt der Bedarf an Netzkapazität. Wenn ein Haushalt mit einer 2-Megabit-Leitung jetzt noch um die 20 Megabyte pro Monat beansprucht, sind es bald 20 Megabit pro Sekunde und 500 Gigabyte pro Monat. Das schaffen die bisherigen Infrastrukturen nicht.

„Es gibt da eine generell gültige Beobachtung“, führt Henricsson aus. „Insbesondere gilt das auch für mobiles Breitband, wie die UMTS-Gewinner erfahren durften. Um eine Marktdurchdringung von 20 Prozent zu erreichen, sind ernorme Anstrengungen notwendig. Doch danach geht alles ganz schnell. Und jetzt sind die Provider und ihre Infrastrukturen nicht darauf vorbereitet, obwohl Datenkommunikation schon so lange diskutiert wird.“

Ein Effekt sind neue Wettbewerber für die traditionellen Kommunikations-Provider. Beispielsweise hat Google am 1 Oktober 2010 bereits die 24ste Firmenübernahme für das laufende Jahr bekannt gegeben. Damit überstieg die Zahl der Firmenakquisitionen bereits zu diesem Zeitpunkt die des gesamten Vorjahrs um das Vierfache.

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Google macht alle platt?

Laut Henricsson ist Google ein Beispiel dafür, wie die neuen Mitspieler mit modernster Technik ihr eigenes Ökosystem aufbauen und andere Formen des Kundenzugangs nutzen, um Services zu verkaufen. Traditionelle Provider müssen ihre Netze und ihr Geschäft so umbauen, dass sie den Markt als sich ständig ändernde Herausforderung begreifen und gestalten können.

Er identifiziert fünf Schlüsseltechnologien, die diese Transformation unterstützen:

  • die Migration zu All-IP-Netzen: „Die Zukunft besteht aus Paket-Netzwerken“, sagt Henricsson.
  • eine flache und damit einfachere Transport-Architektur
  • Technik für nahtlose Übergänge von einem Netz ins anderen, inklusive Femtocell, WiMAX, LTE, Fixed Networks und WLAN
  • die Konvergenz von Core-Netzen
  • Virtualisierung

Die Transformation zu All-IP-Netzen steht jedem Provider ins Haus. Die neuen Wettbewerber tun sich allerdings leichter. Sie brauchen weder auf bestehende technische, noch auf organisatorische und Kunden-Infrastrukturen Rücksicht zu nehmen. Der Bau neuer Netze ist zwar teuer, aber die neue Technik erlaubt nicht nur flachere Netze, sondern auch mehr Leistung und schnellere Prozesse im Service und neue Dienste.

Modernisieren ist das Ende der Netzneutralität

Traditionsunternehmen hingegen müssen modernisieren. Die Kosten dafür entständen an ganz anderen Stellen, so Henricsson.

Letztlich jedoch ginge kein Weg daran vorbei, die Netzneutralität aufzuheben. Alle Provider seien mit dem Problem konfrontiert, das rund 5 Prozent der Nutzer 80 Prozent des Verkehrs verursachten. Es stelle sich somit die Frage, wie die Operatoren damit umgehen sollten. Zum Beispiel ließe sich ein Download in der Nacht günstiger anbieten als Freitagnachmittag, wenn alle ins Netz wollten.

Laut Henricsson brauchen unterschiedliche Kunden eine andersartige Behandlung: „Sonst gibt es für alle eine Kostenexplosion, die niemandem gut tut“, sagt der NSN-Experte.

Olof Henricsson: „Vor zwei Wochen hatte die Swisscom einen Ausfall im Kommunikationsnetz. Man konnte zwar noch telefonieren, aber nicht mehr surfen. Da wird einem erst einmal bewusst, was alles am Daten-Netz hängt, zum Beispiel die M2M-Kommunikation; so waren die Kartenleser in den Zügen ausgefallen und niemand konnte bezahlen.“ (Archiv: Vogel Business Media)

Das Benchmarking mit Cimix hält nicht die Antwort darauf parat, wie Service gestrickt sein sollen, ob lieber Phantom DSL oder FTTH, ob Geschäftskunden- oder Consumer-Geschäft, ob M2M-Geschäft, ob Skype zulassen oder behindern, ob Cloud- oder Outsourcing. „Unsere Kunden müssen sich fragen: Was ist der Wert eines Netzbetreibers? Für wen wird das Netz gebaut? Und dann: Wie wird das Netz gebaut?“ NSN habe die gesamte Kette im Blick.

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