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FTTH Council Europe: TK-Märkte müssen sich signifikant ändern Europa benötigt Breitbandnetze – jetzt!

Autor / Redakteur: Karin Ahl / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Die EU kann als starker Global Player im Telekommunikations- und Breitband-Services-Markt aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen – doch nur dann, wenn der Breitbandzugang „Glasfaser bis zum Haushalt (Fibre to the Home)“ auch in Europa vorangetrieben wird.

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Für Karin Ahl, President of the Board beim FTTH Council Europe, sind Glasfasernetzwerke ein Garant für positive Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.
Für Karin Ahl, President of the Board beim FTTH Council Europe, sind Glasfasernetzwerke ein Garant für positive Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.
(Bild: FTTH Council Europe)

Das FTTH Council Europe ist sich darüber im Klaren, dass wir hier noch einen langen und schwierigen Weg vor uns haben. Ein Beispiel aus Niederösterreich mag dies verdeutlichen. Die Regierung von Österreichs größtem Bundesland, das immerhin mehr als 1,6 Mio. Einwohner zählt, schickte den Gemeinden auf dem Land vor Kurzem einen Brief. Darin wurden die die Kommunen darüber informiert, dass ihr Breitbandnetz nun mit der „neuesten drahtlosen Technik“ aufgerüstet werde, die Downloads mit „bis zu 8 MBit/s“ ermögliche. Das bedeutet im Klartext: Fünf Mio. Euro an Steuergeldern werden in eine Technologie investiert, die bereits das unterste Ziel der Digitalen Agenda für Europa verfehlt.

Dies ist geradezu ein Kardinalbeispiel dafür, wie Entscheidungsträger in der Europäischen Union mit den Themen ITK und Breitband umgehen. Seit die Europäische Kommission 2010 die Digital Agenda veröffentlichte, werden Stimmen laut, die Breitbandziele (100 MBit/s von 50 Prozent der Haushalte genutzt sowie 30 MBit/s für alle bis 2020) seien ziemlich hoch gesteckt. Betrachtet man allerdings die Pläne und Ambitionen starker Volkswirtschaften außerhalb Europas, erscheinen unsere Ziele doch eher mittelmäßig bis schwach.

Nach zwei Jahren sich immer weiter verschärfender Krisen stellen Regierungen und Entscheidungsträger in Europa die Ziele der Digital Agenda in Frage. Anstatt die Herausforderung anzunehmen und Europa in eine wettbewerbsfähige Zukunft zu führen, wollen sie einfach die Ziele herabsetzen und somit den Ausbau von Glasfasernetzen bremsen. Dabei werden immer wieder dieselben Argumente angeführt:

  • Es gibt auf dem Markt keinen Beweis für einen höheren Bandbreitenbedarf,
  • die schnellen Netzwerke sind nicht finanzierbar und
  • Europa hat drängendere Probleme als den Breitbandausbau.

Es ist deshalb an der Zeit, diese Argumente einem Realitäts-Check zu unterziehen.

Kein Bedarf an höheren Bandbreiten?

Viele größere Netzbetreiber geben zu: Fibre to the Home ist die ultimative Lösung. Doch sie behaupten, es gäbe keinen Beweis für eine Breitbandnachfrage. Das FTTH Council Europe hat die Kundenakzeptanz und Kundenanzahl bei Glasfasernetzen untersucht, die schon seit einigen Jahren in Betrieb sind. Das Ergebnis: Der Kunde entscheidet sich durchaus für High-Speed-Zugänge per Glasfaser, der Umstieg ist nur eine Frage der Zeit. Und Konsumenten, die einmal die Vorteile hoher Bandbreite und Servicequalität erlebt haben, bleiben diesem Angebot treu. Gleichwohl misstrauen viele europäische Kunden zunächst einmal den Werbeversprechen bezüglich höherer Bandbreiten. Denn Studien zeigen, dass zwischen den „Bis-zu“-Versprechungen und der tatsächlich bereitgestellten Bandbreite oft große Lücken klaffen.

Angesichts von Prognosen wie „100 MBit/s wird in den nächsten zehn Jahren niemand benötigen“ sollte man bedenken: Noch vor 100 Jahren behaupteten Regierungen, es gäbe keinerlei Anzeichen dafür, dass je mehr Automobile verkauft werden würden und man deswegen mehr Straßen benötige. Noch 1958 war Tom Watson, CEO von IBM, der Ansicht, es gäbe „auf der Welt einen Markt für etwa fünf Computer“. Und noch 1981 behauptete Bill Gates: „Kein Personal Computer wird je mehr als 640 KB Arbeitsspeicher benötigen“.

Noch vor zehn Jahren wussten die Verbraucher nichts von HDTV on Demand, nichts von Großbildfernsehern mit LCD-Technik, nichts von Tablets, Smartphones, Onlinebusiness und digitalen Spiegelreflexkameras. Doch bereits zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft werden die ersten „4-K-Geräte“ im Handel sein – mit einer viermal so hohen Auflösung wie HDTV. Europas Konsumenten werden schon bald Services verlangen, wie sie in anderen Teilen der Welt bereits in großem Umfang verfügbar sind. Aber die Netzbetreiber werden sie nicht liefern können.

Schnelle Netzwerke sind nicht finanzierbar?

Ernstzunehmende – wenngleich lösbare – Probleme sind ohne Zweifel die erforderlichen hohen Investitionen und die Lücken bei der Finanzierung von Infrastrukturprojekten. Zu diesem Thema hat das FTTH Council verschiedene Studien durchgeführt und ein spezielles Projekt „Financing of Fibre Networks“ ins Leben gerufen, um die Kapitalbeschaffung zu fördern.

Viele Kostenstudien betrachten die europäische oder nationale Ebene und kommen zu horrenden Zahlen. Doch das zugrunde liegende Modell wird nicht veröffentlicht, deshalb bleibt eine Überprüfung unmöglich. Das FTTH Council Europe hat daher sein eigenes Kostenermittlungsprojekt aufgelegt. Anstatt auf der reinen Extrapolation vager Kostenschätzungen basiert unser Modell auf Bottom-up-Kalkulationen bestehender Glasfaserprojekte und auf echten geografischen Daten.

Das überraschende Ergebnis: Die erforderlichen Investitionen in eine Glasfaservernetzung aller europäischen Haushalte sind weniger als halb so hoch, wie viele Schätzungen glauben machen wollen. Breitband für alle kostet „nur“ etwas mehr als 200 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Allein in Deutschland wurden in den letzten zehn Jahren mehr als 80 Mrd. Euro für Telekommunikationsinfrastruktur ausgegeben.

In den vergangenen 18 Monaten haben Pensionsfonds, Institutionelle und private Anleger wie auch Investmentbanken damit begonnen, die Potenziale auszuloten und Investitionen zu tätigen. Ein spezieller „Investors Day“ auf der FTTH Conference 2013 im Februar in London wird Investoren und Projektentwickler noch näher zusammenbringen.

Zudem sieht die „Connected Europe Facility“ im Budget 2014 bis 2016 9,2 Mrd. Euro für Informations- und Telekommunikationstechnologie und davon sieben Mrd. Euro für den Breitbandausbau vor. Innovative Finanzierungs-Tools und Private Public Partnerships werden auf der Basis dieses Budgets eine Hebelwirkung für weit höhere Investitionen entfalten.

Drängendere Probleme als den Breitbandausbau?

Obwohl 9,2 Mrd. Euro angesichts des Gesamtbudgets der Europäischen Union von mehr als einer Bio. Euro nicht gerade viel sind, steht die Connected Europe Facility unter schwerem Beschuss. Entscheidungsträger in verschiedenen Ländern stellen auch noch die kleinste Etatplanung für den Breitbandausbau in Frage. Sie investieren lieber in Straßen, Eisenbahnen oder Flughäfen, obwohl für diesen Bereich ohnehin schon viermal so viel Geld vorgesehen ist wie für den Breitbandausbau. Und diese Connected Europe Facility könnte durchaus in den nächsten Monaten noch substanziell zusammengestrichen werden. Was die Entscheider in Europa wie auch die ökonomischen Studien zum Thema Breitband gern zu erwähnen vergessen: Wir befinden uns in einem permanenten, weltweiten Wettbewerb, und wer dort die Nase vorn haben will, der benötigt ausreichend Bandbreite. Schon heute haben die meisten der wichtigsten Marken im Bereich ITK und Breitbandapplikationen ihren Sitz außerhalb Europas.

Das FTTH Council Europe setzt sich vehement für die Ziele der Digitalen Agenda ein. Dabei ist klar, dass nur Fibre to the Home in der Lage ist, die erforderlichen Upload- und Downloadgeschwindigkeiten bereitzustellen. Nur FTTH ermöglicht die geforderte Servicequalität, jetzt und in Zukunft. FTTH-basierende Anwendungen und Dienste im Gesundheitswesen, bei Telearbeitsplätzen und im Home Entertainment können sicherstellen, dass Europa seine globale ökonomische Führungsposition hält. Die Ziele der Digitalen Agenda aufzuweichen bedeutet, die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas zu gefährden.

Nach Angaben von Arthur D. Little führt eine Erhöhung der Glasfaserdurchdringung um zehn Prozent bereits zu einer Erhöhung des BIP um ein Prozent. Auf je 1.000 neue Endkunden entfallen 80 neue Arbeitsplätze. Obwohl sie nur die direkten Auswirkungen der Breitbandverfügbarkeit betrachten, kommen Studien der OECD, der European Investment Bank und anderen zu dem Ergebnis, dass zukunftssichere Glasfasernetze positive Auswirkungen auf Produktivität und Wachstum haben. Sie können den Weg aus der Krise weisen und Europa für die Welt nach 2020 fit machen.

Auswege

Die Schlussfolgerung ist einfach: Europa muss die zukunftsweisenden Glasfasernetzwerke einführen – so schnell wie möglich. Sie sind ein Garant für positive Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Aber um dieses Ziel zu erreichen, sind signifikante Änderungen in Europas Telekommunikationsmärkten erforderlich – Änderungen, die in den Märkten wie in der Öffentlichkeit möglicherweise nicht sofort Unterstützung finden, aber auf lange Sicht Europa zum Erfolg führen. Dabei werden vielleicht sogar einige der Big Player verschwinden. Sie zu unterstützen, könnte aber die gesamte Europäische Union gefährden.

Was die EU benötigt, sind konsequente Führung und Entscheidungsträger, die die langfristigen Auswirkungen von Breitbandvernetzung und ITK verstehen. Wenn sie heute die richtigen Entscheidungen fällen, dann geben sie Europa die Infrastruktur für den globalen Wettbewerb bis 2020 und darüber hinaus.

Im kommenden Jahr wird es übrigens in Niederösterreich Wahlen geben. Die Landesregierung rechnet dann wohl mit den Stimmen derer, die heute noch mit einer Bandbreite von unter 8 MBit/s auskommen müssen. Ob die Rechnung aufgeht, bleibt allerdings fraglich. Denn viele Wähler werden genauer nachrechnen. Sie werden die geplante „Aufrüstung“ des gegenwärtigen „Bis-zu-6-MBit/s“-Standards nicht als ausreichend erachten. Fünf Mio. Euro öffentlicher Gelder hätte man doch effizienter einsetzen können, werden viele vorrechnen.

Wir müssen zusammenarbeiten. Wir müssen den europäischen Entscheidungsträgern klarmachen, wie wichtig die Informations- und Kommunikationstechnologie ist. Unser Ziel muss eine zukunftssichere Vernetzung auf Glasfaserbasis sein – für so viele europäische Haushalte wie möglich. Damit bringen wir Europa ein gutes Stück weiter – in eine erfolgreiche Zukunft.

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