Digitale Agenda: Regierungen müssen tragende Rolle übernehmen

Europa benötigt ein „Next Generation Access“-Netzwerk

| Autor / Redakteur: Nadia Babaali / Andreas Donner

Nadia Babaali vom FTTH Council Europe fordert die Regierungen auf, ihrer Rolle bei der Erfüllung der Digital Agenda gerecht zu werden.
Nadia Babaali vom FTTH Council Europe fordert die Regierungen auf, ihrer Rolle bei der Erfüllung der Digital Agenda gerecht zu werden.

Die Europäische Kommission schätzt, dass mit jeder zehnprozentigen Erhöhung der Breitbanddurchdringung ein Wirtschaftswachstum zwischen einem und 1,5 Prozent induziert wird. Deshalb sollten die EU-Staaten die Digitale Agenda der Europäischen Kommission dringend umsetzen.

Mitte des 19. Jahrhunderts war die französische Stadt Alençon ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen Paris und dem Westen Frankreichs, etwa so groß wie sein regionaler Rivale Le Mans. Dann kam die Eisenbahn. Oder besser: Die Eisenbahn kam nicht nach Alençon. Die Eisenbahnverbindung zwischen Paris und dem Westen lief durch Le Mans. Alençon blieb außen vor und versank in einer Periode wirtschaftlicher Stagnation - Le Mans dagegen boomte.

Heute ist es die Ultra-High-Speed-Breitband-Infrastruktur, die zu einem bestimmenden Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg von Städten und Regionen wird. Die Europäische Kommission schätzt zum Beispiel, dass pro zehn Prozent Erhöhung der Breitbanddurchdringung ein Wirtschaftswachstum zwischen einem und 1,5 Prozent induziert wird. Um dieses Wachstum anzukurbeln, sollen die EU Mitgliedstaaten nun die Digitale Agenda der Europäischen Kommission umsetzen. Dabei handelt es sich um ein facettenreiches Projekt, das einen einzigen europäischen Markt für digitale Services schaffen soll.

„Next Generation Access“-Netzwerk bis 2020

Kernstück der Digitalen Agenda ist ein Breitband-Infrastruktur-Projekt, das die Services technisch möglich machen und so die wirtschaftliche Entwicklung Europas vorantreiben soll. Die Europäische Kommission prognostiziert, dass Europa, wenn es mit anderen Regionen der Welt konkurrieren will, bis 2020 ein „Next Generation Access“-Netzwerk benötigt. Dieses soll sicherstellen, dass 50 Prozent der europäischen Haushalte über Internetzugänge mit einer Bandbreite von 100 MBit/s verfügen und dass jeder Haushalt zumindest auf eine Download-Geschwindigkeit von 30 MBit/s zurückgreifen kann. Bislang haben 21 Mitgliedstaaten quantitative Abdeckungsziele für Next Generation Access definiert. Die Ziele bei der Download-Bandbreite schwanken dabei von 25 MBit/s bis zu 1 GBit/s. Bei der Abdeckungsrate hat man sich zwischen 75 und 100 Prozent der Haushalte oder Einwohner vorgenommen.

Europa bei FTTH im Hintertreffen

Diese hehren Ziele münden allerdings noch nicht in einen flächendeckenden Aufbau der dringend nötigen Ultra-High-Speed-Breitband-Netzwerke und einen entsprechenden Anstieg bei der Nutzung von FTTH (Fibre to the Home). Daher ist Europa gegenüber anderen Regionen im Hintertreffen. Ende 2011 gab es nach IDATE-Angaben in der Europäischen Union 4,5 Mio. Nutzer von FTTH oder FTTB (Fiber to the Building) - gegenüber 54,3 Mio. FTTH/B-Nutzern im Asien-Pazifik-Raum und 9,7 Mio. in Nordamerika. Und in den größeren Volkswirtschaften Deutschland, Großbritannien und Spanien lag die FTTH-Durchdringung in diesem Zeitraum immer noch bei unter einem Prozent aller Haushalte.

Um die Digitale Agenda Realität werden zu lassen, werden die Regierungen wohl mehr Aktivität an den Tag legen müssen: Es gilt, Gesetze und Subventionen auf den Weg zu bringen, damit bis zur Deadline 2020 ausreichend Next-Generation-Access-Netze aufgebaut werden. Dann profitieren alle von vereinfachten Gesetzen und von einer neuen Infrastruktur, die den grenzüberschreitenden Handel erleichtern und Wirtschaftswachstum fördern wird.

Eine der wichtigsten treibenden Kräfte der Digitalen Agenda ist, in Ländern, in denen es wenig bis gar keine Anreize für kommerzielle Netzbetreiber gibt, bestimmte Gegenden mit einer High-Speed-Infrastruktur auszustatten. Auch hier besteht noch Handlungsbedarf. Eine Möglichkeit für die Regierungen besteht in der Entwicklung von Public-Private Partnerships auf nationaler oder lokaler Ebene. Diese würden den Aufbau von High-Speed-Netzwerken erleichtern und letztlich mehr Service und mehr Vorteile für den Steuerzahler bieten.

Effiziente Public Services mit FTTH

Eine Studie der OECD fand heraus, dass die aus dem Einsatz von Next Generation Access resultierenden Kosteneinsparungen in nur vier Wirtschaftszweigen – Transport, Gesundheit, Stromversorgung und Ausbildung – bereits den Aufbau eines nationalen FTTH-Netzwerks rechtfertigen würden. Denn Regierungen, die auf FTTH-Netzwerke setzen, können wichtige Public Services effizienter anbieten. Ein Online-Gesundheits-Service bietet zum Beispiel die Möglichkeit von Arztbesuchen per Internetvideo in ländlichen Gebieten oder für Personen, die keine Klinik aufsuchen können. Bürger mit Ultra-High-Speed-Netzwerkzugang in den Privathaushalten können auch leichter per Teleworking arbeiten. Die Unternehmen profitieren davon durch Kosteneinsparungen und mehr Flexibilität für die Mitarbeiter. Und dieses Mehr an Flexibilität kann wiederum dazu beitragen, wirtschaftsschwachen ländlichen Gebieten ökonomisch neues Leben einzuhauchen.

Kosten vs. ökonomische Zukunft

Bislang beschreibt die Europäische Kommission die Fortschritte der Regierungen bei der Umsetzung der Digitalen Agenda als „moderat“. Viele Faktoren bremsen den Elan der Regierungen, nicht zuletzt die Kosten. Die Hälfte aller europäischen Haushalte mit einer Zugangsbandbreite von 100 MBit/s auszustatten, würde zwischen 181 und 268 Mrd. Euro kosten. Dies besagen die Digital-Agenda-Schätzungen. Erste Ergebnisse eines Modells, das gerade vom FTTH Council Europe entwickelt wird, zeigen allerdings, dass man bei der Umsetzung der Digitalen Agenda mit FTTH hinsichtlich der Kosten auf der niedrigen Seite bleiben würde. Demnach wären insgesamt Investitionen in Höhe von 192 Mrd. Euro erforderlich. Dabei gibt es auch noch große Einsparpotenziale, zum Beispiel bei der Wieder- oder Mehrfachnutzung bestehender Infrastrukturen. Solche kostensenkenden Maßnahmen zu koordinieren, muss für die Regierungen und Regulierungsbehörden vorrangiges Ziel sein.

Es gibt aber auch ermutigende Signale. Private und kommunale Organisationen übernehmen mehr und mehr Initiativen, sodass die Regierungen die Last nicht alleine stemmen müssen. Es werden also auch Wholesale- und Retail-Netze helfen, die innovativen Services der Zukunft verfügbar zu machen.

In Europa haben eine Reihe von Städten bereits die Bedeutung schneller FTTH-Netzwerke erkannt: Diese sichern ihre ökonomische Zukunft und haben Privatinvestitionen angelockt. In München zum Beispiel investiert der Versorger SWM in Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber M-net 250 Mio. Euro in FTTH-Netzwerke. Man erwartet, dass 350.000 Wohnungen bis 2013 angeschlossen sein werden. Das entspricht der Hälfte der Haushalte in der Landeshauptstadt. In Stockholm gründete die Kommunalverwaltung eine Gesellschaft, die beinahe vollständig von kommerziellen Firmen finanziert wird. Sie wird ein Wholesale-FTTH-Netzwerk aufbauen und die Glasfaserleitungen dann an private Service-Provider vermieten.

In den Niederlanden haben sich private Investoren mit dem Telekommunikationsanbieter KPN zusammengeschlossen, mit dem Ziel, in den nächsten fünf bei zehn Jahren FTTH für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung anzubieten. Eine Mio. Haushalte deckt das Programm bereits ab; 40 Prozent davon haben schon einen Vertrag unterschrieben. In Großbritannien will Cityfibre FTTH mit einer Bandbreite von mindestens 100 MBit/s für eine Mio. Haushalte und 50.000 Firmen in kleineren Städten anbieten.

Regierungen müssen Rahmen schaffen

Um allerdings ein strategisches nationales Rahmenwerk sicherzustellen, ist es nun an den Regierungen Europas, ihre tragende Rolle bei der Koordination aller Interessengruppen zu übernehmen, auch bei regionalen und lokalen Autoritäten, bei Privatinvestoren wie bei den Regulierungsbehörden. Portugal zum Beispiel investiert Mittel aus dem European Economic Recovery Plan, um 140 ländliche Gemeinden mit Next-Generation-Access-Netzen auszustatten. Bieter für das Programm müssen allerdings mindestens 50 Prozent der Bevölkerung einer Region mit einer Bandbreite von 40 MBit/s oder mehr anschließen. Das Land stellt auch einen Rahmenkredit von 800 Mio. Euro für Next-Generation-Access-Investoren bereit. In Frankreich wurde eine Regelung erlassen, die die Zusammenarbeit der Betreiber beim FTTH-Roll-out erleichtert. Ziel ist eine Breitbandabdeckung von 70 Prozent der Bevölkerung bis 2020 – und 100 Prozent bis 2025. Ende 2011 prognostizierten die französischen Regulierungsbehörden für den Telekommunikationsbereich, dass die Hälfte der geschätzten 19 Mrd. Euro an Kosten für ein nationales Ultra-High-Speed-Netz bereits aus privaten Investitionen kommen werde.

Die Perspektive für die Regierungen und ihre Partner ist klar. Neue öffentliche und private Services werden entwickelt und verlangen nach höheren Kapazitäten. Dabei sollte einer zukunftssicheren Infrastruktur der Vorzug gegeben werden, die auch Änderungen und Wachstum in der Breitbandnutzung verkraftet. Anders als FTTC (Fibre to the Cabinet) ist FTTH nicht durch die Kupferleitungen für die letzte Meile zum Kunden beschränkt. FTTH bietet eine schnelle Glasfaserverbindung – direkt zum Gebäude.

Ultra-High-Speed-Verbindungen mit Breitband-FTTH-Netzwerken werden bei der Wahrung von Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit in Europa eine Schlüsselrolle spielen. Ihr Potenzial bei der Umformung der lokalen und nationalen Wirtschaft können diese Netze aber nur ausschöpfen, wenn Sie weitverbreitet sind. Angesichts des großen Maßstabs eines solchen Infrastrukturprojekts sind Regierungen und Entscheidungsträger gefragt. Sie müssen private und öffentliche Investitionen koordinieren – damit die neuen Netze schnell und kostengünstig Realität werden.

Unglücklicherweise schrecken viele Regierungen immer noch davor zurück, die Sache anzupacken und eine zukunftssichere Next-Generation-Access-Infrastruktur aufzubauen. Einige glauben tatsächlich noch, es sei nicht nötig, sich bei der Digitalen Agenda Ziele zu setzen. Aber die Geschichte zeigt es nur allzu deutlich: Eine ökonomische Transformation ist abhängig von der Infrastruktur. Wenn Europa nicht ernsthaft damit anfängt, die Breitbandinfrastruktur von morgen aufzubauen, dann könnte es dasselbe Schicksal erleiden wie Alençon im 19. Jahrhundert.

Dann würde auch das Wachstum, das Europa gerade jetzt so dringend braucht, in weite Ferne rücken.

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