Strategische Platzierung von Workloads

Die Rückführungsfalle aus der öffentlichen Cloud

| Autor / Redakteur: Sean O’Donnell / Florian Karlstetter

Workloads auslagern oder besser nicht? Cloud-Migration und die Rückführung aus der Cloud - Themen, die gut überlegt sein wollen.
Workloads auslagern oder besser nicht? Cloud-Migration und die Rückführung aus der Cloud - Themen, die gut überlegt sein wollen. (Bild: gemeinfrei (geralt / pixabay) / CC0)

Der Hype zur Auslagerung von Geschäftsanwendungen in die öffentliche Cloud zieht einen neuen Trend nach sich – die Rückführung aus der Cloud. Dies zeigt, dass Unternehmen sich vor der Migration gut überlegen müssen, welche Workloads für die Cloud geeignet sind und dass Einheitslösungen keine gute Wahl darstellen.

Sean O’Donnell, Managing Director EMEA bei Virtual Instruments, erläutert die Details und die Erkenntnisse der Kunden zu diesem Trend, die Ursachen sowie die Möglichkeiten, wie sich eine intelligente Cloud-Migration ohne eine später erforderliche Rückführung aus der Cloud bewerkstelligen lässt.

Unternehmen müssen agil bleiben, um sich auf die verändernden Bedingungen proaktiv einstellen zu können und Compliance-Anforderungen wie der DSGVO und dem kontinuierlichen Bedarf am Ausbau der Infrastruktur gerecht zu werden. Deshalb suchen sie zu Recht nach Wegen, um ihre Rechenzentrumsumgebung zu optimieren und gleichzeitig ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Leistung, Verfügbarkeit und Kosten zu finden.

Die öffentliche Cloud hat den Ruf, kostengünstig, flexibel und skalierbar zu sein und stellt daher eine verlockende Option für IT-Teams dar, die mit der Komplexität des Infrastrukturmanagements kämpfen. Viele haben diese Entscheidung enthusiastisch begrüßt und ihre geschäftskritischen Anwendungen, Workloads und Prozesse willkürlich in die Cloud ausgelagert. Doch schon kurze Zeit später zeigten sich die ersten negativen Auswirkungen und die Erkenntnis, dass Einheitslösungen Unternehmen, deren Komplexität, Kosten und Risiken sich im täglichen Betrieb durch Anforderungen im Millisekundenbereich bewegen, nicht gerecht werden.

Infolgedessen entscheiden sich viele Unternehmen dafür, ihre Anwendungen wieder aus der öffentlichen Cloud in On-Premises-Infrastrukturen oder in eine private Cloud zurückzuführen. Eine ESG-Studie ergab, dass 57 Prozent der Unternehmen mindestens ein Workload aus der Cloud oder von einem SaaS-Anbieter (Software-as-a-Service) in die lokale Infrastruktur zurückgeführt haben. Dieser Trend basiert auf einer Relativierung und Korrektur der kühnen Behauptungen und falschen Erwartungen an die Cloud. Doch die langsame Erkenntnis, dass das Motto „Cloud First“ nicht für alle geeignet ist (und niemals war), führt zu kostspieligen und nervenaufreibenden Korrekturen.

Ein alarmierendes sowie schmerzliches Beispiel für die tatsächlichen Kosten eines solchen Fehlschlags war die TSB IT-Krise vom 22. April 2018. Die Bank übertrug ihre Kundendaten ein paar Tage zuvor von einem alten IT-System in eine neue Plattform, die jedoch nicht mit dem Traffic mithalten konnte, nachdem sie live ging. Dies führte zu ernsten Problemen, da die Bankkunden nicht auf ihre Online-Konten zugreifen konnten. Zudem gab es eine Reihe von Pannen und Datenlecks, die über die sozialen Netzwerke verbreitet wurden. In diesem Fall lassen sich die Kosten nicht allein in der Ausfallzeit der Banktransaktionen der Kunden messen, auch die verheerenden Auswirkungen auf die Kundenbindung müssen hierbei berücksichtigt werden.

Blindes Vertrauen in die Cloud

Das Konzept von Einheitslösungen für jedermann war schon immer in jeder Branche ein attraktives Wertversprechen. Doch die damit einhergehenden Aussagen bezüglich Lösungsansätze, Qualität und Zuverlässigkeit haben sich niemals bewahrheitet. Die öffentliche Cloud kann ohne Zweifel eine intelligente und wirtschaftliche Entscheidung für Unternehmen sein, deren Profite, Umsätze, Agilität und Innovation nicht in hohem Maße davon abhängen, dass ständig Veränderungen und hohe Komplexitäten zu bewältigen sind. Doch die Cloud war niemals als eine Einheitslösung vorgesehen.

Einer der Gründe, weshalb viele Unternehmen alles überstürzt in die Cloud verlagert haben, liegt wahrscheinlich auch in der Botschaft der Cloud-Anbieter begründet, die behaupteten, dass die Cloud für jedermann geeignet sei. Doch diese Botschaft und dieses Werteversprechen sollten sich eher auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) beziehen. Sobald ein Großunternehmen diese Denkweise für seine digitalen Geschäftsabläufe übernimmt, begibt es sich leider auf einen sehr steinigen Weg.

Irgendwann verpuffen die Versprechen der Cloud nach Skaleneffekten, unendlich skalierbarem „Infrastructure-as-a-Service“ (IaaS), IT-Ressourcen und zukunftssicheren Lösungen. Diese Erkenntnis ist schockierend, traurig und teuer, da Aufträge und Mandate zurückgezogen werden und die Suche nach Lösungen von vorn beginnt. Sobald das SLA unter das vereinbarte Niveau fällt, stellt dies einen Grund für eine Vertragsverletzung dar, und der Endnutzer hat das Recht, den Cloud-Anbieter für Verluste auf Schadenersatz zu verklagen. Was lernen Führungskräfte aus diesen Rückschlägen und negativen Erfahrungen? – Man sollte niemals blindlings Trends folgen und der Cloud blind vertrauen.

Was wird wieder an den Standort zurückgeführt?

Weitere Untersuchungen des Trends und Gespräche mit Unternehmenskunden zeigen, dass vor allem umsatz- und betriebskritische Anwendungen und Prozesse des IT-Bestands zurückgeführt werden. Es handelt sich um die unternehmenskritischen Anwendungen und Daten, die ständigen Veränderungen unterliegen, die komplex sind und deren Risiken minimiert werden müssen. Das Fazit: Einige Anwendungen eigen sich tatsächlich für die öffentliche Cloud, während der „Familienschmuck“ selten, wenn überhaupt, ausgelagert werden sollte.

Hauptfaktoren für die Rückführung aus der Cloud

Aus Integritätsgründen ist es sinnvoll, keine sensiblen Daten in der öffentlichen Cloud zu speichern. Davon abgesehen spielt auch die Leistung eine wichtige Rolle bei der Rückführung. Ohne ein leistungsbasiertes SLA gibt es keine Möglichkeit, eine drohende Verlangsamung oder, schlimmer noch, einen Ausfall einer leistungsschwachen Cloud-basierten Anwendung zu überwachen oder zu erkennen. Dies kann katastrophale Auswirkungen auf den reibungslosen Betrieb der Infrastruktur und schlussendlich auf das Unternehmen selbst nach sich ziehen: Die Transaktionen der Kunden und die Fähigkeit der Mitarbeiter, ihre täglichen Aufgaben ordnungsgemäß zu erledigen, werden kompromittiert, ganz zu schweigen von den negativen Auswirkungen auf den Ruf der Marke.

Es ist wichtig, daran zu denken, dass es sich bei der öffentlichen Cloud auch nur um ein weiteres Rechenzentrum handelt, das für dieselben Probleme anfällig ist wie On-Premises- oder private Cloud-Infrastrukturen. Der Unterschied besteht darin, dass letztgenannte Optionen in Echtzeit mit proaktiven Warnungen überwacht werden können, damit Probleme vermieden werden, bevor ein Notfall eintritt.

Obwohl die öffentliche Cloud ein gewisses Maß an Infrastrukturüberwachung bietet, heben die meisten Tools zur Überwachung der Anwendungsleistung die Anwendungsgeschwindigkeit isoliert hervor, ohne die Auswirkungen auf die gesamte Infrastruktur zu betrachten. SLAs konzentrieren sich in der Regel auf die Verfügbarkeit und nicht auf die Reaktionszeit. Im heutigen On-Premises-Rechenzentrum konzentrieren sich domänenspezifische Tools auf die Leistung einer einzelnen Komponente ohne Einblick in die Grundursache eines Problems. Doch dieser Ansatz ist für heutige Unternehmensanforderungen einfach nicht mehr ausreichend.

Ergänzendes zum Thema
 
Vier Tipps für Unternehmen, die sich für die öffentliche Cloud interessieren

Verhindern der Rückführungsfalle: Intelligente Migration ohne Risiko

Vor einer Rechenzentrumsmigration oder -Konsolidierung sollten Sie sich unbedingt folgende Fragen stellen: „Sollten Workloads vor Ort bleiben? Sollten wir zu einem Cloud-Hosting-Anbieter wechseln? Oder sollten wir eine öffentliche Cloud nutzen?“ Die Antworten auf diese Fragen zu Workloads und Bereitstellungen sollten immer mit einem soliden Verständnis der Workloadanforderungen beginnen, um festzustellen, ob geschäftskritische Anwendungen in der Cloud erwartungsgemäß funktionieren werden. Es gibt drei grundlegende Kriterien für die Entscheidung, welche Workloads wann und zu welcher Zeit bereitgestellt werden: Sicherheit, Leistungsanforderungen und Kosten.

Der Schlüssel zur Vermeidung von Rückführungen liegt darin, dass IT-Teams vor der Migration die Leistungsanforderungen der Workloads verstehen müssen. Um präzise und sichere Entscheidungen treffen zu können, ist ein anwendungsbasiertes Infrastructure Performance Management (IPM) erforderlich, das eine Cloud-Migrationsbewertungsfunktion umfasst. Dieser Ansatz liefert wichtige Informationen zu Workload-Profiling, zu Abhängigkeiten zwischen den Anwendungen und zur Performance-Analyse und vereinfacht somit den Entscheidungsprozess und spart Zeit bei der Migration der zahlreichen unterschiedlichen Workloads, die in globalen Unternehmen zu finden sind.

Mithilfe von simulierten Anwendungen, die auf Ihren Workloadprofilen basieren, kann die Workload-Performance in der Cloud vor der eigentlichen Migration validiert werden. IT-Organisationen sind anschließend in der Lage zu bestimmen, ob migrierte Workloads tatsächlich eine angemessene Leistung erbringen und können die erforderlichen Schritte einleiten, wenn dies nicht der Fall sein sollte. Simulationen liefern auch wichtige Erkenntnisse darüber, wie die einzelnen Komponenten in der Infrastruktur- und Anwendungsebene miteinander agieren und welche Anwendungen zu einem bestimmten Zeitpunkt stark beansprucht werden. Dadurch lassen sich Dominoeffekte oder Leistungsabfälle entdecken und verwalten, bevor sie Probleme verursachen.

Indem Unternehmen diesen entscheidenden Schritt bei ihrer Cloud-Migrationsstrategie beachten, können sie bestimmen, ob eine Cloud-Migration für jede ihrer installierten Anwendungen sinnvoll ist und welches Cloud-Angebot am kosteneffektivsten ist. Dadurch lassen sich auch intelligente und aufschlussreiche Entscheidungen darüber treffen, was in die Cloud ausgelagert werden soll – egal, ob in eine öffentliche oder private Cloud bzw. On-Premise-Infrastruktur. Auf diese Weise sind Unternehmen in der Lage, Leistungsprobleme durch eine Bereitstellung in die Cloud zu prognostizieren, bevor die endgültige Entscheidung getroffen wird. Dadurch lassen sich böse Überraschungen und unerwartete Leistungseinbußen oder versteckte Kosten vermeiden.

Der Rückführungsfalle entgehen: Warum ein Verständnis des Workload-Verhaltens so wichtig ist

Cloud-Anbieter müssen ihre Aussagen relativieren und mit führenden Lösungsanbietern zusammenarbeiten, um ihre Behauptungen zu validieren und ihr Produkt- und Serviceangebot so anzupassen, dass es wirklich den Anforderungen von Unternehmen entspricht. Denn wer zweimal in die gleiche Falle tappt, ist selber schuld. Sobald die Cloud-Blase platzt, werden Kunden zweimal darüber nachdenken, in die öffentliche Cloud zu migrieren.

Sean O’Donnell.
Sean O’Donnell. (Bild: Virtual Instruments)

Die Anzahl enttäuschter Unternehmenskunden, die schlechte Erfahrungen mit der „Cloud First“-Initiative erlebt haben, ließe sich verringern, wenn öffentliche Cloud-Anbieter realistische Werteversprechen geben würden und ihren Kunden mit bewährten, genauen und aufschlussreichen Methoden Hilfestellung bei der Entscheidung, welche Elemente sie in die Cloud auslagern sollten, anbieten würden.

Über den Autor

Sean O’Donnell ist Managing Director EMEA bei Virtual Instruments.

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