Internetwirtschaft muss Technologien und Strategien kritisch überprüfen

Netflix-Start: Bedarf nach Übertragungskapazitäten wird steigen

| Autor / Redakteur: Eugen Gebhard / Andreas Donner

Netflix ist in den USA für rund ein Drittel des gesamten Downstreams verantwortlich.
Netflix ist in den USA für rund ein Drittel des gesamten Downstreams verantwortlich. (Bild: Netflix)

Netflix wird, so wie in allen Märkten, die der US-Streaming-Anbieter, bisher betreten hat, nun auch in Deutschland für immensen Traffic sorgen. Dies prophezeit Eugen Gebhard vom Netzwerkspezialisten Ciena. Der Manager fragt sich, inwiefern unsere Netzanbieter und ihre Netze dafür bereit sind.

Netflix, der weltweit größte Anbieter für Video-Streaming, hat sein Angebot in Deutschland gestartet. Das ist mehr als nur die Eröffnung einer weiteren Unterhaltungsseite im Internet. Was in den 1990er Jahren als Versand für Videofilme begann, hat in seiner Heimat, den USA, klassische Kabelnetzbetreiber erheblich unter Druck gesetzt. Mit seinen aktuellen Nutzerzahlen ist Netflix streng genommen der größte Fernsehsender in den USA. Rund um die Uhr streamen seine Kunden Serien und Spielfilme per Internet auf mobile Endgeräte, Set-Top-Boxen und Smart-TV.

Video-on-Demand benötigt hohe Bandbreiten

Das Geschäftsmodell von Netflix benötigt Bandbreite. Und zwar sehr viel davon. Sowohl in den Backbones der Internet Service Provider (ISP) als auch an den Anschlüssen seiner Kunden. Egal auf welchen Markt Netflix seit 2010 auch expandierte (Kanada, Lateinamerika, Großbritannien oder Skandinavien), überall führte dies zu einem weitaus höheren Bedarf nach Übertragungskapazitäten. In den USA ist Netflix nach aktuellen Erhebungen bereits für 35 Prozent des gesamten Downstreams verantwortlich und hat damit sogar nennenswerten Einfluss auf das globale Netz.

Mit Maxdome, Watchever, Amazon Prime etc. bereiten bereits seit einiger Zeit andere Anbieter den deutschen Markt für Video-on-Demand (VoD). Es gibt also eine Vielzahl von sogenannten Over-the-top-Content-Anbietern, im Branchenjargon auch OTT-Provider genannt, die mit nahezu identischen Geschäftsmodellen auf Breitbandanschlüsse und Netzwerkkapazität als „Rohstoff“ für ihre Dienste angewiesen sind – ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, diesen Rohstoff in noch besserer Qualität (höhere Bandbreite) und Quantität (Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen in Deutschland) anzubieten. Denn die technische Entwicklung allein in diesem Bereich wird durch den Wettbewerb zwischen den Unternehmen noch höheren Bedarf an Kapazitäten fordern. Spätestens wenn Netflix Übertragungen im Format Ultra-HDTV im Regelbetrieb anbietet – bisher gibt es nur ausgewählte Inhalte in 4K –, werden Kunden diese Qualität auch abrufen wollen. Amazon hat für seinen Prime-Service ähnliche Überlegungen bereits angekündigt.

ISP müssen zuverlässig Qualität liefern

Die Kunden an den Empfangsgeräten wollen Sendungen rund um die Uhr in der bestmöglichen Qualität abrufen. Für sie ist der Zugang zum Internet nichts anderes als die Stromversorgung. Zuverlässig und verfügbar muss sie sein. Welchen Anstrengungen dahinter stehen, ist dem Konsumenten unwichtig. Der ISP, der die Leistung nicht in der erforderlichen Qualität liefert, muss damit rechnen, gegen einen Mitbewerber ausgetauscht zu werden.

Der Markteintritt von Netflix unterstreicht auf der einen Seite die Notwendigkeit, den Breitbandausbau in Deutschland zu intensivieren. Denn OTT ist nur der Vorbote weiterer Geschäftsmodelle und Technologien, die flächendeckend schnelles Internet erfordern (hier sei die Telemedizin und der Zuwachs des Cloud Computing erwähnt). Hier sind Wirtschaft und Politik gemeinsam gefordert.

Breitbandkonsumenten wie Netflix erfordern aber auch eine intelligente Bewirtschaftung der Netzwerkstrukturen. Genau wie die Stadtwerke in der Lage sind, bei Wind und Wetter die Ballungsräume in gleichbleibender Qualität zu versorgen, müssen die Betreiber der Breitbandnetzwerke ihre Infrastrukturen für plötzlich auftretende Spitzen rüsten. Sie müssen reagieren können, wenn die Mehrheit der Kunden sich spontan und gleichzeitig mit Netflix oder anderen Anbietern verbindet. In der Analogie zur Stromversorgung ist dann das Einschalten aller Lichter gefordert. Andererseits darf ein plötzliches, nicht planbares Anwachsen des Datenverkehrs (etwa verursacht durch die Live-Übertragung eines Sportereignisses) nicht dazu führen, dass Server unter der Last zusammenbrechen.

Eugen Gebhard ist Regional Carrier Sales Director EMEA bei Ciena.
Eugen Gebhard ist Regional Carrier Sales Director EMEA bei Ciena. (Bild: Ciena)

Der Markteintritt eines Global Players wie Netflix bietet der deutschen Internetwirtschaft die Chance, vorhandene Technologien und Strategien kritisch zu überprüfen, um für die Entwicklungen der Zukunft gerüstet zu sein.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 42953848 / Standards & Netze)