Suchen

Fortschritt bei der IPv6-Migration IPv6: Gewinner und Verlierer

Autor / Redakteur: Bernhard Schoon / Peter Schmitz

Das Internet steht vor einer gewaltigen Veränderung: In Kürze soll die Version 6 des Internet Protocol (IPv6) die betagte Version 4 (IPv4) ablösen. Schon jetzt stehen die Gewinner und Verlierer der Migration fest.

Der große Gewinner bei IPv6 ist die Internet-Wirtschaft. Sobald das neue Protokoll breitflächig ausgerollt ist, wird auch das "Internet der Dinge" zur Realität.
Der große Gewinner bei IPv6 ist die Internet-Wirtschaft. Sobald das neue Protokoll breitflächig ausgerollt ist, wird auch das "Internet der Dinge" zur Realität.

Seit dem World IPv6 Launch Day am 8. Juni haben schon mehr als 1.400 Internet-Unternehmen wie Google, Facebook oder Microsoft ihre Web-Präsenzen so umgestellt, dass sie mit beiden IP-Versionen funktionieren. Ansonsten verläuft die Migration eher schleppend: Noch immer werden über 99 Prozent der im Web übertragenen Daten nach dem veralteten Standard IPv4 transportiert.

Dessen größtes Problem: Jedes Gerät, das mit dem Netz verbunden werden soll, muss durch eine IP-Adresse eindeutig identifizierbar und erreichbar sein. Die rechnerisch möglichen 4,3 Milliarden IP-Adressen von IPv4 sind aber so gut wie erschöpft.

Kein Wunder, denn der erste Entwurf des IPv4 stammte aus den 70er Jahren, und 1983, also vor 29 Jahren, wurde das Internet auf diese Version umgestellt. Dessen heutige Dimension und die aktuellen Anforderungen waren noch nicht absehbar, zumal der theoretische Adressraum des IPv4 mit über 4 Milliarden Adressen damals gigantisch erscheinen mochte.

Durch eine Fehlverteilung in der Anfangsphase des Internet wurde dieser Adressraum zudem ungleichmäßig vergeben, wobei vor allem US-Organisation sich reichlich mit Adressen eindeckten. Die Folge: Das Ende des Adress-Pools ist heute schon abzusehen oder in einzelnen Regionen wie Asien bereits erreicht.

Dennoch, so bleibt zu erwarten, wird die Zahl der Internet-Nutzer und der angeschlossenen Endgeräte auch weiterhin zunehmen. Vor allem wird es neben Computern und Smartphones immer mehr andersartige Geräte geben, die sich ans Internet anschließen lassen und eindeutig adressierbar bleiben müssen.

Mit NAT (Network Adress Translation) ließ sich der Adressmangel bislang noch beheben. Damit viele Anwender gleichzeitig auf das Internet zugreifen können, erhalten sie bei der Einwahl eine zufällig freie Adresse. Nur: NAT verhindert einen transparenten Traffic zwischen den Endknoten im Netz. Das interne Routing verwendet private, nach außen nicht sichtbare Adressen, und öffentliche Adressen werden nur nach außen vergeben. IPv6 bringt eine Rückkehr des End-to-End Datenverkehrs mit einheitlichen IP-Adressen.

Darum ist IPv6 besser als IPv4

Der Vergleich der beiden Protokolle zeigt riesige Unterschiede: Der Adressraum von IPv6 besteht aus 128-Bit-Adressen, was rechnerisch 340 Sextillionen unterschiedliche IP-Adressen ergibt, eine Zahl mit 39 Nullen. Die Folge: Alle Geräte könnten eine feste und öffentliche IPv6-Adresse erhalten. NAT wäre nicht mehr nötig, allenfalls noch als Carrier Grade NAT an den Netzgrenze der Provider, wo es während einer Übergangsphase zwischen den beiden IP-Versionen übersetzt.

Der vorhandene Adressraum ließe sogar noch mehr Spielraum zu, denn wie bei IPv4 werden davon nicht alle Adressenbereiche verwendet oder Adressbereiche mit speziellen Funktionen ausgewiesen. Jetzt geht es darum, den Weg in diesen Überfluss zu ebnen, gefragt sind Netzbetreiber, Hardware-Hersteller, Systemhäuser und Anwender.

Bald geht''s los

Zur Zeit existieren zwei Wege zu IPv6, und zwar ein Tunneling ohne nativen IPv6-Zugang oder der gleichzeitige IPv4- und IPv6-Zugang als Dual Stack. Als Standard werden IPv6-fähige Endkundenanschlüsse erst von Forschungsnetzen und mehreren US-Providern realisiert. Aktuell weisen nur wenige Internet-Provider ihren Endkunden neben IPv4- auch IPv6-Adressen zu, angestrebt bis Ende des Jahres ist die flächendeckende und parallele Bereitstellung von IPv4- und IPv6-Adressen für gemeinsame PPP-Sessions.

ISPs wie die Deutsche Telekom oder Kabel Deutschland haben die Umstellung auf IPv6 bereits intensiv vorbereitet, aber noch nicht in aller Konsequenz umgesetzt. Ihre Maxime: Der Teilnehmer soll von der Migration so wenig wie möglich mitbekommen.

Die Deutsche Telekom bietet zur Zeit aber noch keine IPv6-tauglichen Endkundenanschlüsse an, müsste aber bis Jahresende nach eigener Aussage eine IPv6-Connectivity mit Dual-Stack-Anschlüssen bereitstellen. Damit ein IPv6-fähiger Router IPv6 mit der Gegenstelle zusätzlich zu IPv4 aus handelt, erhält der Endteilnehmer vom Provider eine IPv6-Adresse für das WAN-Interface, ein /56 Präfix zur Weiterverteilung an PCs im LAN und einen IPv6 DNS-Server.

Durch doppelte Adress-Zuweisung über Dual Stack werden gemeinsame und getrennte PPP-Session für IPv6 unterstützt. Dazu vergibt der Provider eine IPv4-Adresse und ein IPv6-Präfix. Bei der Telekom sollen dies zunächst Kunden mit einem reinen IP-Anschluss erhalten, nicht aber mit einem T-Net-oder ISDN-Anschluss.

Für die Netzbetreiber könnte sich der Mehraufwand durch die Umstellung auf IPv6 durchaus rechnen, sobald neue Anwendungs-Szenarien wie Machine-to-Machine oder das "Internet der Dinge" neue Umsatzquellen erschließen. Neue Potenziale durch einen Technologiesprung könnten die Netzbetreiber zu den Profiteuren von IPv6 machen.

Gewinner beim Übergang zu IPv6

Der große Gewinner beim Übergang zu IPv6 ist eindeutig die Internet-Wirtschaft: Sobald das neue Protokoll breitflächig ausgerollt ist, locken neue und zusätzliche Geschäftsmodelle. Dann wird auch das "Internet der Dinge" zur Realität, da jeder Gegenstand, in den sich Elektronik einbauen lässt, direkt ans Internet angeschlossen werden kann. Der Phantasie sind bald keine Grenzen mehr gesetzt: Vernetzte Heimgeräte, übers Web ansprechbare Komponenten in Fahrzeugen oder der über GPS-lokalisierbare Golfball.

Die aktuellen Betriebssysteme und Netzkomponenten wie Router oder WLAN-Karten unterstützen bereits das neue Protokoll. Seit Microsoft Vista aktivert Windows standardmäßig bereits IPv6, damit der Umstieg auf die neue Adresstechnik reibungslos klappen, sobald der Zugangsanbieter sie eingerichtet hat. Aber: Einzelne Consumer-Router realisieren IPv6 noch nicht zusammen mit IPv4 über eine PPP-Session.

Zu den Verlierern gehören daher Anwender mit älteren Routern, die lediglich IPv4 unterstützen. Die Folge sind schlechter Datendurchsatz und lange Wartezeiten. Obwohl vor allem die Privatanwender die Migration auf IPv6 nicht bemerken sollten, können sie unter diesen Umständen zu den Verlierern gehören.

Wie lange dauert der Umstieg?

Für die Systemhäuser bedeuten IT-Projekte mit großflächigen IPv6-Rollouts eine willkommene Umsatzquelle, auf die sich rechtzeitig vorbereiten sollten. Aber wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? Der Aufbau von zeitgemäßem Knowhow, der Umgang und Rollouts mit entsprechender Hardware setzen eine Vorlaufzeit voraus, bis Projekte erfolgreich gestemmt werden können.

Nur zu früh sollte dieser Aufwand auch nicht betrieben werden. Die Aktivität der Netzbetreiber zu beobachten und erst die Freischaltung von IPv6-Teilnehmeranschlüssen abzuwarten, könnte eine gängige Strategie sein, um nicht vorzeitig falsch zu investieren,

Datenschützer kritisieren IPv6

Dass jeder Internet-Nutzer eigene eigene IP-Adresse erhält, macht ihn so eindeutig identifizierbar, wie ein Autokennzeichen auf den Halter verweist. Eine Horror-Vorstellung für den Datenschutz, dass jeder eine breite Datenspur im Web hinterlässt, aus der sich Rückschlüsse über das Konsumverhalten oder private Lebensumstände ableiten ließen, vor allem wenn ein Anwender mehrere Endgeräte verwendet, die ihm alle zugeordnet werden können.

Eine gewisse Anonymität verleihen die so genannten Privacy Extensions. -Dabei handelt es sich um zufällig erzeugte Zahlenblöcke, die an eine IPv6-Adresse angehängt werden. Es hängt jedoch von den Internet-Providern und zukünftigen Betriebssystemen, ob Privacy Extensions aktiviert werden können. Nutzer des Smartphone-Betriebsssystems Android und Microsoft Windows müssen diese Sicherheits-Funktion manuell aktivieren.

Eine lange Migration

Zunächst aber geht es jetzt um den Abschied vom überholten Standard IPv4, was mehrere Jahre dauern kann, bis keine alten Endgeräte mehr genutzt werden. Denn das größte Hindernis für die IPv6-Einführung ist die Tatsache, dass IPv4 nicht einfach sofort abgeschaltet werden kann.

Erst Mitte August wird das RIPE NCC, zuständig für die Vergabe von IP-Adressbereichen in Europa, die letzten IPv4-Adressen vergeben. Geduld ist also gefragt, bis auch die letzten IPv4-Geräte außer Betrieb genommen werden, was erfahrungsgemäß erst in einem Zeitraum von zehn Jahren zu erwarten ist.

Ganz so lange wird es nicht dauern, bis die Gewinner und Verlierer im IPv6-Umfeld feststehen. Zu den Gewinnern zählt, wer das Potenzial von IPv6 aufgreift und es sich rechtzeitig zu Nutze macht. Dazu gehören die Internet-Wirtschaft mit neuen Geschäftsmodellen, die Netzbetreiber sowie die Systemhäuser, falls sie den richtigen Zeitpunkt zum Rollout großflächiger IPv6-Landschaften treffen.

Auch die Verlierer stehen bereits fest: Private Anwender und Unternehmens-Admins, die zu lange an Bestehendem festhalten und urplötzlich mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Aber das wäre nichts wirklich Neues in der IT-Branche.

(ID:34904420)